Die Wrestler

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Im us-amerikanischen Sprachgebrauch versteht man unter Wrestling nicht das Ringen griechisch-römischen Stils, sondern - wenn man so will: eine Karikatur ebendessen - einen Schaukampf der mehr den Regeln des Theaters unterworfen ist, als jenen des Sports. Es sind inszenierte Choreographien ohne jeden sportlichen Wert (zumindest in dem Sinne, dass sich keine Athleten gleicher Disziplin miteinander messen, wohl schon im Sinne einer körperlich anspruchsvollen Darbietung), da bereits vor Beginn des Kampfes feststeht wer als Sieger und wer als Verlierer aus dem Ringen steigen wird; im Vordergrund stehen denn auch nicht die Kämpfe selbst, sondern die Inszenierungen, die sie umgeben; samt vorgezeichneter Geschichten, Charakterentwicklungen und Intrigen unter den jeweiligen Akteuren. Das narrative Element überwiegt alles andere, gesetzt wird auf Spektakuläres, Skandalöses, Empörendes; dies wiederum sorgt dafür, dass der Zuschauer emotional investiert- derart, dass er einem Akteur seine Sympathien schenkt, anderen diese entzieht. Die Grenze zwischen der Dienstleistung der Darbietenden und dem Konsum des Zuschauers ist nur durch emotionale Teilnahme zu überwinden; dies - natürlich - ist im Sinne des Erfinders, denn eine Grenze schafft Distanz- und Distanz macht kritisch. Herrlich pointiert, hat dies bereits die häufig unterschätzte amerikanische Zeichentrick-Serie Southpark aufs Korn genommen.

www.southpark.de/alleEpisoden/1310/

Zu unterscheiden ist innerhalb der Zuschauerschaft zwischen zwei Gruppen, denen die (noch) nicht gemerkt haben, dass es sich bei ihrem Sport um ein abgekatertes Spiel handelt, bzw. jenen, die dies nicht wahr haben wollen (sog. Marks) und anderen, die dies wohl erkannt haben, sich aber nicht daran stören und den Schaukampf als solchen sehen (sog. Smart Marks). Bemerkenswert hieran ist, dass beide Zuschauergruppen nicht an einem Sportereignis im eigentlichen Sinne teilhaben, da denen die Wrestling für eben dieses halten, etwas vorgemacht wird, den anderen aber schon im Vorhinein bewusst ist, dass es sich nicht um tatsächlichen Sport handelt.

Betrachtet man dies nun aus der Distanz, wird man schnell dazu übergehen, den geneigten Zuschauer ein wenig mitleidig zu betrachten, ein wenig überlegen, vielleicht überheblich. Eine Daily Soap ist dieser Sport, wird man denken, eine Lindenstraße auf Anabolika. Dann möchte man sich den eigenen, ernsten und deshalb dringlichen Fragen des Lebens stellen. Zu Guttenberg etwa und seiner plagiierten Dissertation. Und doch kommt man nicht umhin zu fragen, ob man als politisch intressierter Mensch, nicht vielleicht auch ein bißchen was von einem Mark hat. Es erscheint - und das auch nicht nur ein wenig - so, dass die wichtigen, essentiellen Fragen tagesaktueller Politik doch alle unter der Inszenierung des Drumherum leiden.

Wenn Angela Merkel verrät, wofür sie zwei Jahre zuvor so - für ihre Verhältnisse - leidenschaftlich warb (bit.ly/hv40Xf), nur um nicht den Zorn der Masse auf sich zu ziehen, lässt es das ungute Gefühl zurück, dass diese offensichtlich Inszenierung - denn eines von beiden war geheuchelt: entweder das Interesse an der Wissenschaft oder die Rückendeckung für zu Guttenberg - nicht die Ausnahme von der Regel ist, sondern selber Regel. Wenn Claudia Roth erst lässig meint, eine plagiierte Dissertation dürfe man schon abgeben, man dürfe sich dabei nur nicht erwischen lassen, nur um später im üblichen Claudia-Roth-ist-hochempört-Sopran von der Ungeheuerlichkeit des ganzen Vorganges zu schwadronieren- wie glaubwürdig ist das dann noch?

Der Grund, weshalb sich das Drama um zu Guttenberg trotz der Qualität des Vergehens über zwei Wochen hinauszögerte ist ein ganz einfacher: Es war im Drehbuch schlicht nicht vorgesehen. Der Zufall hatte der Inszenierung einen Strich durch die Rechnung gemacht und an den dann dargebotenen Reaktionen konnte man schnell zweierlei erkennen: Zum einen handelt es sich im Falle von Bundespolitik nicht um Politik griechisch-römischen Stils, sondern - wenn man so will: um eine Karikatur ebendieser - einen Schaukampf der mehr den Regeln des Theaters unterworfen ist, als jenen des politischen Streits. Zum anderen handelt es sich bei den Schauspielern offenkundig um keine guten, die Kunst der Improvisation scheint ihnen abzugehen. Und damit schließt sich der Kreis: Denn die Ironie des Schicksals wollte es, dass es ausgerechnet den begabtesten Jungschauspieler traf. Karl-Theodor zu Guttenberg hatte, wie sich das für einen messianisch erwarteten Polit-Prometheus gehört, bereits eine ganz beachtliche Fanschar um sich, als ausgerechnet er, der als einziger der Profi-Akteure zu Improvisation in der Lage war, aus dem Ensemble gestrichen wurde. Zurück blieb eine klaffende Lücke. Er hatte es vermocht, die Grenze zwischen den Darbietenden und den Begutachtenden zu überwinden; er war in der Lage Sympathie zu erzeugen. Darum auch, waren die Reaktionen so heftig: Weil selbst der letzte der Marks gespürt hat, dass er doch auch nur ein Mark war. Weil selbst dem großen Karl-Theodor nicht gelang überzeugend zu improvisieren. Weil Politik doch auch nur Schmierentheater ist. Und schließlich, weil diese gewissheit so furchtbar deprimierend ist.

Als Amateur-Wrestling bezeichnen die Amerikaner übrigens den Originalsport des Ringens. Den, in dem es noch wirklich um Sport geht. Wenn etwas bezeichnend ist, dann das.

15:48 06.03.2011
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Geschrieben von

seils

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