Globale Folgen eines europäischen Krieges

Rezension Europas Staatenwelt ist nicht einfach in den Ersten Weltkrieg hineingeschlittert wie ein Schlafwandler. Sie hätte es in der Hand gehabt, einen anderen Weg zu steuern.
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Der australische Historiker Christopher Clark hat die Metapher des «Schlafwandlers» geliefert, auf die sich auch Kommentatoren aktueller Geschehnisse in Europa oder weltweit gerne berufen. Er betreibt damit eine Relativierung der Schuldfrage, welche die wissenschaftlichen Kontroversen seit den 1960er Jahren bestimmt hatte. Das ist ein problematischer Punkt, denn mit dieser Auseinandersetzung ging auch immer die Frage einher, welche Rolle der Kriegsverursacher Deutschland in Europa und in der Welt einnehmen sollte. Jene, die wie Bundespräsident Joachim Gauck, heute mehr «Engagement» einfordern, könnten durch eine solche Relativierung gestärkt werden.

Dass Fragen der Moral nicht mehr so stark im Vordergrund stehen, kann aber auch sein Gutes haben. So wird der Blick viel stärker auf das Zusammenspiel der handelnden Mächte gelenkt – auf ihre jeweiligen Motive, Interessen, Pläne und insbesondere auch ihre blinden Flecken, die mit wachsender Komplexität des Kampfgeschehens zu Fehlwahrnehmungen führten und damit auch die übrig gebliebenen Reste gegenseitigen Vertrauens zerstörten. Dank einer multiperspektivischen wie auch sehr detaillierten Sicht kann deutlich werden, dass das Ereignis eines Krieges nicht einfach über die Nationen und Völker hereinbricht, sondern von konkreten Entscheidungen abhängt – die auch anders hätten ausfallen können. Dies zeigt in hervorragender Weise die umfangreiche Publikation des Historikers Jörn Leonhard, der in Freiburg im Breisgau lehrt.

Mythos «Kriegsbegeisterung»

Die Büchse der Pandora ist tatsächlich ein Augenöffner für einen Leser, eine Leserin, der oder die sich umfassend über den Ersten Weltkrieg sachkundig machen möchte, ohne Wochen oder gar Monate in Bibliotheken und Archiven verbringen zu wollen bzw. zu können. Dem Rezensenten hat das Buch als Ferienlektüre gedient, ohne dass er sich einen Moment lang hätte langweilen müssen. Gewiss: Das Werk ist anspruchsvoll, weil es alle wichtigen Schauplätze und Aspekte der Vorgeschichte des Krieges wie seiner Entwicklung beleuchtet und untersucht. Es handelt von den Regierenden, aber auch von den Völkern der am Krieg beteiligten Staaten.

Leonhard räumt, wie andere zeitgenössische Historiker und Historikerinnen, mit einigen Vorurteilen und Mythen über den Krieg auf. So ist die vermeintliche Begeisterung beim Ausbruch des Krieges eher das Ergebnis staatlicher Propaganda als Ausdruck sozialer Wirklichkeit. Leonhard schreibt: «Von einem Drängen der Bevölkerung oder gar einer Bewegung für den Krieg von unten, auf die Politiker und Militärs in ihren Entscheidungen hätten Rücksicht nehmen müssen, konnte keine Rede sein.» Insbesondere bei der deutschen Arbeiterschaft sei die «prinzipielle Gegnerschaft zum Krieg die vorherrschende Grundzug» bis in die letzten Tage vor dem Kriegsausbruch geblieben. Stattdessen machte sich in der Führung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands die Bereitschaft zum «Burgfrieden» mit den herrschenden Mächten des Reiches breit. Sie glaubte, nun endlich das Stigma der «vaterlandslosen Gesellen» ablegen zu können.

Widerstand blieb aus

Das Ausbleiben eines organisierten Protestes gegen den Krieg zeigte das Scheitern der Arbeiter-Internationale an. Zwar wurden Friedensbekenntnisse geäussert, aber sie führten nicht zu gemeinsamem Handeln. So wollte eine Mehrheit der SPD ihre Rolle im parlamentarischen System nicht durch Widerstandsaktionen gefährdet sehen. Dieses Scheitern war aber nicht urplötzlich zutage getreten. Die Gründe dafür zeichneten sich bereits in den Vorkriegsjahren deutlich ab. Anlässlich des Stuttgarter Kongresses der Zweiten Internationale im Jahr 1907 hatte der französische Sozialist und Antimilitarist Gustave Hervé «für den Fall eines Krieges ganz im Sinne des revolutionären Syndikalismus einen internationalen Arbeiteraufstand und Militärstreik gefordert», während der SPD-Vorsitzende August Bebel solche Konzepte vehement kritisierte, weil sie «den legalistischen Kurs seiner Partei und ihre mühsam erreichte innenpolitische Position» in Frage gestellt hätten, hält Leonhard fest.

Der Burgfrieden begann jedoch bereits im zweiten Kriegsjahr zu bröckeln. Im September 1915 trafen sich auf Initiative des späteren schweizerischen Landesstreikführers Robert Grimm Delegierte von verschiedenen sozialdemokratischen Parteien in Zimmerwald, um ein Manifest «An die Proletarier Europas» zu verabschieden. «Darin wurde der Krieg der Imperialisten ebenso kritisiert wie die Bereitschaft der europäischen Linken, ihre nationalen Regierungen zu unterstützen», so Leonhard. Der im schweizerischen Exil lebende russische Revolutionär Wladimir Iljitsch Lenin trat dort auf und forderte die Verwandlung des Staatenkrieges in einen revolutionären Volkskrieg gegen die herrschenden Klassen aller Länder.

Vertrauensverlust

Die intellektuelle Elite Europas rechtfertigte den Krieg, aber es gab auch kritische Stimmen, die insbesondere den Fortschrittsoptimismus des 19. Jahrhunderts einer Prüfung unterzogen. Vor 1914 hatten viele geglaubt, durch materielle und kulturelle Höherentwicklung würden Gesellschaften und Staaten friedlicher. Dem widersprach Sigmund Freud in seinem 1915 publizierten Essay Zeitgemässes über Krieg und Tod. Unter einen dünnen Firnis von zivilisatorischen Errungenschaften würden ganz andere Triebkräfte wirken, die sich nicht kanalisieren liessen. So erinnere der Krieg daran, dass es zu jeder Zeit einen Rückfall in ältere psychische Zustände geben könne. Das Leben, so die Meinung des Psychoanalytikers, lasse sich nur erträglich gestalten, wenn man von der Illusion über die vermeintliche Wirkmächtigkeit der Kultur Abschied nehme.

Je länger der Krieg dauerte, desto mehr ging es darum, einfach durchzuhalten. Ausbleibende militärische Erfolge und wachsende Versorgungsprobleme hatten in weiten Teilen der Gesellschaft in den kriegsführenden Nationen zur Folge, dass am Sinn des Krieges gezweifelt wurde. Am deutlichsten zeigte sich diese Entwicklung in Russland: Dort führte ein massiver Verlust des Vertrauens in die herrschende Ordnung Anfang 1917 zum Untergang des Zarenregimes. Doch auch in anderen Ländern, zum Beispiel in Deutschland, erodierte die Glaubwürdigkeit des Staates.

Faszination und Furcht

1917 stellte einen Wendepunkt dar – oder in Leonhards Worten: «1917 wurde ein Jahr globaler Übergänge, eine Formverwandlung der Geschichte.» Zwei Ereignisse stehen dafür symptomatisch: Am 6. April jenes Jahres verkündete Präsident Woodrow Wilson den Kriegseintritt der Vereinigten Staaten gegen das Deutsche Reich. Drei Tage später, am Ostersonntag, verliess Lenin sein Zürcher Exil in einem speziellen Kurswagen Richtung Russland. Beide, Wilson wie Lenin, wurden zu welthistorischen Akteuren, die für Alternativen zum europäischen Nationalstaatskonzept des 19. Jahrhunderts standen. Beider Konzeptionen wurden durch eine Internationalisierung der Politik im Zeichen nationaler Selbstbestimmung bestimmt.

Die bolschewikische Oktoberrevolution löste Faszination und zugleich Furcht aus. An Wilson waren messianische Erwartungen geknüpft – dies insbesondere in Asien. Viele glaubten, nun werde das Zeitalter des Imperialismus enden. Die Kolonialvölker waren in den europäischen Krieg hineingezogen worden und hofften, als Lohn für die geleisteten Opfer würden sie jetzt die Möglichkeit erhalten, ihr Leben in die eigenen Hände zu nehmen. Diese Hoffnung war trügerisch, denn die Kolonialmächte zeigten keinerlei Bereitschaft, den von ihnen beherrschten Ländern mehr Selbstbestimmung zu geben. Die Aufteilung des Osmanischen Reiches führte vielmehr dazu, dass das britische Empire nach 1918 seine grösste Ausdehnung erreichte.

Gescheiterte Hoffnungen

Mit Lenin und Wilson war, so Jörn Leonhard, ein «Utopienwettbewerb» entstanden. Es sei wohl kein Zufall, «dass es ein wirklich positives Verständnis von Utopie erst wieder seit dem Ersten Weltkrieg gab». Leonhard verweist auf den Soziologen Karl Mannheim, doch ebenso gut hätte er den Philosophen Ernst Bloch anführen können, der sein erstes grosses Werk, Geist der Utopie, 1918 veröffentlichte. Die Konkurrenz der Utopien hatte nach dem Ersten Weltkrieg eine neue Unübersichtlichkeit zur Folge, doch sie schuf auch neue Freiräume des Denkens. Allerdings blieb die Spannung zwischen Nationalismus und Internationalisierung ungelöst.

So wie der liberale Gedanke des Völkerbundes als Forum einer neuen Sicherheitskultur an den nationalstaatlichen Interessen scheiterte, wurde auch die Hoffnung auf eine wahrhaft Kommunistische Internationale nicht eingelöst. Die Moskauer Internationale pervertierte zu einem Instrument Stalinscher Schreckensherrschaft. Während und vor allem nach dem Ersten Weltkrieg hatten viele gehofft, die entsetzlichen Opfer jener Jahre seien nicht umsonst gewesen. Der französische Schriftsteller Henri Barbusse betonte 1918: «Die Gleichheit erfordert gemeinsame Regeln für alle Menschen der Erde.» Dieser Satz habe seinen «normativen Anspruch bis heute nicht verloren», meint Leonhard. Es bleibt die nicht eingelöste Erbschaft des ersten Krieges in Europa mit globalen Konsequenzen, diesen Anspruch Wirklichkeit werden zu lassen.

Jörn Leonhard: Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs. München: Verlag C. H. Beck 2014, 1157 S., € 38.00

14:48 27.10.2014
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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