Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert
RE: Diktator oder Reichseiniger? | 24.07.2017 | 12:05

Liebe Anne Mohnen

Ich weiss, dass ich mich mit dieser Besprechung auf einem ziemlich schwierigen Gelände bewege. Sie haben recht: Diktator und Reichseiniger - das muss keine Alternative sein. Die Frage hinter diesem Titel sollte wohl eher lauten: Welche der beiden Rollen steht im Vordergrund unserer Wahrnehmungen?

Mit dem Ende des Kaisertums, das für die Einheit des Reiches gesorgt hatte, stellte sich die Frage: Gibt es eine Kraft, welche die Einheit auf neuer Grundlage wiederherstellen kann, oder bleibt das Land zersplittert - und damit eine Einladung an die imperialen Mächte, sich der Schätze dieses Landes zu bedienen? Anders als die Guomindang war die Kommunistische Partei in der Lage, ein Programm zu entwickeln, welche das Land einte. Und hier gebührt Mao Zedong - wie immer man sonst zu ihm stehen mag - eine zentrale und entscheidende Rolle. Dies vor allem deshalb, weil er ein Sensorium für die Bauernfrage hatte. Mao wollte einen anderen Weg als Moskau gehen - und das zeigte sich nicht zuletzt an dieser Frage. Die Industrialisierung sollte von den Dörfern ausgehen. Diese Politik erwies sich dann aber als gewaltiger Fehlschlag, wie die grosse Hungerkatatrophe Ende der Fünfzigerjahre zeigte. Auch das Experiment der Volkskommunen in den Sechziger- und Siebzigerjahren musste wieder rückgängig gemacht werden.

Ich bin kein China-Experte, doch vermutlich haben Sie recht, wenn Sie schreiben, das Schicksal der KP werde sich daran entscheiden, wie sie in Zukunft mit den Bauern (und - nicht zu vergessen! - den Arbeitern) umgehen wird. Für mich stellt sich die Frage: Ist in China eine bürokratische Klasse an der Macht, die im Bündnis mit dem einheimischen Kapital regiert und dafür sorgen wird, dass sich daran nichts ändert, oder gibt es in diesem System noch einen Funken an Sozialismus / Kommunismus, der bewirken kann, dass das Land auf einen nicht-kapitalistischen Weg zurückkehrt - und dies mit deutlich weniger Menschenopfern als frühere Revolutionen?

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Diktator oder Reichseiniger? | 24.07.2017 | 11:20

Es geht mir nicht so sehr um die "schlagenden Argumente", sondern um eine andere Sichtweise. Die kann man bestreiten, aber man sollte sich mit ihr zuvor auseinandergesetzt haben. Diese andere Sichtweise besteht m.E. darin, dass in der vorliegenden Biografie Mao Zedong nicht auf die Rolle eines Massenmörders reduziert wird, wie das in den sonst üblichen Darstellungen vielfach der Fall ist (z.B. im Buch von Jung Chang und Jon Halliday: Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes).

Ich bin davon überzeugt, dass es im Kern der Kulturrevolution nicht um einen kriminellen Akt ging, sondern um den Versuch, die feudalistischen und bürokratischen Strukturen aufzubrechen, welche die Entwicklung der chinesischen Gesellschaft behinderten. Dieses Aufbrechen kostete sehr vielen Menschen das Leben, wie schon ein Jahrzehnt zuvor der sogenannte Grosse Sprung nach vorn - das darf keinesfalls geleugnet werden! Die Frage ist allerdings, ob es ohne Mao und den chinesischen Kommunismus besser herausgekommen wäre.

Wir tun ja oft so, als ob der Weg des "freie Westenn" nicht auch von unzähligen Opfern gesäumt wäre. Dabei verdrängen wir ganz gewaltig: die Hungertoten, die von der "Entwicklung" an den Rand Gedrängten, die Toten der "Anti-Terror"-Kriege, etc. Jakob Augstein schrieb am 17. Juli 2017 in einem Beitrag über die G20-Ausschreitungen auf Spiegel Online u.a. folgendes: "Niemand im Westen würde eine wirklichkeitsnahe Dauerrepräsentation der globalisierten Ungerechtigkeit aushalten. Wir würden daran moralisch zerbrechen. Wir leben von der Verdrängung."

Eine ganz andere Frage ist, wie die heutige Staatsmacht in China eingeschätzt werden soll. Hat sich Maos Warnung vor den "Machthabern auf dem kapitalistischen" Weg bestätigt oder handelt es sich tatsächlich noch um ein sozialistisches Land, wie der kürzlich verstorbene Theodor Bergmann meint? Eine Diskussion darüber fände ich sehr spannend - auch hier in der Freitag-Community!

RE: Die Bewohnbarkeit der Erde sichern | 05.07.2017 | 14:32

Lieber Michael! Wie hiess das bei Antonio Gramsci: "Pessimismus des Verstandes, Optimismus des Willens". Bleibt die Frage, wo wir den Optimismus des Willens hernehmen.

Kürzlich las ich in einem Gesprächsband die folgenden Sätze von Alain Badiou, der sich mit seinem deutschen Verleger Peter Engelmann unterhält: "Wie kannst Du denn erwarten, eine positive Alternative vorzufinden, wenn Du Dich nicht selbst für eine solche positive Alternative einsetzt? Du willst eine positive Alternative sehen? Dann fang an, Dir selber Gedanken zu machen! Du kannst nicht einfach fordern, dass es irgendeine Kraft geben müsse. Nein, wenn es eine Kraft geben soll, dann muss das zuerst Deine eigene sein!" (Alain Badiou: Für eine Politik des Gemeinwohls. Im Gespräch mit Peter Engelmann. Wien: Passagen Verlag, 2017, S. 42 - auch dieses Buch wäre eine Besprechung wert!)

Ja, so ist es wohl: Wenn wir nicht selbst beginnen, immer von Neuem, nach Alternativen zu suchen, werden sie nicht entstehen!

Herzliche Grüsse, Kurt

P.S.: Ich wollte dir eine Email senden, doch dein Postfach scheint voll zu sein.

RE: Die Bewohnbarkeit der Erde sichern | 05.07.2017 | 14:18

Liebe Anne Mohnen, herzlichen Dank für Ihr Feedback!

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Der fragwürdige Modernisierer | 24.04.2017 | 13:04

Didier Eribon geht in seiner Analyse in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung vom 16. April 2017 noch ein Stück weiter: Falls Macron zum neuen Präsidenten gewählt werde, müsse man damit rechnen, dass Marine Le Pen in fünf Jahren bereits in der ersten Runde der Präsidentschaftswahlen die 40-Prozent-Marke überschreiten könne. Das folgt sicherlich nicht, dass es besser wäre, der Dame jetzt schon zur Macht zu verhelfen. Ihr Sieg muss auf jeden Fall verhindert werden! Doch ihre Niederlage ist noch nicht die Rettung der Demokratie in Frankreich. Mehr Gerechtigkeit wird es auch in Frankreich nur geben, wenn die Ideologie des Neoliberalismus, die ein Macron vertritt, endlich Schiffbruch erleidet. Dies wird dann möglich sein, wenn sich die Linke erneuert und attraktiv für jene wird, die sich vom Kapitalismus nichts mehr versprechen können.

RE: Einander gehorsam sein | 31.03.2017 | 11:00

Liebe Anne Mohnen, herzlichen Dank, dass Sie meinen Beitrag kommentiert haben! Ja, das «Wunderfasten» war ja bereits zu Lebzeiten des Niklaus von Flüe ein heiss umstrittenes Thema. Die Kirche liess es untersuchen, weil sie befürchtete, der Teufel könne da seine Hände mit im Spiel haben. Auf Fragen nach seiner Enthaltsamkeit antwortete Bruder Klaus bloss: «Gott weiss.» Die Frage stellt sich eher auf unserer Seite: Können, wollen wir an ein Wunder glauben (wenn es denn eines war), oder halten wir so etwas für grundsätzlich unmöglich?

Seine Visionen sind uns vielleicht weniger fremd - auch wenn seine Sprache sehr urtümlich wirkt. Sie zeigen ihn in einem scharfen Licht: als Kritiker herrschender Verhältnisse, die Unrecht und Ungerechtigkeit begünstigen und so im fundamentalen Widerspruch zur biblischen Botschaft stehen.

Bemerkenswert ist, dass die schriftliche Fassung der drei zentralen Visionen von Bruder Klaus erst 1928 in einem Luzerner Kloster gefunden wurden. (Der Schweizer Schriftsteller Pirmin Meier, der ein Buch über Bruder Klaus geschrieben hat, vermutet geistliche Zensur dahinter.) Die Rezeption der Visionen durch C.G. Jung und Marie-Louise von Franz kenne ich nicht näher. (Vielleicht haben Sie mir Literaturhinweise.) Ich habe eher die politische Rezeption verfolgt, insbesondere auf der «links-christlichen» Schiene. Hier sind vor allem zwei Schweizer Schriftsteller zu nennen, die allerdings in Deutschland kaum bekannt sein dürften: Hans Rudolf Hilty und Manfred Züfle. Dessen 1998 erschienenes Buch Ranft. Erzählung und Erzählung der Erzählungen empfehle ich sehr zur Lektüre!

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Hallo, ist da jemand? | 05.03.2017 | 14:41

Lieber Michael! Deinen Beitrag habe ich mit grossem Interesse gelesen. Du beschäftigst dich schon lange mit diesen Fluchtfantasien und es gelingt dir, immer wieder neue Aspekte zu beleuchten. Besten Dank dafür!

RE: Reagans Traum, Neu-Rechte & Napoleon-Trump II | 22.11.2016 | 07:15

Lieber Columbus! Die gegenwärtige Debatte um die Frage, wie der Wahlsieg von Donald Trump einzuordnen und wie er auf den Begriff zu bringen ist - "Populismus", "Ende des Westens", "Faschismus" sind bis jetzt hauptsächlich im Angebot -, ergänzen Sie mit einer weiteren Perspektive: "Napoleonismus". Ich nehme das erst einmal zur Kenntnis und versuche weiter darüber nachzudenken. Besten Dank für Ihren Beitrag!

RE: „Heimat ist mir wichtig“ | 21.09.2016 | 17:30

Margot Käßmann sagt im Gespräch mit Jakob Augstein: "Ich sehe Luther als Mann, der mit einem Bein noch tief im Mittelalter steckt, mit seiner Angst vor dem Teufel, vor dem Fegefeuer, mit seinem Antijudaismus." Leider war aber sein Antijudaismus so "modern", dass sich die Antisemiten des 19. und 20. Jahrhunderts ganz ungeniert auf ihn beziehen konnten. So fordert Luther in seiner Spätschrift Von den Juden und ihren Lügen aus dem Jahr 1543 u.a., man solle die Synagogen "mit Feuer anstecken". Und er erklärt: "Alles, was sie (die Juden) haben, haben sie uns gestohlen und geraubt durch ihren Wucher." Deshalb müsse man die Juden aus dem Land jagen.

Die Reformation im Gefolge Luthers beharrte auf dem polaren Muster "Evangelium oder Gesetz" und interpretierte das Judentum als "Gesetzesreligion", die abzulehnen und auszugrenzen sei. Luther missverstand die Gesetzeskritik des Apostels Paulus, die sich nicht in erster Linie gegen die jüdische Tora richtete, sondern gegen die Ordnung des Römischen Imperiums.

Soll die Reformation "gefeiert" werden, dann müssen auch ihre problematischen, dunklen Seiten ans Licht kommen. Es bleibt zu hoffen, dass Margot Käßmann ihre Augen davor nicht verschliesst oder das zu Kritierende kleinredet, sondern auch in diesen Fragen mutig auftritt!

P.S.: Das Datum der Ausgabe (19.10.16) stimmt nicht.

RE: „Tutuguri“ von Rihm und Artaud (Teil II) | 06.09.2016 | 14:54

Lieber Michael, ich verstehe wenig bis gar nichts von Neuer Musik, doch ich bin froh, in dir einen zu kennen, der mir diese fremde Welt ein wenig näherbringen kann. Herzlichen Dank dafür! Kurt