Die Ideologie der Erfahrung

Zukunft Es heißt, Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans fehle es an Erfahrung. Was bedeutet das eigentlich? Ein Essay über den Unwert der Erfahrung in Zeiten des Umbruchs
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Die Ideologie der Erfahrung
Zwei Greenhorns – zum Glück!

Foto: Thomas Lohnes/Getty Images

Nun hat es die SPD also gewagt und mit Saskia Esken und Norbert Walter-Borjans dem ewigen „Weiter so“ einen Denkzettel verpasst. Der konservative Teil des Landes ist in Aufruhr. Die Kommentatoren im Hause Springer mitunter außer sich. Nichts, was nicht zu erwarten gewesen wäre und dennoch weiß niemand so recht, was nun von diesem Duo zu erwarten ist. Alle Kommentatoren schlagen in die selbe Kerbe: Zwei Politiker ohne Erfahrung auf der großen Bühne der Bundespolitik. Und in der CDU/CSU macht sich Panik breit, weil das Kalkül nicht mehr aufzugehen droht. Denn mit der Großen Koalition war zu rechnen, im buchstäblichen monetären Sinne: Die Unternehmen können sich bei der Groko darauf verlassen, dass es zu keinen großen Einschnitten kommen wird. Man betrachte nur die fragwürdige Politik der Landwirtschaftsministerin, die sich im Strom der Bauernlobby treiben lässt. Oder aber die lächerlich niedrige CO2-Abgabe. Alles soll so bleiben, wie es ist.

Ein möglicher Linksruck der alten Tante SPD könnte der Koalition wahrlich den Dolchstoß verpassen und eine echte linke Mehrheit – womöglich Rot-Rot-Grün – möglich werden lassen. Bis es soweit ist, müssen natürlich einige Hindernisse überwunden werden. Vor allem aber gilt es, sicheres Terrain hinter sich zu lassen. Aber geht das alles ohne die notwendige Erfahrung?

Auf diesen Mangel kommen Veit Medick und Benjamin Braden in ihrer kurz nach der Stichwahl veröffentlichten Videoanalyse auf Spiegel Online sofort zu sprechen: Diese neue Führungsspitze habe bislang sehr wenig vorzuweisen. Saskia Esken sei Abgeordnete, habe aber bis jetzt keine große Rolle gespielt. Und Norbert Walter-Borjans, der war Finanzminister in NRW. Auf Bundesebene sind beide unbeschriebene Blätter. Wie also sollen sich diese Greenhorns auf dem unwegsamen Parkett in Berlin überhaupt erfolgreich durchsetzen können?

Die Forderung nach Erfahrung

Das Insistieren auf die Erfahrung ist uns allen sehr vertraut. Wir begegnen ihm jeden Tag. Der neue Trainer des FC Bayern, Hansi Flick, habe bislang keine großen Titel gewonnen und sei eigentlich nur als Co-Trainer in Erscheinung getreten. Kevin Kühnert ist gerade mal 30 Jahre alt und hat doch nichts geleistet. Klimaaktivistin Greta Thunberg, die linke US-Demokratin Alexandria Ocasio-Cortez oder der junge Studienabgänger, der sich auf eine Stelle bewirbt – sie alle bekommen sofort die Frage nach der Erfahrung unter die Nase gerieben.

Das klingt ja zunächst auch sehr vernünftig. Wer Erfahrung gesammelt hat, der weiß in entsprechenden Situation schnell und sicher zu reagieren. Aber genau dieses Wort „entsprechend“ verweist auf das Problem. Handelt es sich um standartisierte Tätigkeiten, die nach festen Mustern ablaufen und die ohne Infragestellung durchgeführt werden sollen, hat der Begriff durchaus seine Berechtigung. Erfahrung setzt auf Wiederholbarkeit und Ähnlichkeitsverhältnisse, bewegt sich dabei aber in einem begrenzten, eng abgesteckten Feld. Kreative Ideen, politische Visionen und kritische Korrekturen haben daher mit Erfahrung herzlich wenig zu tun. Aber bleiben wir einen Moment bei diesem Begriff, der in der Arbeitswelt zu einer Universalforderung geworden ist.

Von der Ideologie der Erfahrung

Kevin Kühnert hat keine Erfahrung. Diesen Einwand hört und liest man gerne von älteren Zeitgenossen, die sich am jungen Alter des Juso-Vorsitzenden stören. Erfahrung verweist hier auf zwei Dinge: Auf eine ewige Prüfung und auf das Einfordern von Respekt. Letzteren sollte die junge Generation doch bitte erstmal gegenüber den Älteren aufbringen. Die andere, neue oder frische Perspektive wird als Beleidigung aufgefasst. Schließlich habe man, hat die ältere Generation diese Gesellschaft (dieses Land, diese Firma usw.) aufgebaut. Nun kommen kleine Kinder ohne (Lebens-)Erfahrung und kritisieren das Geleistete. Frechheit!

Die derzeitige politische Lage drängt zur Frage, ob es nicht an der Zeit ist, sich von der Ideologie der Erfahrung zu befreien. Welche Erfahrungen haben wir denn schon mit dem Klimawandel? Mit dem Aufstand der neuen Rechten? Daran hängt ein ganzes Bündel an weiteren Fragen: Wann darf oder kann ein junger Mensch den Respekt überhaupt ablegen? Ab wann hat man in unserer Gesellschaft genug Erfahrung gesammelt, um selbst einer der Erfahrenen zu werden? Und vor allem, um welche Art der Erfahrung geht es hier eigentlich?

Der Begriff der Erfahrung, der hier in Stellung gebracht wird, ist gleich einer ewigen Prüfung, deren Bestehen durch keine festen Regeln festgeschrieben ist. Erfahrung ist wie eine Latte beim Stabhochsprung, die immerzu höher gelegt wird. Genau das ist der zentrale Punkt einer äußerst problematischen Ideologie des Stillstands, die ihren perfekten Ausdruck im letzten Wahlslogan von Angela Merkel findet. Dieses Sie kennen mich! heißt übersetzt: Ich habe Erfahrung und sie wissen, womit sie rechnen können. Der wohlig warme Zauber des Kalküls. Damit wird die Karte der Sicherheit und der Berechenbarkeit ausgespielt. Ob mit diesen Erfahrungen aus der Vergangenheit die Probleme unserer gegenwärtigen Welt überhaupt gelöst werden können, danach fragen die wenigsten: Schwarze Null, Sonntagsbraten und SUV. Alles bleibt so, wie wir es schon die letzten Jahre erfahren haben. Alles geht seinen altbekannten Weg.

Erfahrung ist eine Machtformel

Im Kern geht es ja gar nicht um wirkliche Erfahrung. Es wird häufig auf diese wohlklingende Formel zurückgegriffen, um die bestehende Ordnung mit all ihren hierarchischen Machtpositionen zu erhalten. Der Begriff der Erfahrung, wie er in unserer Gesellschaft vorherrschend ist, hat eine pädagogische Tiefenstruktur: Er ist ein Werkzeug der Erziehung. Wer kennt ihn nicht diesen väterliche Satz: Solange du deine Füße unter meinem Tisch hast, tust du was ich dir sage. Was aber, wenn das Holz des Tisches bereits morsch ist?

Es handelt sich hier also um ein sehr klassisches und reaktionäres Lehrer-Schüler-Verhältnis. Der Erfahrene/Ältere/Mächtigere gibt seine Erfahrungen an den Unerfahrenen/Jüngeren/Untergebenen weiter. Dieses Prinzip der Erklärung enttarnte der französische Philosoph Jacques Rancière bereits 1987 in seinem Buch „Der unwissende Lehrmeister“ gekonnt hintersinnig als Verdummung: Der Lehrer bestimmt, welche Erfahrungen gemacht werden und wann die Prüfung zu Ende ist. Eigenen Erfahrungen wird kein Raum eingeräumt. Allein der Versuch einer Emanzipation von den bestehenden Verhältnissen wird verunmöglicht. Das, was ist, ist die Wahrheit, das Gute und Erstrebenswerte. Die Forderung nach Erfahrung ist das Setzen und Stabilisieren einer hierarchische Ordnung, die sich auch in der Einforderung nach Respekt deutlich zeigt. Ob diese Struktur mit unserer weitgehend egalitären Vorstellung von Demokratie kompatibel ist? Zweifel sind angebracht.

Dabei geht es nicht um eine Revolution. Dieser Text handelt nicht von einem anarchistischen Projekt. Es geht vielmehr darum, dass wir gegenwärtig mit Fragen konfrontiert sind, bei denen uns all die holde Erfahrung nichts nützen wird. In unserer schnelllebigen Welt der Disruptionen, Veränderungen und neuen Herausforderungen ist die Erfahrung von gestern heute schon nichts mehr wert.

Es muss nicht mal um den Klimawandel gehen, um dies zu verdeutlichen. Ein Blick nach Bayern genügt. Der bayerische Ministerpräsident will weiterhin am dezidiert bayerischen Schulsystem und den bayerischen Ferien festhalten, weil man damit eben gute Erfahrungen gemacht habe. Bestehen bleibt, mit Hilfe der Erfahrung, das altmodische dreigliedrige Schulsystem, welches sich neuen, kinderfreundlicheren Erkenntnissen der pädagogischen Forschung verweigert.

Es ist Zeit für Experimente

Wie aber Handeln, wenn wir nicht mehr auf unsere Erfahrung zurückgreifen können? Die Antwort auf diese Frage liegt auf der Hand: Wir benötigen eine neue Kultur des Experiments und damit eine völlig andere, offene und liberalere Fehlerkultur. Es muss erlaubt sein, neue Pfade zu finden. Der Irrweg gehört dazu. Wir dürfen das Handeln nicht länger aus dem starren Wissen ableiten, sondern müssen vielmehr aus dem Unvermögen und dem Unwissen heraus handeln. Das klingt absurd? Ganz im Gegenteil. Es ist eine freundliche Utopie des Machbaren. Wenn wir uns unserem Unvermögen stellen, sind wir gezwungen nach kreativen Lösungsansätzen zu suchen. Die Politik hat genau das verlernt, weil die Parteien auf Erfolg und Wählerstimmen angewiesen sind. Jede Abweichung vom Gewohnten erzeugt Angst – ganz alltägliche Angst. Das kostet zunächst Zuspruch. Das politische System muss einen anderen Umgang mit diesem Risiko finden.

In dieser Angst vor dem Experiment auch einer der Gründe, warum sich trotz der großen Bedrohung durch den Klimawandel so wenig ändert. All die rationalen Argumente zerschellen an der tagtäglichen Erfahrung, der gelebten Praxis. All die politischen Reden appellieren an die Vernunft. Menschen aber ändern ihr Verhalten nicht, weil gute Gründe dafür sprechen. Da kann sich Jürgen Habermas noch so sehr auf den Kopf stellen. Nicht das Denken verändert das Denken – es ist die alltägliche Erfahrung, die unsere Einstellungen prägt. Genau daran muss die Politik ansetzen und beharrlich die soziale Infrastruktur und den Alltag der Menschen verändern, damit die Menschen sich an das andere gewöhnen können - damit aus den Entsagungen, die angesichts des Klimawandels unausweichlich werden, neue Chancen und andere Lebenswirklichkeiten erwachsen. Aus der gelebten Praxis (oder der wirklichen, offenen Erfahrung) folgt eine Akzeptanz für das Andere. Das bedeutet aber auch, dass wir nicht mehr auf die alte, gesetzte Erfahrung bauen können. Wir müssen uns dem Unvermögen stellen und neue Alltagspraktiken erfinden.

In seinem Essay „Über das, was wir nicht können“ thematisiert der Philosoph Giorgio Agamben die mobilisierende Kraft des Nichtkönnens. Erst wenn wir an eine Grenze stoßen, können wir ausloten, zu was wir eigentlich fähig sind. Erst dann kommen wir auf neue Lösungen, indem wir Wissengebiete aufeinander beziehen, die in der alten Ordnung des Wissens (der Ordnung der Erfahrung) bislang nicht kombiniert werden durften. Aus dem Mangel oder der Konfrontation mit einem Hinderniss entstehen vollkommene neuartige, andersartige Stile und Positionen. So hatte der Jazzpianist Theolonius Monk eine sehr eigenwillige, hämmernde Spieltechnik, durch die er das Tempo immer ein wenig verschleppt hat. Sein Spiel gleicht manchmal einem Stolpern. Ein heutiger Klavierlehrer hätte ihm diese womöglich ausgetrieben. Mit seinem eigenen Unvermögen konfrontiert, fand Monk seinen eigenen Umgang. Das Ergebnis ist brillant - ein brillanter Fehler, wenn man so will.

Auf die Frage, wie man zum Glauben komme, antwortete der Mathematiker und christliche Philosoph Blaise Pascal (1623 - 1662): „Knie nieder, bewege deine Lippen zum Gebet und du wirst glauben.“ Die Erfahrung des gelebten Glaubens verändert das Denken, so das Argument: Stelle dich deinem Nichtglauben durch eine Praxis des Betens. Wir allerdings sind kurz davor unseren Glauben und damit unsere Zukunft zu verlieren, weil wir zu sehr auf Erfahrung setzen. Beten allein wird uns da allerdings nicht helfen. Wir müssen unseren Respekt ablegen.

14:57 04.12.2019
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
Sebastian Seidler

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