Sebastian Puschner, Jonas Weyrosta
Ausgabe 1315 | 30.03.2015 | 10:20 20

Mit Vielfalt aus der Krise

Lehre Perfekte Märkte und rationale Menschen: Weltweit rebellieren Studenten gegen den Kanon der Wirtschaftswissenschaften. Auch in Berlin und München

Katharina Hirschbrunn promoviert gerade in Volkswirtschaftslehre, Thema: Postwachstumsökonomie. Doch viele etablierte Ökonomen können mit Überlegungen zu einer Wirtschaft, die vom Ziel der schnöden Steigerung des Bruttoinlandsprodukts entkoppelt ist, wenig anfangen. Hirschbrunn, 29, hat das viertbeste VWL-Diplom ihres Jahrgangs an der Ludwig-Maximilians-Universität München hingelegt, an einer der renommiertesten wirtschaftswissenschaftlichen Fakultäten der Republik. Sie bekam einen Preis für die beste von einer Studentin geschriebene Abschlussarbeit, Note 1,0. Doch alle Münchner Professoren, denen sie ihr Promotionsvorhaben präsentierte, lehnten es ab. In ihrer Disziplin ist Hirschbrunn eine Exotin.

Nicht allein wegen des Themas, der Analyse von Lösungsansätzen aus buddhistischer Ökonomie und Postwachstumstheorie zur „Funktion und Qualität von Arbeit in einer stofflich begrenzten Welt“. Hirschbrunn stellt vielmehr die Fundamente ihrer eigenen Disziplin, der Volkswirtschaftslehre (VWL), grundsätzlich in Frage. „Zwar versucht die Mainstream-Ökonomik inzwischen, die vielfältige Kritik an ihren Grundannahmen einzuarbeiten“, sagt sie. „Dabei werden aber meist nur einzelne Annahmen gelockert, also etwa irrationales Verhalten, Umwelteffekte oder Marktmacht zugelassen. Die übrigen Annahmen werden jeweils weiterverwendet, selbst wenn sie die Realität nicht nur abstrahieren, sondern ihr widersprechen.“

Mit dieser fundamentalen Kritik ist Katharina Hirschbrunn gar nicht mehr so sehr Außenseiterin. Bald ein Jahr ist es her, dass Studierendengruppen aus 19 Ländern den „Internationalern Aufruf für eine Plurale Ökonomik“ veröffentlicht haben. „Die Weltwirtschaft befindet sich in einer Krise“, heißt es darin. In ihr stecke auch die Art, wie Ökonomie an den Hochschulen gelehrt und damit das Denken der nächsten Generation von Entscheidungsträgern und die Gesellschaft geprägt würden. Finanzmarktstabilität, Ernährungssicherheit, Klimawandel – wer heute Ökonomie studiert, der werde nicht befähigt, nach Lösungen für diese Probleme zu suchen. Es sei höchste Zeit für theoretischen und methodischen Pluralismus sowie Interdisziplinarität.

Daran arbeitet in München der „Arbeitskreis Plurale Ökonomik“ an der Ludwig-Maximilians-Universität. Mit sechs von dessen Mitgliedern sitzt Katharina Hirschbrunn an einem Mittwochnachmittag im März in einem Café unweit der Uni. Es sind Semesterferien. Die Gruppe löst jene Forderung nach Interdisziplinarität selbst ein: Da ist eine Juristin, die über Bankenregulierung promoviert. Ein Mathematiker und Physiker, dem die in der VWL verwendeten Modellrechnungen „primitiv“ vorkommen. Eine Historikerin, die erst an die London School of Economics und dann zur OECD ging; letzten November hat sie den Job nach sieben Jahren geschmissen. Sie hielt die Arroganz nicht mehr aus, mit der die Ökonomen auf ihren unrealistischen Annahmen vom Wirtschaftsgeschehen beharrten.

Wer war Adam Smith?

Gleich muss die Gruppe los, zu einem von ihr organisierten Vortrag: Ein Soziologe aus Berlin wird von Adam Smith erzählen, von dessen Verständnis der Wirtschaft zu seinen Lebzeiten im 18. Jahrhundert. Den schottischen Moralphilosophen Smith halten viele für einen Wegbereiter des Paradigmas, dessen Allgemeingültigkeitsanspruch heute Nachwuchs-Ökonomen in aller Welt angreifen: die neoklassische Theorie. Sehr stark verkürzt lässt sich ihre politische Quintessenz mit dem Dogma „So viel Markt wie möglich und nur so viel Staat wie nötig“ beschreiben. Doch dass dafür heute noch oft Smith und die ihm zugeschriebene „Theorie der unsichtbaren Hand“ herhalten müssen, das ist mehr Folge diverser Vereinnahmungen im Laufe der Zeit denn Resultat seines tatsächlichen Verständnisses von Wirtschaft. Das wird der Vortrag zeigen. Er ist die zweite Veranstaltung der Münchner in drei Tagen, am Montag zuvor hatten sich zehn Mitglieder in einem kleinen Seminarraum Videovorträge zur Eurokrise angesehen und diskutiert. In einem erklärte der Ökonom Yanis Varoufakis, als er noch nicht griechischer Finanzminister war, seinen Bescheidenen Vorschlag zur Lösung jener Krise. Die Münchner haben heftig über Varoufakis’ Ideen, Spaniens Arbeitslosenquote und Deutschlands Handelsbilanzüberschuss diskutiert. In Brüssel beschlossen zur selben Zeit die Euro-Finanzminister die Rückkehr der Troika nach Griechenland.

„Schon zu Beginn der Finanz- und Wirtschaftskrise wurde ich im Freundeskreis oft gefragt, was da eigentlich gerade passiert“, sagt Katharina Hirschbrunn. „Im Studium wurden dazu aber fast keine Veranstaltungen angeboten.“

Einige Wochen zuvor, Anfang Februar, sagt Lino Zeddies in Berlin sehr ähnliche Sätze über seinen Freundeskreis. In einem Hörsaal der Freien Universität beginnt gleich eine Veranstaltung der Ringvorlesung „Denkschulen und aktuelle Kontroversen der Ökonomik“. Es geht um die Rolle der Ethik in der Wirtschaft. Zeddies studiert VWL im Master, seine Hochschulgruppe „Kritische WirtschaftswissenschaftlerInnen“ hat den Pluralismus-Aufruf unterzeichnet. Zusammen mit anderen hat Zeddies die Ringvorlesung organisiert.

In einer der ersten Veranstaltungen im Oktober zitierte ein Juniorprofessor der FU-Wirtschaftsfakultät den Philosophen Karl Popper: „Immer wenn dir eine Theorie als die einzig mögliche erscheint, nimm das als Zeichen, dass du weder die Theorie noch das zu lösende Problem verstanden hast.“ Über die Wochen standen dann Postkeynesianismus, Ökologische Ökonomie, Verhaltensökonomie, marxistische sowie feministische Ansätze und Postwachstumstheorie auf dem Programm. Und an diesem Tag eben Wirtschaftsethik. Etwa 40 Besucher sind da, im Durchschnitt kamen laut Zeddies rund 100, die Klausur zu Semesterende haben knapp 70 Studierende mitgeschrieben. „Anfangs dachten wir, unsere Kritik mache uns zu Außenseitern“, sagt er, „aber im Laufe der Zeit begriffen wir, dass immer mehr den Mainstream ablehnen.“

Es geht los, vorne steht Ulrich Thielemann und eröffnet seinen Vortrag mit einer Frage. Ob jedem hier der Unterschied zwischen positiven und normativen Aussagen bewusst sei? Die Blicke der Studierenden sinken verlegen nach unten, niemand möchte den ersten Schritt machen. Thielemann wiederholt seine Frage und wartet.

Er ist Begründer der Denkfabrik für Wirtschaftsethik. An der Uni ist der Ökonom nur noch selten. Schließlich gibt ein junger Mann zögernd die richtige Antwort: Normative Aussagen begründen sich auf einem impliziten Werturteil, positive Aussagen sollen wertneutral sein. Die Wirtschaftswissenschaften behaupten von sich, keine normativen Aussagen zu treffen, sagt Thielemann. Wie aber steht es um die politischen Empfehlungen der „Wirtschaftsweisen“, an die Bundesregierung? Er liest den Titel des letzten Jahresgutachtens vor: „Mehr Vertrauen in Marktprozesse“. Ist das eine wertfreie Aussage? Natürlich nicht.

„Andere Disziplinen schütteln den Kopf über die Monokultur in den Köpfen von VWL-Studierenden und-Professoren“, sagt Zeddies. „Das hat doch nichts mit objektiver Wissenschaft zu tun. Es ist eine politische Entscheidung, Studierenden das neoliberale Dogma einzuimpfen.“

Einer der einflussreichsten Ökonomen des Landes, Hans-Werner Sinn, hat der Pluralismus-Bewegung kürzlich heftig widersprochen. Er warf ihr Unkenntnis und Missverständnisse vor. Es sei schon klar, dass effiziente Märkte mit vollständiger Konkurrenz zwischen egoistischen, rationalen Menschen mit der Realität nicht viel zu tun hätten. Aber sie dienten der Ökonomie eben als Vergleichsmaßstab, um den Alltag irrationalen Handelns, um Marktfehler zu erkennen. „Der Volkswirt ähnelt insofern einem Arzt“, schrieb Sinn. „Auch ein Arzt muss wissen, wie ein gesunder Körper aussieht, denn sonst kann er Krankheiten nicht diagnostizieren und heilen.“ Dass es den Studierenden höchst fraglich erscheint, dass jener „Ideal-Körper“ der VWL als „gesund“ zu betrachten sei, das scheint Sinn nicht verstanden zu haben.

Er lehrt auch an der Münchner Uni, aber seine Borniertheit scheint dort nicht unbedingt exemplarisch zu sein. Das Postwachstumsthema der Promotion Katharina Hirschbrunns hielten die meisten der Professoren, bei denen sie abblitzte, für alles andere als irrelevant. „Sie haben mir geraten, ich solle das Thema unbedingt bearbeiten, weil es so wichtig sei“, sagt sie. Doch solch eine Arbeit zu betreuen, dazu fühlten sich die Professoren nicht in der Lage: Postwachstum läge fern ihrer akademischen Kompetenz.

Hirschbrunn promoviert jetzt in Heidelberg, hat eine Stelle als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Hochschule für Philosophie in München und wird ständig als Referentin angefragt, von naturwissenschaftlichen Forschungseinrichtungen wie von Umweltschutzgruppen. „Eigentlich müssten dort Professoren vortragen, aber im Bereich Postwachstum gibt es viel zu wenige.“ Von ihrer einstigen VWL-Fakultät an der LMU wurde ihr immerhin angeboten, die Ergebnisse ihrer Promotion in einem Kolloquium vorzustellen.

Poker und Wein

Der Adam-Smith-Vortrag fördert originelle Anekdoten aus dem 18. Jahrhundert zutage. Etwa die vom Poker-Club und Intellektuellen-Zirkel, dessen Mitglied Smith war. Dass Äußerungen von ihm heute als Plädoyer für Freihandel gelesen werden, hat wohl nicht unerheblich damit zu tun: Zum Kartenspiel schätzten die Gentlemen französischen Bordeaux in ihren Gläsern. Es traf sie hart, als die englische Handelspolitik sie zwang, nur noch schweren, portugiesischen Wein einzuschenken.

Aus München werden in diesen Tagen, Ende März, einige zur Klausurtagung des Netzwerks Plurale Ökonomik fahren, in ihm haben sich deutschsprachige Gruppen zusammengeschlossen. Bis 2016 wollen sie sechs Ziele erreicht haben, darunter die Einführung eines Seminars „Plurale Ökonomik“ an mindestens 15 und die einer Vorlesung „Geschichte des ökonomischen Denkens“ an zehn Hochschulen. Mindestens drei „heterodoxe“ Professoren wollen sie auf Ökonomie-Lehrstühle hieven. „Heterodox“ übersetzt der Duden mit „von der herrschenden Kirchenlehre abweichend“.

Aus Berlin fährt Anfang April Lino Zeddies mit Freunden zu einer großen Pluralismus-Konferenz nach Wien. Dort will er die nächste FU-Ringvorlesung vorstellen: „Finanzkrisen und Geldsystem“. Gegen die Fortsetzung gab es zunächst Widerstand von der Universität. „Sie warfen uns vor, wir würden zu schnell und einfach Leistungspunkte verschenken“, sagt Zeddies. „Die Klausurergebnisse lagen zu diesem Zeitpunkt aber noch gar nicht vor.“

In einem Flur der FU-Wirtschaftsfakultät hängen Porträts der Ehrendoktoren. Jetzt, am Abend, wird außerdem ein Schriftzug beleuchtet, ein berühmtes Zitat aus der Wissenschaftsphilosophie: „The map is not the territory“ steht an der Wand: Keine Karte entspricht der Realität, sie ist nur ein mögliches Modell, die Realität vereinfacht darzustellen. Und es gibt viele unterschiedliche Karten.

Dieser Beitrag erschien in Ausgabe 13/15.

Kommentare (20)

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Ehemaliger Nutzer 30.03.2015 | 11:54

Na, wäre der Markt an solchen Theorien interessiert und würden sich duch diese Art von Forschung innerhalb des jetzigen börsendiktierten Finanzsystems geldwerte Vorteile erschließen lassen, müssten die Finanziers Schlange stehen ;-)

Es gibt häufig nur das, was man bis zum Tellerrand sehen kann.

Allerdings sehe ich am Tellerrand bereits Schilder, auf denen ich "Ende des Wachstums" lesen kann. Alle Zeichen gehen in diese Reichtung, m.E. zurecht, da die Welt ein Mehr an Wachstum nicht erträgt.

ch.paffen 30.03.2015 | 14:16

danke für den blick auf den doch als eher übersichlichen "bauchladen" der lehre * putzig ist die mangelnde offenheit des einen oder anderen akteurs, der dann geneigt ist emanzipatorische oder einfach andere ansätze dann doch eher in der worst case pathologischen ecke zu verorten * boswillig könnte von leere in der lehre ..... * dies wiederum erscheint mir dann doch ein wenig platt * aus der erinnerung (fernuni hagen) weiß ich das es 3 mögliche denkrichtungen gab, aber never ever die möglichkeit emanipatorisch * würde ja auch ggf. die studis voll verwirren * wobei ich den ansatz, wir können dies nicht, aber bleib dran dann doch sehr fair finde * also nix mit leere, um mal fair zu bleiben * feinsten wochenstart cp

Magda 30.03.2015 | 15:45

"Immer wenn dir eine Theorie als die einzig mögliche erscheint, nimm das als Zeichen, dass du weder die Theorie noch das zu lösende Problem verstanden hast."

Ein herrlicher Spruch. Aber ängstigend, denn mir geht das immer mal so. Wie soll man sich durch alle Theorien hangeln bis man die Durchsicht wirklich hat. Man kann doch nicht in allem firm sein und muss sich auf Aussagen anderer Sachkundiger verlassen - auch mit dem Ergebnis, dass sie einem endgültig einleuchten.

Heinz 30.03.2015 | 21:40

«The map is not the territory»

Nicht einmal das Land, das du sehen kannst, ist die Realität, sondern ein zusammengesetztes Bild in deinem Gehirn.

«Karl Popper: „Immer wenn dir eine Theorie als die einzig mögliche erscheint, nimm das als Zeichen, dass du weder die Theorie noch das zu lösende Problem verstanden hast.“»

Das hatte ich einmal anders gelernt:

Zu jeder Lösung gibt es auch eine Alternative ... aber irgendwann mußt du dich für eine Lösung entscheiden.

Für Postwachstum sehe ich schon noch einen hohen Marktanteil, besonders jetzt im Frühling! Wachstum wird bisher lediglich als Binnengröße einer Volkswirtschaft berechnet - mein Gewinn sind deine Schulden. Nicht einmal die Verteilung innerhalb einer Volkswirtschaft und der GiniKoeffizent werden beim Wachstum des BIP berücksichtigt. Die Deflation, die mit der Agenda 2010 ( HartzGesetze ) durch Schröder & Co ausgelöst worden ist, hat bereits eine tiefe Spaltung der Gesellschaft in der Europäischen Union und besonders in der Berliner Republik Deutschland BRD bewirkt. Bisher beruhen die Gewinne der entwickelten Staaten auf dem monetären Vorsprung, den sie in der Kolonialzeit aus ihren Kolonien herausgezogen haben; auch heute findet immer noch keine wirkliche Entwicklung dieser Gebiete statt, sondern weiterhin eine Ausbeutung der dortigen Ressourcen mithilfe des neoliberalen Glaubensbekenntnisses.

Solidarisches Wachstum in den Staaten der zweiten und dritten Welt fördert dort die Entwicklung und hier die Vernetzung.

Mit dem Internet haben wir eine globale information Just in Time

Mit dem Internet bekommen wir ein soziales Problem,

oder eine ander Gesellschaft.

Das Problem haben wir, die Gesellschaft noch nicht.

iDog 30.03.2015 | 23:00

Smith, Ricardo, Malthus, Owen und ihre Zeitgenossen haben es wahrscheinlich gar nicht so "böse" gemeint mit der heute "klassisch" genannten Theorie, hatten aber einfach noch nicht begriffen was vor sich ging , als die kapitalistische Marktwirtschaft in Führung ging vor allem anderen und die Welt sich damit wirklich änderte.

Es war ein Naturalismus verbreitet, man verwechselte menschliches Handeln mit Naturgesetzen, denen man sich jedoch wiedersetzen wollte, um zB die aufgekommende Massenarmut zu bekämpfen: Ein einziges durcheinander das, was sich bis heute nicht wirklich gelegt hat? Die krimminelle Umdeutung eines sozialen Engagement? Die nach wie vor gut und global organisierte Massenarmut wider jeden sozialen Anspruch. Wie lange soll das Märchen vom Schiksal, der individuellen Schwäche, vom kapitalistischen Sozialdarwinismus noch erzählte werden?

Es wird also Zeit, dass der resultierende Knoten der Theorie zerschlagen wird, allerdings. Kaputtalismus adé, Schuldgeldsystem auf nimmer wiedersehen, Zinsen auf den Müllplatz der Massenvernichtungswaffen, Wachstum endlich ein Euphemismus für Enteignung - zur Not mit Gewalt, Machtmissbrauch durch sogenannte Verantwortungsträger, Lug und Betrug, Kriegsgewinnler und imperiale Raubzüge, das ruinöse Geschäftsmodell voll legalisiert usw. als gesesllschaftliche Werte.... man hat die Schnauze voll. Schon?

Das Ende der opportunen Mittläufer , Vollstrecker und Absahner? Nix mehr zu hohlen! Also Postwachstumsökonomie, Nachfrageorientierung, Subsistenz, Okosozialismus, Selbsthilfe, Solidargenossenschaften .... aus Schaden wird man klug oder alle Opptionen verprasst und jetzt kommt das Notlicht zum Einsatz unter der freundlichen Leitung der Weltbank und Konsorten ?

Der "fehlende politische Wille" muss wohl erst sterben.

Heinz 31.03.2015 | 00:30

Ich gehe mal davon aus, daß unter diesem Schlagwort sich einige Querdenker sammeln, das Gebiet aber noch nicht sehr beackert worden ist.

Nehme ich einmal die Schlagworte dieses Artikels, dann sehe ich dort Namen, die hier im Artikel gar nicht vorkommen; weiter fehlen Namen, die eigentlich vorkommen sollten, wenn man über Alternativen zur alternativlosen neoliberalen Ökonomik faselt.

Daß die gesamte Debatte über Wachstum und Postwachstum völlig ignoriert, daß die soziale Variante der Ökonomie zwar in Sonntagsreden oft beschworen worden ist, bis zum ( allzu harten ) Alltag reicht das Gedächtnis der klugscheißenden Ökonomen dann aber nicht mehr.

ch.paffen 31.03.2015 | 02:12

okay kein vwl prof und ca 1 jahr alt, gut ding will ..... *

Das Ende des Wirtschaftswachstumszwangs? Michael Krons im Dialog mit Reinhard Loske

rl ist Professor für Politik, Nachhaltigkeit und Transformationsdynamik an der Universität Witten/Herdecke und Autor des Buches „The Good Society without Growth", setzt sich Loske kritisch mit dem Wunsch auseinander, immer mehr zu wollen. Das Wirtschaftswachstum sei nicht unerlässlich für eine funktionierende Gesellschaft.

Im Dialog mit Michael Krons macht sich der ehemalige Fraktionssprecher der Grünen stark für den Aufbau einer zukunftsfähigen Gesellschaft, in der Nachhaltigkeit sowie Ressourcenschutz und Energiewende den Kern politischer Diskurse und der Wissenschaft bilden.
Phoenix, 01.03.2014

thbode 31.03.2015 | 09:03

Der "gesunde Körper" ist natürlich auch ein normativer Begriff, aber dass man ein Vergleichsmodell hat ist ja nicht verkehrt.

Die Ökonomie des Glücks und das Bruttosozialglück Bhutans sind auch intelligente und interessante Ansätze. Wobei der Begriff "Glück" ständig in die Irre führt wie man bei Diskussionen (Scobel, usw.) sehen kann. Denn es geht um das Befinden, das auch das andere Extrem, das Leid beinhaltet. Was villeicht noch wichtigre ist da Leid eher gelindert werden kann und sollte als Wohlbefinden gesteigert. Wenn man die Auswirkung auf das Befinden der Menschen gut messen könnte hätte man eine viel sinnvollere Grundlage für Wirtschaftspolitk als nur die primitiven Makrodaten wie derzeit. Da würden einigen die Augen aufgehen wie absurd unser Handeln derzeit oft ist.

Columbus 31.03.2015 | 19:16

In meinen Augen, der beste Hintergrundbeitrag zu diesem Thema, den ich bisher in einer Publikumszeitung lesen konnte. Es gibt also das andere Denken, auch da, wo man es gar nicht mehr vermutete.

Adam Smith als historischer Säulenheiliger des Marktradiakalismus, das hat sie wohl auch herumgesprochen, funktioniert nicht mehr. Es wäre auch dem schottischen Moralphilosophen gar nicht angemessen.

Derzeit schlagen sich die Anhänger der orthodoxen Lehre ja im realen Wirtschaftsleben der EU-Staaten mit ihren eigenen Waffen (Fünf Jahre war Zeit, Griechenland zu verwüsten und noch immer geht es weiter) und trotzdem können sie PolitikerInnen (Schäuble, Merkel, Gabriel) immer noch dafür gewinnen, diese Idiotie mit der Bemerkung, Verträge müssten eingehalten werden, fortzusetzen.

Derweil lassen es Wirtschaftswissenschaftler zu, die doch eigentlich die Regierungen beraten und warnen müssten, dass die ausgeweitete Geldmenge letztlich zu großen Anteilen nur für unproduktive Eigentumsbildungen an Aktien und Immoblien genutzt wird. Das Geld geht also gar nicht als Schmiermittel in die Wirtschaft kriselnder EU-Staaten, sondern in die "Bücher".

Weiter so

Christoph Leusch

Costa Esmeralda 31.03.2015 | 20:24

Es freut mich zu lesen, dass heutige Ökonomie Studenten ebenso kritisch sind , wie wir 68er VWL-Studenten, die wir bereits solche Alternativ-Modelle in unseren Dipl. Arbeiten vorstellten.

Das Grundproblem des abzuschaffenden Kapitalismus ist ein philosophisches: Wirtschaft sollte dazu dienen, den "Ganzen Menschen" Wirklichkeit werden zu lassen, d. h. Entfremdung abzuschaffen, jeden einzelnen Menschen auch im hintersten Winkel der Welt zum Subjekt seines Lebens zu verhelfen, nicht in paternalistischer Weise sondern in solidarischer einer gemeinsamen Identifikation. Der Ganze Mensch, der Mensch als Subjekt seiner Geschichte ist erstes universales, freiheitsstiftendes Menschenrecht. Solange irgend ein theoretisches Gedankenkonstrukt dieses Leitmotiv nicht versucht, in die Praxis umzusetzen, solange sind die Vertreter von ökonomischen Theorien Büttel im Auftrag von hierarchisch organisierter Herrschaft, sei sie kapitalistisch, sozialistisch oder wie ischtisch sie sich nennen mag.

Um den Weg zu einer freiheitstiftenden Ökonomie zu entwickeln, bedarf es des Herausgehens aus universitären Elfenbeintürmen und des konkreten Eintauchens in mehrheitlich entfremdet lebende soziale Gruppen und Zivilgesellschaften. Nur im Zusammenleben mit diesen lassen sich Lösungsansätze nach dem Prinzip des "trial and error" entwickeln.

Ich empfehle den heutigen VWL-Studenten das temporäre Verlassen ihres Elfenbeinturmes und das konkrete Leben und Arbeiten an der Seite der Menschen, für die Wirtschaft bestimmt ist. Dabei gibt es in Deutschland, Europa und auf dem gesamten Globus Möglichkeiten zu Hauf, um wertvolle Erkenntnis zu gewinnen, die dann wiederum in Praxis gewandelt werden kann.

Wer VWL heute studiert, sollte in erster Linie nicht an seine zukünftige Knete bzw. Karriere denken, sondern an seinen ganz persönlichen Beitrag, dem "Ganzen Menschen" zu dienen.

LG, CE

PS: Diese leidigen "Weisen" und ihre Berichte an die Polit-und Kapital-Grosskopferten gehören allesamt im nächsten Mülleimer entsorgt, vor allem aber auch diejenigen verantwortlichen Politiker, die diesen "Weisen" noch auf den Leim gehen.

tlacuache 31.03.2015 | 21:40

..."Es freut mich zu lesen, dass heutige Ökonomie Studenten ebenso kritisch sind , wie wir 68er VWL-Studenten, die wir bereits solche Alternativ-Modelle in unseren Dipl. Arbeiten vorstellten"...

Da muss aber 1978, 1988, 1998, 2008 bis 2015 was ganz gewaltig schiefgelaufen sein an den Uni's...

:-(

Die einen gingen auf die Strasse, die anderen Appelten und Microsoften und Ventureten und Facebook - keppelten so vor sich hin.

Warum soll das Uber - mässig 2016 anders sein?

Frage ich ganz ehrlich.

Costa Esmeralda 31.03.2015 | 21:52

Lieber TL

Du hast vollkommen recht. Ich gestehe, dass ich mich für meine egoistische Generation, die mal Ideale hatte und sie der Knete wegen opferte, schäme.

Es wird so kommen, wie Du voraussiehst, es sei denn, die jetzige Generation von Studenten fällt in ein gewaltiges Krisenloch, aus dem sie sich am eigenen Schopf herausziehen muss. Ohne den Schmerz der Krise am eigenen Leib zu spüren, wird auch diese Generation vom Merkel-Staat langsam aber sicher in den Kapitalisten-Sumpf getrieben, um dort bei Gründung eigener Familien zu versacken.

Liebe Grüsse nach Mexiko, hasta la vista (hoffentlich eines Tages), CE

Rosbaud 31.03.2015 | 22:40

Der große amerikanische Philosoph John Dewey (1859-1952) hat einmal gemeint:
„Die Politik ist der Schatten, den die Wirtschaft auf die Gesellschaft wirft.“

Schön, dass sich jetzt Kräfte regen, die diesen Schatten aufhellen wollen.

Hoffentlich erlebt unser Finanzminister Rolling Thunder sein Waterloo mit seinem Versuch, die Brüning-Festspiele weiterhin durchzuführen!

Franz87 01.04.2015 | 07:11

Ich bin selber kein VWLer, aber jeder der sich ein bisschen mit Ökonomie beschäftigt merkt, dass die Mainstreamökonomie gescheitert ist. Man muss wohl erst fünf Jahre diese Disziplin "studieren" um daran noch glauben zu können.

Ob Postwachstumstheorien jedoch die Alternative sind wage ich mehr als zu bezweifeln. Wachstum muss eben nicht zwangsläufig mit steigendem Ressourcenverbrauch einhergehen, das ist nur eine Frage wie der staatlichen Rahmenbedingungen.

Oberham 01.04.2015 | 11:59

...... wieder viele Worte, denen noch viele Worte folgen.

Mit dem Schnitt, Sie kriegt vielleich einen Job bei der Deutschen Bank - die Algorithmenschreiber brauchen schließlich passende innovative Mind-Maps - da nimm man gerne auch mal einen VWL-Exoten (ups Exotin...).

Realistisch betrachtet - es scheint die Spielsucht hat die Menscheit endgültig gefressen - agieren wir nicht mehr, wir wabbern unsere Lebenszeit wie ein großer kollektiver Zellhaufen ab.

Geschnatter begleitet den Wahnsinn, unser aller sinnloses Geschnatter!

Taten verabscheuen wir, sobald sie unsere Scheinbedürfnisse tangieren.

Feigheit vor dem Leben bestimmt das Sein.

Am Ende macht es keinen Unterschied ob ein professioneller Lobbyist seine Termine abarbeitet, oder ein professioneller Globalisierungskritiker - sie spielen alle ihr Spiel - Ping-Pong-

der Gedankenball fliegt über das Elend hin und her, beschwingt und flink.

Noch viel Spaß beim Tischtennis des menschlichen Treibens - uns allen - satt sind wir, tippen wir, satt und feige.

Mir scheint, das Glas ist fast leer, oder sollte ich tippen, es ist noch gut gefüllt, für uns!

karamasoff 01.04.2015 | 21:18

Warum sind Antworten kompliziert, wenn die Frage doch so einfach ist?

Vom Physiker Harald Lesch (ich mag seine Art eigentlich überhaupt nicht) gab es eine Folge seiner Alpha Centauri Reihe mit dem TItel "Woher wissen Sie das alles?", in der er versucht, das Phänomen der Wissensaneignung und-vermittlung, was sich an die Problematik anschliesst zu erklären, nachdem er völlig baff vor dem Zuhörer seines Vortrags stand, der ihm diese Frage stellte - nicht neugierig, sondern eher im latenten Ton eines Vorwurfes. Lesch ist leider in seine Erklärungen zu schnell und zu stark abgedriftet ins Fachliche.

Es ist also nicht nur schwer bis unmöglich sich durch alle Theorien EINES Fachgebietes zu hangeln, es ist sogar genauso schwer das Wissen zu vermitteln. Vor allem, wenn man es mit stocksturer Borniertheit zu tun hat. Ob nun von Externen oder Internen. Letztenendes landet man bei Vertrauen, Skepsis und Wissbegierigkeit/Neugier in untrennbarer Einheit verbunden und als Basis von Vernunft. Autoritär vermitteltes Wissen hat keinen Wert. Es ist reine, den Markt"gesetzen" - bzw. der Herrschafts-doktrin - untergeordnete Wissensproduktion. Wissensaneignung hingegen ist immer noch Handwerk und zeitaufwändig, also im neoliberalen Sinn nicht nur ohne Mehrwert, sondern sogar konterrevolutionär.