Wir brauchen mehr '68!

Rezension Wie sind die Ereignisse der Jahre um 1968 heute, 50 Jahre später, zu deuten und welche Bedeutung kommt ihnen noch zu? Die Debatten darüber laufen bereits an
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Wir brauchen mehr '68!
Ob der Kampf damals was gebracht hat? Paris im Mai 1968

Foto: Reg Lancaster/ Getty Images/ AFP

Ein halbes Jahrhundert nach '68 stellt sich die Frage: Ist nicht schon alles gesagt worden? Das scheint offenbar nicht der Fall zu sein, denn es kommen wieder neue Bücher auf den Markt, die sich mit den Folgen jener Umbrüche befassen, die vor 50 Jahren die westliche Welt erschüttert haben. Mehr als das: «1968» drückte ein globales Geschehen aus, das zeitgleich an vielen Orten unseres Planeten zu beobachten war. Rudi Dutschke sprach ganz zu Recht von einer «Globalisierung» der gesellschaftlichen Bewegungen. Allerdings täuschte er sich (und mit ihm noch viele andere) über deren Stossrichtung. Dutschke ging es um eine Bündelung der «revolutionären Kräfte», die eine ganz andere Welt zustande bringen sollten. Tatsächlich führten aber die Aufbrüche, vor allem unter der jungen Generation, zu einer Modernisierung des Kapitalismus – nicht zu dessen Überwindung.

Die Errungenschaften dieser «kleinen Kulturrevolution», wie sie der Historiker Gerd Koenen liebevoll und leicht ironisch nannte, sind nicht zu verachten. So wurden die Beziehungen zwischen den Geschlechtern und Generationen von mehr Gleichberechtigung geprägt als in der unmittelbaren Nachkriegszeit und ausserdem nahm die Durchlässigkeit von sozialen Strukturen zu. Die seither erzielten Fortschritte sind jedoch umstritten, wie sich zum Beispiel in Fragen der Gleichstellung von Frauen und Männern zeigt. Zudem gibt es zunehmend stärker werdende politische Kräfte, welche die Uhr der Geschichte ganz zurückstellen möchten.

Politische Revolution ohne Chancen

Kein Zweifel: Die durch die Folgen von 1968 erneuerten westlichen Demokratien stecken gegenwärtig in einer Krise. Dies ist auch der Ausgangspunkt eines Buches, das der Berliner Verlag Klaus Wagenbach veröffentlicht hat. Dort sind seit Mitte der 1960er Jahre wichtige Texte zur Begründung der politischen und kulturellen Revolte erschienen. Jetzt versammelt der Verlag Autorinnen und Autoren aus der 68er-Bewegung wie aus jüngeren Generationen, die darüber reflektieren, was jene Zeit für uns Heutige (noch) bedeuten kann.

Da sind zum einen die alten Kämpen wie Joscha Schmierer, einst Führungsfigur des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds (SDS), später dann Vorsitzender des maoistischen Kommunistischen Bundes Westdeutschland (KBW) und schliesslich Mitglied des Planungsstabs des Auswärtigen Amtes in Berlin. Schmierer hält fest, dass die Vorstellungen mancher 68er über Möglichkeiten und Chancen einer politischen Revolution verfehlt gewesen seien, weil sich die kapitalistische Produktionsweise materiell und strukturell bereits zu sehr verfestigt habe, um noch aus den Angeln gehoben zu werden. Er verweist auf einen «heute schon fast vergessenen Denker», den einstigen DDR-Dissidenten Rudolf Bahro: Dieser habe darauf hingewiesen, dass eine grundlegende Veränderung der Gesellschaft die Änderung der Lebensweise selbst nötig mache. «Und die war mit einer politischen Revolution nicht zu erzwingen.»

Aufstieg des Neoliberalismus

Joscha Schmierer glaubt: Den Kapitalismus werden wir nicht los. Seiner Auffassung nach bleibt uns einzig, die Demokratie gegen die globalen Kräfte des Kapitals zu verteidigen und den Primat der Politik zu sichern. Der steht nämlich in Gefahr, denn überall strecken Populisten ihre Köpfe heraus und predigen eine Abkehr von der demokratischen Auseinandersetzung um die kollektiv zu verfolgenden Ziele eines Gemeinwesens. Der Autor hält das bloss für Abwehrkämpfe der Neuen Rechten, denn die gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse hätten sich seit den späten 1980er Jahren zugunsten einer «liberalen Linken» verschoben. Schmierer sagt allerdings nichts zum gleichzeitigen Aufstieg des Neoliberalismus, der die westlichen Gesellschaften immer deutlicher in Gewinner und Verlierer der kapitalistischen Globalisierung spaltet. Hier entsteht ein Resonanzboden für rechte Angstmache, die in vielen Staaten gegenwärtig auf dem Vormarsch ist. Ohne Auseinandersetzung mit der Frage, was dies alles mit der Herrschaft des Kapitals zu tun hat, wird es der Linken nicht gelingen, eine tatsächliche Gegenkraft zum Populismus zu entwickeln.

Einer Generation, die erst in den 1980er Jahren politisiert wurde, gehört die Politikwissenschaftlerin Petra Dobner an. Sie setzt sich in ihrem Beitrag ebenfalls mit dem Aufstieg der Neuen Rechten auseinander und stellt die im politischen Diskurs gängig gewordene Behauptung in Frage, die «postmaterielle» Orientierung der 68er-Linken, die sich vor allem für Genderfragen und Umweltschutz interessiere, sei die Ursache dafür, dass die Linke nichts mehr von den sozial Abgehängten, die das Rekrutierungsfeld für Populisten bilden, wissen wolle. Eine solche Erklärung ignoriere «die Bedeutung des Neoliberalismus als Quelle von Abstiegsängsten», hält Dobner entgegen. Erhellender als der Vorwurf an die 68er, sie seien nicht Repräsentanten der Abgehängten, wäre es doch, die Frage zu stellen, wer die Entstehung des Prekariats zu verantworten habe und wer davon profitiere.

Das Problem der Linken

Für Petra Dobner ist heute nicht weniger, sondern mehr `68 gefragt – im Sinne von klaren Analysen und effektiven Strategien, um gegen den «politischen Feind» vorgehen zu können. Das sei keine Grösse der Vergangenheit, wie viele 68er glaubten. In diesem Sinne wäre zu fragen: Warum werden jene gesellschaftlichen und politischen Kräfte nicht schärfer attackiert, die Liberalisierung und Privatisierung vorantreiben und damit Bevölkerungsgruppen schaffen, denen es an sozialer Geborgenheit und politischer Vertretung fehlt? Bleiben die vermeintlichen Lösungen, welche die Rechtspopulisten angesichts von Abstiegsängsten anbieten, unwidersprochen, dann hat die Linke tatsächlich ein Problem.

Hier sind lediglich zwei von 15 Beiträgen etwas näher beschrieben worden. Eine Lektüre des ganzen Buches lohnt sich auf jeden Fall!

Susanne Schüssler (Hrsg.): Wetterbericht. '68 und die Krise der Demokratie. Berlin: Verlag Klaus Wagenbach 2017, 206 S.

19:15 02.04.2018
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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