Bin ich Feminist?

Angestaubter Feminismus Der Artikel von Kersten Artus "Die Tödin" wäre ein guter Grund, die Gender-Seite abzuschaffen. Eigentlich schade.
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Bin ich Feminist? Ich weiß es nicht. Als Junge, geboren in den 70ern, habe ich am eigenen Leibe erfahren, wie sich das Ideal der Gleichberechtigung an der Realität aufgerieben hat und dabei den ein oder anderen Kollateralschaden in der Familie verursacht hat. Nachdem ich mich traumatisiert vom Feminismus abgewandt hatte, verfolge ich jetzt wieder interessiert die Gender-Seite im Freitag. Ich finde es gut, dass es die Seite gibt. Der letzte Artikel von Kersten Artus (https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/die-toedin) wäre allerdings ein guter Grund die Seite abzuschaffen.

Dabei ist das Thema vielversprechend. Darüber, ob der Tod männlich oder weiblich ist, habe ich noch nicht wirklich nachgedacht und sicherlich ist es spannend dieses Thema aus feministischer Perspektive zu betrachten. Allerdings wird der Artikel spätestens ab dem 5. Absatz nur noch ärgerlich: Frau Artus beschreibt die Theologin Becker, die nach mittelalterlicher Tradition Seelfrauen ausbildet und es ablehnt Seelmänner auszubilden, da das „männlich dominierte Beerdigungswesen“ den Tod technokratisch abwickele. Damit nicht genug, behauptet Frau Becker unwidersprochen, ein Mann sei nicht nur pragmatisch, sondern „...oft nur sprachlos und kann seine Gefühle nicht äußern“.

Diese langweilige Polarität zwischen der angeblich emotionalen Weiblichkeit und den angeblich praktisch-pragmatischen Männern, die die Toten „schnell unter die Erde“ bringen, halte ich nicht nur für überholt, sondern für explizit männerfeindlich.

Ich habe außerdem gelernt, dass Frauen anders sterben, denn für Frauen sei in der Nähe zum Tod „Schönheit und Attraktivität (…) von Bedeutung...“ , und „körperlicher Verfall und krankheitsbedingte Entstellungen würden oft als Persönlichkeitsverlust erlebt.“ Ja genau, als pragmatischer Mann ist es mir egal, wie ich stinke und aussehe, wenn ich alt werde. Deswegen wusste ja auch schon mein Großvater, dass Frauen lieber Schuhe kaufen, als sich für Politik zu interessieren.

Oh, liebe Frauenbewegung, sind wir wirklich noch in den 70ern, in denen Männer aggressiv Kriege anzetteln und technokratisch den Kapitalismus organisieren, besänftig nur durch Mutter Erde und liebende Frauen und Mütter?

Im Angesicht dessen, wie schwierig es für Männer und Frauen ist, in unserer Gesellschaft Familie und Beruf miteinander emotional befriedigend zu vereinbaren, finde ich es gut, dass es eine Gender-Seite im Freitag gibt, die auch die Frage nach klassichem Rollen-Verständnis immer wieder neu stellt. Eine Seite, die „Gender“ heißt, aber eigentlich von Frauen für Frauen geschrieben wird, interessiert mich hingegen nicht.

Liebe Gender-Redakteure, habt ihr auch männliche Autoren? Schreibt doch einmal über Themen, die Männer abholen, zum Beispiel über die Diskriminierungen getrennter Väter im Familienrecht, oder über den Spagat, den Männer und Frauen im Berufsleben vollbringen müssen, um neben ihrer beruflichen auch ihre familiäre Verantwortung wahrnehmen zu können. Das fände ich eine spannende Debatte. Eine Debatte, die unumgänglich ist, wenn wir über bestehende berufliche Ungerechtigkeiten zwischen Männern und Frauen reden.

12:39 15.11.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

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