Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert
RE: Starrsinn und Form | 18.04.2018 | 16:38

Sieben Jahre lang nur Arbeiterlieder hören zu dürfen, das muss wirklich eine Qual sein – eine wahre Schule des «Totalitarismus». Verständlich, dass da einer schließlich ausbricht – und dabei er auch noch seine dritte Befreiung erlebt. Wie wunderbar!

Leider hat diese Geschichte einen ganz kleinen Haken: Meine einzige bewusste Begegnung mit Alan Posener muss Ende 1973 in einem besetzten Haus in Westberlin gewesen sein – Weihnachten oder Silvester, das weiß ich nicht mehr. Der Anlass unserer Begegnung war eine Party, mit reichlich Rockmusik.

Doch seien wir nicht kleinlich: Posener hat Gewichtigeres gegen die K-Gruppenkultur der Siebzigerjahre einzuwenden als den Verzicht auf musikalische Vielfalt. (Komisch ist bloß meine Erinnerung an studentische Gelage in der Universität Tübingen, wo sich die Genossinnen und Genossen des Kommunistischen Studentenverbandes (KSV) als besonders festfreudig erwiesen. Übrigens: Ich war auch einer von ihnen.)

Alan Posener scheint sich intensiv mit Fragen der Religion befasst zu haben. So könnte das, was er vorträgt, auch als eine Erlösungsgeschichte verstanden werden: Als Junge litt er unter den autoritären Verhältnissen und fand eine erste Befreiung im antiautoritären Geist seiner Zeit. Doch dieser erwies sich sehr bald als eine dämonische Kraft, weil er dem Prozess der Befreiung keine positiven Ziele bot. Die schienen ihm die Welt der K-Gruppen zu vermitteln, weil sie dem Leben wieder Sinn und Form zu geben versprachen. Doch auch diese zweite Befreiung erwies sich als trügerisch: Vermeintliche Freiheit war nur um den Preis eines «sacrificium intellectus» zu haben.

Hier sind wir im Zentrum seiner Argumentation angekommen: Die kommunistische Organisation ist ein Götze, der Opfer verlangt. K-Gruppen müssen als Zwangszusammenhänge verstanden werden, die – wenn sie an die Macht gekommen wären – totalitäre Züge angenommen hätten. Ja, Alan Posener hat sich für den KSV aufgeopfert und einen Burnout erlebt. Das darf nicht gering geachtet werden. Doch die entscheidende Frage bleibt: Wurde er dazu gezwungen oder war dies ein Akt der Freiwilligkeit? In «Partei kaputt. Das Scheitern der KPD und die Krise der Linken» (Berlin 1981), einem heute nicht mehr gelesenen Buch, weist der Historiker Karl Schlögel darauf hin: «Man war ja selbst Akteur und nicht Opfer.» Und wenn es um Opferbereitschaft ging, dann stellte dies eine wechselseitige Forderung an Funktionäre bzw. Funktionärinnen wie an einfache Mitglieder dar. So habe ich das auch erlebt: Frühmorgens um drei Uhr in Tübingen aufstehen, um rechtzeitig zu Schichtbeginn beim Daimler in Stuttgart zu sein – das war nicht nur Sache des revolutionären Fußvolks.

In ihrer Flugschrift «alle zusammen. jede für sich. die demokratie der plätze» (Hamburg 2012) haben die Autoren Michael Jäger und Thomas Seibert darauf hingewiesen, dass die K-Gruppen dem Gedanken der «Gewinnung eines freien Selbst» insoweit verbunden gewesen seien, «als sie diese Freiheit gerade in der freien Verpflichtung des ‹Parteikaders› aufs weltrevolutionäre Klassen-Gemeinsame suchten» – ein Versuch allerdings zur «Unzeit». Als historisch neu halten die beiden Autoren fest, «dass jene Parteikerne die Kraft fanden, sich selbst zu stoppen, sich selbst zu widersprechen. Das war bewundernswert und bleibt eigens zu erinnern.»

Von der Anerkennung solcher Lernfähigkeit ist bei Posener nichts zu finden. Für ihn war die K-Gruppenwelt bloß «verbohrt und verrückt» – und natürlich «verfassungsfeindlich». Solche «Feinde» gab es in den Siebzigerjahren allerdings viele. Als Mitarbeiter der «Welt»-Gruppe muss sich Posener keine Gedanken mehr über die Überwindung des Kapitalismus und eine andere Welt machen, denn er lebt vermutlich bereits in der besten aller Möglichen. Wer dies nicht so sieht (und gute Gründe dafür hat), wird sich wohl irgendwann einmal Gedanken darüber machen müssen, wie es um diese Verfassung steht. Kurz gesagt: Das Grundgesetz kann wohl kaum Ausdruck des Endes der Geschichte sein!

Bei aller Kritik an der Außerparlamentarischen Opposition (APO) der Sechzigerjahre findet Alan Posener doch noch einen positiven Punkt: ihren «Impetus, die Teilung in Ost und West zu überwinden durch einen ‹Sozialismus mit menschlichem Antlitz›», wie die Formel des Prager Frühlings lautete, die auch von den revolutionären Student_innen und Arbeiter_innen im Mai `68 in Paris aufgenommen wurde. Dieses Erbe der APO fand gerade in der maoistischen KPD einen Resonanzraum. Insofern war es wohl kaum Zufall, dass Posener genau dort landete – und nicht bei der DKP, die den Impuls des tschechoslowakischen Reformkommunismus als «revanchistisch» abtat und den Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen im August 1968 begrüßte.

Wenn es um die Erbschaft der Achtundsechziger-Bewegung geht, dann sollte auch daran erinnert werden.

RE: Wir brauchen mehr '68! | 03.04.2018 | 19:56

Besten Dank für Ihr Feedback! Vor allem aus Zeit-, aber auch aus Platzgründen habe ich nur zwei Beiträge etwas näher vorgestellt. Ihre Frage, ob in den übrigen Texten auf das Verhältnis von Basis und Überbau und die Rolle der Ideologie näher eingegangen wird, muss in der Weise, wie Sie sie stellen, verneint werden. Klassisch-marxistisches Denken ist hier kaum (noch) präsent. Trotzdem sind manche Überlegungen, vor allem solche, die sich um die Frage der Macht drehen, sehr bedenkenswert - beispielsweise im Beitrag von Wolfgang Kaleck über die Rolle der Justiz.

Ich will nur auf einen Punkt in Ihrer Argumentation eingehen. Sie schreiben: "Der Kommunikationswissenschaftler Norbert Bolz hat einmal die Macht der Ideologie anhand der Unmöglichkeit der Individuen demonstriert, trotz besserem Wissens nicht auf den automobilen Individualverkehr verzichten zu können." Gewiss: Das Auto transportiert Ideologie. Es vermittelt durch seine ständige Verfügbarkeit und die vielfältigen Möglichkeiten seiner Nutzung die Überzeugung, ein freier, "autonomer" Mensch zu sein. Auf der anderen Seite stellt es sich vielfach als Notwendigkeit dar: Wenn ich in einer Region lebe, die vom öffentlichen Verkehr schlecht erschlossen ist, bleibt mir ganz nichts anderes übrig, als ein Auto zu nutzen, um zur Arbeit zu fahren, Einkäufe zu tätigen, etc. - Das ist dann keine blosse Ideologie mehr, sondern ein Teil meiner Realität. Ein Ausweg böte sich an, wenn ich - zusammen mit anderen Bürgerinnen und Bürger - durch Abstimmung festlegen könnte, wie viel an öffentlichen Investitionen im Bereich Individualverkehr getätigt werden soll und wie viele Gelder in den öffentlichen Verkehr fliessen. (Solche "Produktionswahlen" hat der Freitag-Mitarbeiter Michael Jäger in seinem Blog "Die Andere Gesellschaft" propagiert.)

RE: Ein wahrer Aufklärer | 30.03.2018 | 13:02

Lieber Herr Friedrich! Besten Dank für Ihren freundlichen Kommentar zu meiner Besprechung der Drewermann-Biografie. Vielen Dank auch für Ihre Frage, ob Eugen Drewermann mit seinen Auftritten bei Veranstaltungen der Friedensbewegung und an anderen Orten dazu beiträgt, eine pauschalisierende Verurteilung "der Medien" mitzutragen. Das kann ich nicht beurteilen, denn ich kenne nur einen ganz geringen Teil der Äusserungen von Drewermann. Deshalb ist es mir leider auch nicht möglich, seine Position in dieser Frage zu diskutieren.

Was ich tun kann, ist meine eigene Sicht kurz zu umreissen. Ich stelle nicht in Frage, dass insbesondere in den öffentlich-rechtlichen Medieneinrichtungen oft sehr gute Arbeit geleistet wird. (So höre ich beispielsweise mit grossem Interesse Sendungen des Deutschlandfunks.) Diese Einrichtungen sind als Teil des "Service public", wie wir das hier in der Schweiz nennen, zu verteidigen. Wie Sie vielleicht wissen, wurde in der Schweiz gerade mit Erfolg ein Angriff von rechten Seite gegen das öffentliche Radio und Fernsehen abgewehrt. Das ist die eine Seite.

Die andere besteht darin, die Berichterstattung kritisch zu verfolgen und gegebenenfalls auch anzuprangern, wenn sie der Verschleierung der Verhältnisse dient. Es passiert leider immer wieder, dass sich Medien als Lautsprecher der Macht missbrauchen lassen. (Ich denke dabei beispielsweise an die Haltung deutschsprachiger Medien gegenüber Griechenland vor wenigen Jahren - Stichwort "faule Griechen" - oder jetzt kurzlich gegenüber Katalonien. Zu erwähnen wäre sicher auch die Russland-Frage, doch das ist ein ganz besonders heikles Feld.)

So, wie ich Eugen Drewermann verstehe, appelliert er an die Verantwortung der Journalistinnen und Journalisten, nicht einfach die herrschende Meinung (als Meinung der Herrschenden) zu reproduzieren, sondern mit kritischem Verstand an die Verhältnisse heranzugehen. Darin hat er meine volle Unterstützung!

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Ein wahrer Aufklärer | 27.03.2018 | 18:58

Drewermann ist keine leichte Lektüre - aber wer sich darin vertieft, tut dies mit Gewinn. Dies ist zumindest meine Erfahrung. Empfehlen möchte ich die 2017 erschienene Trilogie zum Thema "Kapital&Christentum". (Gelesen habe ich allerdings erst die Schlusskapitel des dritten Bandes.)

Die in der Schweiz erscheinende Zeitschrift "Neue Wege" (www.neuewege.ch), bei der ich mitarbeite, wird demnächst ein Gespräch mit Drewermann zum Thema "Die Bibel und die Transformation der Welt" führen. Es soll im Juni-Heft erscheinen.

RE: Ein wahrer Aufklärer | 27.03.2018 | 18:15

Liebe Anne Mohnen! Herzlichen Dank für Ihren Kommentar! Mein Eindruck ist ein ziemlich anderer. Wir hatten Eugen Drewermann vor drei Wochen zu einem Vortrag hier in Winterthur zum Thema "Spiritualität des Alters". Ja, er ist voller "inbrunst", dabei aber keineswegs verbohrt - und auch getrieben kommt er mir nicht vor. Das Publikum bestand aus kirchlich engagierten oder zumindest interessierten Menschen (ab 50 - Jüngere waren kaum zu sehen), die aber - soweit ich das beurteilen konnte - keineswegs frömmlerisch gestimmt waren. Und bei diesem Publikum kam er sehr gut an. Ich habe Drewermann auch schon bei anderen Gelegenheiten gehört. Er wirkt immer sehr ernst, ist dabei aber keineswegs stur. Das Wesentliche scheint mir zu sein: Er kann einen zeitgemässen Zugang zur biblischen Botschaft eröffnen.

Auch ich wünsche Ihnen frohe Ostern!

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Das abgespaltene Gute | 01.11.2017 | 14:40

Lieber Michael, danke für deine klare Antwort!

Herzlicher Gruss, Kurt

RE: Das abgespaltene Gute | 01.11.2017 | 13:14

Liebe Anne Mohnen, vielen Dank für die Blumen! Luthers Schrift kenne ich bis jetzt nur in Auszügen.

Herzliche Grüsse, Kurt Seifert

RE: Das abgespaltene Gute | 30.10.2017 | 20:42

Wenn Sie die Bibel als Tatsachenbericht lesen wollen, dann haben Sie weitgehend recht. Doch es geht hier um anderes, das Andere: Beziehungen zwischen Menschen und zu dem, was sie "Gott" nennen. Glaube, Liebe, Hoffnung - das lässt sich nicht messen, berechnen, mit der Behauptung vermeintlicher Tatsachen widerlegen. Sie halten offenbar an alten Bildern von Kirche und Theologie fest, die zwar da und dort noch Geltung einfordern, aber im Grunde genommen schon längst überholt sind. Lesen Sie Dorothee Sölle oder Eugen Drewermann oder Leonardo Boff oder viele andere DichterInnen und DenkerInnen, für die die Welt weit über das hinausgeht, was "faktisch" erscheint!

RE: Das abgespaltene Gute | 30.10.2017 | 20:31

Herzlichen Dank, dass Sie sich hier eingemischt haben! Das scheint ja sonst eine reine Männer-Diskussion zu sein. Ihren Blog zur Frage der offenen Grenzen habe ich mit Interesse gelesen.

RE: Das abgespaltene Gute | 30.10.2017 | 11:58

Die Debatte zum Beitrag von Michael Jäger zeigt wieder einmal das ganze Elend "linker" Religionskritik: Der christliche Glaube sei "widerlegt", heisst es da beispielsweise - als ob es sich beim Glauben um eine hinterwäldlerische Erklärung der Welt handeln würde. Im Beitrag von Jäger wird hingegen mit Bezug auf Martin Luther ausgeführt, "Gott" sei ein Begriff für jene Kraft, die uns "selbstsicher" macht. Lässt sich eine solche Kraft denn einfach "widerlegen"?

Ein anderes Beispiel: "Gott ist tot". Friedrich Nietzsche wusste immerhin noch, dass "wir" ihn getötet haben - und nun leben wir in einer Gott-losen Welt. Das war das Problem, das den evangelischen Theologen Dietrich Bonhoeffer als Gefangenen der Nazi-Schergen existenziell umtrieb: Gott selbst wollte unsere Mündigkeit. Wir sind es geworden, indem wir uns von ihm abgewendet und anderen Göttern - beispielsweise dem Mammon - zugewendet haben. Wir haben Gott als "Arbeitshypothese" nicht mehr nötig. Doch nun kommt die paradoxe Wende: Gott leidet wie wir an der gottlosen Welt. Und das macht den Christen aus: "das Teilnehmen am Leiden Gottes im weltlichen Leben", heisst es in einem Gefängnisbrief von Bonhoeffer vom Juli 1944.

Der Gott der Bibel ist eben nicht der Sieger-Typ, mit dem wir uns narzisstisch identifizieren könnten, sondern der Gott, der ans Kreuz geschlagen wird - ein Gott, der an der Seite der Armen und Ausgeschlossenen dieser Welt steht. Das "Reich Gottes", von dem Jesus aus Nazaret gesprochen hat, soll gerade den in der Welt als Niedrigsten Verstandenen verheissen sein.

In der Nachfolge des Nazareners den eigenen, wie auch immer fragmentierten Beitrag zum Guten in der Welt beizutragen: das verstehe ich unter Christentum.