Deutschland brennt

Hanau Während Europameisterschaft und Grill-Saison brennt der Rassismus noch immer am heißesten
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Deutschland brennt
Die 700 Teilnehmer*innen an der Sternfahrt nach Hanau wissen, wofür. Für Sedat, für Kaloyan, für Fatih, für Vili, für Ferhat, für Mercedes, für Gökhan, für Hamza und für Nesar

Foto: IMAGO/Patrick Scheiber

Es sind wieder 35 Grad in Deutschland und Almans feiern. Sie feiern den Sommer, sie feiern die EM, sie feiern mit Trikots und Alkohol und Würstchen in rot-gold-braun gefärbt und XXL-Popcorn-Eimern in Deutschlandfarben und mit Fahnen so weit das Auge reicht. Alle feiern Deutschland. Es ist wieder diese eine Zeit, in der sich jeder nicht als deutsch gelesene Mensch wünscht, Deutschland würde so schnell wie möglich aus der EM rausfliegen, damit das endlich ein Ende hat. Mitten im Deutschland-Fieber sind da immer noch diese neun Familien. Diese neun Mütter und neun Väter, diese zahllosen Geschwister und Freunde und Freundinnen, Verlobte, Brüder, Schwestern, Töchter, Söhne, Großeltern in verschiedenen Teilen der Erde und so viele unzählige Mitbürgerinnen und Mitbürger mit und ohne irgendeinen Hintergrund, die darauf warten, dass sich endlich etwas ändert. Dass man den Auswander-Plan á la „Goodbye Deutschland“ endlich wegwerfen kann, weil man hierbleiben will. Doch außer dem ganzen ermüdenden Warten gibt es nichts. Absolut nichts.

Außer circa 700 Leuten, die sich bei 35 Grad in den Sattel schwingen und nach Hanau radeln, ohne sich vorher einzucremen, ohne vorher trainiert zu haben, ohne vorher mal in Hanau gewesen zu sein, ohne zu wissen, wo es überhaupt lang geht. An die 700 Menschen, die einfach fahren, mitfahren, weil sie wissen wofür. Für Sedat, für Kaloyan, für Fatih, für Vili, für Ferhat, für Mercedes, für Gökhan, für Hamza und für Nesar.

Es ist 16 Monate her, dass sie alle ermordet wurden – in einer Nacht, in der sie einfach mit ihren besten Freunden zusammen sein wollten. Genauso wie heute Fußball schauen wollten, feiern wollten. Sei es den Feierabend, sei es den Abschluss der Ausbildung als einer der Besten der Klasse, sei es den Sommer oder sei es einfach nur ein ganz normalen Mittwoch. Sie wollten feiern, sie wollten Deutschland feiern, ihre Ausbildung, ihre Zukunft, ihre Gegenwart, ihre Freundschaften, ihre Sicherheit in diesem Land, in dem ihnen all das ermöglicht wurde. Es endete in ihrem Tod. Und bis heute bleibt es auch dabei. Denn noch immer warten die Familien auf Aufklärung. Sie können noch immer keinen Weg der Heilung, der Akzeptanz, auch nur der kleinsten Versöhnung mit diesem Land eingehen. All das bleibt bis heute aus.

Stattdessen haben wir nur noch mehr Nazis. Nur noch mehr Patrioten, nur noch mehr EM und noch mehr Menschen in Schals und Trikots und Trillerpfeifen, die feiern. Die schwarz-rot-gold feiern. So lange bis sie selbst umfallen. Mitten im Sommer, einer unserer letzten Sommer, wenn wir mal ganz drastisch auf die Wissenschaft hören, sind diese 700 Menschen, darunter zwei, die am Abend vorher aus Freiburg anradelten in ihren selbstverständlich sehr deutschen Radler-Ourfits. Doch dieses Mal wollten sie niemandem beweisen, wie öko und wie sportlich sie sind. Sie wollten auf etwas aufmerksam machen, und man muss es nicht verstehen, Almans und ihre Fahrräder sind etwas ganz Spezielles, und Fahrradfahren gegen Rassismus ist genauso speziell, aber es ist eine schöne Form der Solidarität. Sie waren da.

16 Monate danach: Das Entsetzen bleibt

400 Leute aus Frankfurt und Offenbach und ganz viele weitere aus Aschaffenburg, aus Alzenau, aus Gelnhausen, aus Erlensee, Freiburg und vielen weiteren Orten. Sie alle waren da. 16 Monate nach der Nacht, in der ein Nazi, den man hätte aufhalten können, nicht aufgehalten wurde und neun unschuldigen jungen Menschen das Leben nahm und noch viel mehr Menschen mit einem Leben mit endlosem Schmerz hinterließ. Sie alle waren da und hörten sich die Worte an, die immer noch und schon wieder zu sagen waren. Sie radelten nach Hanau, auf den Freiheitsplatz und hörten sich die Worte der Familien auf einer zentralen Kundgebung zum 19. Juni 2021 mit genau demselben Entsetzen an wie bereits vor einem Jahr.

Vor wenigen Tagen wurde bekanntgegeben, dass 13 SEK-Einsatzkräfte, die in eben dieser Nacht in Hanau im Einsatz waren, Mitglieder in rechtsradikalen Chatgruppen waren. 13 Einsatzkräfte, denen die Macht über die Tatnacht erteilt wurde, 13 Einsatzkräfte, die als erstes vor Ort waren, die dafür zuständig waren, das Werk eines Nazis aufzulösen und das zu retten, was noch zu retten war, die selbst Nazis waren. Das Überleben, das Schicksal dieser neun jungen Menschen wurde von einer Hand eines Nazis in die Hände weiterer Nazis gelegt. All die Dinge, die die Familien selbst recherchieren und in ihrem Schmerz selbst zusammenpuzzeln mussten, ergeben plötzlich so viel Sinn. Nicht die Art von Sinn, die einen heilt, sondern die Art von Sinn, die diese schrecklichen, unfassbaren Informationen zu einer schrecklichen, unfassbaren Struktur einer Republik formt.

Wieso niemand erste Hilfe geleistet hat, als Ferhat am Boden lag und höchstwahrscheinlich hätte überleben können. Wieso die Einsatzkräfte erst so spät am Tatort waren, wieso sie sich verfahren haben, wieso die Sanitäter blockiert wurden, wieso einer der schwer Verletzten als Schutzschuld benutzt wurde, wieso die Abfahrt der Krankenwagen blockiert wurde, wieso das Haus des Täters – obwohl kurz nach 22 Uhr das Kennzeichen von mehreren Augenzeugen durchgereicht wurde – erst gegen halb vier in der Nacht gestürmt wurde, wieso der Leichnam des Nazis auf halber Treppe gefunden wurde und sein Tod als erweiterter Suizid deklariert wird, wieso die leblosen Körper der Opfer zur Obduktion ohne die Einwilligung der Familien freigegeben und dann noch rassistisch beschrieben wurden. Es ergibt so viel Sinn. Dass Çetin Gültekin, der Bruder von Gökhan, mal sagte „Es würde mich nicht wundern, wenn sie mit ihm noch in seiner Küche saßen und Kaffee getrunken haben“, ergibt plötzlich so viel Sinn. Es waren Nazis am Werk. Sie waren kurz vor 22 Uhr am Werk, und sie waren hinterher am Werk, und sie sind immer noch am Werk. Die Familien bekommen bis heute keine anderen Antworten außer der einen Antwort: Nazis.

Deutschland brennt. Deutschland feiert sich selbst. Deutschland brennt auf dem Grill und auf dem Fußballfeld und in Schrebergärten und bei Public Viewings. Mit Schals und mit Würstchen und mit XXL-Popcorn-Eimern. Deutschland brennt. Die eine Frage, die am meisten brennt, nämlich ob Ferhat, ob Vili, ob Gökhan, ob Mercedes, ob Hamza, ob Nesar, ob Sedat, ob Kaloyan, ob Fatih noch leben könnten, brennt am heißesten. Und die Antwort auf diese Frage brennt immer mehr, heißer und lodernder und lautet mehr und mehr: Ja.

20:24 20.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seda

mensch mit integrationshintergrund. rauche gerne.
Seda

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