Radikal denken und handeln

Rezension Mit zunehmender Krisenhaftigkeit des Kapitalismus steht auch wieder die Frage nach seiner Überwindbarkeit zur Debatte. Der LAIKA Verlag liefert dazu wichtige Beiträge.
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Die Schweizer Weltwoche führt schon seit geraumer Zeit eine ihrer berühmten Kampagnen: Diesmal geht es um die Vergangenheit des heutigen Chefredakteurs des Zürcher Tages-Anzeiger, Res Strehle, dem die einstige Nähe zu «Terroristen» nachgewiesen werden soll. Gleich mit erledigt werden damit die Achtundsechziger- sowie die Jugendbewegung der Achtzigerjahre, deren Folgen dem rechtsbürgerlichen Blatt offenbar immer noch zu schaffen machen. Die aufmerksame Beobachterin, der interessierte Zeitgenosse fragt sich, was Sinn und Zweck dieser Kampagne sein soll. Tatsache ist doch, dass viele arrivierte Medienleute in der Deutschschweiz in ihren frühen Jahren ein Rendezvous mit dem gesellschaftlichen Aufbruch hatten. Das gehörte zum «radical chic» jener Zeit. Die meisten von ihnen haben sich längst davon distanziert und erzählen bloss noch anekdotenhaft über ihr einstiges Engagement «im Dienste des Volkes». Umso argwöhnischer scheinen sie zu sein, wenn andere, ebenfalls Arrivierte, von solchem Abschwören nichts wissen wollen. Unwillkürlich fühlt man sich an den Spruch aus der Neuen Frankfurter Schule erinnert: «Die schlimmsten Feinde der Elche waren früher selber welche.»

Möglicherweise geht es doch um mehr als die Konkurrenz unter Platzhirschen. Vielleicht spüren die Herren (seltener Damen) in den edlen Medienhäusern etwas vom Beben, das unser schönes Werk des Fortschritts und des Wohlstands grundlegend erschüttern könnte. Da heisst es rechtzeitig in die Tasten greifen, um den bis jetzt bloss vagen Fragen nach einer anderen Gesellschaft den Garaus zu machen. Die Botschaft muss in die Köpfe und Herzen der Massen eingehämmert werden: «THERE IS NO ALTERNATIVE!» Maggie Thatcher lässt grüssen…

Symptome der Angst

Wer die Berichte, Analysen und Kommentare in den Medien verfolgt, der und die wird feststellen, wie sehr der Putz am Bau der «freien Marktwirtschaft» schon bröckelt. Gut: Hierzulande trifft uns das noch kaum. Doch wer mag ausschliessen, dass die Folgen der gegenwärtigen Finanz- und Schuldenkrise das nächste Mal genau so glimpflich sein werden wie im Herbst 2008, als die UBS mit Milliarden der Eidgenossenschaft und der Schweizerischen Nationalbank gerettet werden musste – und dies beinahe putschartig? Da haben die Herren und Damen, die für die andere Seite arbeiten, selbstverständlich gewappnet zu sein: gegen ein Aufbegehren der Bürgerinnen und Bürger. Die Annahme der Abzocker-Initiative tut niemandem weh. Doch andere politische Projekte sind in Vorbereitung, welche die Interessen der wirklich Mächtigen in der Schweiz tatsächlich treffen könnten. Man denke an die 1:12-Initiative, welche die Löhne der Bestbezahlten in einem Unternehmen auf das Zwölffache der niedrigsten Löhne begrenzen will. Vor denen wird in den interessierten Kreisen bereits gewarnt.

Die Strehle-Story der Weltwoche mag ein kleines Scharmützel sein, doch ganz so zufällig, wie sie erscheint, ist sie wohl nicht. Sie drückt etwas Symptomatisches aus: die Angst davor, dass wieder in Alternativen gedacht – und möglicherweise auch gehandelt – werden könnte. Da muss die radikale Vergangenheit mancher Menschen auf die Frage reduziert werden: Wie war und ist deine Haltung zum «Terrorismus»? Als ob jede Alternative darin enden müsste! Diese Angstabwehr funktioniert noch immer, doch das radikale Denken meldet sich trotzdem zurück. Ein Beispiel dafür sind die drei Konferenzen, die sich mit der «Idee des Kommunismus» auseinandersetzten: 2009 in London, 2010 in Berlin sowie 2011 in New York. Namhafte Theoretiker (und leider nur wenige Theoretikerinnen) waren daran beteiligt. Die ersten beiden Konferenzen sind nun auch auf Deutsch dokumentiert.

Erfahrungen wachhalten

Um diese Dokumentation gekümmert hat sich der Hamburger LAIKA Verlag, der neben Theorie-Schriften auch die «Bibliothek des Widerstands» mit audiovisuellen Dokumenten der sozialen Bewegungen seit den 1960er Jahren herausgibt. Gegründet wurde der Verlag u.a. von Karl-Heinz Dellwo, der als Mitglied der Roten Armee Fraktion (RAF) 1975 an der Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm beteiligt war. Dellwo zählt zu den wenigen RAF-Ehemaligen, die sich öffentlich zu ihrer Geschichte äussern. Er will mit seinem Verlag die Erfahrungen des Widerstandes wachhalten und Material für die heutigen gesellschaftlichen Auseinandersetzungen bereitstellen. In einem kürzlich erschienenen Interview erklärt Dellwo: «Es werden neue Revolten kommen. Ich hoffe darauf» – denn: «Das war doch ein Aufbruch damals 1968, der auch noch eine Generation danach mobilisiert hat. Endlich kam etwas Leben zurück.» (Berliner Zeitung, 23./24. Februar 2013)

Die Initiative zu den Kommunismus-Konferenzen ging vor allem vom französischen Philosophen Alain Badiou sowie vom slowenischen Theoretiker Slavoj Žižek aus. Für Badiou bedeutet «Kommunismus» keine Utopie, sondern die Ausrichtung konkreter Politik, hier und jetzt, auf universale Emanzipation: eine Befreiung, die nichts und niemanden auslässt. Oder etwas theoriegeladener formuliert: «Die Idee des Kommunismus macht es möglich, dass die reale Aktion, die immer lokalisierbar und spezifisch ist, in der Fiktion einer universalen Geschichte symbolisiert werden kann.» Zur Geschichte der kommunistischen Idee gehört nun allerdings, dass ihr Symbol im 20. Jahrhundert jenes des Sieges in kriegerischen Auseinandersetzungen war. So wurde aus dem Kommunismus ein Kasernenhof. Die Revolten gegen den autoritären Staatssozialismus in China, der Tschechoslowakei oder Polen führten nicht zu einer Erneuerung der emanzipatorischen Idee, sondern – Ironie der Geschichte – zu einer Rückkehr zum Kapitalismus, selbst wenn dieser (wie in China) rot angemalt ist.

Recht des kollektiven Willens

Belegen solche Erfahrungen die These von der Schwerkraft des kapitalistischen Systems, das es verunmöglicht, reale Alternativen zu entfalten? Ein genauerer Blick auf Emanzipationsbewegungen der jüngeren Geschichte lohnt sich allemal. So liefert der zweite Band der Kongress-Dokumentation einen höchst überraschenden Einblick in die polnische Solidarność-Bewegung. Kuba Majmurek, Kuba Kimurda und Janek Sowa, drei polnische Autoren, behaupten in ihrem Beitrag «Das Ereignis im Eisschrank», «dass Polen in den frühen Achtzigerjahren auf dem Weg zu einer Revolution war, welche – wenn sie stattgefunden hätte – die Machtverhältnisse und die ideologische Landschaft der westlichen Welt auf dramatische Weise erneuert hätte». Die Gewerkschaft habe für eine «nicht-entfremdete Macht» gestritten, die das Recht des kollektiven Willens beinhaltet habe, «den ökonomischen Prozess zu kontrollieren»: also fürwahr kein kapitalistisches Programm! Wohl habe sich Solidarność einer religiösen Sprache bedient, doch die sei «bis zum Bersten gefüllt» gewesen «mit starker messianischer Leidenschaft, mit messianischen Freiheitsversprechen». Die Autoren sehen durchaus eine Nähe zur chinesischen Kulturrevolution: Wie diese habe sich Solidarność «gegen die versteinerte Maschine von Partei und Staat» gerichtet, aber im Namen derselben Ideale, auf denen diese Maschine ursprünglich basierte.

Die Solidarność-Bewegung scheiterte am Eingreifen der militärischen Macht im Dezember 1981 – ähnlich wie 13 Jahre zuvor der Prager Frühling mit dem Einmarsch der Sowjettruppen gewaltsam beendet worden war. Das Scheitern hatte weitreichende Folgen, denn Polen ist heute – wie andere mittel- und osteuropäische Staaten – zum Spielball eines ungehemmten Kapitalismus geworden. Trotzdem glauben die Autoren, dass die Solidarność-Idee «eine lebendige Inspirationsquelle für zeitgenössische Emanzipationskämpfe bleibt: ihre Kraft, sich eine Alternative zur überwältigenden, gegenwärtigen Unterdrückung vorstellen zu können». Damit werde ein Bereich von grösster Bedeutung berührt, «denn das Blockieren der Vorstellungskraft, dieses Denkverbot ist eine Machtprozedur, die der neoliberale Kapitalismus über unsere Subjektivität ausübt».

Suche nach Zusammenhängen

Gegen diese Blockade argumentieren die Autorinnen und Autoren. Was sie zu sagen haben, ist nicht eintönig, sondern vielstimmig. Sie eint die These, dass man dem Begriff «Kommunismus» treu bleiben solle, um damit den Inhalt radikal emanzipatorischer Projekte zu bezeichnen. Mit seiner Orientierung am Konzept des Gemeinschaftlichen stelle er eine Kampfansage an die kapitalistische Privatisierung dar, die in allen Poren des gesellschaftlichen Lebens dringe und damit die Grundlagen der gemeinsamen Existenz zerstöre. Doch über die Gemeinsamkeiten hinaus gibt es eine Reihe von Kontroversen, die in den beiden Bänden explizit oder auch bloss angedeutet zur Sprache kommen. Wie steht es beispielsweise um die Vermittlung zwischen Idee und sozialer Realität, wie ist das Verhältnis zu Staat und Demokratie, welche Bedeutung hat das Denken der «Ahnen» der kommunistischen Bewegung für die heute Lebenden?

Die Frage ist ja auch, welche Bedeutung solche vor allem philosophischen Debatten für eine linke Politik haben können. Bleibt im Alltag politisch engagierter oder auch nur interessierter Menschen überhaupt Zeit für vertiefte Reflexionen? Neulich las ich in der Zeitschrift Neue Wege. Beiträge zu Religion und Sozialismus einen Text der jungen Schweizer Schriftstellerin Dorothee Elmiger, in der sie u.a. von der Begegnung mit einer Freundin berichtet. «Sie sei, sagte die Freundin, die selbst schreibt, schon lange nicht mehr zufällig in ein interessantes Gespräch verwickelt worden.» Das deutet sie als ein Zeichen für die Zusammenhanglosigkeit unserer Zeit, die sich auch darin äussern mag, dass existenziell bewegende Ideen wenig Platz im Leben finden, obwohl es doch gerade an diesen Ideen fehlt – und stattdessen irgendwelche Management-, Marketing- und sonstigen Konstrukte unsere Köpfe besetzen.

Die Blockaden des Vorstellungs- und Denkvermögens, wie die Welt anders: gerechter, friedlicher und schöner, eingerichtet werden könnte, werden auf diese Weise kaum überwunden. Deshalb bedarf es der Auseinandersetzung mit Ideen, Erfahrungen, Wünschen und Träumen, die uns heute noch ferne liegen mögen, aber neue Aktualität gewinnen – denn die Welt bleibt nicht so, wie sie ist.

Costas Douzinas / Slavoj Žižek (Hrsg.): Die Idee des Kommunismus. Band I. Aus dem Englischen von Harald Etzbach. Hamburg: LAIKA Verlag 2012, 280 S., 24 €.

Alain Badiou / Slavoj Žižek (Hrsg.): Die Idee des Kommunismus. Band II.Aus dem Französischen und Englischen von Roland Holst sowie aus dem Italienischen von Adriana Enslin. Hamburg: LAIKA Verlag 2012, 296 S., 24 €.

16:13 14.03.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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