Care-Revolution

Rezension Die Sparpolitik bedroht den gesellschaftlichen Zusammenhalt und verschärft die Care-Krise. Wie kann die wechselseitige Sorge (Care) auch in Zukunft gesichert werden?
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Care-Revolution
Foto: BERTRAND LANGLOIS/AFP/Getty Images

Der Begriff «Care» für Pflege und Sorge wird heute schon weit über den englischen Sprachbereich hinaus genutzt. Gemeint sind für das Leben von Menschen unverzichtbare Tätigkeiten wie Fürsorge, Erziehung und Unterstützung – unabhängig davon, ob diese Tätigkeiten bezahlt werden oder unbezahlt erfolgen, ob sie in Institutionen oder in privaten Zusammenhängen erfolgen. Es geht um die Sorge für andere und für das Gemeinwohl, die nur auf der Grundlage einer guten Sorge um sich selbst geleistet werden kann.

Überholtes Rollenmodell

Lange Zeit galt Sorgearbeit als eine «natürliche» Aufgabe der Frauen, die im Lebensraum der Familie stattzufinden hat. Sie war die Voraussetzung für die vorwiegend männliche Erwerbstätigkeit. Diesen Rollenmodell ist schon längst überholt, weil die moderne Waren- und Dienstleistungsgesellschaft auch die weibliche Arbeitskraft benötigt. Die Frage bleibt dann allerdings, wer die bislang weitgehend gratis geleistete Care-Arbeit übernimmt.

Gegenwärtig sei so etwas wie eine «Hochkonjunktur der Care-Debatte» zu beobachten, ist im Editorial des aktuellen Denknetz-Jahrbuches zu lesen. Das schweizerische Denknetz ist so etwas wie ein alternativer «Think-Tank». Den dort Aktiven geht es darum, bestimmte Grundwerte wie die sozialen Grundrechte, das Recht auf Bildung, Arbeit, soziale Sicherheit und öffentliche Grundversorgung zu verteidigen und Vorschläge für eine Politik zu entwickeln, die diesen Grundwerten auch entspricht. Das Denknetz gibt alljährlich sein Jahrbuch heraus, das dieses Mal dem Thema «Care statt Crash» gewidmet ist.

Ebenfalls sehr lesenswert ist der Band der Zeitschrift Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik, der sich mit «Care, Krise und Geschlecht» befasst. Schliesslich soll hier auch noch auf einen Sammelband des Schweizerischen Roten Kreuzes hingewiesen werden, der den Titel trägt: Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft.

Was ist Sorgearbeit?

Was zeichnet Sorgearbeit gegenüber anderen Formen von Arbeit aus? Sie ist personenbezogen: Die zwischenmenschliche Beziehung macht einen Teil der Leistung aus – und damit auch deren Qualität. Menschen sind am Anfang ihres Lebens, bei schweren Krankheiten und häufig auch am Ende des Lebens von Sorgetätigkeiten abhängig. «Ohne Sorgearbeit, die andere Menschen für uns leisten, können wir in diesen Situationen nicht überleben», schreibt die Sozialwissenschaftlerin Ulrike Knobloch im Jahrbuch.

Sorgearbeit zeichnet sich durch einen spezifischen Zeitbedarf aus: Eine Beschleunigung des Arbeitsprozesses oder die Reduktion von Personal wirken sich unmittelbar oder auf Umwegen auf die Qualität der Arbeit aus. Dieser Tätigkeitssektor widersetzt sich einer Rationalisierung, wie sie in der industriellen Produktion gang und gäbe ist. Die Möglichkeiten zur Steigerung der Produktivität sind hier also wesentlich geringer als in anderen Wirtschaftszweigen, weshalb es zu einem «Auseinanderdriften der Arbeitsproduktivitäten» kommt, worauf die feministische Ökonomin Mascha Madörin hinweist.

Den wertschöpfungsstarken und damit für die Kapitalseite interessanten Sparten der Wirtschaft stehen solche wie die Care-Ökonomie gegenüber, die wertschöpfungsschwach sind und deshalb der privaten Initiative oder dem Staat überlassen werden. Die staatliche Tätigkeit wird aus Steuern und Abgaben finanziert. Mit anderen Worten: Der Staat schöpft einen Teil der Gewinne und Löhne ab, um Sorgearbeit im institutionellen Rahmen (Kindergärten, Schulen, Krankenhäuser, Pflegeheime, etc.) zu ermöglichen. Staatliche Sparpolitik wirkt sich also mehr oder weniger direkt auf Quantität und Qualität dieser Sorgearbeit aus.

Mehr Freiwilligkeit?

Angesichts solcher Sparpolitik, deren Logik noch zu überprüfen wäre, ist es nicht verwunderlich, dass der Ruf nach vermehrtem «freiwilligem» Engagement laut wird. Sorgearbeit solle nicht dem Staat überlassen werden, heisst es dann, sondern privater Initiative anvertraut werden. Im Subtext solcher Appelle steht zumeist die Forderung, Frauen müssten eben mehr zu ihren Kindern, Jugendlichen, Kranken, Alten, etc. schauen. Die gleichen Frauen, deren Arbeitskraft von der Wirtschaft erwünscht ist!

Die Auseinandersetzung darüber, wie die Sorgearbeit zwischen bezahlter und unbezahlter Tätigkeit und wie diese wiederum zwischen Frauen und Männern aufgeteilt werden soll, wird auf vielen Ebenen mit grosser Heftigkeit geführt. Mascha Madörin nennt dies in einem von der Jahrbuch-Redaktion geführten Gespräch mit der Historikerin und Philosophin Tove Soiland das «Problem der Proportionen». Madörin weist darauf hin, dass eine erfolgreiche Volkswirtschaft wie Schweden in der Lage ist, einen deutlich höheren Anteil der Sorgearbeit öffentlich zu finanzieren, als dies in der Schweiz geschieht. Die Proportionen zwischen öffentlich und privat ergeben sich ganz offenkundig nicht aus schicksalhaften Zufällen, sondern sind die Ergebnisse von gesellschaftlichen Prozessen und politischen Entscheidungen.

Oft wird übersehen, dass der Umfang der nicht bezahlten Arbeit jenen der bezahlten Arbeit deutlich übertrifft. Gemäss Untersuchungen des schweizerischen Bundesamtes für Statistik wurden 2007 rund 8,7 Milliarden Arbeitsstunden unbezahlt geleistet – gegenüber 7,3 Milliarden bezahlten Stunden. Die Verteilung dieser unbezahlten Arbeit, insbesondere der Sorgearbeit, zwischen den Geschlechtern ist sehr ungleich. In mehr als 80 Prozent der Haushalte liegt die Hauptverantwortung für die Familien- und Hausarbeit bei den Frauen. Bei der Pflege erwachsener Haushaltsmitglieder (jährlich rund 30 Millionen unbezahlte Pflegestunden) übernehmen Frauen fast drei Viertel.

Neue Arbeitsteilung

Es geht also nicht nur um die Frage der Verteilung zwischen öffentlich und privat, sondern auch darum, wie die privaten Verpflichtungen aufgeteilt werden. Die österreichische Ökonomin Katharina Mader postuliert deshalb in ihrem Beitrag in der Zeitschrift Widerspruch: «Jede/jeder in der Gesellschaft übernimmt einen Teil unbezahlter Care-Arbeit und einen Teil bezahlter Arbeit. Die Geschlechtsbindung von Arbeit, und das heisst vor allem die Bindung von bezahlter und unbezahlter Care-Arbeit an Frauen, muss aufgehoben werden.»

Die US-amerikanische Politikwissenschaftlerin und Feministin Nancy Fraser hatte bereits in den 1990er Jahren ein Modell der universellen Betreuungsarbeit entwickelt. Gemäss diesem Modell müsste der Staat Geschlechtergleichheit fördern, «indem er den geschlechtlich strukturierten Gegensatz zwischen unterhaltssichernder Erwerbsarbeit und Betreuungsarbeit wirksam auflöst». Die bereits zitierte Sozialwissenschaftlerin Ulrike Knobloch schlussfolgert in einem Widerspruch-Beitrag, dass die soziale Absicherung von Menschen, die gesellschaftlich notwendige unbezahlte Arbeit leisten, eine vordringliche staatliche Aufgabe sei.

Care-Migration

Die gesellschaftliche Wirklichkeit sieht allerdings anders aus. Wer es sich finanziell leisten kann, stellt beispielsweise für die Betreuung von alten Angehörigen Care-Migrantinnen aus Mittel- und Osteuropa ein, die unter höchst prekären Arbeitsverhältnissen in der Schweiz tätig sind. Auf die Bedingungen, unten denen heute Care-Migration stattfindet, hat insbesondere die Soziologin Sarah Schilliger aufmerksam gemacht. Schilliger ist in den vorgestellten Publikationen gleich zweimal vertreten: Im Sammelband Who cares? beschreibt sie am Beispiel der Schweiz die Veränderungen des «Sorgemarktes», der durch Privatisierung des Pflegesektors einerseits, durch Transnationalisierung des Arbeitsmarktes andererseits bestimmt wird.

Mit den sogenannten Pendelmigrantinnen, die in bis zu vierteljährlichen Abständen zwischen dem Arbeitsplatz Privathaushalt in der Schweiz und ihrem eigenen Haushalt in der Heimat wechseln, etabliert sich eine neue Form von «Saisonniers», die besonders leicht auszubeuten sind. Dagegen kämpfen Hausarbeiterinnen weltweit und setzen sich für globale Arbeitsrechte ein, wie sie in der ILO-Konvention Nr. 189 festgehalten sind. (Die Abkürzung ILO steht für «Internationale Arbeitsorganisation / International Labour Organization».) Auf die Entwicklung dieses Kampfes geht Sarah Schilliger in ihrem Beitrag in der Zeitschrift Widerspruch ein.

Mit der Organisierung von Care-Migrantinnen in der Schweiz befassen sich Bettina Dauwalder, Christine Michel und Mauro Moretto in einem Jahrbuch-Beitrag. Sie hinterfragen auch den Wunsch vieler alter Menschen, die bis zum Schluss zuhause bleiben wollen – möglichst rund um die Uhr betreut. Den schlechten Ruf kollektiver Einrichtungen sei nur durch entsprechende finanzielle Ausstattung der Pflegeeinrichtungen zu begegnen, so «dass genügend und richtig qualifiziertes Fachpersonal gefunden und zu anständigen Bedingungen angestellt werden kann».

In Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft beschreiben die Sozialwissenschaftlerinnen Annegret Wigger, Nadia Baghdadi und Bettina Brüschweiler Entwicklungen im Bereich der Pflegearbeit. Die Privathaushalte stehen vor der Frage, ob sie Versorgungs- und Betreuungsleistungen umverteilen oder auslagern. Die Auslagerung auf den Care-Markt können sich allerdings nur jene leisten, die über entsprechende finanzielle Ressourcen verfügen. Der Vorgang ist nicht unproblematisch, denn: «Lässt die Gesellschaft dem Markt (…) freie Hand, dann besteht die Gefahr, dass die Qualität der Sorgeleistung, die sich im Eingehen auf die Bedürftigkeit des Gegenübers zeigt, wegrationalisiert wird.» Wenn die Gesellschaft auf die rechtliche Verankerung von Sorgeansprüchen verzichte, werde «immer mehr Verantwortung für die Sorge den vielen Einzelnen überbürdet», warnen die Autorinnen.

Eine neue Care-Kultur

In dieser Situation werden überkommene Rollenbilder reaktiviert. Traditionelle Familienvorstellungen haben Hochkonjunktur und im Blick zurück findet eine Verherrlichung früherer Verhältnisse statt. Der Altersforscher François Höpflinger weist im erwähnten Sammelband darauf hin, dass «sozialromantische Vorstellungen von Familiensolidarität in früheren Zeitperioden» eine sachliche Diskussion vielfach erschweren würden. Tatsächlich gehört die Schweiz – ähnlich wie Skandinavien – zu jenen Ländern, «in denen schon früh die Gemeinschaft (…) und nicht die Familie für die Versorgung alter Menschen verantwortlich war». Sie unterscheidet sich von den skandinavischen Ländern allerdings dadurch, dass der Anteil der öffentlichen Finanzierung der Alterspflege deutlich geringer ist.

Die Vorstellung, angesichts des Kostendrucks staatlich-professionelle Pflegeleistungen künftig durch vermehrte familiale Pflegeleistungen ersetzen zu können, hält Höpflinger für eine «Illusion». Stattdessen sei eine verstärkte Arbeitsteilung notwendig, die mit einer funktionalen Differenzierung zwischen Unterstützung, Hilfe, Pflege, Begleitung und Betreuung einhergehen müsse. – So ist beispielsweise die immer wieder einmal propagierte Pflege durch Freiwillige, Freunde oder Nachbarn ein ziemlicher Unsinn: Wer möchte sich schon durch eine aussenstehende Person, die nicht dafür bezahlt wird, die Windeln wechseln lassen?

François Höpflinger nimmt im Zusammenhang mit der notwendigen Arbeitsteilung auch die klassische Gegenüberstellung Familie oder Staat «endgültig als überholt» wahr. Er hält fest: «Ein ausgebauter Wohlfahrtsstaat trägt mit guter sozialer Absicherung älterer Menschen und junger Familien dazu bei, dass intergenerationelle Hilfeleistungen von Jung zu Alt und von Alt zu Jung tendenziell häufiger werden. (…) Ein Ausbau sozialstaatlicher Angebote reduziert somit die intergenerationelle Solidarität nicht, sondern führt zu einer verstärkten Spezialisierung intergenerationeller Austauschbeziehungen (Pflege durch Professionelle, Hilfe durch Angehörige).»

Im November 2013 haben sich Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus Deutschland, Österreich und der Schweiz mit einem Manifest an die Öffentlichkeit gewandt (www.care-macht-mehr.com). Sie fordern darin «eine neue gesellschaftliche Kultur, in der die Sorge für sich und andere einen eigenständigen Stellenwert bekommt, unabhängig davon, ob eigene Kinder oder Eltern zu versorgen sind. Wir brauchen neue Wege der Bereitstellung, Anerkennung, Aufwertung und Bezahlung wie auch der gesellschaftlichen Organisation von Care-Arbeit auf lokaler, nationaler und transnationaler Ebene.»

Dieses anspruchsvolle Programm findet in den drei erwähnten Publikationen ein umfangreiches argumentatives Fundament. Die Auseinandersetzung damit ist sehr zu empfehlen!

Denknetz (Hrsg.): Jahrbuch 2013. Care statt Crash. Sorgeökonomie und die Überwindung des Kapitalismus. Zürich (Verlag Edition 8) 2013, 216 Seiten, Euro 19.-

Widerspruch. Beiträge zu sozialistischer Politik: Care, Krise und Geschlecht. Zürich 2013, 224 Seiten, Euro 18.-

Schweizerisches Rotes Kreuz (Hrsg.): Who cares? Pflege und Solidarität in der alternden Gesellschaft. Zürich (Seismo Verlag) 2013, 312 Seiten, Euro 28.-

09:34 26.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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