Tempo, Schulden, Gier

Film „Der schwarze Diamant“ von den Safdie-Brüdern ist reine Kino-Energie. Selten wurde die Dynamik der Schuld im Kapitalismus so fesselnd eingefangen
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Tempo, Schulden, Gier
Adam Sandler spielt einen Juwelier aus New York

Bild: Netflix

Dieser Film pocht und peitscht im Rhythmus seiner Hauptfigur. Howard Ratner (großartig gespielt von Adam Sandler) ist Juwelier in New York. Zwar hat es Ratner zu einem gewissen Wohlstand gebracht. Zu den ganz großen Fischen gehört er allerdings nicht. Dennoch – er könnte ganz gut leben von seinem Job. Wenn da nicht diese Gier wäre, diese Sucht nach Adrenalin, Wertzuwachs – nach reinem Kapitalismus.

Ratner ist spielsüchtig. Sportwetten sind seine Leidenschaft. Rastlos, wie ein Heroinabhängiger auf der Suche nach dem nächsten Schuss, hetzt dieser Mann durch seine zweifelhaften Deals. Hinaus geht es also auf die hektischen Straßen von New York. Das Telefon immer am Ohr. Hinein geht es in ein Restaurant, um eine Wette abzugeben. Zurück in seine Wohnung, ins Bett seiner jungen Freundin. Die Ehe natürlich im Eimer.

Weil er auf zu großem Fuß lebt, sind ihm die Schuldeneintreiber auf den Fersen. Im Grunde scheint er daran gewöhnt zu sein, mehreren Leuten Geld zu schulden. Die Gefahr lässt er nicht wirklich an sich heran. Immerzu geht es voran. Für ihn scheint sich alles um die kurzen Highs zu drehen, wenn er einen guten Deal eingefädelt oder eine Wette gewonnen hat. Ein Unterschied besteht dazwischen nicht mehr: Ob Deal oder Wette – alles ist Spekulation, ein Glaube an zukünftigen Wertzuwachs, ein Surfen auf und in den Geldströmen.

Reine Energie aus Bildern

Dann ist der Deal des Lebens zum Greifen nah. Irgendwie hat es Ratner geschafft einen ungeschliffenen, schwarzen Opal direkt aus einer Mine Äthiopiens in die USA zu schmuggeln. Eine satte Million soll der Stein wert sein. Aber weil er die Aktion nicht abwarten kann und mit dem Stein ein Zwischen-Wettgeschäft eingeht, gerät alles außer Kontrolle. Eine Tragödie bahnt sich an, deren Ausgang sicherlich nicht überraschen mag. Die Art und Weise, wie es diesem Film gelingt, diese abstrakte Energie des Kapitalismus auf die Leinwand zu zaubern, lässt einem den Atem stocken.

Die Kamera ist ganz nah dran, arbeitet mit Zooms, schnellen Schnitten und einem beeindruckenden Sounddesign den Puls aus diesen Bildern. Alles im neuen Film der Safdie-Brüder („Good Time“) ist intensive Energie. Die gesamte Form des Films ist Ausdruck von Adrenalin und Geldströmen, von Hochgeschwindigkeitsdeals und Risikowetten. Eigentlich eine Schande, dass man dieses kleine Kunstwerk nur auf Netflix sehen kann. Im Dunkel des Kinos würde dies Wucht des Films noch stärker kommen.

Das Beeindruckende ist letztlich aber nicht die reine Körperlichkeit dieses Thriller-Dramas. Benny und Josh Safdie haben es geschafft, die Funktionsweise des Kapitalmarkts körperlich werden zu lassen. Doch geht es um viel mehr. Das Herz des Films ist die Schuld. Wettschulden und moralische Schulden werden dabei gleichwertig behandelt. In seinem großen Essay „Postskriptum über die Kontrollgesellschaften“ formulierte es Gilles Deleuze so: „Der Mensch ist nicht mehr der eingeschlossene (in Felder der Disziplinierung, Anmerkung des Autors), sondern der verschuldete Mensch.“ Überall gilt es den Anschluss zu halten und Zielmarken zu erfüllen, die man natürlich niemals erfüllen kann.

Bei der Theateraufführung seiner Tochter muss sich Ratner rechtfertigen, warum er dieses Jahr nicht in den Urlaub fährt. Die Trennung des Ehepaars soll weiterhin verschwiegen werden. Die heile Familie wird aber nicht nur wegen der Kinder gespielt. Die Ehe ist ein Investment, wie auch der Urlaub in Europa zu einem Investment in die Bildung der Kinder wird.

Mit der Sehnsucht nach mehr lehnen wir uns aus dem Fenster. Kredite ermöglichen die sofortige Erfüllung unserer Konsumwünsche. Um für das Alter abgesichert zu sein, speisen wir Geld in die großen Wettspiele der Börse ein. Im Zentrum dieses Treibens ist das große Nichts, das sich in „Der schwarze Diamant“ zu eben diesem Opal materialisiert. Dieser eigentlich wertlose Stein, wird zum Motiver der Sehnsucht nahezu aller Figuren im Film. Wer mit ihm in Berührung kommt, wird verzaubert – verzaubert sich selbst. Das Glitzern der mineralischen Struktur überträgt sich – wie es bei vielen unserer Waren der Fall ist – auf den Besitzer.

Der innere Glanz des Kapitalismus

Für Jean Baudrillard, dem französischen Soziologen und Postmodernisten, stand fest, dass Produktionswert und der Nutzwert bei einem Großteil der modernen Waren keine große Rolle mehr spielt. Vielmehr geht es um den Zeichenwert, d. h. für was die Ware steht, was sie be-deutet: Jedes beliebige Auto kann mich von A nach B bringen, aber nur ein Porsche lässt dich die Freiheit der Straße spüren. Oh, wundersame Welt der Zeichen. Wir konsumieren Männlichkeit und Weiblichkeit. Rauchen wie ein Rock’n’Roll-Star. Der ungeschliffene Opal steht für Sieg, Macht und Freiheit. Wer ihn besitzt, ist allein aufgrund dieser Tatsache, den anderen überlegen.

In einer kühnen Montage kommt die ganze Kapitalismuskritik der Safdies auf den Punkt. In der Mine – mit diesen Bildern beginnt der Film – fährt die Kamera in das Innere des Diamants. Zu sphärischen Klänge wähnt man sich im Kern des Zaubers, bis sich die Bilder plötzlich wandeln und man einer Darmspiegelung beiwohnt. Man ist bereits zu Beginn im Arsch – in dem von Ratner. Diese ironische Montage legt die Lächerlichkeit unseres Treibens mit bitterem Humor offen. Die Schuld ist der Anfang und niemals das Ende. Sie streut wie ein Tumor.

Der Film ist als Stream auf Netflix abrufbar.

16:38 09.02.2020
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
Sebastian Seidler
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 1

Der Kommentar wurde versteckt
Avatar
Ehemaliger Nutzer | Community
Dieser Kommentar wurde versteckt