Du bist Walter Riester

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Walter Riester schaut am Objektiv der Kamera vorbei den Interviewer an, ein wenig empört, antwortet dann: Nein, er habe noch niemals für den Finanzdienstleister AWD geworben. Überhaupt sei er noch niemals werbend aufgetreten. Schnitt. Der Zuschauer sieht anderes: Er sieht, wie Walter Riester in einem Firmenvideo der AWD mit deren Gründer Carsten Maschmeyer gedankenversunken eine Partie Schach spielt; er sieht auch, wie Walter Riester anschließend unter Einblendung des AWD-Firmenlogos in die Kamera spricht.Nochmals wird Herrn Riester die Frage gestellt, ob er schon einmal werbend für die AWD aufgetreten sei- wieder verneint Riester.

bit.ly/gBPsDH

Natürlich weiß Herr Riester wie anrüchig es ist, als Bundesminister a.D. für ein Unternehmen wie den AWD Werbung zu machen. Er weiß, in was für ein schlechtes Licht ihn das rückt. Er weiß, dass sich viele Anleger darauf verlassen, dass die Politik unabhängig ist und eine Empfehlung eines vormaligen Ministers doch wohl auf einer eigenständigen Entscheidungsfindung beruhen muss und nicht auf Werbeverträgen, in denen sich ehemalige Staatsdiener zu solchen der Wirtschaft machen lassen um ihre Pension ein wenig aufzubessern. Das alles weiß Herr Riester.

Das Problem ist also nicht, dass er nicht weiß, was er tut. Das Problem ist, dass er es trotz besseren Wissens dennoch tut. Nicht weiter schlimm, niemand ist frei von Fehlern. Auch einem Bundesminister a.D. können sie unterlaufen. Die Crux ist nur, kaum hat er sie begangen, hat er sie auch schon wieder verdrängt. Es gibt weder einen individuellen, noch einen kollektiven Lernprozess. Und das, weil wir gar nicht lernen wollen.

Dieses Verdrängen des besseren Wissens zur Erreichung des eigenen Vorteils beim gleichzeitigen Erhalten des moralischen Anspruchs, nichts Falsches zu tun, ist gewissermaßen der Tatbestand. Und Walter Riester ist beileibe kein Einzeltäter. Es ist tagtäglich in den Supermärkten zu beobachten. Um genau zu sein an der Fleischtheke. Natürlich kaufen wir das billige Fleisch, schließlich ist es so billig und viel schlechter als das teure schmeckt es ja auch nicht; nein, im Gegenteil, eigentlich kann man das teure von dem billigen Fleisch geschmacklich nicht unterscheiden. Also kauft man das billige. Doch warum das billige Fleisch so billig ist- man will es eigentlich gar nicht wissen. Tief im Inneren weiß man, irgendwas kann da nicht stimmen. Und wenn man ein wenig Zeit nur investiert, wird man schnell hinter das Geheimnis kommen. Hier von einem Geheimnis zu reden, ist, wenn man ehrlich ist, eh’ schon ein schlechter Witz. Natürlich weiß mittlerweile jeder, dass die Kosteneffizienz der Tierprodukte zu Lasten der Tiere geht. Und das auch nicht in einem vertretbaren Maße, sondern in einer ganz und gar widerlichen Art und Weise.

bit.ly/gGE61g

Schauen wir derartiges an, sind wir uns alle schnell einig: Das geht gar nicht. Trotzdem, wenn wir das nächste Mal im Supermarkt vor der Fleischtheke stehen, werden wir wirklich zum Ökofleisch greifen? Ein kurzes, beschämtes Lächeln bei dieser Frage. Und weiter. All den Fleischskandalen zum Trotz. All dem bessern Wissen zu wider. Warum? Weil es uns Vorteile bringt. Und zwar handfeste, nämlich Geld. Das Geld, dass wir hier sparen, können wie ausgeben für Dinge die uns wirklich wichtig sind: Iphone und Laptop, Urlaub und Kleidung. Dass dabei andere auf der Strecke bleiben ist uns nur in der Theorie nicht egal. Dass der Finanzdienstleister nicht wenige unzufriedene Kunden hat, deren Geld verspekuliert wurde, vergessen. Dass der gesättigte Konsument auf Kosten der Lebensqualität der Tiere lebt, verdrängt. Und das alles ist nicht neu.

Als es durch die Aufklärung zum Anspruch auf Menschenrechte für alle kam, wurde die bestehende Feudalordnung vor ein Problem gestellt: Der Anpruch, alle Menschen gleich zu behandeln leuchtete ein; auch das Verlangen nach Chancengleichheit- sowohl in politischer und bürgerrechtlicher Hinsicht, als auch mit Blick auf die ökonomische Entwicklung und Entfaltung des Einzelnen. Gleichzeitig aber wollten die Reichen nicht weniger reich sein. Wenn aber die Reichen nicht weniger reich sind und die Armen am Wohlstand partizipieren- auf wessen Kosten sollte dann gelebt werden? – Auf Kosten anderer Gesellschaften, war die Antwort. Und die als unmenschlich erachtete Feudalordnung wurde übertragen: Der oberste Stand war der am weitesten industrialisierte Gesellschaft, nämlich der Westen. Die unteren Stände waren jene Landstriche die man heute gemeinhin als dritte Welt bezeichnet. Genauso gut könnte man von einem dritten Stand sprechen.

Es ist eine demokratische Lebenslüge, zu glauben wir könnten in diesem Wohlstand leben und gleichzeitig unschuldig sein. Wir leben auf Kosten der anderen. Punkt. Es gibt nicht genügend Ressourcen auf der Welt, um es den armen Ländern zu ermöglichen demokratisch zu sein, solange wir nicht bereit sind anders zu leben. Ökologischer, nachhaltiger. Das kann leicht jeder selbst überprüfen:

bit.ly/fXfuWH

Je demokratischer aber ein Land ist, desto schwieriger lässt es sich auf dessen Kosten leben. Denn – vorausgesetzt es handelt sich um eine funktionierende Volksvertretung – dessen Regierung wird die Interessen seines Volkes vertreten. Und zu dessen Interessen wiederum dürfte kaum gehören, ausgebeutet zu werden.

Das wir trotzdem daran glauben, gut zu sein, weil wir zu Weihnachten 100,- € an Amnesty International spenden; das wir glauben, für Menschen anderer Länder einzutreten, weil wir Ägypten-Solidaritätsgruppen auf Facebook gründen; und das wir auf die westlischen Politiker schimpfen, die Mubarak natürlich viel zu lange geschützt haben- das alles macht es nur nocht heuchlerischer. Denn eigentlich wollen wir ja gar keine andere Politik. Eigentlich wollen wir nicht verzichten müssen. Wir wollen das H&M-T-Shirt auch weiterhin für nur fünf Euro kaufen können:

bit.ly/hxHJ5l

Wir wollen auch weiterhin das neuste Handy oder Smartphone so billig wie möglich kriegen:

bit.ly/f1uirg

Wir sind der Westen, Deutschland, Walter Riester. Jeder von uns. Das ist es, was so traurig ist.

04:15 11.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seils

i don't want to be a product of my environment. i want my environment to be a product of me.
Schreiber 0 Leser 0
Avatar

Kommentare