Mit Vielfalt aus der Krise

Lehre Perfekte Märkte und rationale Menschen: Weltweit rebellieren Studenten gegen den Kanon der Wirtschaftswissenschaften. Auch in Berlin und München

Katharina Hirschbrunn promoviert gerade in Volkswirtschaftslehre, Thema: Postwachstumsökonomie. Doch viele etablierte Ökonomen können mit Überlegungen zu einer Wirtschaft, die vom Ziel der schnöden Steigerung des Bruttoinlandsprodukts entkoppelt ist, wenig anfangen. Hirschbrunn, 29, hat das viertbeste VWL-Diplom ihres Jahrgangs an der Ludwig-Maximilians-Universität München hingelegt, an einer der renommiertesten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Republik. Sie bekam einen Preis für die beste von einer Studentin geschriebene Abschlussarbeit, Note 1,0. Doch alle Münchner Professoren, denen sie ihr Promotionsvorhaben präsentierte, lehnten es ab. In ihrer Disziplin ist Hirschbrunn eine Exotin.

Nicht allein wegen des Themas, der Analyse von Lösungsansätzen aus buddhistischer Ökonomie und Postwachstumstheorie zur „Funktion und Qualität von Arbeit in einer stofflich begrenzten Welt“. Hirschbrunn stellt vielmehr die Fundamente ihrer eigenen Disziplin, der Volkswirtschaftslehre (VWL), grundsätzlich in Frage. „Zwar versucht die Mainstream-Ökonomik inzwischen, die vielfältige Kritik an ihren Grundannahmen einzuarbeiten“, sagt sie. „Dabei werden aber meist nur einzelne Annahmen gelockert, also etwa irrationales Verhalten, Umwelteffekte oder Marktmacht zugelassen. Die übrigen Annahmen werden jeweils weiterverwendet, selbst wenn sie die Realität nicht nur abstrahieren, sondern ihr widersprechen.“

Mit dieser fundamentalen Kritik ist Katharina Hirschbrunn gar nicht mehr so sehr Außenseiterin. Bald ein Jahr ist es her, dass Studierendengruppen aus 19 Ländern den „Internationalern Aufruf für eine Plurale Ökonomik“ veröffentlicht haben. „Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Krise“, heißt es darin. In ihr stecke auch die Art, wie Ökonomie an den Hochschulen gelehrt und damit das Denken der nächsten Generation von Entscheidungsträgern und die Gesellschaft geprägt würden. Finanzmarktstabilität, Ernährungssicherheit, Klimawandel – wer heute Ökonomie studiert, der werde nicht befähigt, nach Lösungen für diese Probleme zu suchen. Es sei höchste Zeit für theoretischen und methodischen Pluralismus sowie Interdisziplinarität.

Daran arbeitet in München der „Arbeitskreis Plurale Ökonomik“ an der Ludwig-Maximilians-Universität. Mit sechs von dessen Mitgliedern sitzt Katharina Hirschbrunn an einem Mittwochnachmittag im März in einem Café unweit der Uni. Es sind Semesterferien. Die Gruppe löst jene Forderung nach Interdisziplinarität selbst ein: Da ist eine Juristin, die über Bankenregulierung promoviert. Ein Mathematiker und Physiker, dem die in der VWL verwendeten Modellrechnungen „primitiv“ vorkommen. Eine Historikerin, die erst an die London School of Economics und dann zur OECD ging; letzten November hat sie den Job nach sieben Jahren geschmissen. Sie hielt die Arroganz nicht mehr aus, mit der die Ökonomen auf ihren unrealistischen Annahmen vom Wirtschaftsgeschehen beharrten.

Wer war Adam Smith?

Gleich muss die Gruppe los, zu einem von ihr organisierten Vortrag: Ein Soziologe aus Berlin wird von Adam Smith erzählen, von dessen Verständnis der Wirtschaft zu seinen Lebzeiten im 18. Jahrhundert. Den schottischen Moralphilosophen Smith halten viele für einen Wegbereiter des Paradigmas, dessen Allgemeingültigkeitsanspruch heute Nachwuchs-Ökonomen in aller Welt angreifen: die neoklassische Theorie. Sehr stark verkürzt lässt sich ihre politische Quintessenz mit dem Dogma „So viel Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig“ beschreiben. Doch dass dafür heute noch oft Smith und die ihm zugeschriebene „Theorie der unsichtbaren Hand“ herhalten müssen, das ist mehr Folge diverser Vereinnahmungen im Laufe der Zeit denn Resultat seines tatsächlichen Verständnisses von Wirtschaft. Das wird der Vortrag zeigen. Er ist die zweite Veranstaltung der Münchner in drei Tagen, am Montag zuvor hatten sich zehn Mitglieder in einem kleinen Seminarraum Videovorträge zur Eurokrise angesehen und diskutiert. In einem erklärte der Ökonom Yanis Varoufakis, als er noch nicht griechischer Finanzminister war, seinen Bescheidenen Vorschlag zur Lösung jener Krise. Die Münchner haben heftig über Varoufakis’ Ideen, Spaniens Arbeitslosenquote und Deutschlands Handelsbilanzüberschuss diskutiert. In Brüssel beschlossen zur selben Zeit die Euro-Finanzminister die Rückkehr der Troika nach Griechenland.

„Schon zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde ich im Freundeskreis oft gefragt, was da eigentlich gerade passiert“, sagt Katharina Hirschbrunn. „Im Studium wurden dazu aber fast keine Veranstaltungen angeboten.“

Einige Wochen zuvor, Anfang Februar, sagt Lino Zeddies in Berlin sehr ähnliche Sätze über seinen Freundeskreis. In einem Hörsaal der Freien Universität beginnt gleich eine Veranstaltung der Ringvorlesung „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“. Es geht um die Rolle der Ethik in der Wirtschaft. Zeddies studiert VWL im Master, seine Hochschulgruppe „Kritische WirtschaftswissenschaftlerInnen“ hat den Pluralismus-Aufruf unterzeichnet. Zusammen mit anderen hat Zeddies die Ringvorlesung organisiert.

In einer der ersten Veranstaltungen im Oktober zitierte ein Juniorprofessor der FU-Wirtschaftsfakultät den Philosophen Karl Popper: „Immer wenn dir eine Theorie als die einzig mögliche erscheint, nimm das als Zeichen, dass du weder die Theorie noch das zu lösende Problem verstanden hast.“ Über die Wochen standen dann Postkeynesianismus, Ökologische Ökonomie, Verhaltensökonomie, marxistische sowie feministische Ansätze und Postwachstumstheorie auf dem Programm. Und an diesem Tag eben Wirtschaftsethik. Etwa 40 Besucher sind da, im Durchschnitt kamen laut Zeddies rund 100, die Klausur zu Semesterende haben knapp 70 Studierende mitgeschrieben. „Anfangs dachten wir, unsere Kritik mache uns zu Außenseitern“, sagt er, „aber im Laufe der Zeit begriffen wir, dass immer mehr den Mainstream ablehnen.“

  • Friedrich August von Hayek
    Old School: Friedrich August von Hayek (1899 – 1992), liberale Ikone und Vordenker der marktkonformen Demokratie
    Foto: Hulton Archive/Getty Images

Es geht los, vorne steht Ulrich Thielemann und eröffnet seinen Vortrag mit einer Frage. Ob jedem hier der Unterschied zwischen positiven und normativen Aussagen bewusst sei? Die Blicke der Studierenden sinken verlegen nach unten, niemand möchte den ersten Schritt machen. Thielemann wiederholt seine Frage und wartet.

Er ist Begründer der Denkfabrik für Wirtschaftsethik. An der Uni ist der Ökonom nur noch selten. Schließlich gibt ein junger Mann zögernd die richtige Antwort: Normative Aussagen begründen sich auf einem impliziten Werturteil, positive Aussagen sollen wertneutral sein. Die Wirtschaftswissenschaften behaupten von sich, keine normativen Aussagen zu treffen, sagt Thielemann. Wie aber steht es um die politischen Empfehlungen der „Wirtschaftsweisen“, an die Bundesregierung? Er liest den Titel des letzten Jahresgutachtens vor: „Mehr Vertrauen in Marktprozesse“. Ist das eine wertfreie Aussage? Natürlich nicht.

„Andere Disziplinen schütteln den Kopf über die Monokultur in den Köpfen von VWL-Studierenden und-Professoren“, sagt Zeddies. „Das hat doch nichts mit objektiver Wissenschaft zu tun. Es ist eine politische Entscheidung, Studierenden das neoliberale Dogma einzuimpfen.“

Einer der einflussreichsten Ökonomen des Landes, Hans-Werner Sinn, hat der Pluralismus-Bewegung kürzlich heftig widersprochen. Er warf ihr Unkenntnis und Missverständnisse vor. Es sei schon klar, dass effiziente Märkte mit vollständiger Konkurrenz zwischen egoistischen, rationalen Menschen mit der Realität nicht viel zu tun hätten. Aber sie dienten der Ökonomie eben als Vergleichsmaßstab, um den Alltag irrationalen Handelns, um Marktfehler zu erkennen. „Der Volkswirt ähnelt insofern einem Arzt“, schrieb Sinn. „Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen.“ Dass es den Studierenden höchst fraglich erscheint, dass jener „Ideal-Körper“ der VWL als „gesund“ zu betrachten sei, das scheint Sinn nicht verstanden zu haben.

Er lehrt auch an der Münchner Uni, aber seine Borniertheit scheint dort nicht unbedingt exemplarisch zu sein. Das Postwachstumsthema der Promotion Katharina Hirschbrunns hielten die meisten der Professoren, bei denen sie abblitzte, für alles andere als irrelevant. „Sie haben mir geraten, ich solle das Thema unbedingt bearbeiten, weil es so wichtig sei“, sagt sie. Doch solch eine Arbeit zu betreuen, dazu fühlten sich die Professoren nicht in der Lage: Postwachstum läge fern ihrer akademischen Kompetenz.

Hirschbrunn promoviert jetzt in Heidelberg, hat eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Philosophie in München und wird ständig als Referentin angefragt, von naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen wie von Umweltschutzgruppen. „Eigentlich müssten dort Professoren vortragen, aber im Bereich Postwachstum gibt es viel zu wenige.“ Von ihrer einstigen VWL-Fakultät an der LMU wurde ihr immerhin angeboten, die Ergebnisse ihrer Promotion in einem Kolloquium vorzustellen.

Poker und Wein

Der Adam-Smith-Vortrag fördert originelle Anekdoten aus dem 18. Jahrhundert zutage. Etwa die vom Poker-Club und Intellektuellen-Zirkel, dessen Mitglied Smith war. Dass Äußerungen von ihm heute als Plädoyer für Freihandel gelesen werden, hat wohl nicht unerheblich damit zu tun: Zum Kartenspiel schätzten die Gentlemen französischen Bordeaux in ihren Gläsern. Es traf sie hart, als die englische Handelspolitik sie zwang, nur noch schweren, portugiesischen Wein einzuschenken.

Aus München werden in diesen Tagen, Ende März, einige zur Klausurtagung des Netzwerks Plurale Ökonomik fahren, in ihm haben sich deutschsprachige Gruppen zusammengeschlossen. Bis 2016 wollen sie sechs Ziele erreicht haben, darunter die Einführung eines Seminars „Plurale Ökonomik“ an mindestens 15 und die einer Vorlesung „Geschichte des ökonomischen Denkens“ an zehn Hochschulen. Mindestens drei „heterodoxe“ Professoren wollen sie auf Ökonomie-Lehrstühle hieven. „Heterodox“ übersetzt der Duden mit „von der herrschenden Kirchenlehre abweichend“.

Aus Berlin fährt Anfang April Lino Zeddies mit Freunden zu einer großen Pluralismus-Konferenz nach Wien. Dort will er die nächste FU-Ringvorlesung vorstellen: „Finanzkrisen und Geldsystem“. Gegen die Fortsetzung gab es zunächst Widerstand von der Universität. „Sie warfen uns vor, wir würden zu schnell und einfach Leistungspunkte verschenken“, sagt Zeddies. „Die Klausurergebnisse lagen zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht vor.“

In einem Flur der FU-Wirtschaftsfakultät hängen Porträts der Ehrendoktoren. Jetzt, am Abend, wird außerdem ein Schriftzug beleuchtet, ein berühmtes Zitat aus der Wissenschaftsphilosophie: „The map is not the territory“ steht an der Wand: Keine Karte entspricht der Realität, sie ist nur ein mögliches Modell, die Realität vereinfacht darzustellen. Und es gibt viele unterschiedliche Karten.

10:20 30.03.2015

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