Von der Fürsorge zum Empowerment

Rezension Die Geschichte Sozialer Arbeit ist eng verbunden mit Bewegungen, die Kritik an den herrschenden Verhältnisse üben und die Emanzipation der Ausgeschlossenen einfordern.
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Wichtige Anstösse erhielt die professionelle Sozialarbeit von neuen gesellschaftlichen Bewegungen, die rund um 1968 aus dem Boden spriessten. Damit war vielfach auch der Anspruch verbunden, Soziale Arbeit müsse sich kritisch mit den herrschenden Verhältnissen auseinandersetzen und Alternativen zum bestehenden System entwickeln.Diese neuen sozialen Gruppierungen wiederum waren nicht im luftleeren Raum entstanden, sondern bezogen sich auf Vorläufer wie die Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung, die ihrerseits den Gedanken der Selbsthilfe schon früh geprägt hatte. Dort und anderswo waren Formen der Sozialen Arbeit entstanden, an die heute nur noch selten erinnert wird. Trotzdem waren gerade sie es, welche zur Herausbildung einer eigentlichen Profession «Sozialarbeit» Entscheidendes beigetragen haben. Dieser weitgehend verschütteten Geschichte gehen Ruedi Epple und Eva Schär in ihrem neuen Buch Spuren einer anderen Sozialen Arbeit. Kritische und politische Sozialarbeit in der Schweiz 1900 – 2000 nach. Damit setzen sie eine Forschungstätigkeit fort, die mit dem 2010 erschienenen Band Stifter, Städte, Staaten. Zur Geschichte der Armut, Selbsthilfe und Unterstützung in der Schweiz 1200 – 1900 begonnen worden war.

Ein solches Vorhaben lässt sich nur exemplarisch verwirklichen. Standen im ersten Band fünf Querschnitte im Zentrum, die beispielhaft die europäische Geschichte der Armut und des Kampfes gegen sie seit dem Hochmittelalter beschreiben, so geht es im hier vorgestellten Buch um die Darstellung von Initiativen, die zu unterschiedlichen Zeiten des vergangenen Jahrhunderts und auf unterschiedliche Weise versuchten, Soziale Arbeit als solidarisches Handeln mit gesellschaftlich Benachteiligten zu definieren.

Vier solcher Initiativen werden vorgestellt – und jede von ihnen steht in Verbindung mit bestimmten Personen, die im Buch porträtiert werden. Auch hier gilt das Prinzip des Exemplarischen: Die Porträtierten haben die vorgestellten Initiativen mehr oder weniger stark geprägt, aber sie kommen jeweils als Teil des Ganzen in den Blick.

Ein «Seitenwechsel», der das Leben prägt

Die erste von ihnen ist die Baslerin Christine Brugger (1908 – 1997), aus religiös-sozialem Milieu stammend. Als 19-jährige Gymnasiastin hörte sie zum ersten Mal von der «Ulme», einer «sozialen Arbeitsgemeinschaft» in einem Kleinbasler Arme-Leute-Quartier. Dieses Projekt war von der englischen und US-amerikanischen Settlement-Bewegung inspiriert worden, die einen Brückenschlag zwischen sozial engagiertem Bürgertum und der Arbeiterschaft versuchte. Die Frauen und Männer aus besseren Kreisen sollten das Leben des Proletariats kennenlernen und es an der bürgerlichen Kultur teilhaben lassen.

Dieser «Seitenwechsel» war für das Leben von Christine Brugger prägend. Während eineinhalb Jahren nahm sie intensiven Anteil an der Arbeit der «Ulme», einem Zentrum, das Jugend- und Bildungsarbeit für die Bewohnerinnen des Quartiers anbot. Sie lernte dort ein Ausmass an Armut und Not kennen, das in nicht wenigen Momenten «ein Gefühl unsäglicher Ohnmacht» in ihr weckte, wie sie selbst notiert hat.

Nach dem Einsatz in der «Ulme» ging Christine Brugger an die Soziale Frauenfachschule in Zürich, musste dort aber feststellen, dass man in der Fürsorge den Hilfsbedürftigen auf einer ganz anderen Ebene begegnete. Dort waren sie «die Befürsorgten, die Bemutterten, oft die Beanstandeten». Durch ihre praktische Tätigkeit in der «Ulme» wurde ihr der krasse Widerspruch zwischen Reichtum und Armut bewusst. Er rechtfertige ein politisches Engagement, das «auf eine gänzliche Umgestaltung der Verhältnisse» ziele, war Christine Brugger überzeugt.

In der Folge von Weltwirtschaftskrise und Massenarbeitslosigkeit zu Beginn der 1930er-Jahre erfuhr die Arbeit der «Ulme» ihren Höhepunkt. Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs, als die bisherigen Helferinnen und Helfer im Zuge der Mobilmachung rekrutiert wurden, kam sie dann allerdings zum Erliegen. Später engagierte sich Christine Dieterle-Brugger als Pfarrfrau während gut 30 Jahren freiwillig für den «Fonds für Entwicklung und Partnerschaft in Afrika» (FEPA).

Eine erste Schlussfolgerung aus der Geschichte einer anderen Sozialen Arbeit könnte also lauten, dass es eines Bewusstseins für die gesellschaftliche Wirklichkeit und die dort waltenden sozialen Gegensätze bedarf. Um zu begreifen, warum Menschen unter die Räder der gesellschaftlichen Entwicklung geraten, ist ein scharfer Blick für die Widersprüche zwischen «oben» und «unten», «drinnen» und «draussen», «angepasst» und «abweichend» erforderlich.

Kampf und Kompromiss

In der Schweiz der Zwischenkriegszeit waren die gesellschaftlichen Gegensätze offenkundig und die politischen Auseinandersetzungen darum wurden in einer Schärfe geführt, die uns Heutige erstaunen mag. Ein wesentlicher Teil dieser Auseinandersetzungen drehte sich um die Frage, wie kollektive Risiken (Arbeitslosigkeit, Arbeitsunfähigkeit im Alter, etc.) besser abgesichert werden könnten. Entscheidend dabei war der Kampf für eine eidgenössische Alters- und Hinterlassenenversicherung (AHV). Zwar gab es bereits betriebliche Pensionskassen und vereinzelt entstanden auch kantonale Alterskassen, doch die Mehrheit der Erwerbstätigen wurde von diesen Vorsorgeeinrichtungen nicht erfasst.

In den 1930er-Jahren wuchs dann allmählich die Bereitschaft zu einem sozialstaatlichen Kompromiss: Die Mehrheitslinke (Sozialdemokratie und Gewerkschaften) verzichtete auf Vorstellungen von einer sozialistischen Umgestaltung der Schweiz, ein Teil des Bürgertums auf seine Frontstellung gegenüber der Arbeiterschaft und deren Forderungen nach mehr sozialer Sicherheit. Die 1948 eingeführte AHV wurde dann zum Paradebeispiel eines nationalen Konsenses,

Ein wesentlicher Teil der Sozialen Arbeit, die zu jener Zeit noch hauptsächlich unter dem Begriff «Fürsorge» lief, wurde damals von kirchlich oder weltanschaulich geprägten Organisationen geleistet. Als weiteres Beispiel für eine politisch engagierte Sozialarbeit der Zwischenkriegszeit führt das Buch von Epple und Schär die «Konferenz für sozialistische Wohlfahrtspflege» (KSW) an, die zwischen 1931 und 1936 existierte.

Die dort organisierten Frauen und Männer hielten am Ziel einer klassenlosen Gesellschaft fest, waren sich aber auch bewusst, dass konkrete Hilfe für in Not Geratene hier und jetzt geleistet werden musste. Angesichts des durch die Weltwirtschaftskrise wachsenden Unterstützungsbedarfs war es notwendig, die vorhandenen Kräfte zu bündeln. Aus dieser Einsicht heraus entstand 1936 das heute noch bestehende «Schweizerische Arbeiterhilfswerk» (SAH).

Nach dem Zweiten Weltkrieg engagierte sich das SAH im Rahmen der vom Bundesrat ins Leben gerufenen «Schweizer Spende» an der Wiederaufbauarbeit in Deutschland. Anhand der Tätigkeit der vom SAH nach Bochum entsandten Fürsorgerin Verena Conzetti (1914 – 1999) wird das Spannungsfeld zwischen «neutraler Hilfe», wie sie vom Bundesrat gefordert wurde, und einer politisch orientierten bzw. «gebundenen Hilfe» deutlich.

Mit der allmählichen Auflösung weltanschaulich geprägte sozialer Milieus, wie sie von der sozialistischen Arbeiterbewegung oder vom politischen Katholizismus geformt worden waren, schwand auch die Bedeutung der «gebundenen Hilfe» dahin. Organisationen wie Pro Juventute oder Pro Senectute waren keiner bestimmten Weltanschauung verpflichtet und richteten ihre Soziale Arbeit auf eine gesellschaftlich neutrale Haltung aus.

Kritik an den Verhältnissen

Die damit verbundene Entpolitisierung wurde in der Folge der 1968er-Bewegung deutlich infrage gestellt. In dieser Zeit entstanden Konzepte und Modelle einer Sozialen Arbeit, die sich solidarisch mit den schwachen, an den gesellschaftlichen Rand gedrängten Menschen zeigen wollte. Ein Beispiel dafür (das im Buch allerdings nicht weiter ausgeführt wird) ist die Heimkampagne, die sich an die jugendlichen Zöglinge von Erziehungsheimen wandte und die Abschaffung solcher Einrichtungen forderte.

Der Autor und die Autorin präsentieren als Fallbeispiel für eine Soziale Arbeit, die das Politische nicht ausklammert, den sogenannten Solothurner Frühling in den 1970er-Jahren. Ort des Geschehens war die Schule für Sozialarbeit Solothurn (SSAS), die aus dem Fürsorgerinnen-Seminar des «Seraphischen Liebeswerkes Solothurn» (SLS) entstand – einer von einer franziskanischen Frauengemeinschaft geführten Einrichtung. Zeugin des Geschehens ist die Sozialarbeiterin Therese Frösch (Jahrgang 1951), die später in die Politik ging, Finanzdirektorin der Stadt Bern wurde und schliesslich grüne Nationalrätin. Heute ist sie Co-Präsidentin der Schweizerischen Konferenz für Sozialhilfe (SKOS).

Nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil setzte in der katholischen Kirche eine Reformwelle ein: Wenn sie in der heutigen Welt präsent sein wollte, musste die Kirche die «Zeichen der Zeit» wahrnehmen und ihre Institutionen erneuern. Dies galt auch für das SLS. Der Anstoss zur Reform ging hier allerdings nicht von der Schwesternschaft selbst aus, sondern von männlichen Experten. Diese wollten eine Modernisierung der Ausbildung – eben nicht mehr zu «Fürsorgerinnen», sondern zu Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter. Zu dieser Modernisierung der Institution gehörte auch ein stärkerer Einbezug der Studierenden in das Geschehen der Schule. Das war ganz im Sinne von Therese Frösch, die ihr Studium dort im Herbst 1973 begann. Der Konflikt eskalierte allmählich und führte dann zum Eklat, denn die Schwesterngemeinschaft war nicht bereit, sich mit einer gesellschaftskritischen Sozialen Arbeit zu identifizieren, die strukturelle Ursachen von sozialen Problemen wie Armut nicht nur benennen, sondern auch verändern wollte.

Ein Blick in die Gegenwart

Als letztes Beispiel einer aktuellen Form «anderer» Sozialarbeit stellen Ruedi Epple und Eva Schär das Engagement für Menschen vor, die ohne gültige Aufenthaltspapiere in der Schweiz leben, aber als billige Arbeitskräfte sehr wohl willkommen sind: die Sans-Papiers. Lange Zeit wurden sie in der Öffentlichkeit gar nicht wahrgenommen. Das änderte sich nach einer Reihe von spektakulären Aktionen, beispielsweise Kirchenbesetzungen, in denen Menschen ohne Aufenthaltsrecht aktiv wurden. Ihr Ziel, ein Bleiberecht durchzusetzen, erreichte die Bewegung allerdings nicht. Die von den Behörden propagierte Härtefallregelung erwies sich in der Praxis als wenig wirksam.

Not und Mangel an Perspektiven bringen Menschen aus dem globalen Süden dazu, ihre Heimat zu verlassen und durch die Migration ein Auskommen durch Arbeit für sich und ihre Familien zu gewinnen. Da die Grenzen für sie dicht sind, müssen sie andere, nicht legale Wege finden. Diese Menschen werden im globalen Norden gebraucht – vor allem, um die Dreckarbeit zu machen, die sonst niemand annehmen will. So entsteht ein inoffizieller Arbeitsmarkt, dessen Bedingungen höchst prekär sind.

Anhand eines Porträts des Sozialarbeiters Pierre-Alain Niklaus (Jahrgang 1970) beschreiben die Autorin und der Autor das Wirken der Solidaritätsbewegung für Sans-Papiers und die Unterstützungsnetze, die dadurch entstanden sind. Diese Bewegung steht im Gegensatz zu den nationalkonservativen Kräften, die eine noch stärkere Abschottung der Schweiz propagieren.

Bei den beschriebenen Projekten und Bewegungen ging und geht es darum, die «KlientInnen» der Sozialen Arbeit zu ermutigen und zu ermächtigen, ihr Schicksal – so weit dies ihnen möglich ist – in die eigenen Hände zu nehmen. Dieser nicht einfache Weg zum Empowerment wird im vorliegenden Werk facettenreich und eindrucksvoll beschrieben.

Die im Buch abgedruckten Quellentexte gewähren einen Einblick in die Entwicklung praxisbezogener Theoriearbeit im Kontext sozialer Berufe über mehr als ein ganzes Jahrhundert hinweg. Alleine schon diese Beiträge lohnen die Lektüre der Spuren einer anderen Sozialen Arbeit.

Ruedi Epple, Eva Schär: Spuren einer anderen Sozialen Arbeit. Kritische und politische Sozialarbeit in der Schweiz 1900 – 2000, Zürich (Seismo Verlag) 2015, 422 Seiten, € 38.-

12:55 05.06.2015
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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