„Ich bin /Die Tat deines Gedankens.“

Der poetische Film Du bist ./Dichter. Ich bin./ Filmemacher. Wir beide./ sind Zebra. Impressionen zum 6. Zebra Poetry Filmfestival vom 18.10.-22.10.2012 im Kino Babylon, Berlin-Mitte
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http://farm9.staticflickr.com/8186/8140858877_26b6452f00.jpgAlle zwei Jahre findet das Poetry Filmfestival in Berlin statt. Bisher ist dieses Filmfestival unbemerkt an mir vorbeigelaufen. Diesmal nicht! Dichtung, Lyrik und das als poetischer Film? Was soll das überhaupt sein? Poetischer Film? Über 70 Filme habe ich gesehen von den über 180 Kurzfilmen, die es in das Programm geschafft haben. Stattliche 870 Einsendungen aus 63 Ländern haben sich dieses Jahr beworben. Eine Definition zum poetischen Film kann ich dennoch nicht abliefern. Da kann man sich nur vermessen. Einzige Vorraussetzung für die Festivaleinreichung: audiovisuelle Umsetzung eines oder mehrere Gedichte, max. 15 Minuten, wenn nicht in englischer Sprache, dann sind zusätzlich noch englische Untertitel notwendig.

Meine vielen Fragen.
Wie der Film das Gedicht in eine audiovisuelle Ebene bringt ist nicht nur durch die Machart vielschichtig: Illustrations-, Animations-, 3D-, Stock-Motion-, Realfilm oder ein Mix aus diesen unterschiedlichen Filmstilen wurden gezeigt, sondern auch durch die Interpretation. Trägt die Verfilmung die kunstvollen Bildformen des Gedichts? Werden eher Klassiker verfilmt oder Dichtung der Gegenwart? Wie interpretiert der Film die Allegorie, die übertragenen Bedeutung? D.h. die rein wörtlich auffassbare Bildebene und die bedeutungsvolle zweite Ebene. Schafft es der Film, trotz seiner Bebilderung, die Bedeutungsebene frei und individuell für den Zuschauer zu belassen? Kann die Bedeutungsebene vollzogen, erfahren, erkannt, mehr noch – gefühlt werden? Das hat mich so interessiert und war spannend selber zu durchleben „Allegorie wird entscheidend durch den Leser und seine Differenzerfahrung getragen“ (Günter Waldmann). Ich war also gespannt, was ich als Zuschauer erkennen und fühlen würde.

Die Vielschichtigkeit des poetischen Films wurde perfekt präsentiert mit dem Festival-Special. Hier wurde 33 Mal ein einziges Gedicht gezeigt. 33 Interpretationen von Ulrike Almut Sandigs „meine heimat“, die unterschiedlicher hätten nicht sein können. Nicht alle waren schön, je nachdem eben: Mit Brüchen. Mit Romantik. Ohne Romantik. Roh. Wie Empfindungen, Erfahrungen, Wahrnehmungen und Gefühle in diesem Zusammenhang sein können. Was niemand gesehen hat, nur ich, die Nr. 34 von „meine heimat“ - noch im Kinosaal ist meine Version im inneren Auge abgelaufen.

Mein großes Glück.
Ich war nicht nur als stiller Zuschauer unterwegs, ich durfte dem Publikum eine Stimme geben. Als Vertreter der radioeins Publikumsjury hatten vier Hörer und ich die verantwortungsvolle Aufgabe, aus den 30 Wettbewerbsfilmen einen mit den Publikumspreis auszuzeichnen. Alle Gedichte erhielten wir vorher in deutscher Übersetzung. Rein textbasiert hatte ich schon meine drei Favoriten, die mich aber allesamt in ihrer filmischen Umsetzung nicht überzeugen konnten. Dafür waren andere Gedichte wunderbarer verfilmt worden und haben mich mit der Interpretation überrascht. Nach dem Screening der Wettbewerbsfilme haben wir dann diskutiert, analysiert, durcheinander geredet, bis wir unsere zwei Favoriten eingekreist hatten. Entscheidend war, dass mindestens drei Jurymitglieder oder mehr den Film gut fanden. Randnotiz dazu – wir hatten anfangs 20 Filme auf unserer Liste, also zweidrittel des Wettbewerbs. Ein wirklich guter Jahrgang und wir hatten die Qual der Wahl.

Meine Top 5 nach dem Screening:

Balada Catalana (Laen Sanches - Frankreich 2010, Gedicht: Vicente Balaguet)

I come from..., (Daniel Lucchesi, Alex Ramseyer - England 2011, Gedicht: Joseph Buckley)

First Death in Nova Scotia (John Scott - Kanada 2012, Gedicht: Elisabeth Bishop)

Heimweg (Franziska Otto - Deutschland 2010, Gedicht: Peh)

Lost and Found Box of Human Sensation (Martin Wallner, Stefan Leuchtenberg – Deutschland, Gedicht: Martin Wallner)

Allerdings hatte nur „Balada Catalana“ von allen fünf Jurymitgliedern eine Stimmen bekommen. Dennoch gab es Abwägungen und Überzeugungsplädoyers für „First Death in Nova Scotia“. Da merkt man, wie schwierig es ist als Jury zu entscheiden. Es kann eben nur einen Gewinner geben. Die Entscheidung fiel letztendlich für die Verfilmung von Laen Sanches, gesprochen in Catalan, mit englischen Untertiteln. Ein bunter, eigenwilliger, illustrierter Animationsfilm über Mutterliebe, umgesetzt mit einem guten Schuss schwarzem Humor. Die abstrakten Bilder des Films mischen Bekanntes, aber surreal vermischt, herausragend eingesetzt für das fantasievolle Figurenkonzept. Das reizt die Bedeutungsebene und ist eine kreative Transformation der Gedanken des Geschriebenen. Außerdem eine gelungene Verdichtung der Medien – Sprache, Bildsprache, Rhthymus und Bewegung - jedes Bild ein Gedicht für sich. Online ansehen: http://vimeo.com/9023190

Was ich bei „First Death in Nova Scotia“ genial fand, die Vermischung von Realfilm und Animationstechnik. Gleichzeitig war dieser Einsatz der Stilveränderung auch mit der Deutungsebene verknüpft. Das fand ich fast noch etwas origineller. Man merkt, es lässt einen nicht los. Wie sich die internationale Jury, die „Profis“ entschieden haben und alle weiteren Gewinner 2012 in sämtlichen Preiskategorien kann man hier nachlesen: http://www.zebra-award.org

Gekrönt wurde das Festival durch die Preisverleihung. Insgesamt wurden acht Preise übergeben, schwungvoll und sehr charmant moderiert von Knut Elstermann.

Mein persönlicher Liebling - außerhalb der Wettbewerbsfilme - aus der Sektion „Made in Germany“: ACHILL

Das Gedicht: mystische fantasievoll, dynamisch und gefühlvoll gesprochen, mit einem Hauch von Ironie. Das Ganze eingebettet in eine gelungene Mischung aus animierten, eigenwilligen Illustrationen und bearbeitetem, illustriertem Realfilm. Die Dichterin & Filmemacherin: Gudrun Krebitz - die Frau muss man sich merken!

ACHILL - Textausschnitt:

„Die ganze Aufregung liegt

leider in der Unschärfe.

Im flüchtigen Wahrnehmen und im blinden Rausch

liegt das ganze Glück.

Ich hab mir deswegen nie die Augen lasern lassen.“
(von Gudrun Krebitz, www.gudrunkrebitz.com )

Vier Tage voller Inspiration und Beschäftigung mit Sprache und bewegten Bildern. Umgang mit Sprache, Bedeutung und Bewusstmachen. Es war eine echte Bereicherung für mich. Nicht nur hat sich mein Bildervorrat extrem erweitert, sondern ich habe ein neues, junges Genre den „poetischer Film“ kennen gelernt. Man kann sich nur wünschen, dass dieses Festival mehr Aufmerksamkeit bekommt. Der poetische Film hebt Dichtung über die Grenzen üblicher Verwendung. Erst durch die digitale Filmbearbeitung wird das Medium Film der Dichtung gerecht, weil ein hin-und her zwischen Realität und den Gedanken, der Virtualität, abgebildet werden. Mehr Publikum bekommen die Filme hoffentlich im Internet und ich würde mich auch über mehr TV-Formate freuen. Würde das jemand anschauen? Nur Arte zeigt regelmäßig Kurzfilme im Sendeformat KURZSCHLUSS, allerdings nicht speziell poetische Filme. So eine Sendung wäre vielleicht nicht der Quotenhit, aber ein Beitrag dazu, der Gesellschaft einen Zugang zur Meinungsbildung zu schaffen. Einen Zugang zum eigenen Bewusstsein. Das kann meiner Meinung die intensive Auseinandersetzung mit Lyrik. Der poetische Film zeitgenössischer Dichtung schafft das auf eine moderne Art und Weise. Hoffentlich erreicht er auch das Publikum, das sich bisher nicht oder wenig mit Dichtung befasst hat. Oder Lyrik bisher nur mit dem Auswendiglernen von alten Gedichten in der Schule verbindet. Was aber heißt es, Bewusstsein zu schaffen? Alles beginnt mit dem Gedanken, mit dem darüber reden und dem Nachdenken und wie wir denken. Welche Bilder sehen wir und was sagen die wirklich? Auch zwischen den Zeilen. Was wird verschwiegen und trotzdem transportiert? Genau das schafft für mich insbesondere Dichtung und der Umgang mit Lyrik, mit der Sprache: ein genaues Hinsehen, eine Sensibilität im Sprachgebrauch und ein differenziertes Gefühl für den Einsatz von Begriffen. Eine Verantwortung und ein Bewusstsein von gezieltem Hinterfragen des Offensichtlichen und nicht alles bedingungslos als gegeben hinzunehmen. Nur dann kann man erkennen und Dinge verändern im Leben.

Man ist dem Irrtum immer näher als man denkt, ich habe aber das Gefühl, in den vier Festivaltagen näher an die Wirklichkeit gerückt zu sein. Mal schauen, wie wahr das ist.

Textausschnitt u. Motiv "ACHILL" autorisiert durch die Urheberin: Gudrun Krebitz
20:19 28.10.2012
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