Grubes Ende und Dobrindts Bilanz

Mobilität Der Rücktritt des Bahnchefs ist ein Beispiel für die desaströse Politik des Bundesverkehrsministers. Immerhin fände sich in Berlin eine geeignete Grube-Nachfolgerin
Ausgabe 05/2017
Er freue sich auf noch viele gemeinsame Termine mit Grube in den nächsten Jahren, sagte Dobrindt kürzlich
Er freue sich auf noch viele gemeinsame Termine mit Grube in den nächsten Jahren, sagte Dobrindt kürzlich

Foto: Tobias Schwarz/AFP/Getty Images

Ein gläsernes Monstrum, 103 Meter hoch, 26 Etagen, gelegen am seelenlosen, seit 1990 völlig auf Kommerz getrimmten Potsdamer Platz in Berlin: Der Bahntower ist die architektonische Entsprechung des Zustands des Konzerns, den er beherbergt. Am Montag ist Rüdiger Grube Knall auf Fall als Bahnchef zurückgetreten. Drei weitere Jahre Vertrag sollte er bekommen, doch plötzlich wollte ihm eine Mehrheit im Aufsichtsrat nur zwei geben. Solchen Geiz muss man sich leisten können. Die Bahn kann ihn sich eigentlich nicht leisten.

Sie steckt fest zwischen ihrer 1994 vollzogenen Umwandlung in eine Aktiengesellschaft und den Träumereien von einem Börsengang, denen Bürger mit Protest und die Finanzmärkte mit ihrem Zusammenbruch den Garaus gemacht haben – zum Glück. Daseinsvorsorge und Verkehrswende oder Profit: Was Ziel, Sinn und Zweck dieser Bahn ist, das weiß niemand so genau. Im Zweifelsfall hofft der Bund als Besitzer auf den Profit.

BER und Stuttgart 21

Was ist schon zu erwarten, wenn als Hauptverantwortlicher der CSU-Minister Alexander Dobrindt amtiert? Dobrindt war, ist und bleibt einer für Stammtischparolen, wie jene von der „Ausländer-Maut“. In 20 Aufsichtsräte und sechs Beiräte schickt Dobrindts Bundesverkehrsministerium Vertreter, sie beaufsichtigen dort Desaster wie Stuttgart 21 und die ewige Flughafenbaustelle BER.

Kürzlich zeigte das Bayerische Fernsehen eine Dokumentation über das Ausbleiben staatlicher Kontrollen des Güterverkehrs auf deutschen Straßen und die Folgen: Dumpinglöhne im Lkw-Gewerbe, nicht unterbietbare Preise. 70 Prozent aller Güter rauschen über Straßen, nur 18 Prozent über Schienen. Hier könnte sich ein Verkehrsminister auszeichnen! Dobrindt aber besorgte lieber den 44 Tonnen schweren Gigalinern die Zulassung für den Regelbetrieb.

Hier ist eine Nachfolgerin

Eine enkeltaugliche Verkehrspolitik braucht progressives Personal an den Schaltstellen, im Ministerium sowie in den Aufsichtsräten. Warum sollten dort nicht auch Vertreter des Verbands „Allianz pro Schiene“ den Vorstand kontrollieren? Warum nicht zugleich jemand vom Fahrgastverband Pro Bahn? Letzterer bedauerte übrigens Grubes Abgang.

Für dessen Nachfolge könnte die Bahn derweil in der Hauptstadt fündig werden: Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe heißt Sigrid Nikutta und macht einen exzellenten Job. Sie ist allemal geeigneter als der aus Bundeskanzleramt und Bundestag zur Bahn gewechselten CDU-Mann Ronald Pofalla.

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Geschrieben von

Sebastian Puschner

stellvertretender Chefredakteur und Ressortleiter Politik
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