Wann endet die weiße Vorherrschaft?

Rezension Rassismus regiert die USA – bis heute. Daran konnte auch ein Obama nichts ändern. Im Gegenteil: Die Frontlinien scheinen sich wieder zu verhärten. Wie kam es dazu?
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Wann endet die weiße Vorherrschaft?
Waffenholster eines Mitglieds der rechtsextremen Gruppe der "Three Percenters" - Seattle 2018

Foto: Karen Ducey/Getty Images

Auch wenn der Trumpismus mit den November-Wahlen ein paar Niederlagen hinnehmen musste, so wurde er noch längst nicht geschlagen. Vor allem ist nicht klar, wer die Rolle des Herausforderers (oder der Herausforderin) gegen den aktuellen Inhaber des Präsidentenamts übernehmen wird: Sollen sich die Demokraten für eine moderate Kandidatur entscheiden – oder doch lieber für eine progressive? Wer kann die von Donald Trump und den Republikanern vorangetriebene Spaltung der US-amerikanischen Gesellschaft überwinden? Zugleich müsste es der Kandidatin bzw. dem Kandidaten gelingen, im Wahlkampf jene Themen in den Vordergrund zu stellen, die tatsächlich im Zentrum der politischen Auseinandersetzung zu stehen hätten: zum Beispiel der notwendige Umbau des Gesundheitswesens, damit allen ein erschwinglicher Zugang zu diesem System ermöglicht werden kann.

Mit ihrer Politik des «America First» vernebeln Trump und seine Vasallen die Hirne vieler Menschen. So sorgen sie dafür, dass die existenziellen Fragen nach Gerechtigkeit und gesellschaftlichem Frieden nicht auf den Tisch kommen können. Wie ist es möglich, dass die Botschaft von Trump immer noch so viele erreicht? Eine viel zu wenig beachtete Antwort lautet: Dieser Präsident ist angetreten, um die «weisse Vorherrschaft» zu verteidigen. Er betreibt eine verdeckte, manchmal auch sehr offen rassistische Politik und hat dadurch das Vertrauen grosser Teile der weissen Mehrheit gewonnen – bis hin zu den ArbeiterInnen in den abgehängten Regionen der USA.

Eine neue Sprache

Die Beiträge des Buches von Ta-Nehisi Coates begleiten den Weg von Barack Obama von dessen Präsidentschaftskandidatur bis hin zu seinem Abgang aus dem Weissen Haus. Es besteht aus Texten, die ursprünglich in der Zeitschrift The Atlantic veröffentlicht wurden – ergänzt durch biografisch geprägte Notizen. Sie beginnen als Geschichte eines persönlichen Scheiterns: Der Autor, der vom Schreiben leben will, macht die Erfahrung von wiederholtem Arbeitsplatzverlust und der Abhängigkeit von Sozialhilfe. Zur gleichen Zeit wirft Obama im Kampf um die Präsidentschaft «seinen Hut in den Ring». Der Senator von Illinois «sprach zu den Weissen in einer neuen Sprache – als würde er ihnen tatsächlich vertrauen und an sie glauben». Obama habe einen «dritten Weg» gefunden: «ein Mittel, seine Sympathie für das weisse Amerika auszudrücken, ohne sich ihm anzubiedern». Seine Präsenz habe schwarzen AutorInnen und JournalistInnen ein neues Feld eröffnet und so sei Barack Obama «direkt verantwortlich» für deren Aufstieg – auch für jenen von Ta-Nehisi Coates.

Der Titel des Buches bezieht sich allerdings nicht auf die achtjährige Präsidentschaft Obamas, sondern auf eine Rede des schwarzen Kongress-Abgeordneten Thomas Miller an die verfassungsgebende Versammlung seines Bundesstaates South Carolina im Jahr 1895. Nach dem Ende des Bürgerkriegs und der Sklaverei konnte eine schwarze Regierung den Staat wiederaufbauen. Mit seinem Plädoyer für schwarze Rechtschaffenheit wollte Miller verhindern, dass die Bürgerrechte der Afroamerikaner angetastet würden. Vergeblich: Die Hürden zur Ausübung des Wahlrechts wurden erhöht, und als auch auf diese Weise die weisse Vorherrschaft nicht ausreichend gesichert werden konnte, wurden Schwarze verprügelt, gefoltert, erschossen. Das war dann die Zeit des Ku Klux Klan und der Lynchmorde.

Ändern sich die Zeiten?

Der rassistische Grundtenor der Gesellschaft der Vereinigten Staaten mag uns hierzulande nicht so bewusst sein, doch er ist ganz entscheidend für das Verständnis dessen, was dort bis heute geschieht. Die Sklaverei habe die amerikanische Demokratie überhaupt erst ermöglicht, lautet eine bittere These des Historikers Edmund Morgan, auf den sich Coates bezieht: Sklaverei schuf die Voraussetzungen für den Wohlstand und liess den weissen Arbeiter als etwas Besseres erscheinen. Auch nach dem Bürgerkrieg, der einer Dreiviertelmillion Menschen das Leben gekostet hatte, und dem Ende der Sklaverei ging die Entrechtung der Schwarzen weiter. Selbst der viel gelobte «New Deal» von Präsident Franklin D. Roosevelt, der zum sozialen Ausgleich beitrug und das Land während des Zweiten Weltkriegs einte, ging auf Kosten der afroamerikanischen Bevölkerung. So blieben beispielsweise Menschen schwarzer Hautfarbe bis in die 1960er Jahre hinein vom Markt für Immobiliendarlehen ausgeschlossen – mit legalen wie extralegalen Mitteln.

In den Sechzigern sang Bob Dylan davon, dass sich «die Zeiten ändern». Damals wurde Barack Obama geboren. Waren die Vereinigten Staaten mit seiner Wahl zum Präsidenten in ein postrassistisches Zeitalter eingetreten? Nicht wenige glaubten und hofften das. Die «bittere Ironie» dieses Mannes besteht allerdings darin, dass er «zum erfolgreichsten schwarzen Politiker der amerikanischen Geschichte» wurde, «indem er den radioaktiven Rassethemen der Vergangenheit auswich», so Coates, «und doch verstrahlt sein unauslöschliches Schwarzsein alles, was er anfasst». Das Thema «Rasse» war die «Linse», durch die viele US-AmerikanerInnen seine Politik betrachtet haben und dies immer noch tun.

Farbenblinde Politik

Was wir heute mit der Präsidentschaft von Donald Trump erleben, sei «die letzte Glut des alten Rassismus, der einst die besten Stücke des amerikanischen Kuchens der exklusiven Domäne des Nichtschwarzseins vorbehielt», meint Coates. Wenn es um die Frage geht, wie ein solcher Lügner und Betrüger Präsident der Vereinigten Staaten werden konnte, dann muss der systemische Rassismus, dessen Inbegriff das Bild der «weissen Vorherrschaft» ist, zur Sprache kommen. Ta-Nehisi Coates kritisiert, dass dieser Zusammenhang in den Analysen vieler Linken und Liberalen zum Aufstieg von Trump nicht wahrgenommen werde. Eine progressive Politik, die farbenblind bleibt, kann nicht erfolgreich sein, lautet das Resümee seines Buches.

Ta-Nehisi Coates: We Were Eight Years in Power. Eine amerikanische Tragödie. Aus dem Englischen von Britt Somann-Jung. Hanser Berlin 2018, 416 Seiten

12:38 31.12.2018
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Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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