Wohlstand für alle

Rezension Das „Reich der Mitte“ feiert 100 Jahre KP und die Geschichte eines gewaltigen Wiederaufstiegs. Ein früherer deutscher Manager berichtet über seine China-Erfahrungen
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Wohlstand für alle
In China stößt die Politik der Kommunistischen Partei (KP) auf Zustimmung

Foto: Getty Images

Bis vor wenigen Jahren galt China noch als verlängerte Werkbank des Westens, dann zunehmend auch als lukrativer Markt für europäische Maschinen und Konsumprodukte. Inzwischen scheint aber der Wind zu kehren: China wird immer mehr als Konkurrent, gar als Bedrohung wahrgenommen. So schlägt China-Begeisterung in China-Bashing um. Die vom Westen einst gegenüber der Sowjetunion und ihren Vasallen verfolgte Politik eines „Wandels durch Handel“ verfängt bei den Führern der Volksrepublik nicht: Sie haben ihre Lehren aus dem Untergang des „real existierenden Sozialismus“ gezogen. Dank der seit vier Jahrzehnten andauernden Phase eines mehr oder weniger rasanten Wirtschaftswachstums konnten sich Staat und Partei der Loyalität der Massen versichern – auch wenn die Früchte dieses Wachstums äußerst ungleich verteilt worden sind.

Im Westen gilt das Regime in Beijing als autoritär und undemokratisch, doch im Land selbst stößt dessen Politik auf viel Zustimmung. Ist das bloß das Ergebnis von Indoktrination und Unterdrückung – oder steckt doch mehr dahinter? Die zur Eulenspiegel Verlagsgruppe gehörende edition ost legt den Erfahrungsbericht eines Mannes vor, der einen mehrfachen Systemwandel erlebt hat: Uwe Behrens, Logistiker von Beruf, wuchs in der DDR auf, arbeitete einige Jahre im Auftrag der DDR-Reichsbahn in Basel und ging nach der „Wende“ für eine bundesdeutsche Speditionsfirma ins ferne China. Allein schon diese Lebensgeschichte böte Stoff für einen Roman. Doch Behrens ist kein Romancier, sondern ein an Fragen der Technik geschulter Beobachter.

Die Politik kontrolliert den Markt

Der Autor bemerkt im Laufe der Jahre, wie sehr sich Binnen- und Außenperspektive voneinander unterscheiden. Durch seine DDR-Vergangenheit scheint er zudem für Veränderungen besonders sensibilisiert zu sein. Im Gegensatz zum Westen habe in der chinesischen Gesellschaft das Kollektiv die Priorität gegenüber dem Individuum. Die demokratische Legitimation des Staates leite sich in China aus der „Gewährleistung der Ordnung und dem Wohlstandszugewinn für alle“ ab. So entsteht auch ein anderer Wertekanon: Zuoberst steht die politische Stabilität, dann folgen die wirtschaftlichen und sozialen Rechte, während die individuellen Freiheitsrechte dem Allgemeinwohl untergeordnet sind. Etwas von diesem Vorrang des Kollektiven hat Behrens auch in seinen DDR-Jahren erlebt. Zurück in Deutschland stellt er fest, dass das „Gemeinschaftsgefühl, das ich in der DDR so sympathisch und angenehm fand“, verschwunden ist.

Uwe Behrens nimmt wahr, wie sich auch China unter dem Einfluss des Geldes wandelt. Nach der Mao-Ära hieß es: „raus aus den alten Gleisen, neue Wege gehen“. Die Reformpolitik habe zu „Verwerfungen“ und „sozialen Spannungen“ geführt. Die wachsende Korruption sei zum Problem geworden, das der jetzige Parteichef Xi Jinping angepackt habe. Der Autor ist trotz allem davon überzeugt, dass in China die Politik den Markt kontrolliert. Die Interessenskonflikte zwischen staatlicher Wirtschaftssteuerung bei gleichzeitiger Förderung privatkapitalistischer Akkumulation würden so gelöst, dass sie der „Erhöhung des Wohlstands der gesamten Gesellschaft“ dienen. China sei weder kapitalistisch noch sozialistisch (im Sinne des früheren Staatssozialismus), sondern ein „Hybrid“ – eine neue Form sozialer Organisation.

Der chinesische Weg – eine Alternative?

Die Sympathien des Autors sind eindeutig – und dies nicht nur aus Gründen der jüngsten Erfolge Chinas beim Wirtschaftswachstum und beim Kampf gegen die Corona-Pandemie. Behrens sieht die chinesische Kultur grundsätzlich im Vorteil gegenüber jener des Westens. Seit über 3000 Jahre werde die Denkweise des Landes vom Konzept der „tianxia“ bestimmt: Dieses geht von der Möglichkeit einer harmonischen Entwicklung unterschiedlicher Völker und Volksgruppen aus. Das chinesische Reich habe trotz seiner Größe keine mit Europa vergleichbare Kriegsmaschinerie besessen. Deshalb habe es auch die industrielle Revolution verpasst: Das entscheidende „innovative Element“ für den wirtschaftlichen Aufstieg des Westens – die technische Verfeinerung von Rüstungsgütern – fehlte in China.

Seinen Rückstand gegenüber den reichen Staaten des globalen Nordens hat das Land durch eine nachholende Entwicklung innerhalb weniger Generationen hinter sich lassen können. Behrens nennt dies „das größte Modernisierungsprojekt der Menschheitsgeschichte“. Die sozialen wie die ökologischen Kosten dafür sind gewaltig, doch der Autor glaubt, dass sie sich gelohnt haben. Er sieht China auf einem zukunftsfähigen Weg. Dessen Gesellschaftsentwurf erweise sich „angesichts der vielen Krisen und Konflikte, für die der Kapitalismus ursächlich ist, zunehmend als Alternative.“

Mehr voneinander wissen

Diese Einschätzung wird hierzulande von vielen bestritten – auch von vielen jener, die dem Kapitalismus kritisch gegengenüberstehen. Sie verweisen auf ein Übermaß staatlicher Kontrolle und das Fehlen persönlicher Freiheiten, auf die Unterdrückung der Proteste in Hongkong wie auf die Verfolgung nationaler Minderheiten in Tibet oder Xinjiang. Auf alle diese Kritikpunkte versucht Behrens einzugehen und sie durch Gegenargumente zu entkräften, die in der hiesigen öffentlichen Meinung oft nicht zum Zug kommen. Wer solche Beweismittel anführt, wird schnell in die Ecke des unkritischen Verteidigers eines autokratischen Regimes gestellt. Ob eine solche Schwarz-Weiß-Sicht dem besseren Verständnis Chinas dient, muss bezweifelt werden.

Angesichts der wachsenden Konfrontation zwischen dem Westen und China sowie eines neuen Kalten Krieges ist es wichtig, mehr voneinander zu wissen. Das Gefühl der Überlegenheit, das den Westen immer noch prägt, ist dabei eher hinderlich. Wir brauchen mehr China-Kompetenz! Das Buch von Uwe Behrens leistet dazu einen wichtigen Beitrag.

Feindbild China. Was wir alles nicht über die Volksrepublik wissen. Uwe Behrens Berlin (edition ost) 2021, 224 Seiten

09:08 30.06.2021
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

Seifert

Journalist / Publizist / interessiert an Fragen der sozialen Ökologie
Seifert

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