Der Kunde, der ist König

#Medien Die grassierende Medienkritik zeigt: Leser und Zuschauer sehen sich immer mehr als Kunden. Nachrichten sind aber keine Ware. Nachrichten sind ein diskursiver Prozess.
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Der Kunde, der ist König
Ein Königreich für Kunden. Aber Nachrichten sind keine Ware

Foto: JOHANNES EISELE/AFP/Getty Images

Wenn es eine Sendung im öffentlich-rechtlichen Fernsehen gibt, die in diesen Zeiten regelmäßig in das Stimmungstief derjenigen gerät, die überall Systempresse wittern, dann ist es zweifellos Monitor. Alleine die Kommentare auf der Facebook-Seite des Magazins sind ein Schlag in die Magengrube. Was aber versteckt sich eigentlich hinter den Vorwürfen? Welche Erwartungshaltung verbirgt sich hinter dieser unsäglichen Wut?

Nachfragen ja, aber bitte sanft

Im Allgemeinen lautet der Vorwurf, die Journalisten seien von der Regierung gelenkt und würden nur im Geiste einer grün-linken Gesinnung schreiben. Dann aber stört man sich auch ganz konkret am Stil eines Reporters, wenn er bei Winfried Kretschmann etwas hartnäckiger nachfragt. Da geht ein Journalist zu einem Politiker und macht seinen Job. Er hakt nach, bleibt hartnäckig und konfrontiert den mächtigen Grünen mit Zitaten und einer Haltung – und wieder ist der Bürger nicht zufrieden. Zu suggestiv seien die Fragen gewesen, zu aggressiv der Stil und schamlos die Unterstellungen. Keine einzige richtige Frage wurde da gestellt. Auf meedia.de heißt es gar, dass das Video als Negativbeispiel auf Journalistenschulen verwendet werden sollte.

Die Wahrheit gibt es nicht

Was ist nun eigentlich die Aufgabe eines Journalisten? Die Antwort auf diese Frage lautet oft: Die Wirklichkeit abbilden. Klingt einfach. Aber immer wenn es einfach klingt, dann gehen die Probleme erst richtig los. Gerade in der politischen Berichterstattung geht es nicht ohne Interpretationen. Politik lebt von rhetorischen Tricks, von der Inszenierung und der Notwendigkeit Gesetzestexte auszulegen. DIE eine Wahrheit kann es in diesem Geschäft nicht geben. Trotzdem hält sich diese naive Vorstellung, dass man doch einfach nur darüber berichten soll, was auch tatsächlich passiert ist. Der Journalist soll von Tatsachen ausgehen. Um diese endlosen Widersprüche zu klären, in die sich die aufgebrachten Kritiker verstricken, wäre eine lange philosophische Begriffsklärung nötig. Allein der Begriff der Wahrheit lässt sich nicht auf alles gleichermaßen anwenden. Vielleicht formulieren wir es so: Es gibt in der Welt Tatsachen, die so und nicht anders zutreffen. Es gibt sozusagen eine Wirklichkeit, die sich aus faktischen Gegebenheiten zusammensetzt. Bürger haben die Zufahrt einer Flüchtlingsunterkunft blockiert. Daran ist nicht zu rütteln. Das ist passiert. Das ist das Faktische, wie es in einer kurzen Nachricht zusammengefasst wird. Im Kontext des Politischen aber sagt das nicht viel aus, da es dort auf die Interpretation der Geschehnisse ankommt. Was diese Blockade bedeutet, darauf lässt sich nicht mit dem Finger zeigen. Ein Großteil unsere Auseinandersetzungen dreht sich aber genau um solche Bedeutungen. Haben wir es hier mit einem Rechtsrutsch zu tun? Ich glaube ja. Dafür muss ich dann aber auch Argumente finden (Was ich an anderer Stelle nachhole). Andere sehen darin einen rechtmäßigen Ausdruck des Volkswillens und diffamieren mich als Verdreher der Tatsachen. Die Tatsachen aber, die habe ich widergegeben. Der Überbau, die Interpretation, das ist das Wesentliche – mit einer Lüge hat das nichts zu tun. Daher ist Lügenpresse auch eine furchtbar dumme (und geschichtsvergessene) Unterstellung, denn eine Meinung kann nur insofern gelogen sein, als dass ich etwas von mir gebe, an das ich gar nicht glaube, aber so tue, nur um bei meinem Gegenüber etwas Bestimmtes zu erreichen. Selbst das wäre im Rahmen eines Kommentars einer Tageszeitung völlig unproblematisch. Erstens kennen wir den Journalisten privat nicht und könnten ihn einer Lüge gar nicht überführen. Zweitens bewegt sich ein Kommentator immer in einem diskursiven Feld: Auf jeden Kommentar folgt ein Gegenkommentar.

Die Presse ist kein Wunschkonzert

Politik ist Debatte, ist Auseinandersetzung. Punkt. Diese Auseinandersetzung hat der Reporter von Monitor in seinem Beitrag mit Kretschmann gesucht. Er hat das getan, was ein Journalist tun soll. Sich nicht blind an irgendwelches Handwerkszeug klammern, oder an die Dramaturgie eines perfekten Interviews. Er hat das Thema in das Zentrum gestellt und den Politiker unter Druck gesetzt. Dies auszuhalten, das ist der Job von Kretschmann. Ich würde gar sagen, es ist sein Job sich diesem Druck zu stellen. Das ist Demokratie. Und dennoch schreit die Meute auf. Man gewinnt mehr und mehr den Eindruck, dass sich die Leser_Innen und Zuschauer_Innen zunehmend als Kunden fühlen. Wir zahlen Rundfunkgebühren, oder den Preis für die Zeitung, also sendet das, was wir haben/sehen/lesen wollen. Dies ist auch vergleichbar mit dem Vorfall in der Kölner Philharmonie. Wenn einem das Musikstück nicht passt, dann macht man seinem Ärger eben gleich im Saal Luft und erzwingt eine Unterbrechung. Schließlich hat man dafür bezahlt, Musik zu hören und keine experimentelle, fordernde Kunst. Aber kommen wir zurück zum Interview mit Kretschmann: Was wäre, wenn es nicht um die Flüchtlingsfrage gegangen wäre? Wenn der Reporter nicht wegen der Drittländer nachgefragt hätte, sondern wegen eines Skandals in der Größenordnung von Stuttgart 21? Wäre der Aufschrei dann auch so groß gewesen? Ich glaube nicht. Die Presse ist kein Wunschkonzert. Sie soll unser aller Leben in Frage stellen und aus der Selbstgenügsamkeit reißen. Auch das Leben der Politiker. Da kann der grüne Winfried noch so aufgebracht sein. Das ist Politik und die Presse muss ein Teil davon sein.

21:25 02.03.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
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