Die Zeichen der Zeit erkennen

Rezension Die Ära des fossilen Kapitalismus geht ihrem Ende entgegen – und dieser Ausgang droht auch zum Ende der uns bekannten Zivilisation zu werden. Was fangen wir damit an?
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Die Zeichen der Zeit erkennen
Sie hat die Zeichen der Zeit erkannt: Greta Thunberg

Foto: Hanna Franzen/AFP via Getty Images

In Zeiten der Wettrüstung zwischen den beiden Supermächten USA und Sowjetunion, die auch einen Höhenflug der Friedensbewegung erlebten, wurde eine Verszeile des Dichters Friedrich Hölderlin gerne zitiert: «Wo Gefahr ist, wächst das Rettende auch.» Manche SkeptikerInnen fügten ihr die bange Frage hinzu: «Schnell genug?» Damals konnte das Schlimmste, eine bewaffnete Konfrontation zwischen den hochgerüsteten Lagern, noch verhindert werden.

Die Hölderlin-Zeile und ihre Ergänzung kommen mir bei der Lektüre des Buches des US-amerikanischen Publizisten David Wallace-Wells über die absehbaren Folgen der Erderwärmung wieder in den Sinn. In jenen Zeiten der Hochrüstung prägte der britische Sozialhistoriker Edward P. Thompson den Begriff des «Exterminismus» und der als DDR-Dissident bekannt gewordene Philosoph Rudolf Bahro übersetzte ihn als den unserer Industriezivilisation eingelagerten und von ihr auf die ganze Welt ausstrahlenden «Drang zur Massenvernichtung, -auslöschung, -ausrottung». Da ging es nicht «nur» um die Bedrohung durch einen Krieg, sondern viel weitergehender um die Frage, was mit unserem «System» nicht stimmt – und dies nicht allein im Blick auf den kapitalistischen Westen, sondern auch auf den (in der Zwischenzeit) untergegangenen «sozialistischen» Osten. Eine solche Sicht galt bald einmal als zu «radikal» und einer wie Bahro wurde als «Spinner» abgetan.

Die Kosten der Wohlstandsgewinne

Parallel zur Friedensbewegung der Siebziger- und Achtzigerjahre des letzten Jahrhunderts entwickelte sich auch eine ökologische Bewegung, die sich gegen die umfassende Bedrohung der Lebensgrundlagen richtete. In manchen Bereichen war sie durchaus erfolgreich und hat unseren Alltag verändert, doch im Kern blieb das, was heute als «fossiler Kapitalismus» bezeichnet wird, unangetastet. Noch schlimmer: Gerade in den vergangenen drei, vier Jahrzehnten entstand ein grosser Teil jener Emissionen, welche die Erderwärmung vorantreiben und das Klima zum Kippen zu bringen drohen. Kein Wunder: Unser Wohlstand, und in wachsendem Masse auch jener der aufstrebenden Volkswirtschaften der einstigen «Dritten Welt», beruht auf der Nutzung fossiler Brennstoffe.

Allmählich dringt in unser Bewusstsein, dass die Wohlstandsgewinne ihren Preis haben: Sie gehen auf Kosten der Natur, in deren Kreisläufe wir gewaltsam eingegriffen haben. Diese Gewalt schlägt nun auf uns zurück – noch längst nicht überall und zu jeder Zeit, doch zunehmend bedrohlich. Vieles lässt sich derweil als «Naturkatastrophe» abtun, das in keiner Beziehung zu menschlichem Handeln stehe. Wir sind weit davon entfernt, etwa in einem Erdbeben ein Gottesurteil über uns zu sehen, wie dies beim grossen Beben von Lissabon im Jahr 1755 noch in Erwägung gezogen worden war. Wir wollen aber nicht zur Kenntnis nehmen, dass Hitzewellen, Überschwemmungen und massenhafte Waldbrände ein von uns selbst verursachtes Urteil über uns sein könnten.

Verstimmung, Verdrängung, Verleugnung

Und nun dieses Buch eines US-amerikanischen Autors, der viele Informationen und Analysen zusammenträgt, welche auch andernorts gefunden werden können. Doch deren Gesamtschau wirkt zuerst einmal wie eine Zumutung: «Muss ich mir das wirklich antun?» ist meine erste spontane Reaktion beim Lesen. Ich lege es weg und befürchte, bei weiterer Lektüre in eine depressive Stimmung zu verfallen, fahre dann doch fort und wehre mich zugleich gegen das Gelesene: «Will ich das wirklich wissen?» Meine Erfahrungen mit diesem Buch, das die bereits heute absehbaren und noch möglichen Folgen der Klimakatastrophe beschreibt, in die wir uns mit immer noch unbeschränkter Geschwindigkeit bewegen, spiegeln etwas von den kollektiven Reaktionen wider, die sich angesichts dieser fundamentalen Krise zeigen: Verstimmung, Verdrängung, Verleugnung.

Wir glauben, in Fatalismus verfallen zu müssen, wenn wir den Zeichen dieser bedrohlichen Zeit tatsächlich ins Auge blicken würden. Unser Schicksal scheint mit Gedeih und Verderb an diesem fossilen Kapitalismus zu hängen – und so liegt es nahe, sich eher das Ende der Welt als das Ende dieses über den ganzen Globus verbreiteten Systems vorstellen zu können. Dagegen hilft auch nicht die mit viel Optimismus vorgetragene Meinung, irgendwie würden es Wissenschaft und Technik schon schaffen, die Probleme zu lösen, ohne dass es zu einem Bruch mit diesem System kommen müsse. Für eine solche Hoffnung steht beispielsweise der Begriff des «Geo-Engineering»: Mit einem gewaltigen Aufwand von Geld und Intelligenz soll das in der Atmosphäre befindliche CO2 entfernt und die Sonneneinstrahlung reduziert werden. Vieles davon ist noch Sciencefiction und selbst wenn solche Eingriffe tatsächlich realisierbar wären, liessen sich deren Effekte kaum abschätzen: Ihre Folgen wären möglicherweise noch schrecklicher als das, was sie korrigieren sollten.

In der Gefahr wächst Rettendes

David Wallace-Wells plädiert dafür, alle falschen Hoffnungen fahren zu lassen. Also doch ein Buch, das bloss schlechte Laune verbreitet und Albträume fördert? Keineswegs! Es ist von der Überzeugung getragen, dass das, was Menschen in Gang gesetzt haben, auch von Menschen wieder gestoppt werden kann. Wir haben lediglich diese Wahl: weiterwursteln wie bisher oder bewusst einen Ausweg aus diesem fossilen Kapitalismus suchen. Die Revolutionärin Rosa Luxemburg sprach in der Zeit des Ersten Weltkriegs von der Entscheidung «Sozialismus oder Barbarei». Heute würde dies heissen, dass wir entweder die bereits heute erkennbaren, barbarischen Folgen des Klimawandels in Kauf nehmen oder uns auf die Suche nach einer ökosozialen Alternative machen. Die «Fridays for Future»-Bewegung zeigt, dass in der Gefahr Rettendes wachsen kann. Ob es schnell genug sein wird, hängt auch von uns ab!

David Wallace-Wells: Die unbewohnbare Erde. Leben nach der Erderwärmung. Aus dem Amerikanischen von Elisabeth Schmalen. Ludwig Verlag 2019, 335 Seiten

12:26 12.12.2019
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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