Wie bei St. Pauli und Bayern München

Wirtschaftswissenschaft Deutschlands Ökonomen treffen sich in Münster zu ihrer Jahrestagung. Die Kritiker des Mainstreams der Disziplin sollen diesmal fernbleiben. Tun sie aber nicht

Während die einen Wein aus Gläsern trinken, gibt es bei den anderen Mineralwasser aus Plastikbechern. In Münster endet an diesem Mittwoch das Jahrestreffen der deutschsprachigen Ökonomen-Zunft, und die Weintrinker gehören zur großen Mehrheit: 3.800 Mitglieder hat der Verein für Socialpolitik (VfS), über 800 Teilnehmer zählt die diesjährige Tagung der Wirtschaftswissenschaftler-Vereinigung. Am Montagabend hat sie die Bundesbank zum Empfang ins Münsteraner Museum für Kunst und Kultur geladen: Die Anwesenden stoßen auf den Düsseldorfer Wettbewerbsökonomen Justus Haucap an, er hat soeben den mit 5.000 Euro dotierten Gustav-Stolper-Preis erhalten.

Nur wenige Schritte über die Straße, in einem Uni-Hörsaal, entschuldigt sich zeitgleich Christoph Freydorf bei den drei Dutzend Zuhörern: Dafür, dass die Plastikbecher weiß und nicht einmal durchsichtig sind. Freydorf gehört zum Netzwerk Plurale Ökonomik: 200 Mitglieder, allein finanziert aus Beiträgen und Spenden, dies hier ist die unerbetene "Ergänzungsveranstaltung" des Netzwerks zur VfS-Tagung. "Theorienvielfalt, Methodenvielfalt, Interdisziplinarität, historische Fundierung, kritische Reflexion" steht auf einem Plakat an der Tafel hinter Freydorf. "Davon sind wir in den deutschen Wirtschaftswissenschaften noch weit entfernt", sagt er und eröffnet die Podiumsdiskussion. Drei Ökonomen, darunter der Autor und Fondsmanager Max Otte, diskutieren über den wachsenden Schattenbankensektor und die Abwicklung der Deutschen Bank, über Postwachstum und einen New Green Deal; der Tag war voll mit akademischen Vorträgen und mündet jetzt in Debatte und Plauderei - es ist ein bisschen wie drüben, beim Empfang der Bundesbank.

Es war einmal ein Dialog

VfS und Plurale Ökonomen – im vergangenen Jahr war der Dialog zwischen diesen beiden Seiten schon weiter: Ausdauernd hatten vor allem Studierende und einige Professoren ihrer Kritik am Mainstream und dem VfS als dessen institutionellem Vertreter öffentlich Luft gemacht: eisern herrsche in Lehre und Forschung das neoklassische Paradigma von rein rationalen Marktteilnehmern, perfektem Gleichgewicht und Angebots-, nicht aber Nachfrageorientierung. Trotz Übermacht an Professuren, Forschungsmitteln und einflussreichen Journalen stehe der neoklassische Mainstream Herausforderungen wie dem Klimawandel und der wachsenden Ungleichheit hilflos gegenüber, weil er sich immer mehr mittels mathematischem Formalismus von den Wurzeln der Disziplin als transdisziplinäre Sozialwissenschaft entferne.

Ein Dialog kam in Gang, das Netzwerk durfte bei der VfS-Tagung vergangenes Jahr in Hamburg im Rahmen des Programms eine eigene Veranstaltung organisieren. Die drehte sich dann um das Vollgeld-Konzept, ein Geldschöpfungsverbot für Geschäftsbanken also.

Eigentlich sollte es in Münster genauso laufen, doch es kam anders: Weil sich VfS-Mitglieder über die Vollgeld-Veranstaltung beschwert hatten, sagte der VfS den Vertretern des Netzwerks ab. Letztere kamen trotzdem nach Münster, organisierten über den AStA Räumlichkeiten, legten Flyer aus zu alternativen Lehrmaterialien und der neu gegründeten Cusanus Hochschule, wo gerade die erste Bewerbungsphase für einen pluralen, kritischen und transdisziplinären Ökonomie-Master läuft; zuletzt klebten sie Plakate der Ergänzungsveranstaltung rund um den Tagungsort des Vereins für Socialpolitik, das Münsteraner Schloss.

Dort sollte es indessen zwar durchaus wieder einen pluralistischen Programmpunkt geben – einen unter 500 wissenschaftlichen Vorträgen –, diesmal aber in Eigenregie des VfS. Dennis Snower vom Institut für Weltwirtschaft in Kiel wurde mit der Umsetzung betraut.

Emotionen und Werte

Am Dienstagnachmittag bei der VfS-Tagung steht Snower dann vor den Zuschauerreihen und was er sagt, das dürfte sich in den Ohren der Pluralismus-Anhänger zunächst nicht schlecht anhören: Die für die Neoklassik grundlegende Annahme, Individuen träfen stets rationale Entscheidungen, bedürfe dringend einer Weiterentwicklung, man müsse viel stärker etwa Emotionen, soziale Beziehungen und moralische Werte in ökonomische Theorien einbeziehen. Das machen Snower sowie die Forscher David Tuckett aus London und Robert Akerlof aus Warwick dann in den folgenden anderthalb Stunden, sie stellen Theorien, Modelle und Berechnungen vor, die die menschliche Sehnsucht nach Anerkennung, kooperative Intentionen oder persönliche Narrative für die Analyse wirtschaftlichen Handelns nutzbar machen sollen.

Genau solcher Ansätze wegen verstehen im VfS viele den Vorwurf mangelnder Pluralität nicht: Verhaltensökonomik, die Einbeziehung von Erkenntnissen der Psychologie etwa, all das spielt inzwischen tatsächlich eine bedeutende Rolle in der VWL. "Man benutzt die Verhaltensökonomie, um zu verstehen, wie Verbraucher besser geschützt werden können" und auch beim Blick auf die Finanzmärkte, verteidigt sich etwa die VfS-Vorsitzende Monika Schnitzer, als die FAZ die Hälfte des dort zur Jahrestagung obligatorischen Interviews nutzt, um nach der Kritik am Mainstream zu fragen.

Der letzte Schrei

Doch wenn schon allein die Erkenntnis, dass Gefühle und Werte eine Rolle in menschlichem Handeln und wirtschaftlichen Geschehen spielen, als letzter Schrei des Fachs daherkommt, dann kann eines kaum erstaunen: Dass viele Nicht-Ökonomen die Wirtschaftswissenschaften als eine Parallelwelt empfinden, irrelevant bis schädlich für das reale Geschehen. "Selbst als alternativer Ökonom erfährt man in zivilgesellschaftlichen Kreisen häufig Ablehnung und bisweilen richtig gehenden Hass", sagt Ralf Ptak, ein eben solcher alternativer Ökonom, vor seinem weißen Plastikbecher sitzend. Ptak ist Dozent an der Uni Köln, Mitglied der Memorandum-Gruppe Alternative Wirtschaftspolitik und Mitglied im wissenschaftlichen Beirat von Attac.

Es ist inzwischen Dienstagabend, bei der Ergänzungsveranstaltung des Netzwerks sind Vorträge mit Titeln wie "Ökologische Ökonomik und Post-Keynesianismus - Versuch einer Synthese" und "Kompetitiver Pluralismus in der Ausbildung - Das Beispiel der Mikroökonomik" zu Ende, die nächste Podiumsdiskussion steht auf dem Plan, Titel: "Wie plural sollte die Jahrestagung deutschsprachiger Ökonomen künftig sein?" Ptak und anderen sitzt Rüdiger Bachmann gegenüber, in den USA tätiger Wirtschaftswissenschaftler – und Nachwuchs-Beauftragter des VfS. Am Podium aber nimmt er ausdrücklich als Privatmann teil, nicht als Verbandsvertreter. Weder in der einen noch in der anderen Rolle kann Bachmann viel mit den Vorwürfen des Netzwerks für Plurale Ökonomik anfangen; er antwortet darauf wie ein Bayern-München-Fan einem St. Pauli-Anhänger, der über die Chancenlosigkeit kleiner Vereine klagt: Trainiert und verkauft euch gut, dann schafft ihr es auch in die Bundesliga. Zu Asymmetrien bei der Verteilung von Ressourcen, von Geldern und Posten, kann Bachmann nur die Schultern zucken: In den Wissenschaften setze sich eben das beste Paradigma durch, es herauszufordern stehe ja jedem offen. „Es wird doch niemandem der Mund verboten, es gibt doch eine Diskussion“, sagt er.

Wie wenig Bachmann auch von Neo-Keynesianismus, feministischer Ökonomie und Postwachstum halten mag – das Netzwerk für Plurale Ökonomik in die VfS-Jahrestagung einzubeziehen, damit hätte er – privat – kein Problem; Bachmann kennt das aus den USA: Im Programmheft des dortigen Jahrestreffens der Ökonomen stehen neoklassische Nobelpreisträger ganz selbstverständlich neben marxistischen Theoretikern.

Vielleicht hat er mit dieser Abgeklärtheit inzwischen auch seine VfS-Kollegen und -Kolleginnen angesteckt. Für die nächste Jahrestagung, Anfang September 2016 in Augsburg, hat VfS-Vereinsvorsitzende Schnitzer inzwischen eine Diskussionsveranstaltung über die volkswirtschaftliche Lehre angekündigt – unter Beteiligung des Netzwerks für Plurale Ökonomik.

17:38 09.09.2015

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