„Ökonomen verhindern einen Wirtschaftswandel"

Interview An der Cusanus-Hochschule werden alternative Wirtschaftsmodelle gelehrt. Die Professorin und Ökonomin Silja Graupe erzählt im Gespräch, warum das notwendig ist
Sebastian Puschner | Ausgabe 44/2015 8

Eine andere Ökonomie ist möglich – aber dafür braucht es eine neue Art der Lehre und Forschung in den Wirtschaftswissenschaften. Genau daran versuchen sich von diesem Oktober an zwei Dutzend Studierende der neu gegründeten Cusanus Hochschule. „Plural, kritisch und transdisziplinär“ soll ihr Ökonomie-Master sein, Gesellschafts- und Wirtschaftsgestaltung dessen Schwerpunkte. 2016 werden zwei Bachelor-Studiengänge zur „Unternehmensgestaltung“ starten. Die private, staatlich anerkannte Hochschule hat ihren Campus zwischen Mainz und Trier, im 28.000-Einwohner-Städtchen Bernkastel-Kues an der Mosel. Zum Gründerkreis der Hochschule gehört , die dort auch lehren wird.

der Freitag: Frau Graupe, 90.000 Menschen studieren hierzulande Wirtschaftswissenschaften. Lernen die alle nur Mist oder warum braucht es für dieses Fach eine neue Privathochschule?

Silja Graupe: Die Ökonomie ist auf jeden Fall einem starken Mainstream unterworfen. Inhaltlich dominieren die Annahmen der neoklassischen Schule. Diese lehrt, allein in abstrakten Modellen über Individuen und Gesellschaft zu denken. Strukturell herrscht eine ökonomisierte Form der Bildung, die sich nicht am Menschen und seiner Entwicklung, sondern an abstrakten Erfolgsmessungen und Verwertungskriterien orientiert.

Was soll an der Cusanus Hochschule anders sein als anderswo?

Ein Beispiel: Wir wollen jungen Menschen nicht das Fragen abgewöhnen. Sie sollen mit einer Forschungsfrage zu uns kommen, die für sie biographisch und gesellschaftlich wichtig ist. Wer sich für die Rolle des Geldes interessiert, der soll befähigt werden, in diesem Feld sein Thema zu finden.

Biographisch wichtige Forschungsfrage – das klingt nach Selbsterfahrungsgruppe.

Nein, es geht darum zu lernen, Verantwortung für drängende Fragen zu übernehmen. Die Studierenden haben im ersten Semester eine Forschungswerkstatt. Dort lernen sie, was sich aus ihrem Anliegen innerhalb der Dauer des Studiums machen lässt, wie sie es wissenschaftlich fundieren und im interdisziplinären Kontext bearbeiten können. Das ist also harte Arbeit, aber kein Bulimie-Lernen abstrakten Wissens, das man nur für die Prüfung braucht.

Zur Person

Silja Graupe, 40, ist Diplom- Wirtschaftsingenieurin, technische Chemie war der Schwerpunkt ihres Studiums an der TU Berlin. Dort promovierte sie zum Thema Der Ort ökonomischen Denkens. Die Methodologie der Wirtschaftswissenschaften im Licht japanischer Philosophie . Graupe hatte zuletzt den Lehrstuhl für Ökonomie und Philosophie an der Alanus Hochschule für Kunst und Gesellschaft bei Bonn inne. Seit Mai dieses Jahres ist sie Vizepräsidentin der Cusanus Hochschule

Dreht sich der ganze Master nur um eine selbstgewählte Frage?

Nein, die eigene Forschungsarbeit ist eingebettet in thematische Fachmodule. Da geht es etwa um Geschichte und Wirkungen der Wirtschaftswissenschaften. Und um Fragen der Wirtschafts- und Gesellschaftsgestaltung. Hinzu kommen ein eigener Schwerpunkt zur Persönlichkeitsbildung und das, was wir Praxisreflexion nennen. Die Studierenden arbeiten in einem Unternehmen oder einer Initiative mit und lernen, dieses Engagement zu reflektieren.

Was soll das heißen?

Wirtschaftswissenschaften prägen unsere Weltbilder und das schlägt sich auch in beruflichen und ehrenamtlichen Tätigkeiten nieder: Unbewusste Denkfiguren, von Ökonomen geprägt, verhindern immer wieder einen Wandel, sei es in der Wissenschaft, in der Pflege oder im Journalismus. Unsere Studierenden sollen in der konkreten Praxis erkennen lernen, wie sehr diese Denkfiguren in ihrem eigenen Tätigkeitsfeld verankert sind – und was es braucht, um konkret Bewusstseinswandel zu initiieren.

Manche Kritiker der heutigen Mainstream-Ökonomie sagen: Wir brauchen nur eine bessere Theorie als die der Neoklassik, dann setzt sich das schon durch.

Ich beobachte bei manchen, die sich für eine größere Vielfalt der Methoden und Schulen in der Ökonomie einsetzen, eine gewisse Naivität. Sie unterschätzen die Machtapparate und die Beeinflussung der öffentlichen Meinung etwa durch marktradikale Denkfabriken. Die aber prägen unser aller wirtschaftliches Denken und Handeln entlang von Marktgläubigkeit und Konkurrenzdenken. Wichtig ist zu verstehen, dass dieser Prozess meist unbewusst verläuft. Neoliberale Denker wie Friedrich Hayek und Walter Lippmann wollten durch ökonomische Lehre und Forschung unbewusste Vorstellungsbilder etablieren. Auf deren Grundlage sollten sich Menschen reflexartig positive Meinungen über den Kapitalismus bilden, gleich welche Erfahrungen sie tatsächlich machen.

Was wollen Sie dagegen tun?

Machtstrukturen thematisieren, die auf die öffentliche Meinungsbildung zielen, gerade in der Bildung. Welche Weltbilder prägen ökonomische Lehrbücher und wer hat darauf Einfluss? Zudem müssen wir die Weltfremdheit der Lehre sowie ihre Einseitigkeit und Unreflektiertheit überwinden. Wenn Studierende ihre Erfahrung, dass im Wirtschaftsgeschehen selten etwas reibungslos funktioniert, ernst nehmen und aus verschiedenen Perspektiven reflektieren, fallen viele Weltbilder einer harmonischen Wirtschaft in sich zusammen. Stattdessen treten andere Fragen zutage: Wer hat etwa die Macht, Preise zu beeinflussen? Wer setzt die Regeln der Wirtschaft? Und wie können wir jenseits von Märkten wirtschaften?

Wie haben Sie denn Ihre eigenen Erfahrungen ernst zu nehmen gelernt, in Ihrer Ausbildung zur Wirtschaftsingenieurin an einer Technischen Universität?

Mein Studium war zwar vielfältiger als die meisten ökonomischen Studiengänge heute. Zu den technischen Fächern kamen BWL, VWL und Recht und ich konnte bei einem der letzten großen Keynesianer, dem damaligen Wirtschaftsweisen Jürgen Kromphardt, arbeiten. Aber trotzdem lief das alles in sehr konformen Bahnen ab. Innerhalb derer galt es, formale Antworten für die Funktionsweise von Märkten zu finden. Eine kritische Haltung hat sich bei mir erst mittels praktischer Fragen eingestellt.

Und zwar?

Meine Eltern hatten einen Blechbearbeitungsbetrieb mit 50 Leuten. Ich habe gemerkt, dass mein Studium mir keineswegs geholfen hat, solch ein mittelständisches Unternehmen mit seinem inneren sozialen Gefüge und äußeren Abhängigkeiten etwa von Banken und Kunden verantwortungsvoll mitzugestalten. Und ich habe in Japan studiert, was einem mehrfachen Kulturschock gleichkam. Etwa wegen der völlig unzulänglichen Erklärungen, die meine Disziplin für Japans Blasen und Wirtschaftskrisen der 1990er lieferte.

Welche Erklärungen denn?

Damals dominierten im Westen rein abstrakte Erklärungsversuche, die davon ausgingen, dass Menschen und Unternehmen automatisch auf Preis- und Zinssignale reagieren. In Japan habe ich gelernt, dass die dortige Zentralbank mit Unternehmen eng zusammenarbeitete und sie in persönlichen Gesprächen direkt zur Kreditaufnahme und damit zu Investition zwang, obwohl die Verantwortlichen das Risiko sahen. Das Ganze war also eine Frage von Machtverhältnissen und systemischer Verantwortungslosigkeit. Mit den abstrakt-mathematischen Werkzeugen, die ich erlernt hatte, ließ sich das nicht analysieren. Es braucht vielmehr soziales und kulturelles Hintergrundwissen. Würden dies Studierende lernen, würden sie vielleicht auch besser verstehen, was nun bei VW passiert.

Anders als in der herkömmlichen VWL beschäftigen sich Studierende bei Ihnen also nicht mit Formeln und Modellen.

Doch, das tun sie. Doch während die herkömmliche VWL lehrt, mit Formeln und Modellen im akademischen Elfenbeinturm zu spielen oder sie einfach auf die Welt anzuwenden, drehen wir die Blickrichtung eher um: Warum streben Menschen überhaupt danach, alles in der Welt zu berechnen? Welche kulturgeschichtlichen Phänomene stecken dahinter? Wie lassen sich ökonomische Phänomene qualitativ erfassen? Welche ethische Haltung brauche ich dafür?

Sie haben dabei Unterstützer aus dem Mittelstand und dem Umfeld der Bundesbank. Warum?

Der ehemalige Vizepräsident der Hochschule der Bundesbank unterstützt uns, weil er besorgt ist, dass Bundesbanker heute sehr technisch ausgebildet werden und es dabei an Ethik und Erkenntnistheorie mangelt. Ähnlich ist das bei der Stiftung eines Mittelständlers mit über 2.000 Mitarbeitern. Die klagen, weil sie von den Unis nur noch Leute kriegen, die sich abstraktes Modellwissen angeeignet haben, das allenfalls für Konzerne relevant ist.

Sie sind als Privathochschule auf Spender angewiesen. Welchen Einfluss haben die?

Uns unterstützen Privatpersonen, Stiftungen und Unternehmen – auch solche aus der Region, die wollen, dass junge Leute an der Mittelmosel bleiben. Alle Spenden fließen direkt in die Hochschule, die sich autonom verwaltet. Wir vermitteln Geldgebern, dass es gerade diese Freiheit von Forschung und Lehre braucht, damit Bildung wahrhaft innovativ sein kann. Mit einem finanziellen Engagement kann deswegen weder Macht noch Einfluss verbunden sein. Bisher haben das alle verstanden.

Wer bei Ihnen studieren will, muss Gebühren bezahlen.

Ja, ein Studienplatz kostet die Hochschule weit mehr als 1.200 Euro pro Monat, vom Staat erhalten wir keinen Cent. Momentan müssen wir deswegen 600 Euro davon auf die Studierenden umlegen. Doch sie können Stipendien aus einem Fonds beantragen, der selbst wiederum aus Spenden finanziert wird. Zudem haben sie eine Studierendengemeinschaft gegründet, die an solidarischen Finanzierungsmodellen und Unterstützung für die arbeitet, die Gebühren und Lebenshaltungskosten nicht bezahlen können.

Werden es sich Ihre Absolventen nicht in alternativen Nischen bequem machen statt die Bundesbank oder VW zu verändern?

Wir werden es sehen. Eine Herausforderung wird sein, die Leute zu der ständigen, kleinteiligen Arbeit zu ermuntern, die nötig ist, um Wirtschaft vom Wachstumswahnsinn zu befreien und zu dem zu machen, was sie eigentlich sein sollte: Ein langweiliges Geschäft, das soziale Bezüge nicht beständig zerstört, sondern behutsam weiterentwickelt.

06:00 11.11.2015

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