Mit Romeo auf dem Pfad der Dämmerung

Stimmen im Nebel: Romeo & Julia, (M)eine Jetzt-Zeitinszenierung von Lars Eidinger – Schaubühne, Text: Thomas Brasch, ein Musiker von Shakespeare
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Für mich ist Thomas Brasch mehr ein Musiker von Shakespeare, als sein Übersetzer. Ein Dirigent des Wortorchesters im Rhythmus unserer Zeit. Jeder Beat sitzt. „Romeo und Julia: Als Sinnbild bedingungsloser Liebe und Treue bis in den Tod sind beide unsterblich geworden. Die Geschichte der beiden Liebenden, die an der Feindschaft ihrer Familien zugrunde gehen“. Versuchen Sie mal das Sinnbild von Romeo & Julia „wahre Liebe, bis in den Tod“ aus Ihrem Kopf abzuhängen. Bei mir sitzt das sehr fest, wie eingebrannt. Eine Aufwärmübung. „Schwacher Sklave“. Was denken Sie? Was sehen Sie? Und jetzt „Schlappschwanz“. Zwei Begrifflichkeiten der gleichen Shakespeare-Stelle übersetzt in andere Wörter, besetzt mit anderen Bildern. Mit anderen Augen sehen? Wie aufregend! Deswegen sitz ich hier im Theater. Ich bin schrecklich romantisch, das wird also nicht leicht werden. Es geht los und unsere Augen werfen das Licht auf den Mittelpunkt der Bühne. Jetzt sind wir also zu dritt. Brasch, Eidinger und ich.

Wenn ihr zwei Stunden zuseht unserem Spiel, kann sein: Dann wißt ihr mehr, kann sein: Nicht viel“.

Diesen Satz des Prologs schreibe ich mir auf einen Spickzettel, verwandle mich in einen Hasen und klettere auf einen hohen Apfelbaum, damit ich mich im Mond der Schaubühne besser sehen kann. Herzlich willkommen in meinem Spiegelbild von „Romeo und Julia“. Der Esel nennt sich immer zuerst. Eine und meine Geschichte über Liebe und Triebe werde ich sehen. Entschuldigung, etwas anderes kann's nicht werden, als dieses Zusammentreffen. So weit kann ich gar nicht auf den Baum krabbeln wie ich mich dann doch wieder auf die Bühne schleiche.

Es ist zerrissen, das Bühnenbild, eine Dreiteilung. Der überdimensionaler Rahmen, nur anfangs schwarz und noch ohne Bild. Links steht die Live-Band-Bühne für „The Echo Vampire“. Rechts der Einblick hinter die Kulissen auf Maske und Requisiten.

Der Schlagabtausch beginnt. Der Hass der verfeindeten Familien Capulet und Montague ist eine Art Bandenkrieg. Pöbelnde Proleten in Slow-Motion-Mood, kontrastiert von energetischer, aggressiver Musik. Der Hass, Ursache unbekannt. Der blutbespuckte Haufen von halbnackten Männerleibern wird noch mehr überzeichnet durch das Auftreten der versoffenen Lady Capulet, einer torkelnden Vogelscheuche auf High-Heels. Beendet wird das verwirrende Gemetzel vom Prinz. Der Prinz, mächtiger Friedensstifter. Gespielt von einem kleinen, blonden, zarten Mädchen. Kann Macht je unschuldig sein? Sie in dieses rohe und blutige Körperchaos zu schicken, chapó! Was für ein Aufeinandertreffen.

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Hier wird vertauscht gespielt. Gegensätzlich besetzt. Das Kind die Macht. Die Macht als Friedensstifter. Das Elternpaar von Julia zeitgemäß zusammengeschmolzen zur alleinstehenden Mutter, Lady Capulet. Sie ist für mich eine zwanghafte Selbstbestätigungsmaschine, nach meinem Selbstverständnis. Ich sehe vertauschte Geschlechterrollen, Lady Capulet wirkt für mich eher als männlicher Patriarch. Mein Bild dafür kommt nicht von ungefähr.

Lars Eidinger setzt durchgängig auf Gegensätzlichkeiten, nie ist etwas schwarz oder weiß. Er bricht die gewohnten Rollenverteilung fantasievoll, verführerisch und teilweise bis zur Schmerzgrenze hart um. Er experimentiert mit den Geschlechterrollen und den Identitäten so konsequent, dass ich manche Figuren mehrfache hin und her drehen muss: was und wie bist du eigentlich? Ständig bin ich mit mir selber im Widerspruch der gegensätzlichen Gleichzeitigkeiten. Sicherlich habe ich nur einen Bruchteil erfasst.

Die Amme ein großer, mächtiger Mann, wunderbar gespielt von Sebastian Schwarz, der sich kümmert, aber Julia auch benutzt. Den adeligen Paris spielt er zusätzlich als Witzfigur, mit dieser Frisur. Die Charakterzüge immer gegensätzlich, die Figuren nie nur das Erwartete oder wie es scheint, sondern immer auch anders – für mich. Kalt und heiß gleichzeitig. Ich bin ständig im Ringen um Positionierung, um Verhalten im Wechsel der Perspektive zum Raum der Zeit und deren Beziehungen. Kompliziert. Das lebendige Ganze.

Bruder Lorenzo, der Franziskaner, unfassbar gut verkörpert und betont. Seine Stimme! Negativfaszination. Die Fleischwerdung der Doppelmoral und Heuchelei und nicht nur das. Die Freunde von Romeo, hippe Macho-Witzbolde. Hier lege ich eine Art Laufband über die Bühne, das sagt: „Die meisten Männer verdanken ihren Erfolg der Tatsache, dass niemand weiß, wer sie sind – nicht einmal sie selbst“* Mercutio, ein selbstbewusster, großspuriger Aufschneider. Wo getroffen? Wo getroffen? Überhaupt, wie getötet, gelebt und gestorben wird. Theaterblut ist Schmerz in Flaschen. Romeo lerne ich als melancholischen, verträumten Typen kennen, der an dem Leben leidet und aus Liebe sterben möchte. Beliebig, sage ich. Zuerst für Rosalind, dann für Julia. Romeo, so jungenhaft verwirrt zwischen Schönheit, Liebe und Triebe. Julia Capulet, gerade mal 14 Jahre alt und schon von ihrer Mutter gezwungen als Tauschgut für Güter mit Ansehen und selbst Erpresserin. Kalte Kalkulation aus Liebe? Alles vermischt sich verschlugen unscharf im Kunstnebel.

Es ist ein ständiges Ringen mit sich.

Der Maskenball, grandios entblößend inszeniert. Eine Maske für die Maske. Eine Demaskierung von Verhalten, originell kostümiert reduziert. Ich habe mir oft gedacht, dass bei Kostümpartys die Menschen mehr sie selbst sind, obwohl oder weil sie verkleidet sind. Ein verzweifeltes Spektakel mit der Flasche in der Hand, gefüllt mit dem Gift der Zeit. Mir hat gerade jemand mein Hasenfell über die Ohren gezogen. Ich bin viel zu oft auf der Bühne, statt auf dem Baum.

Und wieder verändert Lars Eidinger hier die Taktung der Inszenierung. Die Komposition der Schauspieler im Rhythmus der Sprache mit Musik und Licht ist außerordentlich verführerisch gut gelungen. Ein Schauspiel mit allen Elementen. Vielleicht ist es für manche nur eine lustige, bunte Unterhaltung, für andere eine Auseinanderersetzung mit der Vergangenheit oder ein Blick auf die Liebe in Zeiten des Kapitalismus. Inflation nicht ausgeschlossen. Ein Bilderfeuerwerk im Überfluss und wir mittendrin im Viel - wunderschön abgefuckt. Die Freiheit ist ein Privileg und ein Problem.

Aber vielleicht sagt sich das so leicht. Vielleicht ist gerade die geringe Anzahl der Noten das Problem. Vielleicht ist die Freiheit das Problem. Die Freiheit zu entscheiden, wann welche Note gespielt werden soll“*

Ach, das Ende. Ich bin gerührt. „Schlag, mein Herz“. Meines trommelt gerade sehr lebendig.

Romeo & Julia, bis Ende Mai noch in der Schaubühne. Ein Treffen mit Shakespeare, Thomas Brasch, dem großen Verführer Lars Eidinger und wunderbaren Schauspielern.

Mein Name ist Hase. Und ich weiß von nichts. Wehe, Sie sehen mich auf der Bühne!

* Sternchentexte von Ulrich Woelk aus „Was ist Liebe", Bildcollage: 10 Jahre Tempo, Interview: die Faust v. Ali "Flout like a butterfly, sting like a bee", Begleitmusik beim Schreiben: Beastie Boys "B-Boy Bouillabaisse", Tocotronic "Auf dem Pfad der Dämmerung"
09:21 27.04.2013
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