Das Sterben am Rande der EU

Menschlichkeit Humanity for Sale, die Widersprüche im Schatten der Europakrise im Umgang mit Geflüchteten. Der Mensch ist sich selbst fremd geworden in der Leistungsgesellschaft
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Das Sterben am Rande der EU

Mindestens 23.000 tote Menschen (Pro Asyl) liegen im Mittelmeer. Tief unten der Meeresoberfläche liegen ihre Knochen. Zuerst fressen die Fische die Augen, die Nasen, die Fingerspitzen. Was eben hervorsteht von den Körpern der Toten. Eine interessengesteuerte Wirtschafts- und Handlungspolitik, eine verfehlte Asylpolitik, eine fehlende Einwanderungspolitik bedeuten für viele Menschen den Tod im Mittelmeer. Und das schon seit Jahren. Die EU sieht nicht nur zu, sondern schottet sich weiter ab, anstatt auf Zuwanderungsplanung zu setzen. Die Meldungen über Verunglückte häufen sich, das ist kaum mehr zu verarbeiten. Für viel zu viele Menschen endet die Reise auf der Suche nach einem neuen Leben tödlich.

Wer schaut einen an, wenn der Fisch aus dem Mittelmeer auf dem Teller liegt?

Spätestens jetzt wird’s unangenehm als Astraltourist, der es sich leisten kann, dass die Sonne in einem anderen Land auf seinen Bauch scheint. Hier läuft gnadenlos was schief. Und diejenigen, die Zuflucht suchen und das Meer nicht unfreiwillig Henker wurde, diese Entwurzelten sind noch lange nicht angekommen. Wer die Strände von Griechenland erreicht, landet mitten in einer Sozialkrise. Angekommen an einem Platz, wo für Hilfesuchende kein menschenwürdiges Leben möglich sein wird. Anstatt die Chancen durch die Geflüchtet zu erkennen, versteckt sich die EU hinter „Absicherungsplänen“. Die größte Gefahr allerdings lodert in der Begrenztheit des eigenen Denkens der Schreibtischtäter.

Griechenland zwischen den Welten

70 km Serpentine von Molivos nach Mytilini um die 6 €, einfache Busfahrt. In gut 80 Minuten könnte man am anderen Ende der Insel sein, aber nicht jedem ist es erlaubt so zu reisen. Touristen kaufen sich das Ticket einfach. Der Busfahrer steuert den Bus routiniert die engen Kurven entlang. Vor den scharfen Kurven wird kurz gehupt. Die Busfenster zeigen die Olivenhaine an den Berghängen. Um die 6 € haben die Touristen bezahlt im Bus nach Molivos, aber den Zufluchtsuchenden ist es nicht erlaubt sich ein Busticket zu kaufen. Touristen dürfen sie auch nicht einladen mitzufahren nach Mytilini. Dem Busfahrer ist es untersagt "Illegale" mitzunehmen, obwohl der Bus nur halbvoll ist. Auch mit dem Taxi ist die Beförderung nicht gestattet und auch nicht mit dem Mietwagen. Das verstößt gegen das Gesetz, man ist dann ein sogenannter „Schlepper“. Seltsam. Sehr seltsam, wie Überlebende einer gefährlichen Reise behandelt werden und deren Gründe der Flucht nicht von ungefähr kommen. Menschliches Handeln wird per Gesetz kriminalisiert. Die Bus- und Taxifahrer verlieren ihre Lizenz, wenn sie Flüchtlinge mitnehmen. Deswegen liegen mehrere syrische Familien am Busparkplatz im Schatten, ungefähr zwanzig Leute, davon acht kleine Kinder, einer mit Kopfverletzung, ein anderer mit einem offenen Krebsgeschwür, und warten. Sie sind in der Nacht mit vielen anderen auf zusammengeknoteten LKW-Reifen von der Türkei nach Lesbos geflohen. Der Rest von der Gruppe wandert zu Fuß die ca. 70 km Strecke über die Berge nach Mytilini. Dort müssen sich alle Ankommenden registrieren lassen, ihre Wanderung zu Fuß wird zwei Tage dauern. Ein Pick-Up mit einheimischen Kennzeichen stoppt und nimmt vier junge Geflüchtete auf der Ladefläche mit, verbotenerweise. Immer wieder überholt der Bus Wandergruppen von fünf bis mehr Leuten, die sich an den engen Bergstraßen entlangschlängen. Es fühlt sich unangenehm an, im klimatisierten Bus vorbeizufahren. Die Ungerechtigkeiten ist so spürbar, wie kategorisiert wird, wie Menschen sortiert und bewertet werden, wie Recht und Unrecht vom Herkunftsland abhängt. Es ist brüllend heiß, über 40 Grad im Schatten. Im Rückspiegel des Buses verliert sich der Anblick der mutig Entschlossenen ins Ungewisse. (Nachtrag: Seit Ende Juli sorgt „Ärzte ohne Grenzen“ dafür, dass dreimal täglich ein Bus die Menschen von Molivos nach Mytilinie bringt. Endlich.)

Ein Ankommen in der EU ist der Ankunftsort in Griechenland selten, hier gibt es keine Lebensperspektive. Griechenland ist mitten in der Sozialkrise, hier will keiner bleiben. Ein Leben im Transfermodus beginnt, inklusive Bürokratie- und Verantwortungskarussell. Seit April 2011 ist Bürgerkrieg in Syrien, seither haben 2,6 Millionen das Land verlassen. 1,8 Millionen leben in der Türkei (Deutsch Türkische Nachrichten). Auch die anderen Nachbarländer, wie Libanon, Jordanien und Irak haben eine erhebliche Zahl von Kriegsvertriebene aufgenommen. Ländern, den es nicht so gut geht wie Deutschland, dem Exportweltmeister (+ 13,7 % Ausfuhrzuwachs im Jahresvergleich, Perspektive Mittelstand). Es war seit Jahren abzusehen, dass von dieser Fluchtbewegung der Kriege auch Menschen in die EU-Staaten kommen werden. Auch das ausbeuterische Vorgehen von internationalen Konzernen (Facing Finance mit Details) befördert die Fliehkraft aus der Heimat, das sind Folgen von Handlungen.

Keine Freiwilligkeit bei der Flüchtlingsverteilung, aber Rüstungsexporte

Bis 9. Juni 2015 kamen 48.000 Kriegsvertriebene, die meisten aus Syrien, Afghanistan und dem Irak, über das Mittelmeer nach Griechenland laut UNHCR. Warum wird Griechenland und auch Italien (über 60.000 Hilfesuchende) von der EU so im Stich gelassen? Die Solidarität reichte eben nur für 32.000 Menschen. Mehr Menschenlichkeit will die Freiwilligkeit nicht zulassen, der Rest von 8000 Hilfesuchenden? Gezwungen im Transfermodus zu wandern. Die Zahl von 32.000 wirkt peinlich lächerlich im Vergleich zu den 1,8 Mio. Syrern in der Türkei. Die Großbritannien, Österreich und Ungarn wollen gar keine Kriegsvertriebene aufnehmen. Die drei Länder sind die Eiswürfel unter den EU-Staaten in Bezug auf Menschlichkeit. Wie könnten die Maßstäbe für eine Verteilungsquote der Geflüchteten in der EU aussehen? Besiedelungsdichte, Bruttosozialprodukt, Größe des Landes oder bereits angesiedelte Verwandte? Oder ist es ratsam die Verteilung der Geflüchteten vor Krieg und Vertreibung an das Auftragsvolumen und die Umsätze der Rüstungsexporte zu koppeln? Oder wer, wo einen Rohstoffsicherungskrieg angezettelt hat? Für jeden deutschen Rüstungsexport müsste Deutschland neue Wohnungen für Fliehende bauen, wenn Krieg zur Wachstumsstrategie gehört.

Der Syrienkrieg ist nicht die einzige Not, die zur Entwurzelung und Verschiebung von Menschenmassen führt. Anstatt sich vorzubereiten in der EU und in Deutschland für eine Ankunft, glänzt man mit politische Versagen durch Nicht-Handeln, lieber wird in eine Sicherheitsindustrie investiert vgl. The MigrantFiles, die auch gut zur weiteren Überwachung der gesamten Bevölkerung dienen werden wird. Anstatt aus der historischen Vergangenheit zu lernen, verschanzt sich die Politik hinter einem Recht, das nicht Gemeinwohl orientiert ist, sondern den großen Kapitalisten dient. Und aktiviert zusätzlich mit ihrer grauenvollen Selektions-und Bewertungsrhetorik (vgl. LTI, Victor Klemperer) die ausgrenzende, rassistische Bevölkerungsgruppe in Deutschland. Die Ursachen des Fremdenhasses und Rassismus wurden in Deutschland weder durchleuchtet noch aufgearbeitet. Da gärt etwas. Die Rassisten treten an die Oberfläche, plötzlich salonfähig und, vermutlich, sich in der Mehrheit wähnend. Alles ungestraft! Es fehlt ein Auftreten der Regierungschefs an diesen Orten mit einem klaren: SO NICHT! Es sind nicht mehr „nur“ Parolen auf Facebook, sondern die Rassisten fühlen sich „sicher“ und greifen unverhohlen Flüchtlingsheime an. Das sind Mordanschläge. Wurde jemand festgenommen? Werden die Täter polizeilich gesucht? Nichts tun geht gar nicht. Da hilft kein Lächeln der Arroganz, der Hochgestellten im braunen Schlaf.

Doug Sanders fächert in seinem Buch Arrival City weltumfassend die Geschichte von Risiken und vor allem Chancen der Migrationsbewegungen auf. Lieber gestalten und planen, als abschotten und selektieren. Migration ist eine Zukunft, gerade für Deutschland mit seiner schwindenden Einwohnerzahl. Zuwanderer, die Steuern zahlen und in die Gesellschaft investieren, in der sie leben, wären eine Möglichkeit das Rentendilemma in Deutschland zu lösen. Wenn das nur möglich wäre! Gedacht und geplant werden würde.

Ertrinkenden nicht die Hand zu reichen in einer zivilisierten Gesellschaft, das ist kaltblütig und maßlos gefühllos. Raue Zeiten bringt er mit, dieser ungebremste Kapitalismus. Und er scheint blind zu machen. Hauptsymptome in Deutschland: Hochmut, beängstigend grausame Kälte und Egoismus. Italien und Griechenland werden ziemlich alleine gelassen vom Rest der EU. Besonders das krisengeschüttelte Griechenland, das nicht nur verbal übel zugerichtet worden. Seit 2008 ist die die Arbeitslosenquote von 7,3 auf 27 Prozent im Jahre 2014 gestiegen (Grafik der Entwicklung bei Statista), genau der Zeitraum, in dem die Troiker (Abgesandte aus Brüssel) die Regierungsvollmacht übernommen haben. 27 % Arbeitslose in Griechenland, das sind drei Millionen Menschen. Drei Millionen Menschen sind auch nicht mehr krankenversichert in Griechenland. Nach maximal zwölf Monaten Arbeitslosigkeit bekommt man keine Leistungen mehr und fällt man aus der Krankenversicherung raus, wenn man das Geld für die Versicherung nicht irgendwie beschaffen kann. Ein Sozialsystem wie in Deutschland mit Harz IV oder Sozialhilfe gibt es nicht. Die Menschen haben dann gar nichts. Das es in Griechenland keine vergleichbaren Sozialleistungen gibt, davon wird nicht gesprochen. Das ist Stimmungsmache auf unterstem Niveau und macht wütend.

„An Athen muss ein Exempel statuiert werden, dass diese Eurozone auch Zähne zeigen kann“ sagte der Markus Söder (CSU).

Die Bissstellen sind lebensbedrohlich. Menschlichkeit, Menschenrechte? Wo sind die eigentlich gerade? Griechenland befindet sich aktuell in der Mitte der haarigen Abteilungen der Atmosphärenpalette. Die Einnahmen aus den sechs Monaten Urlaubssaison der Tourismusbranche müssen Griechenland über den Winter bringen. Und dann die Geflüchteten, die an der Küste "den Blick auf den Sonnenuntergang versperren“, wie es aus einem enttäuschten Tourist herausbricht, der sich ein Paradies erhofft hat. Was für ein Zynismus. Die Folgen eines Systems, das am Fließband Egoisten produziert. Menschen, die sich spiralenförmig mit ihrem Selfie-Stick um sich selber drehen und kaum fähig sind für einen Perspektivwechsel. Die Inseln und Küsten Griechenlands und Italiens sind die Orte, an welchen das alles zusammentrifft und die Widersprüche ans Licht treten als Folgen einer kapitalistischen, marktkonformen Politik, gesteuert von Interessen, bei denen Menschenrechte, Demokratie und historische Verantwortung keine Beachtung finden. In der Welt der Politik ist kein "WIR" mehr möglich, das ICH steht im Weg. Es herrscht eine Politik der Mauern, der Ausgrenzung, der Kontrolle und der Waffenexporte, die den Krieg verbreiten. Als Mittel wird Abschiebung und Verfolgung genutzt. Das sind die Folgen, wenn nur kapitalistisches Rechnen die Politik führt. Was sich in erheblichen Verwerfungen zeigt: Leben auf Kosten anderer. Situationen ohne Weichspüler: Banana-Bootfahrten neben Rettungsaktionen. Partysaufen neben Flüchtlingsbooten. Verletzte in Notfallstationen neben überfetten Wohlstandsbäuchen. Ethnische Selektionen in den Küstenwachen und viele Griechen leben in Ruinen. Dieses Ungleichgewicht lässt einen selbst in Flip Flops taumeln. Leid und Unterhaltungstrubel treffen am Strand aufeinander. Die Zähne des Raubtierkapitalismus blitzen im Spiegel der Meeresoberfläche auf und zeigen die Risse eines Systems, dass das Menschsein eintauscht gegen Besitztümer und Konsum.

Das Leben sieht anderes aus, direkt neben Toten oder Menschen die überlebt haben und die warten. Warten auf eine Chance zu leben. Und sie werden noch sehr oft und sehr lange warten müssen. Aber die Menschen sind mutig und entschlossen, geflohen vor Krieg, teilweise verletzt, auf jeden Fall gezeichnet von unglaublichen Erlebnissen. Ganz anders fühlt sich das an als Zuhause in Deutschland, auf dem Balkon oder auf dem Sofa vor dem Fernseher, wo Überleben oft nur als Aushärtung von künstlichen Simulationen eines Online-Games gekannt wird.

Tödlicher Alltag in Griechenland

„Ärzte der Welt“ am Omoniaplatz in Athen ist für viele die einzigste Chance medizinisch versorgt zu werden. Der Weg von der U-Bahnstation Omonia-Platz zur Solomon Straße ist bedrückend. Man trifft immer wieder auf riesige Ruinen, die wohl mal Kauf- oder Bürohäuser waren. Abgehängt mit grünen Netzen stehen diese drohenden, dunklen Höhlen in der Stadt herum. Oder löcherige Gerippe von Hochhäusern, die skelettartig die Stellung halten zwischen den anderen Häusern, verhungert im Verlauf des Bauvorhabens. Viel schlimmer aber sind die Ruinen in den Gesichtern. In den leeren Augen der alten Damen ist etwas kaputt gegangen. Verzweifelt klammern sie sich mit den Armen anderer, wenn sie durch ihre Stadt gehen, irgendwo muss doch Halt sein. In Athen haben die Menschen nicht viele Alternativen, wie etwa außerhalb auf dem Land oder Inseln, dort bauen viele wieder ihr eigenes Gemüse an, um das Notwendigste zu haben. „Die Selbstmordrate ist seit Juni 2011 um rund 36 % gestiegen und seit dem nicht wieder gesunken“ (Der Spiegel). Bei „Ärzte der Welt“ ist der Warteraum voll. Ehrenamtlich arbeiten dort Ärzte und Physiotherapeuten, um die Patienten zu behandeln die keine Versicherung mehr haben. Allerdings: Krankenhäuser weisen Patienten ohne Krankenversicherung teilweise ab. Es soll schon Todesfälle gegeben haben. Diese Menschen fallen indirekt den Sparmaßnahmen zum Opfer oder den Zinszahlungen, dafür muss aktuell das meiste Geld bezahlt werden in Griechenland. Arbeit zu finden in Griechenland ist weiterhin schwierig, besonders eine, von der man leben kann. 15,5 % der griechischen Bevölkerung lebt trotz Arbeit unter der Armutsgrenze. In der Not nimmt man dann eben doch den Job bei einem Ausbeuter an. Die junge griechische Studentinnen verdient 4 Euro pro Stunde bei Starbucks, aber nur die, die schon fast drei Jahre dabei sind, denn die Neuen verdienen nur 2 Euro pro Stunde bei Starbucks, vgl. Profil.at, Stephan Schulmeister, Wirtschaftsforscher. Es gibt nicht nur Verlierer in dieser Zeit, ein paar Unverfrorene holen Unmenschliches aus sich heraus, dem man lieber nicht begegnen möchte. Romantik ist in diesen Zeiten etwas für Touristen.

Verdrehte Belastung

Starbacks besteuert seine in Griechenland erwirtschafteten Umsätze nicht Griechenland, Starbacks besteuert seine erwirtschafteten Umsätze in Deutschland auch nicht in Deutschland, sondern in Luxemburg (ausführlicher Artikel bei der SZ). Viele andere internationalen Konzerne nutzen dieses „Steuerschlupfloch“ und verschleiern ihre Gewinne. Diese Konzerne schleusen die Konzernabgaben, die durch die EU-Bevölkerung erwirtschaftet worden sind, an den meisten Staatshaushalten und an der Zivilgesellschaft vorbei. Aktuell noch „legal“, aber wenn die EU eine gerechte Gesellschaft sein will, dann braucht es für diese Ungerechtigkeit schnell eine internationale Steuerpolitik und eine für alle EU-Länder geltende gesetzliche Lösung. Eine EU-Politik eben. Das Verhalten der internationalen Konzerne ist höchst asozial und auch wettbewerbsverzerrend für nationale Unternehmen. Kein EU-Land darf sich als „Niedrigsteuerland für Konzerne“ auf Kosten der andern EU-Länder einen Vorteil verschaffen. Es ist ein unfassbares politischen Versagen, dass diese niedrige Besteuerung der Konzerne möglich ist. Ob Jean-Claude Juncker, der die haarsträubenden Steuermodelle in Luxemburg mit erarbeitet hat das im jetzigen Amt als EU-Kommissionschef ändern wird? Für mehr Gerechtigkeit in der Europäischen Union? Wird genau er das vorantreiben? Auch Apple, Google,Amazon, Microsoft und Facebook zahlen ihre Abgaben ebenfalls nicht in denjenigen Ländern, wo die Umsätze und Gewinne erwirtschaftet werden in der EU, sondern in Ireland. Ireland rechnet sich seinen Staatshaushalt schön. Das geht zu Lasten aller anderen EU-Staaten und der Zivilbevölkerung in der gesamten EU. Mehr > Die Zeit: Steuerparadies für US-Konzerne. Interessant wäre es zu berechnen, wie viel Steuern den einzelnen Ländern flöten gehen. Das der Deutsche Staat seit der Krise 2008 kaum mehr Zinsen zahlen muss auf seine Neuverschuldung und sich damit rund 80 Milliarden Euro gespart hat,(vgl.SZ Artikel), darüber wird kaum gesprochen (mittlerweile schon 100 Milliarden, laut IWH). Das ist ein großer (Zins-)Vorteil, der den Staatshaushalt von Herrn Schäuble so ausgeglichen aussehen lässt. Das ist aber nur ein Bereich des Ungleichgewichts, wodurch Deutschland profitiert.

Die Troiker der EU hat den Staatshaushalt nicht auf zukunftsfähigen Weg gebracht, sondern in eine humanitäre Katastrophe gesteuert, die eben nicht die katastrophalen griechischen Politiker der letzten 15 Jahre und die Korrupten bestraft, sondern die Menschen im ganzen Land. Wie bei der Finanzmarktkrise wird das Verschulden weniger auf die breite Masse der Bevölkerung abgewälzt. Nicht Aufbruchstimmung und ein Miteinander bestimmen die Politik der EU, sondern nur das Kapital. Der Markt diktiert das Sein und was man zu wollen haben darf. In der kapitalorientierten, technokratischen Leistungsgesellschaft stehen Menschenrechte und Demokratie dem radikal ICH-Getriebenen im Weg. Diese beiden wichtigen Komponenten einer Zivilgesellschaft sind für den Markt nur hinderlich. Gegen diese Ignoranz sollte man auf die Straße gehen und schreien, anstatt auf Geflüchtete loszugehen in Deutschland.

Rüstungsexporte und die Rolle der maßlosen der Eliten

Wer Waffen exportiert, dessen Wachstumstreiber ist Krieg. Wenn die Folgen der Kriegshandlung in Form von Geflüchteten dann an der Türe klingen, darf man sich nicht wundern. Waffen. Krieg. Tote. Flucht. Zuflucht. Das Entscheiden für Rüstungsexporte ist ein in Kauf nehmen von Verwüstung, Vertreibung und Vernichtung. Wer Waffen, Steuerungssystem und Nachrüstungsmaterial exportiert, aus den Waffen erzeugt werden, darf sich nicht wundern, wenn sich Flüchtlingsbewegungen entwickeln. Sich gegen eine Rüstungsindustrie zu entscheiden und keine Waffenexporte zu genehmigen, wäre eine Möglichkeit. Griechenland exportiert keine Waffen, hat aber die Folgen der Handlung der Rüstungsstaaten zu versorgen als Außengrenze der EU. Deutsche Rüstungsbetriebe exportieren Rüstungsmaterial und Kriegswaffen. Die Weltrangliste der Waffenexporte nach Anzahl der Aufträge: 1. USA 30,3 %, 2. Russland 22,9 %, 3. Deutschland 10,6% , 4. Frankreich 7,1 %, 5. Großbritannien 4 % (Quelle: Die Presse auf Basis von SIPRI). Auch sehr interessant, wohin Deutschland hauptsächlich Waffen liefert, der Rüstungsexportbericht 2014 (GKKE). Aber nicht Krieg allein ist die Ursache für die Flüchtlingsbewegung.

„Die Ursachen für Armut und Umweltzerstörung liegen eben nicht nur in den mangelnden Ressourcen oder in der schlechten Regierungsführung der Herkunftsländer, sondern in immer größerem Maße in ungerechten internationalen Handels- und Wirtschaftsbedingungen sowie im maßlosen Lebensstil der Eliten in den armen und reichen Ländern begründet.“
(vgl. Rüstungsexportbericht GKKE, 2014).

Die Bereicherung auf Kosten anderer. Laut der Oxfam Studie besitzt ein Prozent der Weltbevölkerung mehr als die restlichen 99% zusammen! Da läuft kolossal was schief. Das Recht muss neu gedacht werden. Momentan ist das internationale Recht bei den großen Kapitalisten, bei den Konzernen und den Märkten der Industriestaaten, nicht beim Gemeinwohl der Bürger. Dieser Ungerechtigkeit muss entgegengetreten werden. Die Liste der kritischen Geschäftsfelder von globalagierenden Konzernen ist lang, aber nicht unsichtbar: Facing Finance mit Details. Die Globalisierung hat internationale Handelswege geschaffen, aber keine radikale Neudefinierung der Menschenrechte für die gesamte, eine Welt.

„Aber nur, wenn die Not des Einzelnen als notwendige Folge eines falschen Systems erkannt wird, kann sie über die Begrenzung des bürgerlichen Fühlens hinauskommen.“ (Kleinzitat aus "Lob des Realismus", von Bernd Stegemann - Buchempfehlung - unbedingt lesen!)

Vielerorts Rassismus? Tue etwas, Deutschland!

Übergriffe auf Geflüchtete, Anschläge auf Flüchtlingsunterbringungen wie Tröglitz, Winden, Böhlen oder Meißen finden statt. „Vielerorts“ darf nicht möglich sein. Der soziale Druck muss groß sein auf die Rassisten. Keine Duldung ihres Handelns. Deswegen ist unser aller Engagement gefragt, damit die Attacken aufhören. Den Rassisten muss Einhalt geboten werden, sie müssen wissen, dass sie nicht in der Mehrheit sind. Deutschland befindet sich weder in einer Wirtschaftskrise, noch in einem Krieg. Wo kommt das her? Furcht vor Statusverlust? Eine kühle Berechnung von Hausbesitzern, die schon an „Entwertung“ ihrer Immobilie denken, wenn ein Flüchtlingsheim gebaut wird? Unsere Angst ist unser größter Feind. Mangelndes Selbstbewusstsein ein gefährlicher Komplize, bedrohte Männlichkeit sowieso. Wer ist fähig zum Perspektivwechsel vom bequemen Sessel aus in Deutschland? vgl.Spiegel: Deutschland, dein Elend ist die Mitte. Wo ist die Anteilnahme und Empathie? Die verantwortungslose Stimmungsmache, die definitiv als verbale Brandstiftung verstanden werden, wirbeln einen hin- und her in der Angstmaschine, eventuell zu kurz zu kommen. Oder nicht genug zu bekommen, auf jeden Fall weniger als der Andere? Diese unangenehme Opferhaltung, warum hängen so viele Menschen daran? Traurig treffend in Worte gefasst und optimal platziert in Freital gegen Fremdenfeindlichkeit

"Ein Banker, ein Bild-Zeitungsleser und ein Asylbewerber sitzen am Tisch mit 20 Keksen. Der Banker nimmt 19 und sagt zum Bild-Zeitungsleser: Pass auf, der Asylbewerber nimmt dir dein Keks weg.“(Dies Irae)

Der Griff zur Sicherung des Geldbeutels ist ein Automatismus in der kapitalistischen Gesellschaft, wenn was fehlt sucht der Blick zu oft in die falsche Richtung. (Buchtipp: "Die Abwicklung, George Packer) Auch die Berichterstattung wirkt schon mehrfach abgebrüht und bleibt erstaunlich an der Oberfläche, lässt sich viel zu leicht ablenken, anstatt selbst zu denken und das Wesentliche zu beleuchten: wer entscheidet was und warum? Was steckt wirklich dahinter? Das hat seine eigene Tragik. Es werden Themen nur noch gerechnet, aber nicht mehr gedacht. Die Geldbrille hängt zu streng buchhaltermäßig an der Nase fest. Weil es einfacher ist sich die Welt zu erklären? Der Mensch, der nur noch in Dollar und Euro „klassifiziert“ wird und das bunte Papier das einzige ist was zählt? So hört sich jedenfalls Thomas de Maiziére an. Ist Geld mittlerweile die einzig gültige Bewertungskategorie geworden für Menschen?

„Zentralistische Monopolwährung und Zinsen werden festgelegt von oben. Das ist ein Mittel, Ressource von unten nach oben zu extrahieren. Durch Zinsen wird das Geld denjenigen entzogen, die nicht genug haben und von denen einverleibt, die sowieso schon viel haben. So funktioniert das per Definition. Mit Zinsen verhält das sich so: wenn man eine gewisse Sicherheit haben will, häuft man Geld an und lebt von den Zinsen. Das leistet der Gier Vorschub.“ Bernhard Lietaer

Bernhard Lietaer, der die Finanzkrise vorhergesehen hat, analysiert das enthemmte kapitalistische System metaphorisch, fordert ein Umdenken und hat auch noch Verbesserungsideen, das ganze in 5 Minuten als Video > hier. https://www.youtube.com/watch?v=64YomsGS1eU

Menschlichkeit in Zeiten des ungebremsten Kapitalismus

Keiner kann sagen, man hätte es nicht gewusst. Tote im Mittelmeer, teilweise katastrophaler Umgang mit Geflüchteten, keine Einwanderungspolitik, zu wenig Solidarität zwischen den Staaten der EU. Interessentengesteuerte Politik auf Kosten anderer. Und eine Europäische Union, welche die Bedeutung von Gemeinschaft lernen muss. Es gibt keinen Grund Griechenland und Italien alleine zu lassen mit der Aufgabe den Zufluchtsuchende zu helfen. Wieder greifen die immer gleichen populistischen Mechanismen, die Schurken und Schuldige verlangen, aber in der Ursachenforschung versagt. Es gibt eine Realität, es sind allerdings neue Fragestellungen notwendig. Die sind aber unbequem. Gerade aus der CSU kommt eine Stimmungsmache, da graut einem. Zeigt man auf andere, weil der innere Konflikt mit dem eigenen Ansprüchen nicht zu ertragen ist? Aus der historischen Verantwortung von Kolonialismus, Sklaverei und Nationalsozialismus haben alle nichts gelernt. Alles, was für eine europäische Gemeinschaft hätte wichtig sein müssen, wie Zusammenhalt, Vielfalt und Solidarität, das ist in der europäischen Gesellschaft in letzten Zeit massiv beschädigt worden. Besonders Deutschland sollte ein neues Versprechen geben: Rücksicht, Freundschaft und Aufrichtigkeit. Ein Versprechen, das gehalten werden muss.

„Gerettetes Leben, verlorenes Leben, geschenktes Leben“ (Wälder, von Wajdi Mouawd)

Es gibt nichts Schöneres als erwartet zu werden. Schöpferische Identität zu entwicklen und das „Fremd sein“ als Chance zu begreifen, das ist wahre demokratische Politik. Mit einem gemeinsamen WIR unserer unendlichen Identitäten ist viel zu lernen voneinander auf dieser einzigen Welt. Dafür braucht es Engagement von uns allen, ein aufmerksames Entgegenstellen gegen Rassismus, ein anderes Denken, damit aus einer Ankunft ein buntes, neues Zuhause werden kann.

Schaffen Sie Verbindungen! Fährfrauen und Fährmänner gesucht für ein herzliches WILLKOMMEN.

http://wedding-hilft.de/
http://moabit-hilft.com/
http://www.fluechtlinge-willkommen.de/
http://ueberdentellerrand.org/
http://www.cucula.org/
http://www.workeer.de
http://www.save-me-kampagne.de/

http://www.fremde-freunde.berlin/

B


http://www.proasyl.de/de/ueber-uns/foerderverein/mitmachen/


Recherchereise zur Realität: 4.6.-5.7.2015, Athen - Thessaloniki - Samos - Lesbos - Catania. Begleitet im Ohr von "Schall & Rauch", "Wie wir leben wollen" & "Liebe" (Tocotronic)

11:58 10.08.2015
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