Von unten, nicht von oben

Kapitalismus Keine Angst! Postwachstum weist nicht den Weg in eine „staatlich-zentralistische Regulierung“ – sondern zum nächsten Repair-Café
Von unten, nicht von oben
Flicken statt wegwerfen: So sieht Postwachstum aus

Foto: Imagebroker/Imago

Was wohl der Soziologe Armin Nassehi tut, wenn ihm die Hose reißt? Vielleicht kann er nähen, repariert sie also selbst. Vielleicht kennt er Leute, die nähen können, im Freundeskreis oder in der Schneiderei um die Ecke. Wahrscheinlich aber schmeißt Nassehi die untragbare Hose weg und kauft sich beizeiten eine neue. So tun es jedenfalls die meisten heute. In der Postwachstumsökonomie von morgen könnte damit Schluss sein. Es scheint, als fürchte sich Nassehi davor. Doch das muss er gar nicht.

Als er jüngst zu einem Rundumschlag ausholte, dem Zeit Online die Überschrift „Eine Linke braucht es nicht mehr“ gab, nahm er namentlich einen Autor ins Visier: Niko Paech, den bekanntesten Postwachstumsökonomen. Erschrocken schrieb Nassehi, Paech prangere „nichts weniger als das bisherige Geld- und Zinssystem, zu große Gewinnerwartungen“ wie „die Steigerung materieller Selbstverwirklichungsansprüche“ an und entwerfe eine entsprechende Lebensweise. Das atme „einen autoritären Geist“ – da solche Forderungen „tatsächlich staatlich-zentralistische Regulierung voraussetzen“. Nassehi imaginiert ein Plan-Regime, das Flugreisen, Fleischkonsum und den Hosenkauf bestraft.

Nun kommt Niko Paech tatsächlich ohne Flug, Fleisch und allzu viel neue Kleidung aus. Seine Theorie aber dem Vorwurf des Autoritarismus auszusetzen, wird ihr nicht gerecht. Sie sieht zwar die Reduktion wöchentlicher Arbeitszeit auf 20 Stunden vor und kann der Umnutzung von Flughäfen zur nachbarschaftlichen Nahrungsmittelproduktion einiges abgewinnen. Ihre Subjekte aber sind die Pioniere einer globalen Multitude, die sich bereits heute lokaler wieregionaler Selbstversorgungsmuster bedienen. Deren kollektive, nachhaltige Produktionspraktiken geben noch die vielversprechendste Antwort auf eine Welt, die der Klimawandel kollabieren zu lassen droht, deren Krisen sich häufen, wo die Kosten für die Abschottung von Wohlstand steigen und die in ihren industrialisierten Zentren seit den 1960ern an einer Wachstumsschwäche laboriert. Eine Schwäche, die sich langfristig weder mittels Schulden noch über die Internationalisierung der Arbeits- und Absatzmärkte, Finanzialisierung oder expansive Geldpolitik lösen lässt.

Nun mehren sich zudem Warnungen, die Versprechen der Digitalisierung auf quantitativ an die Nachkriegsjahre anknüpfendes Wachstum seien Falsche Versprechen, so der Essay des Soziologen Philipp Staab. Mag die Digitalisierung Produktivitätsfortschritte erzielen, weil sie Konsum und Produktion radikal rationalisiert – gerade indem sie etwa Arbeitsplätze vernichtet, beraubt sie sich der nötigen Nachfragepotenziale, um mit jener Entwicklung der Produktivität Schritt zu halten. Paul Mason charakterisiert in Postkapitalismus gar „die Information“ als die Technologie, die im Unterschied zu allen früheren dazu neige, „Märkte aufzulösen, das Eigentum zu zerstören und die Beziehung zwischen Arbeit und Einkommen zu zersetzen“.

Ob dem so ist? Dass „die Logik des Konsums vollständig aufgehoben“ wird, „indem die Möglichkeiten subsistenter Produktion mit den eigenen Bedarfen in Übereinstimmung gebracht werden“? Das jedenfalls bezeichnet selbst Paech als „Extremfall“. Nicht seinetwegen muss Nassehi um „materielle Selbstverwirklichungsansprüche“ bangen, sondern wegen der Krise des Kapitalismus. Sollte die Hose aber tatsächlich einmal reißen – der nächste „Freiraum zum Selbermachen“ alias Repair-Café ist sicher nicht weit: Im deutschsprachigen Raum gibt es schon 250 davon.

06:00 31.07.2017
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