Wir bauen eine neue Stadt

Asyl AfD und rechter Mob sind im bayrischen Gersthofen nicht das zentrale Thema. Mit der Integration von 270 Flüchtlingen gibt es genug zu tun
Sebastian Puschner | Ausgabe 10/2016 2

Der Kontrollverlust in Gersthofens Volksbank ist wohldosiert an diesem Vormittag im Februar. Er beschränkt sich darauf, dass einem Bankangestellten mit tadellos gegelten Haaren die Krawatte abgeschnitten wird. Es ist Fasching, „lumpiger Donnerstag“: Frauen dürfen da Kollegen mit der Schere zu Leibe rücken. Mohamed Adawe*, vor 20 Jahren in Somalia geboren und seit drei Monaten Gersthofer, zieht irritiert die Augen hoch. Dann blickt er schnell wieder zu dem großen weißen Hund der Kundin am Nachbarschalter. In Somalia hatte er selbst zwei Hunde, dann wollten ihn Milizionäre rekrutieren, und er floh.

Der Kontrollverlust, der Mohamed Adawe in die Volksbank führt, war ziemlich groß: Er hat etwas getan, was er in Somalia nie getan hatte: Schnaps trinken. Und sich dann übergeben – einmal in einen Polizeiwagen und einmal in die Arrestzelle. Er weiß jetzt, dass das 440 Euro kostet. Für die Reinigung. Dazu kam einmal Schwarzfahren im ICE: 160 Euro erhöhtes Beförderungsentgelt.

Zehn Monate lang muss Adawe nun je 40 Euro überweisen und acht Monate lang je 20. Dafür hat er sich in die Bank begeben. Um die Daueraufträge einzurichten. Eigentlich macht das seine Helferin Susanne Buchele-Noone für ihn. Sie reicht Adawe die Formulare, er spricht nur wenig Deutsch. Auf seiner Bankkarte soll er gleich auch noch die Unterschrift nachholen, sagt der Bankangestellte, nachdem er die IBAN-Nummern der Polizei und der Bahn in seinen Computer getippt hat. Adawe nimmt den Stift und will ihn erst auf dem schwarzen Magnetstreifen ansetzen, als Buchele-Noones Handy klingelt. Sie tritt ein paar Schritte beiseite, um zu telefonieren.

Die Frau ist 51 Jahre alt, sie hat schwarze Haare, trägt schwarze Jacke, schwarze Hose, schwarze Schuhe, Nasenpiercing und war die längste Zeit ihres Lebens im bayerischen Gersthofen zu Hause. Im Winter 2014 wollte sie nur die Winterjacke, die ihrem Sohn zu klein geworden war, nicht wegwerfen. Und weil sie von der Flüchtlingsunterkunft in der Ziegeleistraße gehört hatte, fuhr sie dorthin, um die Jacke abzugeben. Erst suchte sie das Haus vergeblich zwischen Großparkplatz, Marktkauf-Filiale und Autobahnbrücke. Dann traf sie einen Mann mit schwarzer Hautfarbe, der die Jacke dankbar annahm und noch nach Hosen fragte. Also kam sie wieder, wurde bald zur Flüchtlingshelferin. Sie, die Volljuristin, die der Kinder wegen auf eine berufliche Karriere verzichtet hat. Seit Sommer 2015 ist ihr Engagement ein Vollzeit-Ehrenamt. Und eine Selbstverständlichkeit. Sooft man ihr auch die Frage stellt – Seehofer, Obergrenze, AfD, Brandanschläge, beunruhigt Sie das nicht? –, für mehr als den Satz „Ja, das kriege ich mit“ hat sie keine Zeit.

Gersthofen, knapp 20.000 Einwohner, beginnt hinter der Grenze von Bayerns drittgrößter Stadt Augsburg. Hier rauschen die Autos und Lastwagen auf der sechsspurigen Autobahn zwischen München und Stuttgart, hier steht Augsburgs Ikea – auf Gersthofer Grund. Es ist nicht der einzige potente Gewerbesteuerzahler Gersthofens. Gerade hat der Stadtrat mit seinem Etat erstmals die 80-Millionen-Euro-Marke überschritten – ohne Schuldenaufnahme, versteht sich. 270 Flüchtlinge leben in Gersthofen, die meisten in schicken neuen Holzhäusern, die das Landratsamt im vergangenen Sommer extra für sie aufstellen ließ. Vor einem halben Jahr hatte der Freitag schon einmal über Gersthofen berichtet.

450 Euro für Adawe

Buchele-Noone und Adawe sind jetzt fertig in der Bank und laufen zurück in die Ziegeleistraße, an der Hauptstraße mit den Fahrradwegen entlang und am riesigen, leeren Festplatz vorbei. Wäre das hier Berlin, es stünde wohl längst eine Traglufthalle auf dem Platz. Das vorhin am Telefon, erzählt sie Mohamed Adawe, war der Hausmeister der Internationalen Schule um die Ecke. Es gäbe dort vielleicht einen 450-Euro-Job als Hilfskraft des Hausmeisters. Wann er für einen Probetag vorbeikommen könne? „Morgen“, sagt Adawe. Doch ganz so schnell wird es wohl nicht gehen. Ein paar Tage müsse er sich wohl gedulden, sagt Buchele-Noone.

Bernd Mögele, 48, sitzt am Küchentisch im ersten Stock des Hauses seiner Familie, nicht weit entfernt von der Ziegeleistraße. „Ihre Zeitung ist eher links, oder?“, fragt er und ist mit der Antwort offenkundig zufrieden: Tote-Hosen-Fan seit den 80ern, SPD-Wähler über 30 Jahre. Alt-Punk sei er, „das können Sie mir glauben oder nicht“. Jetzt trägt er jedenfalls einen akkuraten Bürstenhaarschnitt, eine Brille sowie einen orangefarbenen Pullover zur Jeans, und aus seinem Tonfall spricht diese leise, eindringliche Bitte, ernst genommen zu werden. Mögele fühlt sich nämlich in die rechte Ecke gestellt. So interpretiert er die Reaktionen auf seine Leserbriefe in der Augsburger Allgemeinen. Und auf seine Unterschriftensammlung im vergangenen Frühling: Er wollte damit „gegen die Konzentration von Flüchtlingsunterkünften“ und „Ghettoisierung“ protestieren, aus einem „generellen Unwohlsein“ heraus und im Angesicht mutmaßlicher Wertverluste der Grundstücke hier im Autobahnviertel, wo auch Mohamed Adawe sowie 209 andere Geflüchtete wohnen und weitere 60 in einem Mehrfamilienhaus.

In seiner Einbauküche hebt Mögele die Hand von der gelb-blau karierten Wachstischdecke und zeigt durch das Fenster auf ein leer stehendes Hotel: „Das Damoklesschwert über unserem Viertel“, sagt er. „Und gleich dahinter steht ja noch der Praktiker-Baumarkt.“ Auch der: leer. Rein vom Platz her wären noch viele Geflüchtete mehr in Gersthofen unterzubringen, da hat Mögele recht. Ihn treibe, so sagt er, das Unbehagen, dass die Unterbringung von Menschen in Großunterkünften der Integration nicht dienlich sei. Aber wenn nun einmal im vergangenen Jahr über 200 Menschen in kurzer Zeit unterzubringen waren? Was stört ihn konkret an den neuen Nachbarn?

Mögele, der im Steueramt einer anderen Gemeinde arbeitet und sich kommunalpolitisch bei den Freien Wählern engagiert, blättert im Papierstapel vor sich. Zeitungsartikel, Texte der Bundeszentrale für politische Bildung, Tabellen, das alles hat er gesammelt für die „Krisensitzung“ bei den Freien Wählern nächste Woche. Denn auch da gebe es zwei Lager in der Flüchtlingsfrage. Er gehöre zu denen, die die „Ausplünderung der Sozialsysteme“ befürchten. Mögele zeigt ein Blatt, auf dem stehen die Namen verschiedener europäischer Länder und dahinter Zahlen: die Beträge, die Asylsuchende monatlich im Durchschnitt für ihren Lebensunterhalt bekommen. Die „352 Euro“ hinter „Deutschland“ sind Mögele zu hoch. Sodann folgen die ganzen Geschichten aus seinem Umfeld: die bei einer Kieferorthopädin arbeitende Freundin, die berichte, wie sich Flüchtlinge reihenweise ihre Kiefer auf Staatskosten richten ließen. Der Fitnessstudiobesitzer, der sein Angebot einer Gratis-Mitgliedschaft für Flüchtlinge zurückzog, weil sich Kundinnen belästigt fühlten. Die 1.500 Euro, die einer fünfköpfigen Familie von der Gemeinde ausbezahlt würden. Und er, Bernd Mögele ganz persönlich, hat er schlechte Erfahrungen gemacht? Neulich sei er von der Straßenbahn an Augsburgs Stadtrand heimgelaufen, knapp zehn „Dunkelhäutige“ kamen ihm da entgegen. „Man will sich schon noch heimisch fühlen.“

Er war bei einer Versammlung der AfD und bei einer der Linken, „beides nix für mich“. Die AfD hat bei der Europawahl 2014 in Gersthofen 13 Prozent der Stimmen erhalten. „Es ist schlimm, das sagen zu müssen, aber: Gut, dass es die AfD gibt“, sagt Mögele. So kämen die Politiker im Bund vielleicht wieder zu Sinnen, nachdem Angela Merkel zwei Millionen Flüchtlinge hereingelassen habe.

Es ist der Tag, an dem das Kabinett das Asylpaket II verabschiedet hat, Familiennachzug begrenzen, mehr sichere Herkunftsstaaten, ist das nicht in seinem Sinne? „Ja, so langsam kommen sie in die Puschen, aber das reicht noch nicht“, sagt er und schiebt seinen Papierberg zusammen. Nur noch Sachleistungen für Asylbewerber und einen Flüchtlingssoli, den allein die Flüchtlinge bezahlen müssen – so wie Studenten auch ihr Bafög zurückbezahlen. Das sind seine Vorschläge. Mögele besitzt gleich gegenüber eine Wohnung, seine 30-jährige Mieterin habe gesagt, sie ziehe weg, wenn noch mehr Flüchtlinge kämen. Denn die würden ja dann sicher in der Turnhalle des Gymnasiums untergebracht, gleich nebenan.

100 Mark für jeden

Gersthofens Rathaus ist ein lichtdurchfluteter Bau aus Glas, Stahl und Stein, Anfang der 90er Jahre erbaut, genau wie die Stadthalle und das Einkaufszentrum „City Center“, alles um den Platz herum, der jetzt der Rathausplatz ist und dem einstigen Straßendorf Gersthofen ein Stadtzentrum gab. In einem Besprechungszimmer sitzt Bürgermeister Michael Wörle und sagt über die Flüchtlingssituation: „Wir schaffen das immer noch sehr gut hier. Wir sind nicht überfordert.“

Wörle war Unternehmensberater, bevor er 2014 in Gersthofen die jahrzehntelange Vorherrschaft der CSU brach. Auf deren Höhepunkt hatte die Stadt im Jahr 1999 bundesweit Schlagzeilen gemacht. Damals beschloss der damalige CSU-Bürgermeister, Gersthofens Haushaltsüberschuss einfach auszubezahlen. Jeder Bürger erhielt 100 Mark. 2013 aber nominierten die SPD und die Freien Wähler den parteilosen Michael Wörle. Bernd Mögele, der Asylskeptiker, hat Wörle mit ins Amt gebracht: Eine Woche seines Sommerurlaubs opferte er damals für den Wahlkampf, verteilte Material seiner Freien Wähler, um der Alleinherrschaft der CSU ein Ende zu setzen und damit Wörle mit zum Bürgermeister zu machen.

Dem Haushalt geht es immer noch gut, womit sicher zu tun hat, dass Wörle beim Thema Gymnasialturnhalle, Hotel und Baumarkt abwinkt: Er hat eine Alternative, die sich ziemlich plausibel anhört, aber nicht in der Zeitung stehen darf: Sollen doch erst mal die 20 der 46 Kommunen im Kreis, die noch keinen einzigen Asylbewerber untergebracht haben, ran, bevor das Landratsamt wieder in Gersthofen vorstellig wird. Dann würde es sicher auch in Gersthofen so ruhig bleiben, wie es ist, ohne Brandanschläge und rechte Demonstrationen, trotz 13 Prozent für die AfD.

Die Lautesten bisher waren die Unterzeichner von Bernd Mögeles Unterschriftenliste. Aber viel hörte man von ihnen nicht mehr, nachdem der Bürgermeister sie zu Einzelgesprächen ins Rathaus eingeladen hatte. Wörle treibt jetzt vielmehr um, wie er Wohnraum schafft für die Flüchtlinge, die bleiben werden. Neubauten sind nötig, sicher, aber da sollen dann erst mal die 120 ortsansässigen Familien auf seiner Liste rein, die schon länger eine günstige Bleibe suchen. Dadurch würden dann ja wieder Wohnungen für Flüchtlinge frei. Der Bürgermeister hat da ein Pilotprojekt im Sinn, aber noch laufen die komplizierten Gespräche mit Wohnungsbaugesellschaften, Behörden, Jobcenter und Wohlfahrtsverbänden.

Lösungen müssen bald her, für den 21-jährigen Syrer etwa, den jetzt Susanne Buchele-Noone und Mohamed Adawe kurz vor der Unterkunft treffen: Ein Jahr ist er hier, spricht perfekt Deutsch, im Herbst beginnt seine Ausbildung, es fehlt nur noch die Wohnung. Buchele-Noone wird helfen oder ein anderer aus dem Kreis der drei Dutzend Ehrenamtlichen. Denn vielleicht geht sie zum Bundesamt für Migration und Flüchtlinge, dessen hiesige Außenstelle sucht Personal, und sie ist ja Volljuristin. Aber jetzt muss sie erst einmal jemanden organisieren, der die Neuankömmlinge zum Rathaus bringt, ein Paar mit seinen Enkeln aus Syrien oder aus dem Irak, das ist noch nicht klar, aber es muss schnell gehen, denn gleich fährt der Bus nach Augsburg: Susanne Buchele-Noone hat für Mohamed Adawe einen Termin bei der Suchtberatung organisiert. * Name geändert

Sebastian Puschner ist Redakteur des Freitag und in Gersthofen aufgewachsen

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06:00 06.04.2016

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