Das hohe Lied der «Selbstverantwortung»

Rezension Avenir Suisse, die von der schweizerischen Wirtschaft finanzierte «Denkfabrik», hält den Generationenvertrag für gefährdet und fordert einen Umbau des Sozialstaats
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Das hohe Lied der «Selbstverantwortung»

Foto: Sean Gallup/Getty Images

So entspannt wie heute waren die Beziehungen zwischen den Generationen schon lange nicht mehr: Da zeichnet sich keine neue Protestkohorte ab, die – wie die «Achtundsechziger» – das «Establishment» der Erwachsenen in Frage stellen könnte. Nicht zuletzt dank «1968» sind die alten Autoritätsverhältnisse, an denen sich die Jungen reiben mussten, weitgehend verschwunden. In den Familien herrscht zumeist ein liberales Miteinander – in der Gesellschaft eher ein distanziertes Nebeneinander der Generationen. In einer solchen Lage braucht es einiges, um mögliches Konfliktmaterial zu finden und dieses zum Gegenstand von Auseinandersetzungen zu machen.

Ein beliebter Stoff dafür ist die Demografie, diese scheinbar so exakte Wissenschaft. Mit ihr lässt sich – so glaubt man – die Zukunft über eine Zeitstrecke von 50 Jahren voraussagen. Angesichts wachsender Unsicherheiten über den Gang der Geschichte ist die Demografie ein erwünschtes Mittel, um das Dunkel zu lichten. Und was sagt sie uns voraus? Ihre zentrale Botschaft lautet: Die Bevölkerung in der Schweiz, in Europa und sogar weltweit altert unausweichlich! Das könnte eigentlich eine frohe Kunde sein, denn der Traum vom langen Leben begleitet die Menschheit vermutlich bereits seit ihren Anfängen – aber erst heute kann er Wirklichkeit werden. Gewiss: nicht überall. Noch sterben zu viele Kinder an Unterernährung und mangelnder medizinischer Unterstützung, noch werden zu viele Menschen in der Blüte ihres Lebens das Opfer von Kriegen.

Wer trägt die Kosten?

Dennoch sind die zivilisatorischen Fortschritte unverkennbar. Dafür sollten wir dankbar sein! Kaum überraschend ist die Tatsache, dass die Skeptiker gleich zur Stelle sind. Sie werfen ein: Der Fortschritt bringe auch Kosten mit sich. Und wer die wohl tragen werde? Diese Fragen sind Gegenstand des Buches von Jérôme Cosandey: Generationenungerechtigkeit überwinden. Revisionsvorschläge für einen veralteten Vertrag. Cosandey ist Projektleiter bei Avenir Suisse und hatte 2012, zusammen mit Alois Bischofberger, Vorschläge zur Reform der beruflichen Vorsorge vorgelegt, die im Projekt «Altersvorsorge 2020» der schweizerischen Landesregierung allerdings kaum Berücksichtigung fanden.

Ausgangspunkt der Überlegungen des Autors ist der Begriff des «Generationenvertrags», der ein Konglomerat von ethischen Grundsätzen und rechtlichen Bestimmungen darstellt. Gesellschaften bestehen aus einer Abfolge von Generationen und die Verhältnisse unter ihnen – zu denen auch die bereits Verstorbenen und die noch nicht Geborenen gehören können – müssen geregelt werden. So hält beispielsweise das schweizerische Zivilgesetzbuch in Art. 272 fest: «Eltern und Kinder sind einander allen Beistand, alle Rücksicht und alle Achtung schuldig, die das Wohl der Gemeinschaft erfordert.»

Eine grundlegende Erfahrung aus dem Zeitalter der Industrialisierung bestand darin, dass dieser Beistand nicht alleine von der Familie gewährleistet werden kann. Kollektiven Risiken wie Krankheit oder die Arbeitsunfähigkeit im Alter sollte kollektiv begegnet werden: Diese Überzeugung bildet ein wesentliches Element des modernen Sozialstaats. Dessen Bedeutung stellt auch Jérôme Cosandey nicht in Frage. Er wendet sich nicht grundsätzlich gegen einen gesellschaftlichen Ausgleich. Der Autor meint allerdings, dass durch die demografische Alterung die Lasten auf die jüngeren Generationen verschoben würden. Damit sei deren Überlastung absehbar. Mehr Alte und weniger Jüngere, das bedeute: «Mehr Saft wird aus einer kleineren Zitrone gepresst» (Seite 31).

Ein hübsches, aber falsches Bild. Bei Gründung der Alters- und Hinterlassenversicherung (AHV) kamen noch knapp sieben Erwerbstätige auf einen Rentner bzw. eine Rentnerin. Heute sind es rund dreieinhalb. Bliebe man beim Bild der Zitrone, müssten sich die Verhältnisse in den vergangenen mehr als 65 Jahren deutlich verschlechtert haben. Das Gegenteil ist der Fall: Dank wachsender Produktivität wird die Gesellschaft als Ganzes reicher und kann sich einen zunehmenden Anteil von «Unproduktiven» leisten. Es ist ja nicht nur so, dass es mehr Alte gäbe. Auf der anderen Seite wird die Jugendphase verlängert, um den jungen Menschen eine bessere Ausbildung zu ermöglichen, die sie – wirtschaftlich gesehen – produktiver macht.

Ein verengter Blickwinkel

Cosandey hält fest, dass der Generationenvertrag in seiner heutigen Form verändert werden müsse, um eine zu starke Belastung der jüngeren Generationen zu verhindern. Sein Orientierungspunkt ist der Begriff der «Generationengerechtigkeit». Diese sei dann erreicht, «wenn niemand aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Generation benachteiligt ist», zitiert er zustimmend Andrea Heubach. Die Politologin, die eine fundierte Untersuchung zum Thema vorgelegt hat, weist allerdings auch darauf hin, dass der Begriff «zentraler Begriff neoliberaler Umbaurhetorik» sei. Eine Schwäche gegenwärtiger Debatten über diesen Begriff ortet sie darin, dass Generationengerechtigkeit «stets nur in Ausschnitten betrachtet [wird] und nicht im Gesamtzusammenhang» (zitiert nach www.rosalux.de/publication/27217).

Diese Kritik trifft auch auf die Verwendung des Begriffs bei Jérôme Cosandey zu. Er stellt nur die Frage nach der intergenerationellen Gerechtigkeit – also jener zwischen den Generationen bzw. Alterskohorten. Die intragenerationelle Gerechtigkeit – jener innerhalb einer Alterskohorte – hingegen scheint ihn nicht zu interessieren. Der verengte Blickwinkel hat gravierende Folgen für die Vorschläge des Autors zur Revision des Generationenvertrags. Er geht von einer «rüstigen, finanzkräftigen Rentnergeneration» (Seite 206) aus, die durchaus in der Lage sein sollte, die Kosten von Betreuung und Pflege im fragilen Alter durch eine obligatorische Pflegeversicherung zu übernehmen.

Für diese neue Versicherung müsste ein Kapitalstock aufgebaut werden. Gemäss Berechnungen des Autors würde sich bei einem Beginn der Versicherungspflicht mit 55 Jahren eine Monatsprämie von immerhin 285 Franken ergeben. (Die Krankenkassenprämien könnten durch die Einführung einer Pflegeversicherung nur unwesentlich reduziert werden.) Mit anderen Worten: Die zusätzliche Prämie würde rund zwölf Prozent der AHV-Maximalrente ausmachen. Die Folge wäre wohl, dass noch mehr Personen im Rentenalter Ergänzungsleistungen beanspruchen müssten.

Der Autor blendet konsequent aus, dass längst nicht alle Rentner und Rentnerinnen im Wohlstand leben. Die Beispiele, die er in seinem Buch wählt, zeugen von einer Betrachtung der Welt aus privilegierter Warte: «Eine Terrasse statt eines grossen Gartens, eine kleinere Wohnung statt einer mehrstöckigen Villa sind leichter zu pflegen», empfiehlt er im Blick auf «altersgerechtes Wohnen» (Seite 129). Was das «Service-Wohnen» betrifft, stellt Cosandey mit Recht fest, dieses Angebot richte sich «eher an finanziell gut gestellte Senioren». Es gebe aber auch «neue Angebote, die sich zunehmend an einer Mittelklasse orientieren und ab 3400 Franken pro Monat zugänglich sind» (Seite 130). Zur Erinnerung: Die maximale AHV-Rente beläuft sich derzeit auf 2340 Franken pro Monat!

Solidaritäten in Frage gestellt

Das Beispiel zeigt, dass eine einseitige Sicht von Gerechtigkeit in die falsche Richtung führt: Die Gerechtigkeitsfrage betrifft nicht nur die Beziehung zwischen den Generationen, sondern vor allem auch das Verhältnis zwischen sozial Starken und Schwachen. Es wäre eine grobe Verfälschung der Wirklichkeit, wenn «die Jungen» mit den wirtschaftlich Benachteiligten und «die Alten» mit den ökonomisch Mächtigen gleichgesetzt würden. Neoliberale Denkansätze zeichnen sich gerade dadurch aus, dass sie die soziale Frage, jene nach Armut und Reichtum, aus dem Kontext von «oben» und «unten» herausreissen und sie in anderen Gegensatzpaaren neu formulieren: etwa jenen von «Leistungsunwilligen» contra «Leistungsträger» oder von wohl situierten Senioren gegenüber den mit wachsenden Belastungen konfrontierten jüngeren Generationen. Damit wird so getan, als gäbe es die «alte» soziale Frage gar nicht mehr, bzw., als sei diese kaum mehr relevant.

Cosandey folgt einem liberalen Credo, wenn er fordert, man solle «die anderen möglichst selten, oder möglichst spät, […] beanspruchen» (Seite 203). Es wird so getan, als ob viele Menschen gar kein Bedürfnis verspüren würden, für sich selbst verantwortlich zu handeln und die Verantwortung für das eigene Leben gerne auf andere – «die Gesellschaft» oder «den Staat» – abschieben würden. Gewiss: Das gibt es, doch nach aller Erfahrung scheint das nicht die Regel zu sein. Im Gegenteil: Kinder möchten so rasch wie möglich eigenständig sein, und alte Menschen möchten so lange wie möglich für sich selbst sorgen können. Doch die «Eigenverantwortung» kennt eben Grenzen: Am Anfang des Lebens sowie an dessen Ende – und auch zwischendurch – sind Menschen keineswegs so autonom, dass sie nicht auf Unterstützung und Hilfe anderer angewiesen wären (und sei es auch nur im Falle einer Erkrankung).

Das Buch von Jérôme Cosandey (mit Beiträgen des Ökonomen Martin Eling, des Soziologen François Höpflinger sowie der Psychologin Pasqualina Perrig-Chiello) enthält einige beachtenswerte Überlegungen zu den Solidaritäten zwischen den Generationen, die eben nicht nur einseitig verlaufen. Trotzdem ist den Texten von Cosandey und auch dem Beitrag von Eling ein deutliches Plädoyer für einen «Umbau» der Solidaritäten zu entnehmen, die auf einen Abbau hinauslaufen könnte. Dagegen muss deutlicher Widerspruch eingelegt werden.

Jérôme Cosandey: Generationenungerechtigkeit überwinden. Revisionsvorschläge für einen veralteten Vertrag. Mit Beiträgen von Martin Eling, François Höpflinger und Pasqualina Perrig-Chiello, Zürich (Avenir Suisse und Verlag Neue Zürcher Zeitung) 2014, 230 Seiten, CHF 38.-

13:32 25.08.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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