Sebo

Kommunikationswissenschaftler und Provinzblogger
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RE: Journalismus 2.0 | 19.02.2009 | 21:26

Ehrlich gesagt stellt sich für mich die Frage nach einer Trennung von Journalismus und Blogosphäre nicht. Ein Blog ist zu allererst eine Plattform, mit der man viel anstellen kann, somit kann bloggen eine journalistische Tätigkeit sein - genauso gut aber auch einfach nur ein Online-Tagebuch, oder Strickblog. Blogs und Journalismus schließen sich nicht aus.

Schließlich ist der Journalismus keine mystische Geheimwissenschaft, bei der Journalisten nach geheimen Formeln Texte erstellen. Es ist ein schnödes Handwerk, das hauptsächlich aus Recherchieren, Formulieren, Redigieren und Publizieren besteht. Genau das können Blogger auch, mancher vielleicht sogar besser als der ein oder andere Journalist.

Demnach geht es für mich bei der Journalismus 2.0-Debatte auch gar nicht um Blogger als Journalisten, sondern die Verwischung der Grenze zwischen Sender und Empfänger, Journalist und Leser. Bei meiner bisherigen Arbeit im Print- und Radiobereich habe ich eine wirklich erschreckende Arroganz gegenüber Lesern und Hörern kennenlernen dürfen. Hier endete die Arbeit des Journalisten mit der Abgabe des Artikels oder Beitrages – was die Leser dazu zu sagen hatten, war dabei völlig nebensächlich. Im Gegenteil, Reaktionen von Lesern wurden meist als lästig empfunden.

Dabei ist es doch gerade die Reaktion der Leser, die schnöden Nachrichten Tiefe verleihen kann. Genauso gut können Leser neue Fragen aufwerfen, die der Autor gar nicht im Blick hatte oder gleich einen eigenen Artikel darüber schreiben. Aber das ist ja nun nichts Neues - dass mit der Freitag diese Idee auch mal umgesetzt wird schon.

Ist das dann Journalismus 2.0? In meinen Augen schon, wenn der Leser tatsächlich auch Sender sein darf – gleichberechtigter, ernst genommener Autor. Dazu gehört auch, dass Autoren zu ihren Texten Stellung beziehen und nicht einfach nur Abgeben und die Leser dann allein diskutieren lassen. Dazu gehört natürlich auch Mut, sich mit Kritik auseinanderzusetzen und Fehler einzugestehen. Das konnten viele Journalisten, die ich kennenlernen durfte leider überhaupt nicht.

Wenn der Freitag es außerdem noch schafft, die manchmal sehr gut informierten „Laien“ zu guten Texten zu bewegen – es soll ja“handwerklich“ begabte Laien geben – dann ist das für mich schon Journalismus 2.0. Schließlich ist ein Text ist ein Text. Punkt.