Diktator oder Reichseiniger?

Rezension Einen neuen Blick auf Mao Zedong und die chinesische Revolution verheisst das Buch eines deutschen Sinologen. Seine Wertungen unterscheiden sich von gängigen Mao-Bildern
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Diktator oder Reichseiniger?
Wer war Mao Zedong?
Foto: WANG ZHAO/AFP/Getty Images

Unlängst hielt Tom Strohschneider im Neuen Deutschland fest, es fehle an einer linken China-Debatte (ND, 8. Juli 2017). Einer der wenigen im deutschsprachigen Raum, der sich intensiver mit China befasst hat, ist kürzlich verstorben: der marxistische Agrarwissenschaftler Theodor Bergmann. Er veröffentlichte Anfang dieses Jahres ein Buch mit dem Titel Der chinesische Weg. Versuch, eine ferne Entwicklung zu verstehen (VSA, Hamburg 2017). Bergmann zweifelte nicht daran, dass sich China weiterhin auf dem sozialistischen Weg befindet. Das wird von anderen Theoretikern wie Slavoj Žižek oder Alain Badiou deutlich bestritten.

Ein zentraler Gegenstand der Kontroverse ist die Rolle von Mao Zedong, insbesondere in der von ihm initiierten Kulturrevolution. Für Bergmann stellt die Mao-Ära einen «Irrweg» dar, der vor allem dank der Reformpolitik von Deng Xiaoping korrigiert werden konnte. Bergmann folgt damit der offiziellen Position der Kommunistischen Partei Chinas, wonach Mao die «Hauptverantwortung für die schweren ‹linken› Fehler der ‹Kulturrevolution›» trage. Wie ist seine Bedeutung für den Weg Chinas aus Unterdrückung und Unterentwicklung hin zu einer führenden Macht unserer Zeit einzuschätzen? Zur Klärung dieser Frage kann die Lektüre der neuesten Mao-Biografie einiges beitragen. Ihr Autor ist Helwig Schmidt-Glintzer, Direktor des China Zentrum Tübingen.

Zentrale Rolle der Bauern

Hier zur Erinnerung einige Stationen aus Maos Leben und Wirken: Er wurde 1893 als erstes Kind eines wohlhabenden Bauern in der zentralchinesischen Provinz Hunan geboren. Seine Jugend fiel in eine Zeit gewaltiger Umbrüche: Das Ende des Kaisertums stellte die Einheit des Landes in Frage und es war ungewiss, ob China zerbrechen oder zu neuer Grösse finden würde. Der siegreiche Bolschewismus in Russland überzeugte den jungen Mao Zedong davon, dass auch sein Land diesen Weg gehen müsse. Er wurde Mitglied der gerade erst gegründeten Kommunistischen Partei Chinas (KPCh), die weitgehend von der Sowjetunion abhängig war.

Die Frage des Verhältnisses zu Moskau sollte Maos weiteren Weg ganz entscheidend bestimmen. So dekretierte die von der sowjetischen Führung kontrollierte Kommunistische Internationale, China sei noch nicht reif für die Revolution, und favorisierte eine gemeinsame Front mit der von Sun Yatsen gegründeten Guomindang (GMD), welche für die nationale Einheit Chinas eintrat. Mao versuchte, die Zusammenarbeit mit den Nationalisten zu nutzen und betätigte sich als Organisator von Bauerngewerkschaften. Dabei wurde ihm klar, dass den Bauern eine zentrale Rolle bei der Veränderung Chinas zukommen würde.

Damit machte sich Mao in Moskau, das auf die «führende Rolle der Arbeiterklasse» setzte, nicht unbedingt beliebt. Die von der Sowjetunion unterstützte Einheitsfront zerbrach, als die Militärfraktion der GMD unter Führung von Chiang Kaishek 1927 mehr als 5000 Kommunisten und deren Anhänger in Shanghai und anderen Orten Ostchinas massakrierte. Es folgte eine Zeit unbeschreiblichen Terrors: «Weisse» gegen «Rote» – und umgekehrt. Mao zog sich in die Berge zurück und begann dort eine Bauernarmee zu formieren. In «befreiten Gebieten» wollte er den Aufbau neuer gesellschaftlicher und administrativer Strukturen erproben.

Einheit wiederherstellen

Die ständigen Angriffe der GMD-Truppen zwangen Mao dazu, eine Strategie des Guerillakrieges zu entwickeln. 1934 begann der «Lange Marsch», der in eine der unwirtlichsten Gegenden China führte, die zur Keimzelle des neuen China werden sollte. Die Sowjetführung unter Josef Stalin unterstützte ihn zwar, doch hielt sie sich alle Optionen offen, zu denen auch ein Bündnis mit Chiang Kaishek gegen Japan und Nazi-Deutschland gehörte. Angesichts der militärischen Intervention Japans in das politisch zerrissene China einigte sich die KPCh schliesslich unter dem Druck der Sowjetführung mit der GMD auf eine erneuerte Einheitsfront. Mao zeigte sich zwar als folgsamer Schüler Stalins – doch innerlich blieb er ein Gegner der Vereinigung.

Nach der Kapitulation Japans 1945 kontrollierte die GMD etwa zwei Drittel des Landes, aber das Kräfteverhältnis begann sich allmählich zu wandeln. Den Truppen Chiang Kaisheks fehlte jene Vision, welche die kommunistische «Volksbefreiungsarmee» besass: die Einheit des Landes wiederherzustellen. So konnte am 1. Oktober 1949 die Volksrepublik China proklamiert werden, während sich die GMD-Truppen nach Taiwan zurückzogen. Mao wollte, dass China seinen eigenen Weg zum Sozialismus geht und nicht blind dem sowjetischen Vorbild folgt. Der führte zu zwiespältigen Ergebnissen: Der Durchsetzung der Landreform, einer zentralen Forderung der Kommunistischen Partei, die bei sehr vielen armen Bauern auf grosse Resonanz stiess, fielen Hunderttausende zum Opfer, während mittelfristig Hunderte von Millionen Menschen grössere materielle Sicherheit erlangten, als sie zuvor jemals besassen.

«Rebellion ist berechtigt»

Mao wollte das Land revolutionieren – aus der Befürchtung heraus, die alten Kräfte des Feudalismus und Kapitalismus könnten die Macht erneut an sich reissen. 1958 sollte China zum «Grossen Sprung nach vorn» ansetzen, um das Land ökonomisch rasch zu entwickeln. Nicht zuletzt wegen der übereilten Kollektivierung der Landwirtschaft brachen Hungersnöte aus, die schätzungsweise 45 Millionen Menschen das Leben kosteten. Der Traum vom chinesischen Schlaraffenland habe in einem «grausamen Horror» gemündet, schreibt der Autor. Doch Mao liess sich nicht entmutigen. Er initiierte 1966 die «Grosse Proletarische Kulturrevolution» und rief seiner jugendlichen Anhängerschaft zu: «Rebellion ist berechtigt». Mao forderte sie zugleich auf, die «Machthaber des kapitalistischen Weges» zu entlarven. Das führte allerdings zu Chaos und Gewalt. Die Volksarmee griff als Ordnungsmacht ein – mit teilweise blutigen Exzessen. 1976 starb Mao und die Kulturrevolution wurde offiziell als beendet erklärt.

Vorherrschend ist heute, mehr als 40 Jahre nach seinem Tod, das Bild Maos als Tyrann und Massenmörder. Helwig Schmidt-Glintzer hält dagegen, nicht Mao Zedong habe China seinen Willen aufgezwungen, sondern diesem sei es gelungen, den im chinesischen Volk tief verankerten Wunsch nach einer Erneuerung des Landes aufzunehmen und einen Weg zu bahnen, der den Wiederaufstieg Chinas überhaupt erst ermöglichte. Mao habe nicht das Chaos gesucht: «ihm war einfach nur klar, dass eine Überwindung der grössten Ungerechtigkeiten einer längeren Anstrengung und vieler Kämpfe bedarf». Er gehöre also nicht die Reihe von Diktatoren wie Hitler und Stalin, sondern eher in jene der Reichseiniger wie Karl der Grosse, Napoleon oder Abraham Lincoln. Das mag auf den ersten Blick irritieren, doch vielleicht sollte man einen zweiten wagen. Dabei hilft die Lektüre der neuen Mao-Biografie ohne Zweifel.

Helwig Schmidt-Glintzer: Mao Zedong. «Es wird Kampf geben». Eine Biografie. Berlin: Verlag Matthes & Seitz 2017, 466 S.

13:52 20.07.2017
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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