Mit allen reden, das macht ihn verdächtig

Frieden Diktatorenfreund? Andrej Hunko gilt vielen als größtes Hindernis einer linken Regierung. Was will der Mann? Ein Treffen
Mit allen reden, das macht ihn verdächtig
Der zweite Golfkrieg 1991 war sein politisches Erweckungserlebnis

Foto: Reiner Zensen/imago images

Sein großer Körper beugt sich über den kleinen Laptop, Andrej Hunkos Blick ist konzentriert, denn auf dem Bildschirm berichtet jetzt ein Politiker aus Belarus: zwölf oder 14 Stunden Haft, Schläge, Drohungen, acht Pritschen für 24 Leute, das Geschirr mussten sie sich teilen und gelüftet wurde nicht. Danke schön für die Solidarität aus Deutschland, und ja, es wäre wirklich hilfreich, könnte der Genosse Hunko Alexander Lukaschenkos Vorgehen bald im Europarat zum Thema machen.

Früher Freitagabend in Berlin-Mitte, das Bundestagsgebäude ist fast völlig leer, draußen schlendern erste Demonstranten gegen die Corona-Maßnahmen durch das Regierungsviertel, drinnen sitzt der Partei- und Fraktionsvize der Linken, im Rücken das Sakko über dem Bürostuhl und die Weltkarte an der Wand, vor sich den Bildschirm: Videokonferenz mit der belarussischen Linken-Schwesterpartei „Gerechte Welt“. Für Hunko – kurzärmliges, rotes Hemd mit Kuli in der Brusttasche, das graue Haar von einem schwarzen Haargummi zusammengehalten – ist das ein Termin ganz nach seinem Geschmack.

Wenig später blättert er noch mal durch seine Notizen, Sonnenuntergang über dem Reichstag, ein Lokal an der Spree, da ist der Satz des Genossen aus Belarus, den die Simultandolmetscherin so übersetzt hat: „Sanktionen werden nicht helfen, ich habe eine schlechte Meinung von Sanktionen.“

Das trifft sich mit Hunkos Meinung und widerspricht der hierzulande geläufigen, vor allem unter Journalisten, die sich aus seinen vier Pressemitteilungen zwischen 10. und 15. August dann genau die zwei, drei Sätze herausgesucht haben, in denen er es „beschämend“ nennt, dass anderen Außenpolitikern nicht mehr einfällt, als Sanktionen zu fordern. Für die anderen Sätze, über die „völlig inakzeptable“ Gewalt gegen Demonstrierende, „das repressive Verhalten der belarussischen Führung“ und die gebotene Überprüfung der Wahlen, war kein Platz.

Es passt halt so schön, jetzt, da sie in den ersten Reihen der Linken von Grün-Rot-Rot träumen und sich Journalisten das vorstellen: Hunko, der „alle Hände voll zu tun“ habe, „den bedauernswerten Genossen Lukaschenko“ zu verteidigen (Spiegel), der sich „gern auf die Seite autoritärer Herrscher stellt“ (Frankfurter Rundschau), dessen „Herz einem leeren Kühlschrank gleicht“ (Welt), eine der „Loose Cannons“ seiner Fraktion“ (Handelsblatt), von denen eine knappe rot-rot-grüne Mehrheit gerade in der Außenpolitik abhinge.

Einer der Ersten in Hartz IV

Diese Rolle wäre ihm wohl kaum zuteilgeworden, hätte er nach seinem Einzug in den Bundestag 2009 den Weg gewählt, der nahelag: den zum Sozial-, nicht zum Außenpolitiker. Hunko – geboren 1963 in München, in Aaachen aufgewachsen – kam damals direkt aus der Protestbewegung gegen Hartz IV, er war zwischen 2004 und 2007 selbst erwerbslos gewesen, als einer der Ersten nach Start der Agenda 2010; die Druckerei seines Vaters, in der er arbeitete, war infolge des Platzens der New-Economy-Blase in die Insolvenz gerutscht. Er hatte die große Demo gegen Hartz IV mit 100.000 am 1. November 2003 mitorganisiert, die Montagsdemos in Aachen koordiniert, aber 2009 dann, frisch im Bundestag, wollte bei den Linken „fast jeder in den Sozialausschuss, und ich dachte, dass die internationale Politik auf lange Sicht sehr, sehr wichtig werden würde“.

Ohnehin war der zweite Golfkrieg 1991 sein politisches Erweckungserlebnis gewesen, er „unterbrach“ sein Medizin-Studium in Freiburg, um nach Berlin zu gehen, sich voll der politischen Friedensarbeit zu widmen und nebenher als Lkw-Fahrer und in der Krankenpflege zu jobben. Rückkehr nach Aachen, Arbeit als Drucker und Mediengestalter, Insolvenz, Hartz IV – und bald das zweite Erweckungserlebnis, 29. Mai 2005, Paris, Tag des Referendums über die neoliberal grundierte Europäische Verfassung, Abschlussveranstaltung der am Ende siegreichen linken Kampagne für ein Non, 3.000 Menschen und „als zweiter Redner ein gewisser Oskar Lafontaine“, der tags darauf sein SPD-Parteibuch zurückgeben sollte. „Diese klare linke Hegemonie, die Zusammenarbeit von Linken, die sich sonst spinnefeind sind, das war der Kick, um mich auf ein linksplurales Projekt einzulassen“ – der sich bald aus PDS und WASG formierenden Linken.

Linksplural – nach Ansicht einiger Genossen überdehne Hunko die Bedeutung dieses Wortes. Sie sehen in ihm den Befürworter einer Querfront, der im Zweifel also nicht die Zusammenarbeit mit Rechten scheue – was er scharf zurückweist. Hunko ist nur eben der Meinung, dass es falsch sei, sich von jeder mehrheitlich linken Initiative, die Rechte zu kapern versuchen, sofort resolut zu distanzieren, wie der Parteivorstand von den „Montagsmahnwachen für den Frieden“ 2014. 42,6 Prozent von deren Teilnehmern hatten laut einer Befragung der TU Berlin zuletzt die Linke gewählt, 15,4 Prozent die Piraten und 12,8 die AfD.

Er habe das ja auch schon bei den Hartz-IV-Protesten erlebt: „Da wollten einige auch die Abgrenzung nach rechts zum zentralen Thema machen, aber dafür waren all die Linken nicht zu den Demos gekommen.“ Sie hätten die wenigen Rechten subtiler rausgedrängt, schon in die erste Erklärung geschrieben, dass man sich nicht in Deutsche und Migranten spalten lasse; die Rechten waren bald weg. Von solch klugem Umgang sei die Linke heute weit entfernt.

Klug agiert aber auch Hunko nicht immer. So unumstritten seine im April in Aachen vorgetragene Forderung nach Rücknahme aller Grundrechte-Einschränkungen nach Ende der Corona-Pandemie sein sollte, so umstritten ist deren damaliger Organisator; über den sagt Hunko selbst heute, dass er kein Bewusstsein für die nötige Abgrenzung nach rechts habe. Im Mai sprach er wieder in Aachen, diesmal war ein linker Aktivist mit Abgrenzungsbewusstsein Anmelder.

Es ist wie in der Außenpolitik: Wer wie Hunko erst einmal mit allen spricht, macht sich Leitmedien gegenüber verdächtig. Dass Hunko 2015 Hilfsgüter in die umkämpfte Ostukraine brachte, den selbst ernannten „Ministerpräsidenten“ der selbst proklamierten „Volksrepublik Donezk“ traf, war nicht nur für die Bild ebenso ein gefundenes Fressen wie sein Gespräch mit Nicolás Maduro 2019 in Venezuela. Er kam auch mit Maduros Gegenspieler Juan Guaidó und rund 30 weiteren Vertretern aus Regierung, Opposition und Zivilgesellschaft zusammen, das tat der medialen Empörung kaum Abbruch. Die wiederum bremst seine Reiselust nicht aus: „Ich will mir ein eigenes Bild machen“, erst recht, „wenn ich merke, dass ihr Journalisten mir verbieten wollt, mit jemandem zu reden.“

Verboten hat ihm seine Gespräche bis dato niemand, aber was ist mit den medial gehegten Zweifeln an seiner Regierungs-Kompatibilität? „Ich finde es falsch, dass wir uns ein Jahr vor der Bundestagswahl hübsch für die Hochzeit machen“, sagt Hunko einerseits; für ein progressives Bündnis brauche es eher ein plötzliches Möglichkeitsfenster wie 2015 in Portugal und Verhandlungen, die die jeweiligen Identitäten respektieren, was im Falle der Linken andererseits, „das ist doch klar“, nicht den sofortigen NATO-Austritt bedinge, aber eine stärkere Vermittlerrolle Deutschlands, den Ausschluss bestimmter Kampfeinsätze. Gefallen findet er durchaus an den außenpolitischen Akzenten von SPD-Fraktionschef Rolf Mützenich, „ich schätze ihn sehr“. Nukleare Teilhabe, Atomwaffen-Abzug – da könne eine linke Regierung in der Außenpolitik spürbar werden – „aber nicht im Gegenzug erkauft mit dem nächsten Krieg“.

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06:00 06.09.2020
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