Thomas Müntzer - ein revolutionärer Mystiker

Rezension Das Gedenken der Reformation konzentriert sich auf große Namen. Thomas Müntzer, der dem gemeinen Volk mehr zutraute als den hohen Herren, gerät leicht in Vergessenheit
Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community
Thomas Müntzer - ein revolutionärer Mystiker
In seiner Heimatstadt, Stolberg, erinnert ein Denkmal an den Theologen
Bild: Andreas Vogel/ Wikimedie Commons

In einer aufgewühlten, revolutionsschwangeren Zeit, kurz nach dem Ersten Weltkrieg und den Umwälzungen in Sowjet-Russland, begrüsste der Marxist Ernst Bloch den Prediger Thomas Müntzer über die Jahrhunderte hinweg als einen «Theologen der Revolution». Bloch war gewiss: «die Toten kommen wieder, ihr Tun will mit uns nochmals werden», denn «er und das Seine und alles Vergangene, das sich lohnt, aufgeschrieben zu werden, ist dazu da, uns zu verpflichten, zu begeistern, das uns stetig Gemeinte immer breiter zu stützen».[1]

Ernst Bloch wähnte, Müntzer verwandte Tage seien nun wieder gekommen, «und sie werden nicht mehr ruhen, bis ihre Tat getan ist».[2] Heute leben wir in vergleichbar erregten Zeiten, doch die Zeichen stehen nicht auf fundamentalen Wandel, wie ihn Bloch seinerzeit erhoffen konnte. Sie deuten eher auf Stillstand, gar Rückfall in Verhältnisse, die wir für überwunden hielten. Wo ist da noch Platz für eine wahrhaft revolutionäre Begeisterung? Was soll uns in dieser Lage ein Thomas Müntzer bedeuten?

Die Erneuerung der Christenheit

Das Schicksal des Theologen verband sich aufs engste mit der Revolution des «gemeinen Mannes», dem grossen deutschen Bauernkrieg von 1524/25. In der Schlacht von Frankenhausen metzelten die Söldnerheere der Fürsten die schlecht bewaffneten Bauernhaufen nieder und nahmen auch Thomas Müntzer gefangen. Er starb als Aufrührer unter dem Schwert. Begonnen hatte seine Geschichte im Dunkel: Weder Geburtsort noch Geburtsjahr Müntzers sind amtlich verbürgt. Es besteht allerdings kein Zweifel daran, dass er in Stolberg am Harz geboren wurde – vermutlich 1489. Der Biograph Hans-Jürgen Goertz, dessen Buch Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeichen die vorliegende Besprechung gewidmet ist, hält fest: Nicht nur die Spuren seiner sozialen Herkunft seien «verweht», sondern auch jene der akademischen Ausbildung sowie der Vorbereitung auf die Priesterweihe.

Das öffentliche Wirken Müntzers umfasste nur wenige Jahre, doch diese Zeit war von allergrösster Intensität geprägt. Seine drängende Frage lautete, auf welchem Weg die Christenheit erneuert werden könnte; und diese Frage teilte er mit vielen wach Gewordenen seiner Zeit. Die Missstände in der Kirche, von der päpstlichen Spitze bin hinunter zu den Pfarreien, wurden allenthalben kritisiert. Thomas Müntzer schloss sich der reformatorischen Bewegung an und machte im sächsischen Zwickau wichtige Erfahrungen für seinen weiteren Lebensweg: Der dort betriebene Bergbau und das daraus gewonnene Kapital hatten für grossen Reichtum gesorgt, aber auch wachsende Armut erzeugt. Unter den Tuchknappen – Handwerkern, die sich von neuen Produktionsweisen in der Tuchherstellung überrollt fühlten – verbreitete sich Unruhe. Der Wunsch nach einer Reformation des christlichen Lebens ging hier weit über die Frage hinaus, welche Form die Kirche künftig annehmen sollte.

Das Wirken des Heiligen Geistes

In früheren Darstellungen wurde die Zwickauer Zeit, seine Begegnung mit dem «gemeinen Mann», dessen Wünschen und Forderungen, zum Wendepunkt in Müntzers Werdegang erklärt.[3] Diese Sichtweise, sei «mittlerweile überwunden», schreibt Goertz (S. 71). Hingegen zeigte sich bereits in Zwickau, dass Müntzer auf einem anderen geistigen Boden stand als Luther. Die Heilige Schrift bezeugt das göttliche Heil, es wird aber nicht allein in ihr offenbar, wie dies die lutherische Lehre behauptet. Entscheidend für Müntzer war das Wirken des Heiligen Geistes im «Abgrund der Seele» jedes einzelnen Menschen. Wichtige Impulse nahm er von der mystischen Frömmigkeit eines Johannes Tauler und anderer Meister der inneren Erfahrung auf. Die Mystik verband sich bei Müntzer mit einem apokalyptischen Verständnis der Gegenwart: Die Zeit der Ernte sei gekommen, hiess es in seinem Prager Sendbrief von 1521, jetzt müssten Weizen und Spreu voneinander getrennt werden. Im Fegefeuer der innerlichen Reinigung solle bereits zu Lebzeiten die Seele für den Empfang des göttlichen Geistes vorbereitet werden.

Aus allen seinen Wirkungsstätten wurde Thomas Müntzer vertrieben. «Doch er gab nicht auf und hegte keinen Zweifel an seiner Sendung.» Anfeindungen, Rückschläge und äussere Not, die Müntzer erlebte, empfand dieser vielmehr als «Bestätigung […], auf dem gottgewollten Weg zu sein». Was Müntzer als Unbelehrbarkeit vorgeworfen wurde, sei vielmehr «das Ergebnis eines Lernprozesses, in dem sich psychische und gesellschaftliche Erfahrungen mit theologischer Einsicht verbanden», hält Hans-Jürgen Goertz fest (S. 109).

«Alles gehört allen»

Durch Thomas Müntzers Reden und Schriften wurden die Unterschiede zu Luthers Verständnis der Reformation immer deutlicher. Der Wittenberger lebte im Einklang mit einer Welt, in der die Fürsten unbeschränkte Gewalt ausüben konnten. Müntzer hingegen forderte von der Obrigkeit, sie solle die Frommen schützen und die Gottlosen bestrafen – ansonsten werde ihr das Schwert genommen. Er wollte die Verhältnisse, also die Beziehungen der Menschen untereinander, so verändern, dass nicht mehr die Angst vor dem von Menschen Geschaffenen herrscht, sondern nur noch die Gottesfurcht. Luther hatte im Streit mit Müntzer eine Position eingenommen, die «letztlich die Autorität der weltlichen Obrigkeit stärkt», während dieser aus der Perspektive derjenigen dachte, «die gerade unter dieser Autorität leiden, sich aufbäumen und eine Besserung ihrer Lage von der Herrschaft Gottes auf Erden erwarten», schreibt Goertz (S. 179).

Nach dem offen zutage getretenen Bruch zwischen Luther und Müntzer spitzten sich die Geschehnisse weiter zu. Die Unruhe im Reich wuchs. Auf einer Reise, die ihn zuerst nach Basel führte, lernte Müntzer die aufrührerischen Bauern am Oberrhein kennen. Er kehrte nach Thüringen im Bewusstsein zurück, «an einer grossen Veränderung der Welt mitzuwirken», vermutet Goertz (S. 193). Beim Aufstand des «gemeinen Mannes» im Frühjahr 1525 hatte Thomas Müntzer in Thüringen ein gewichtiges Wort mitzureden. Wenn die Herrschaft auf das Volk übergehe, müsse auch das Recht neu geregelt werden. Omnia sunt communia, alles gehört allen: Nach dieser Maxime sei vorzugehen, bekannte Müntzer im Verhör, nachdem die Bauernhaufen von den Fürstenheeren vernichtet worden waren.

Hoffnung auf das kommende Reich

«Geschlagen ziehen wir nach Haus, unsere Enkel fechtens besser aus.» Diese Parole aus dem Bauernkrieg hatte es Ernst Bloch ganz besonders angetan. An ihr wollte er die Kraft des Utopischen verdeutlichen: Der Geist der Hoffnung auf eine andere, bessere Welt verschwindet nicht einfach, er taucht vielmehr an unerwarteter Stelle wieder auf. Mehr als 300 Jahre später, im deutschen Vormärz, dem Vorfeld der Revolution von 1848, die abermals scheitert, wird Müntzer als Protagonist des Kampfes um die Freiheit des Volkes erinnert. Im 20. Jahrhundert ist es dann die kommunistische Bewegung, die Müntzer wieder entdeckt. Schliesslich nimmt sich die Deutsche Demokratische Republik seines Erbes an, kann aber letztlich nicht viel mit dessen Radikalität anfangen.

Der ideologische Krieg, der um Thomas Müntzer entfacht wurde, scheint mit dem Ende der DDR und des «real-existierenden Sozialismus» gegenstandslos geworden zu sein. Das wäre eine Chance, diesen Mystiker neu zu entdecken, der den Blick nicht nur nach innen richtete, sondern dazu beitragen wollte, all das in der äusseren Welt zu ändern, was die Menschen davon abhält, nach der Gerechtigkeit des Reiches Gottes zu trachten. Das Buch von Hans-Jürgen Goertz, das zuerst 1989 erschien, nun aber in einer völlig überarbeiteten Neuauflage vorliegt, kann dazu Wesentliches beitragen und die Hoffnung stärken, dass dieses Reich kommen wird.


[1] Ernst Bloch: Thomas Münzer als Theologe der Revolution. Gesamtausgabe in 16 Bänden. Band 2, Frankfurt/M. (Suhrkamp Verlag) 1977, S. 9. Die Erstausgabe erschien 1921. Eine ergänzte Ausgabe kam wohl nicht ganz zufällig 1969 heraus – als eine Antwort Blochs auf die Bewegung der radikalen Jugend Ende der 1960er-Jahre.

[2] Ebd., S. 109.

[3] Zum Beispiel beim sowjetischen Historiker M.M. Smirin: Die Volksreformation des Thomas Münzer und der grosse Bauernkrieg. Übersetzt aus dem Russischen von Hans Nichtweiss, Berlin/DDR (Dietz Verlag) 1952.

Hans-Jürgen Goertz: Thomas Müntzer. Revolutionär am Ende der Zeiten. Eine Biographie. München (C.H. Beck) 2015, 352 Seiten, € 24.95

09:40 12.04.2016
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

Kommentare 8