Joko, Klaas und die Männer

Feminismus „Männerwelten“ führt uns die Alltäglichkeit der Gewalt gegen Frauen vor Augen. Es ist an der Zeit, dass sich auch Männer stärker gegen Sexismus engagieren
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Joko, Klaas und die Männer
Nun wird also geredet. Und gleichzeitig herrscht immer noch zu viel Schweigen

Foto: Pablo Blazquez Dominguez/Getty Images

Die 15 Minuten „Männerwelten“, die Joko Winterscheidt und Klaas Heufer-Umlauf auf ProSieben in den Mainstream geschickt haben, sorgen für Aufsehen und große Diskussionen. Wie immer gibt es Zustimmung und ebenso große und teilweise nachvollziehbare Vorbehalte. Kapern hier nicht einfach zwei Fernsehmacher, die in der Vergangenheit mit durchaus sexistischen Aktionen aufgefallen sind, ein wichtiges Thema, um für sich und ihre Shows Werbung zu machen? Ist es okay, wenn lediglich Cis-Frauen sprechen? Was ist mit Transsexuellen, mit People of Color und anderen zu wenig repräsentierten Minderheiten? All diese Fragen sind berechtigt. Die Frage, ob dieser eine Beitrag nun gelungen ist oder nicht, sollte jedoch keine Rolle spielen.

Nichts ist unwichtiger, als die Frage des Gelingens. Wir sollten uns nicht damit aufhalten. Denn dieser Beitrag war nicht gelungen. Er wäre dann gelungen, wenn es ihn nicht hätte geben müssen. Bis wir jedoch an diesem Punkt angelangt sind, muss jeder Beitrag als das gesehen werden, was er ist: Lediglich eine weitere Perspektive in der Suche nach Lösungen und immer auch als ein Scheitern daran, allen gerecht zu werden. Es handelt sich immer um singuläre Perspektiven, die vertieft, verschoben und transformiert werden müssen. Daher gibt es das Gespräch, indem wir dann unsere Schlussfolgerungen ziehen und weitere, andere, diversere „Männerwelten“ folgen lassen müssen: Eine Phalanx aus Stimmen gegen diese Gewalt.

Immerhin, so kann man sagen, wird über das Thema sexuelle Gewalt geredet. Nicht endlich. Das wäre falsch. Denn geredet wird über die Rechte von Frauen und Minderheiten, über fehlende Gleichberechtigung und gewalttätige, sexuelle Übergriffe schon lange. Seit Generationen. Die feministischen und queeren Stimmen werden nur zu selten gehört oder nicht ausreichend durch die Medien verstärkt. Doch vielleicht zum ersten Mal wurde dieses Thema nun in einen völlig anderen Raum hineingetragen. ProSieben ist eine Blase in unserer Welt und man kann nur hoffen, dass eine große Anzahl an Menschen in dieser Blase mit einem Thema konfrontiert wurden, dem sie sich bislang – wie auch immer – entziehen konnten.

Nun wird also geredet. Und gleichzeitig herrscht – trotz #aufschrei und #MeToo – immer noch zu viel Schweigen. Zuviel Schweigen von männlicher Seite. Während die Frauen ihre Wunden zeigen und vorführen müssen, damit sie überhaupt gehört werden, schweigt eine Mehrheit der Männer. Vielleicht nicht in ihren Reaktionen auf „Männerwelten“. Aber im Alltag ist männliches Schweigen omnipräsent und toxisch. Darauf hat Margarete Stokowski in ihrer Spiegel-Kolumne vollkommen zu Recht hingewiesen. Und auch Anne Wizorek bringt es auf den Punkt, wenn sie fragt, was denn bitte die Männer dafür tun, damit dieses Verhalten erst gar nicht mehr stattfindet.

Es ist also Zeit den Text ins Persönliche zu biegen.

Sofort kommen mir komplexe Fragen in den Sinn. Was heißt es überhaupt, als Mann zu sprechen? Was bedeutet es, zu diesem Thema zu sprechen, wo doch hauptsächlich Frauen Opfer von männlicher Gewalt werden? Wie kann mein Sprechen überhaupt angemessen sein, wenn ich niemals Opfer von sexueller Gewalt geworden bin? All diese theoretischen Spiralen und letztlich identitätspolitischen Fragen werden am Ende zu nichts führen. Männer müssen einfach beginnen und sehen, wohin dieses Sprechen führt, das selbstverständlich kein Monolog sein darf. Fehler müssen erlaubt sein und verziehen werden. Vielleicht ist es in diesem Zusammenhang besser, wenn man Verletzlichkeit als wesentliche Fluchtlinie nennt. Denn zum Subjekt der Männlichkeit, zum Mann als Mann gehört leider ein bestimmtes Phantasma der Stärke. Dieses müssen wir in Frage stellen. Also müssen wir uns verletzlich machen. Das heißt aber auch, dass es möglich sein muss, dass aus Fehlern gelernt werden kann/darf. So sollten wir ebenso bei Joko und Klaas eine Lernkurve voraussetzen.

Es beginnt aber auch mit einem Moment der Ehrlichkeit, der auch weh tun muss. Auch ich habe zu oft meine Klappe gehalten. Obwohl ich mich mit einem Großteil dessen, was zum Mann-Sein gehören soll, niemals identifizieren konnte, ist es auch mir nicht gelungen, dieses innere Widerstreben immer konsequent nach außen zu tragen. Stattdessen habe ich über den Kommentar eines Arbeitskollegen über die dicken Brüste einer Kollegin geschmunzelt. Habe selbst sexistische Witze gerissen, um Teil einer (männlichen) Gemeinschaft bleiben zu können, weil ich mich sonst einsam gefühlt hätte oder Angst hatte, berufliche Konsequenzen zu spüren. Ich habe mir Mühe gegeben. Ob mein Verhalten dabei immer angemessen war? Ich kann es nicht sagen.

Privilegien müssen reflektiert werden

Was ich aber sagen kann: Ich bin weiß, heterosexuell und Vater von einem Jungen. Äußerlich bin ich also ein Mann. Gleichzeitig musste ich in meiner Jugend lernen, dass zum Mann-Sein mehr gehört, als einen Penis zu haben und Frauen zu begehren. Sobald man bestimmte Codes nicht bedient, die in unserer Kultur jeden Tag ganz selbstverständlich weitergetragen werden, wird man sanktioniert. Mens Health, Beef und Playboy waren nie meine Welten. Ich habe Fußball gespielt. Aber auch gerne Gedichte gelesen. Unter der Dusche des Fußballvereins wird man dafür auch gerne mal mit eiskaltem Wasser abgespritzt – volle Kanne auf die Genitalien. Man gilt als Schwuchtel (womit ich heute kein Problem mehr hätte), verweichlicht und wird schnell Opfer von Beleidigungen. Die „harmlosen“ Streiche bestimmter Alpha-Jungs galten immer denen, die anders waren.

Nun bin ich weiß, männlich und heterosexuell. Das heißt, ich bin in dieser Welt strukturell privilegiert. Auch bei diesen Erfahrungen, während des Erwachsenwerdens, bin ich in einer guten Position gewesen – eigentlich gut weggekommen. Ich habe nichts von dem am eigenen Leib erfahren, was Frauen, Homosexuelle, Transsexuelle oder Migranten tagtäglich erfahren müssen. Die Angst vor einem Übergriff auf dem Nachhauseweg, die Angst ums eigene Leben – all das übertrifft meinen pubertären Schmerz unendlich.

Dennoch glaube ich, dass wir eben über diese Erfahrungen ebenso sprechen müssen, wenn wir diese Spirale der Gewalt durchbrechen wollen. Wenn Männer sich aus dem Schweigen lösen sollen, müssen wir, in Anlehnung an den berühmten Satz von Simone de Beauvoir, anerkennen: Jungs werden nicht als Männer geboren, sie werden zu Männern gemacht. Nicht nur von ihren Vätern. Auch ganz viele Mütter sind in normativen Zwängen gefangen. So sind eben Jungs. Wild. Laut. Sie raufen eben gerne. Die Mädchen sind still und kommen immer mit sauberen Klamotten nach Hause.

Wieso wundern wir uns, dass sich diese Dichotomie aus aktiv/passiv durch die Welt der Erwachsenen zieht? Unsere Bildungsinstitutionen, die Kitas und Schulen, sind an dieser Situation nicht unschuldig. Dort braucht es mehr diversity. Mehr Männer in der Kita reichen da nicht aus. Es braucht mehr Schwule, Lesben, Transgender und Migranten. Diese Vielheit muss erkämpft werden. Ganz klar. Denn bereits Männer werden von vielen Eltern im Kindergarten skeptisch gesehen. Am Ende bedeutet Vielheit ein Mehr an Räumen, an Möglichkeiten der Identifikation. Kann das ein Weg sein, diese starrten und toxischen Identitäten der Männlichkeit aufzubrechen? Ich hoffe es.

All diese Überlegungen ändern natürlich an der akuten Situation nichts. Heute schon müssen die Männer (die anderen Männer?) es wagen, killjoys zu sein, um einen Begriff der feministischen Theoretikerin Sara Ahmed zu benutzen: Lasst uns fröhliche Spielverderber sein, gegen die Regeln spielen und dem Sexisten neben uns die Grenzen aufzeigen. Lasst uns aber auch die eigenen Privilegien hinterfragen und die Möglichkeiten anderer Lebensentwürfe genießen. Je mehr wir sind, desto leichter schlagen wir diesem System ein Schnippchen.

Ich denke dabei an die Punkband Idles aus Bristol, die ein geschicktes Spiel aus musikalischer Härte und männlicher Verletzlichkeit spielen. In seinen Texten thematisiert Sänger Joe Talbot seine Männlichkeit und durchmisst neue Räume der gemeinsamen Emanzipation. Er spricht von Gefühlen, von der harten Hand der Väter und von Verletzlichkeit. Es ist vollkommen okay, wenn ein Mann weint. Solche Vorbilder prägen junge Männer und fügen dem, was Männlichkeit sein kann, andere Bilder hinzu. Mutige Bilder. Gegen diese sexistische Kackscheiße da draußen.

12:26 24.05.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
Sebastian Seidler

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