Vom Wuchern der Mythen

Filmkritik Mit „Playland USA“ startet ein kühner Dokumenarfilm über die mythische Seele Amerikas und die verführerische Kraft der Fiktion
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Im Herzen des Films steht ein schäbiges Motelzimmer. Es ist eines dieser Absteigen, wie sie aus den unzähligen Hollywoodfilmen bekannt ist. Die Kamera schleicht schwebend um die Ecke, dem Geräusch der laufenden Dusche entgegen. Vor dem inneren Auge tauchen Filmszenen auf. Das Genre-Gedächtnis arbeitet. Aus dem Bilderstrom schält sich eine Bedrohlichkeit heraus. Die Aufmerksamkeit steigert sich und man sitzt atemlos im Kinosessel, weil diese Bilder nicht mehr einzuordnen sind: Ein Dokumentarfilm unterbricht sich selbst.

Doch der Anklang von Psycho wird verfliegen. Die Kamera wird keine Person unter der Dusche entdecken. Kein Messer, kein Blut. Stattdessen überall Zeichen und Spuren, die sich in diesem kleinen Raum zusammendrängen. Zeichen aus dem anderen, dem dokumentarischen Strang dieses kühn montierten Films: Fernsehbilder, Zeitschriften, Nachrichten.

Die Umkreisung der Leerstelle

Dieses symbolisch überfüllte Motel ist das Sinnbild für die Leerstelle, um die Playland USA beständig kreist. Dorthin hat sich die "echte", "authentische" USA zurückgezogen und von dort aus blickt er/sie/es auf die Mythen, die Fiktionen und Phantasmen, die das Land mit Bedeutung auffüllen und mit Hoffnungen und Wünschen überschütten. Aber auch hier ist vor den Abbildern kein Entkommen. Der semantische Nullpunkt der Geschichte wird als ein Bruchstück aus einem Film Noir erzählt.

Regisseur Benjamin Schindler hat einen großartigen Film über den Gründungsmythos der USA gedreht: Der Glaube an die Unabhängigkeit und die absolute Individualität, an den großen Traum eines Neuanfangs und die Freiheit. So zumindest lauten die großen Vokabeln, die immer schon den Landraub, die Gewalt und Plünderungen an den indigenen Ureinwohnern überdecken sollen. Um sich von diesen „Wahrheiten“ zu befreien, schafft sich ein Land seinen eigenen Gründungs-Mythos, indem es die eine Geschichte unendlich vervielfältigt und die große Idee der großen Nation als eine Kette von unzähligen Geschichten erzählt.

Geschichte wird gemacht. Und mit Geschichte Politik. Taucht man mit dem Film und seiner bestechenden Analyse in diese Mythen, so bleibt nur der Akt des Geschichtenerzählens übrig - ein Kreisen der Geschichten um eine leere, niemals erfüllbare Idee. Einer der namenlosen Protagonisten, ein Mann indigener Abstammung, legt den Finger in die Wunde, als er sagt, dass die Geschichte der "Ureinwohner" immer schon verzerrt und von Hollywood ausgenutzt wurde. Für einen ganz kurzen Moment tut der Film so, als sei er ein klassischer Dokumentarfilm, als würde er den O-Ton stehen lassen. Nur um durch den nächsten Schnitt zu zeigen, dass keiner den Geschichten und Mythen entkommen kann: Wir sehen den zuvor so reflektierten Mann, wie er vor Touristen den "Indianer" spielt. Es gibt kein Außen mehr in diesem Spiel der Zeichen. Alles ist mythischer Text.

Die Geschichte aus den Geschichten ziehen

Das großartige an Playland USA ist, dass er kaum historische Aufnahmen verwendet. Schindler filmt die Performance, die Aufführung, das Reenactment von Geschichte. Sein Thema sind Abbildungen, Aufführungen, Spiegelungen und Doppelungen. In Westernstätten und an historischen Orten werden Schauspiele aufgeführt, in denen die Touristen etwas über die Geschichte des Landes erfahren sollen. Diese Aufführung ist natürlich für den Amerikaner selbst eine Art Rückversicherung der eigenen Identität - Geschichte wird hier gemacht und in Szene gesetzt. Playland erweist sich als passender, weil vielschichtiger Titel: Einerseits sind damit Erlebnisparks gemeint, andererseits bedeutet play auch Spiel und Theaterstück.

In eben diesem semantischen Feld bewegt sich der von Yana Höhnerbach brillant montierte Film derart konsequent, dass er gar die Laiendarsteller in ihren Rollen als Settler und Cowboys sprechen lässt. Aus der inszenierten Vergangenheit erreicht uns eine Flaschenpost, die immer mehr die Linien zwischen Spiel und Authentizität, zwischen Wirklichkeit und Erzählung verwischt. Wenn am Ende der Mythos der Mondlandung mit der Sehnsucht nach dem All verknüpft wird, erscheinen die futuristischen Bauten, die wirklich und echt sind, wie Kolonien auf dem Mond. Auf der Tonspur läuft der berühmte Blade-Runner-Score. Alles wird zur Kulisse und die Menschen zu Laiendarsteller ihres eigenen Lebens.

Durch seine Form, durch die Entscheidung ganz radikal in nahezu unkommentierten Bildern zu erzählen, in kühnen Montagen ganze Jahrzehnte der Geschichte zu umspannen, unterwandert dieser Dokumentarfilm dem Sog der Fiktion. Denn im Grunde läuft jeder Versuch, diesen Mythen (des Alltags) auf die Spur zu kommen selbst Gefahr, einen neuen Mythos zu erschaffen oder von den Symbolen der bestehenden Ordnung einverleibt zu werden. Playland USA entgeht diesem Schicksal durch seine filmische Bilderflut, die näher an Dziga Vertov (Der Mann mit der Kamera, 1929) subversiver Logik der Montage ist, als am gegenwärtigen, deutschen Dokumentarfilm der Aufzeichnung. Daher auch der folgenrichtige Einbruch einer fiktiven Gegengeschichte in die Mitte des Films in Form eines Motelzimmers: Hinter all den Geschichten gibt es keinen Urgrund, keine Frau unter der Dusche und keinen Mann im Bett. Nur Zeichen, die auf Zeichen verweisen – ständig wuchernde Mythen, die um ein leeres Zentrum kreisen.

Vielleicht liegt der große Wurf dieses Films auch darin, dass man den Blick von den USA abwenden und den eigenen Mythen auf den Zahn fühlen kann. Denn davon haben wir in Deutschland auch mehr als genug. Der Mensch sehnt sich nach der Kohärenz von Geschichten. Das ist eine fruchtbare Einsicht. Der Aufstieg radikaler Kräfte baut darauf. Demagogische Populisten spinnen ihre eigenen mythischen Geschichten von Deutschland. Es liegt an uns, positive Gegengeschichten zu entwerfen.

Playland USA startet am 26. September in den deutschen Kinos.

20:15 25.09.2019
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Geschrieben von

Sebastian Seidler

Schreibt über Kino, Kultur und Politik. Liebt düstere Musik, Filme, die einem etwas abfordern und liest zu wenig Romane - was aber auch egal ist.
Sebastian Seidler

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