Almanya, sieht so Deine Solidarität aus?

Gesellschaft Deutschland möchte sich lieber zwanghaft die Hände waschen als sein Hirn. Gedanken und Gefühle nach dem Attentat von Hanau
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„Die Opfer von Hanau liegen unter der Erde – und ihre Geschichten mit ihnen“
„Die Opfer von Hanau liegen unter der Erde – und ihre Geschichten mit ihnen“

Foto: Odd Andersen/AFP/Getty Images

Es ist noch nicht allzu lange her, dass mein Vater mir in seinem Taxi erzählte, dass einer seiner besten Freunde Krebs hat. Es ist genau 20 Tage her, dass er mir am Telefon erzählte, dass genau dieser Freund seinen Sohn bei dem rassistischen Attentat in Hanau verloren hat.

Es ist noch nicht allzu lange her, dass ich mit einem guten Freund noch über Hanau, über Kesselstadt, sprach und meinte, Hanau gehört uns. Hanau gehört den Eltern und den Kindern mit Migrationshintergrund. Den Nicht-Weißen. Selbst die Deutschen verhalten sich dort wie wir; und wenn nicht das, dann sind sie trotzdem immer gut zu uns. Fast jeder Zweite in Hanau kommt aus einer Einwandererfamilie. Wir fühlten uns alle bis zum 19.02.2020 sicher. Wussten, wir halten hier zusammen. Hier gibt es vielleicht auch den Alltagsrassismus, aber wir werden hier nicht kaltblütig erschossen. Dachten wir.

Natürlich war Hanau nie ein Ort der absoluten Harmonie. Die Schlagzeilen in den Hanauer Lokalnachrichten hießen schon immer „Schon wieder Schlägerei in Hanau“, „Türken gegen Marokkaner in Hanau“, „Drogenrazzia in Hanau“, „Polizei überfordert in Hanau“, „Was ist nur los in Hanau?“...

Doch wie mein Bruder schon so schön sagte, „Seda, wir hauen uns hier vielleicht mal auf's Maul und kiffen ein bisschen, aber wir knallen uns nicht ab. Ich wusste sofort, das war ein Nazi.“

Ich bin in Hanau Kesselstadt aufgewachsen – keine 100m von dem Haus des Täters entfernt. Ich weiß noch ganz genau, wo er damals schon wohnte, als wir Kinder – alle mit Migrationshintergrund – vor seinem Haus spielten. Es waren diese „deutschen“ Reihenhäuser, die in unserer Hochhaussiedlung schon damals nicht so reinpassten. Wir waren die, über die sein Vater damals schon schimpfte; unsere älteren Geschwister die, mit denen er sich nicht anfreunden sollte. Die, die hier nicht hingehörten. Wir waren alle gebürtige Hanauerinnen und Hanauer. Auf dem Kurt-Schumacher-Platz verbrachten wir unsere ganze Kindheit, kratzten nach der Schule unser letztes Geld zusammen, um Naschtüte und Cola zu kaufen und sie zu siebt zu teilen. Das waren alles Stationen unserer Kindheit. Und irgendwo im Hintergrund perfektionierte ein Nazi seine Fähigkeit zu Schießen, vergiftete sein Hirn mit rechtsradikalen Ideologien und „fiel niemandem auf“.

Hanau war schon immer eine Freakshow. Aber Hanau war unsere Freakshow. Wir fühlen uns alle so, als hätte jemand in unser Revier gepisst. Und wie geht es in Deutschland danach weiter?

Wir fragen uns alle, ob wir hier noch weiterleben wollen, hier noch sicher sind.

Und die Almans fragen sich, welche Kreppelfüllung sie sind.

Almanya, sieht so Deine Solidarität aus?

Wir verbrachten alle unsere Abende in Shisha-Bars. Auch ich mit meinen Freundinnen und Freunden. Wir waren alle um die 16 Jahre alt und frisch nikotinsüchtig, als wir anfingen, Stammgäste im „Orient“, im „Daluna“ und anderen Shisha-Bars zu werden. Da durfte man rauchen, da war es warm und so schön orientalisch.

Meine Nichte ist 2 Jahre alt und wächst genau dort auf – in der 3. Generation. Ich machte mir auch vor #Hanau schon dieselben Sorgen um sie, die sich unsere Eltern damals um uns machten. Dass sie in den falschen Kreisen verkehrt, zu früh und zu viel kifft, sich in Schwierigkeiten bringt (wie jede/r Jugendliche/r es tut, egal ob mit ohne irgendeinen Hintergrund). Jetzt sind wir die Eltern, die Tanten, die Onkel und wir machen uns seit dem 19.02.2020 ganz andere Sorgen. Mir ist inzwischen egal, wie sie später mal ihre Nächte in Hanau verbringen wird, hauptsache sie kommt wieder zurück nach Hause.

Am Montag, den 22.02.2020 nach den ersten Beisetzungen von Mercedes, Ferhat, Gökhan, Sedat und Fatih ging ich Baba besuchen.

Wir schauten zusammen die Tagesthemen und danach eine Doku über Elefanten. Baba liebt Dokus. Baba geht es gut. Baba lebt weiter, guckt weiter Dokus, fährt weiter Taxi. „Wir sind besonders gefährdet“, sagt er zu einem Beitrag über Corona. „Bei uns steigen so viele Leute ein und aus.“ Er macht sich Sorgen, dass ein Corona-Infizierter bei ihm einsteigt und ihn ansteckt. Ich mache mir Sorgen, dass ein Rassismus-Infizierter bei ihm einsteigt und ihn erschießt.

Es sind zwei Seuchen in unserer Gesellschaft unterwegs. Die eine heißt Corona. Die andere heißt Rassismus. Doch im Gegensatz zu Corona ist es nicht das Virus, das Menschen tötet. Es sind Menschen, die Menschen töten. Im Gegensatz zu Corona kann man sich den Rassismus nicht einfach mit einem Stück Seife von den Händen waschen.

Mein Vater kam mit 18 Jahren als politischer Flüchtling aus der kurdischen Provinz Agri nach Hanau. Er wollte nie zurück in die Türkei. Deutschland ist und war immer seine Heimat. Ich kenne niemanden, der Deutschland so sehr liebt wie Baba.

Er ist deutscher als die Väter meiner deutschen Freunde. Seine Schränke sind voll von Leitz-Ordnern mit Dokumenten von circa 1925 bis heute, perfekt gelocht und abgeheftet. Er trägt nur Camel Active und Birkenstocks, liebt Miele Haushaltsgeräte, schaut jeden Abend die Tagesschau, danach „Wer wird Millionär“ und dann noch eine Doku. Er ist Grönemeyer-Fan und hat noch nie eine Hausordnung verpasst. Er kauft nur Bio-Bananen und trennt seinen Müll schon fast religiös. Mein Vater ist so deutsch, er sagt Erdogan mit G.

Und trotzdem muss ich mir Sorgen darum machen, wer in sein Taxi ein- und aussteigt. Muss mich, wenn ich mich am Hauptbahnhof in Hanau von ihm verabschiede, weil ein Fahrgast kommt, nochmal umdrehen und mir den Menschen nochmal genauer anschauen.

Wir haben uns perfekt integriert. Wir kleiden uns deutsch, wir verhalten uns deutsch, wir essen deutsch, wir reden deutsch, wir leben deutsch, wir denken auf deutsch, wir träumen auf deutsch, wir streiten uns auf deutsch, erziehen unsere Kinder auf deutsch. Und ich maße mir an, zu behaupten, dass meine Familie und ich deutscher nicht sein können. Wir glauben nicht mal an einen Gott. Und dennoch kann uns niemand garantieren, dass uns kein rassistischer, islamophober Nazi irgendwann mal umbringen wird. Nur weil wir eine schönere Hautfarbe haben als er.

Ich spreche perfektes, akzentfreies Deutsch, fließendes Hessich, ja sogar Sächsisch kann ich sowie viele andere deutsche Dialekte.

Ich arbeite für deutsche Geschäftsführer und korrigiere dort ihre Rechtschreibfehler.

Trotzdem muss ich mir von Kollegen Fragen stellen lassen wie „Deine Eltern sind schon die etwas anderen Türken oder? Sonst dürftest Du ja nicht ohne Kopftuch rumlaufen oder rauchen!“, „Wie viele Geschwister hast Du eigentlich und was sagen Deine Eltern dazu, dass Du keine Kinder willst?“.

Am Anfang nahm ich es noch mit Humor und antwortete auf die ewige Frage zur Weihnachtszeit, was wir eigentlich feiern mit „Den 11. September“ oder entschudigte mein Fehlen auf einer Lebensmittel-Messe damit, dass ich Prüfungsphase in der Koran-Schule habe. Wichtiges Semester, Sprengstoff. Mein Mittagessen wurde jeden Tag kommentiert mit den Worten „Du bist aber experimentierfreudig“, weil ich mit mehr als nur mit Salz und Pfeffer würze. Das ist kein Experiment, das ist meine Kultur.

Doch am Mittwoch, den 19.02.2020, nachdem eine Kollegin tatsächlich meinte, sie habe sich noch nie in die Türkei getraut, weil sie glaubt, Deutsche werden dort abgeschlachtet, war ich auch mit meinem Humor am Ende. Ich packte mein letztes Pick-Up und meinen Ikea-Bleistift ein und ging um 12 Uhr nach Hause. Ich fuhr direkt zu meiner Ärztin, erzählte ihr von meinen Kollegen und ließ mich krankschreiben. Diagnose: Rassismusinduzierte depressive Episode.

Ich schleppte mich erschöpft und ermattet nach Hause und schlief schon bald auf der Couch ein. Am nächsten Morgen wachte ich zu dutzenden verpassten Anrufen, Schock-Emojis und Eilmeldungen zu der vergangenen Horrornacht auf.

Eine der ersten Schlagzeilen, an die ich mich erinnere, lautete „Shisha-Morde“. Es waren keine Shishas, die ermordert wurden und es waren auch keine Shishas, die mordeten.

Es war kein psychisch Kranker, der einfach mal so im Wahn um sich schoss. Es war ein Rassist, der unschuldige Menschen tötete. Es war keine Milieu-Tat, keine Schießerei. Es war ein Attentat, ein Massenmord und eine weitere Schande für Deutschland, seine Geschichte, sein Image.

Und das, was wieder mal im Vordergrund steht, ist der „Migrationshintergrund“ der Opfer.

Man nennt uns „die mit Migrationshintergrund“, doch seid ihr „die mit dem NS-Hintergrund“. Ist das nicht viel erwähnenwerter als die belanglose Tatsache, dass unsere Eltern - zum Teil sogar Großeltern - woanders geboren wurden?

Wäre es nicht viel wichtiger, euren vom Nationalsozialismus, vom Holocaust, vom Genozid und Rassismus geprägten Hintergrund im selben Atemzug zu erwähnen wie euer Menschsein?

Almanya, Du müsstet uns eigentlich die Wohnungen hinterher schmeißen, uns eine Auswahl von Jobs auf dem Silbertablett präsentieren und Dir den Arsch aufreißen, unsere wunderschönen Muttersprachen perfekt zu beherrschen – wenigstens unsere Namen richtig auszusprechen.

Wenn es schon so weit ist, dass ich mit meiner Bio-Deutschen besten Freundin Witze darüber mache, dass sie bald ein Hinterzimmer für mich bauen muss, in dem ich mich verstecken und Tagebuch schreiben kann, dann steht es nicht gut um uns.

Die Tage nach Hanau erschüttern und beängstigen mich nur weiter. Am Tag nach dem Attentat fragen Bio-Deutsche Arbeitskollegen meinen Bruder „Na, hast Du überlebt?“.

Hat er, aber einer seiner Freunde nicht. „Ardal, ich hab Kreppel dabei. Bedienen Sie sich!“ war wohl noch das Netteste, das er sich anhören durfte. Statt Anteilnahme und Solidarität gibt es heute Kreppel.

Ich suche Trost bei meiner Therapeutin, die ich bis zu diesem Montag noch zu schätzen und zu respektieren wusste. Ich fing an, über Hanau zu sprechen.

Statt Anteil zu nehmen, fragte sie erst nochmal nach, was genau diese Shishas eigentlich sind. Ich erklärte ihr, was genau diese Shishas eigentlich sind und ihr erster Kommentar war: „Ja, aber ich habe gehört, die rauchen auch ganz andere Dinge da drin.“

Ich glaube nichts kann schlimmer sein, als das, was am 19.02.2020 gegen 22 Uhr in Hanau passierte.

Doch der Umgang damit in den Tagen danach, die Geschwindigkeit, in der sich der Alltag wieder normalisierte, die Kommentare, das sich einschleichende Vergessen und Verdrängen nachdem die Sensationsgier des postmodernen Menschen befriedigt wurde, das weltweite zwangsneurotische Händewaschen widern mich auf eine ganz andere Art und Weise an.

Hamza, Said Nesar, Gökhan, Mercedes, Ferhat, Fatih, Vili Viorel, Kaloyan und Sedat wurden inzwischen alle beigesetzt.

Sie sind jetzt unter der Erde und es scheint, als seien es ihre Vermächtnisse ebenso. Das Coronavirus hat Hanau von den Schlagzeilen verdrängt. Die Opfer von Hanau liegen unter der Erde und ihre Geschichten mit ihnen. Ihre Angehörigen und Freunde legen unter Tränen Blumen auf den Haufen Erde, Deutschland legt mit einem rechten Lazy Eye seine Mitschuld und seine Verantwortung mit dazu.

Deutschland möchte sich lieber zwanghaft die Hände waschen als sein Hirn. Sich ein paar Illustrationen vom richtigen Händewaschen anzugucken geht leichter über die Seele, als richtig denken zu lernen und für etwas einzustehen, was einen nicht direkt betrifft.

Die jungen Menschen, die ermordert wurden, waren keine Drogendealer und keine Drogensüchtigen. Es waren keine IS-Anhänger, keine Kriminellen und keine perspektivlosen Arbeitslosen. Sie hatten alle Abschlüsse, Jobs, Familien, Freunde, eine von ihnen sogar zwei Kinder, die oben in der Wohnung auf sie warteten, während sie nur schnell eine Pizza und eine Cola für sie holen wollte. Sie haben die Schüsse noch gehört.

Auch wenn keiner von ihnen einen Job, einen Abschluss, Freunde, Familie, Kinder oder Pläne für die Zukunft gehabt hätte, keiner von ihnen hätte sterben müssen und keiner von ihnen hätte sterben dürfen. Nicht in diesem Land, nicht auf diese Art und Weise, nicht wegen solcher Motive.

Wir werden abgeschoben in „Ghettos“, in denen wir wohnen, wie Hanau Kesselstadt, wo mehr Einwandererfamilien wohnen als Bio-Deutsche. Diese „Ausgrenzungs- und Abschiebungskultur“ prägt sich auch in uns ein, und wir sehen uns gezwungen, uns unsere „Freizeit-Ghettos“ zu schaffen, wie Shisha-Bars, Kiosks oder auch einfach Bushaltestellen. Ich frage mich, ob es für den Täter so einfach gewesen wäre, innerhalb von so wenigen Minuten so viele Menschen zu töten, wenn zwischen Gökhan und Ferhat zum Beispiel ein Markus gesessen hätte. Wenn neben Mercedes eine Hannah und neben Sedat ein Daniel gestanden und Hamza sich gerade mit Stefan und Caro eine Pommes geteilt hätte. Wären sie alle integriert, im wahrsten Sinne des Wortes integriert, zwischen all den Daniels und Hannahs und Caros gewesen, wären sie nicht eine so leichte Zielscheibe für den Täter gewesen.

Wir werden verdrängt an den Rand der Gesellschaft und schaffen uns unsere Nischen, die zur einfachen Zielscheibe für Nazis und Attentäter werden.

Er wusste, er müsste nur wild um sich herum schießen und würde genügend in seinen Augen „Fremde“ treffen.

Und das ist die Mutter aller Probleme: Ausgrenzung.

Nicht Multi-Kulti ist gescheitert, Euer Begriff der „Integration“ ist gescheitert. Wir leben in unseren Kesselstadts und Lamboys an den Rand gedrängt, während die Almans in ihren Groß- und Klein-Auheims unter sich bleiben.

Uns fehlen die Berührungspunkte, uns fehlt der Kontakt, das Miteinander. Es herrschen lediglich mehrere Parallelgesellschaften.

Multi-Kulti ist lediglich zu einem Trend unter den Deutschen geworden. Etwas, womit man sich gerne schmückt und sich auch noch gut dabei fühlt. Ihr nehmt unsere Kultur in eure auf und denkt, damit sei es getan. Denkt es reicht, einmal die Woche Falafel oder Hummus essen zu gehen, eure Petersilie beim Türken zu kaufen und zu wissen, was Baklava ist. Rühmt euch alle damit, dass „euer“ Späti-Mann euren Namen kennt und euer Kind in eine Multikulti-Kita in Neukölln geht. Lebt selbst in euren Altbauwohnungen im gentrifizierten Viertel und sagt euren Kindern auf der Straße Dinge wie „Hat der Ali hier aber wieder mal falsch geparkt“ während ihr auf den schwarzen BMW zeigt. (Und die Tochter fragt „Wer ist Ali?“)

Genau, wer ist eigentlich Ali? Das interessiert niemanden. Multi-Kulti ist nur noch ein Regal bei Alnatura. Ihr integriert unser Essen, unsere Musik, bindet euch unsere Tücher auf den Festivals um den Kopf, sprecht den Slang, den wir erfunden haben und fühlt euch dabei „cool“. Aber in der S-Bahn will sich niemand neben den Typen mit der Bauchtasche setzen.

Euer Alnatura-Multikulti kotzt mich an. Wir leben im Zeitalter der Ersatzprodukte. Ihr wollt euer Brot ohne das Weizenmehl, euer Eis ohne die Sahne und euer Multi-Kulti ohne die Menschen. Ihr nehmt allem die Würze, den Genuss und die Essenz und fühlt euch damit „sicher“ und „gesund“.

Ich traue mich schon gar nicht mehr, mich neben weiße Menschen in der Bahn zu setzen. Ich setze mich instinktiv neben die Mädchen mit dem Kopftuch, die Kerle mit der Bauchtasche, die Chayas und Chabos, denn neben ihnen ist ja auch immer alles frei. Jedes dieser Mädchen und jeder dieser Kerle lächelt mich jedes Mal an, wenn ich mich zu ihnen setze. Als würden wir einen Deal eingehen, uns für diese Fahrt zumindest gegenseitig zu schützen.

Seit Hanau begegne ich allen Menschen anders als vorher. Kommt mir ein Nicht-Deutscher entgegen, lächeln wir uns wohlwollend an, als wollten wir uns damit sagen „Pass auf Dich auf“ Ich frage mich bei jedem einzelnen, ob er oder sie der oder die Nächste sein wird.

Begegnen mir Deutsche, bin ich nervös. In der letzten Woche kamen vier verschiedene deutsche Männer in meine Wohnung, um einen Wasserschaden zu begutachten. Bei jedem einzelnen dieser Temine war ich nervös und ängstlich, dass ein Rassist in meine Wohnung kommt und denkt, das dumme ausländische Mädchen hat die Wohnung zerstört.

Jedes Mal stand ich so deutsch ich konnte an meiner Tür und wartete darauf, dass er die fünf Stockwerke schaffte. Jedes Mal begann ich sofort, auf Hessisch das Übel zu erklären und jedes Mal wurde ich eines Besseren belehrt. Keiner von ihnen war rassistisch, keiner von ihnen gab mir die Schuld an dem Wasserschaden und keiner von ihnen trat mit seinen Schuhen auf meinen Teppich. Die meisten von ihnen zogen ihre Schuhe sogar vor der Tür aus. In diesen unmenschlichen Zeiten, rührte es mich fast zu Tränen.

Wir sollten alle wieder lernen, nicht auf den schönen Teppich zu treten. Alles, was man dafür braucht, ist nur ein bisschen Bewusstsein und ein bisschen Respekt.

In den letzten zwei Wochen kamen unfassbar viele Menschen mit Migrationshintergrund zu Wort. Jeder hatte was zu dem Thema zu sagen, eine – mindestens eine – Geschichte zu erzählen. Und es macht mich wütend, dass wir erst zu Wort kommen dürfen, man uns erst dann eine Plattform bietet, wenn wir uns zu der Opferrolle bekennen.

Aus Menschen mit Migrationshintergrund werden Menschen mit Opferhintergrund. Dass man uns nur nach unseren Rassismus-Erfahrungen fragt und das auch erst, nachdem 9 Menschen sterben mussten. Wie gerne würde ich über andere Dinge schreiben wie über die Erfolge im Umgang mit meinen Depressionen, über das Erwachsenwerden, das Glück, die Tante des süßesten Kindes der Welt zu sein, über die Annäherung zwischen meinem Bruder und mir nach jahrelanger Entfremdung, über meine desaströsen Jahre in Berlin, über meinen ersten richtigen Liebeskummer.

Doch das alles rückt in den Hintergrund und stellt sich in eine Reihe mit meiner Migrationsgeschichte. Ich war noch nie und bin immer noch kein Fan der Opferrolle und ich möchte auch eigentlich nicht auf den Opferzug mit aufspringen, aber ich habe zu viel zu sagen, als dass ich die Klappe halten könnte.

Ja, Rassismus ist ein Problem, nicht nur in Deutschland, auf der ganzen Welt. In letzter Zeit wurden immer mehr Bücher zu dem Thema veröffentlicht. Autobiographisches und Workbook-ähnliche Bücher für Menschen ohne Hintergrund, um sich mal mit dem „eigenen Rassismus“ auseinander zu setzen. Und auch hier stellt sich der weiße Mensch wieder in den Mittelpunkt, macht sich selbst zum Opfer und gleichzeitig zum Helden der Nation, weil er ja bei sich selbst anfängt und nun ein Buch über die Probleme liest, die nicht sein, sondern unser Leben bestimmen.

Ich bin kein Fan solcher Bücher, so wichtig sie auch sind. Doch kaufen diese Bücher doch nur Menschen, die sowieso schon mit dem Titel einverstanden sind.

Außerdem schaffen wir Rassismus-Erfahrene damit lediglich ein weiteres Regal in der Rubrik „Bücher für weiße Menschen“ – Jetzt auch von uns geschrieben.

Statt autobiographische Schriften über unsere Lebensgeschichten zu lesen, über unsere Werte, unsere Familien und Freunde, unsere Sorgen, Freuden und Leiden, unsere Erfolge und Fehltritte, liest der weiße Mensch nur unsere Geschichten der Diskriminierung.

Es gibt nur einen Punkt auf der Liste, wie man Rassismus bekämpft:

Lernt uns kennen.

Ihr müsst keine Bücher lesen, isoliert und aus der Entfernung in der sicheren Wohnung. Ihr müsst keinen Bio-Hummus kaufen für euer Multi-Kulti. Ihr müsst euch keine orientalische Playlist auf Spotify anhören, ihr müsst keinen Anti-Rassismus-Workshop belegen.

Geht einfach raus und lernt uns kennen. Wachst mit uns auf, kommt uns besuchen und zieht eure Schuhe vor der Tür aus. Fragt uns nicht, wo wir herkommen und ob unsere Eltern die „etwas anderen Türken“ sind, wieso wir kein Kopftuch tragen müssen, wie viele Geschwister wir haben und ob wir einen Freund haben dürfen. Fragt uns, welche Netflix-Serie wir gerade gucken, wo wir am Wochenende feiern waren und seit wie vielen Monaten wir schon keinen Sex mehr hatten.

Wir sind genau wie Ihr.

Der einzige Unterschied ist, dass wir unsere Rechnungen nie getrennt zahlen.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seda

mensch mit integrationshintergrund. rauche gerne.
Seda

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