München im Ausnahmezustand

Zivilgesellschaft „Wir schaffen das“. Massenhafte Unterbringung gesucht? Eine Ambivalenz der Verhältnisse. Unterwegs zwischen Flucht und Zuflucht
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München im Ausnahmezustand
Die Theresienwiese auf dem größten Volksfest der Welt

Foto: Christof Stache/AFP/Getty Images

Massenhafte Unterbringung

Der Bahnhof in München ist überfüllt. Menschenmengen strömen auf den Platz. Dicht an dicht schieben sich Männer und Frauen im Getümmel, die Kinder schützend. Sicherheitskräfte achten darauf, dass niemand auf die Gleise fällt. München im Ausnahmezustand. Die Zelte sind aufgestellt. Die Versorgung funktioniert. Die Ankunft wird beklatscht und freudig begrüßt. Eine moderne Kasernierung und eine logistische Meisterleistung. Trotzdem werden Vergewaltigungen stattfinden. Oder Prügeleien. Auch Diebstahl ist keine Seltenheit oder der Verlust von Gegenständen.

Doch sind diese Menschen nicht aus Übereilung unterwegs. Sie sind nicht kilometerlang im Staub oder Regen gewandert, wie die vielen Heimatsuchenden in diesen Tagen. Sie haben zur Begrüßung in München auch keinen Apfel bekommen, wie die Neuankömmlinge, die am Wochenende zuvor in München ankamen. Sondern die meistens leisten sich eine Maß Bier (oder zwei, drei, oberkörperfrei..). Der beschriebene Bahnhof ist auch nicht der Münchner Hauptbahnhof, sondern die S-Bahnstation Hackerbrücke oder die U-Bahnstation Theresienwiese. Die Wies’n hat an diesem Wochenende begonnen in München. Ach, es gelten wieder Grenzkontrollen von Süddeutschland nach Österreich seit Sonntag, den 14. September 2015. Für den Bierfrieden?

Die 1,5 Millionenstadt in Bayern wird in den nächsten Tagen gut 6 Millionen Besucher anziehen. Sechs Millionen Besucher in 16 Tagen. „Nur 19 Prozent (1,14 Millionen in 2014) der Wiesenbesucher kamen aus dem Ausland“ berichtet oktoberfest.de über das Vorjahr. Selten ist ein „nur“ so unangenehm aufgestoßen. Gefeiert wird also lieber unter sich? Geschafft wird viel, wenn es sich auszahlt muss man hier hinzufügen.

Der ganze Wahnsinn bringt immerhin in 16 Tagen rund 1 Milliarde Euro Umsatz. Doch die meisten Wiesnbesucher von außerhalb wollen nicht länger oder für immer bleiben. Die Reise hin - und zurück funktioniert allerdings prima. Der Vergleich mag für manche abwegig sein, aber die Verhältnismäßigkeiten sind schon erstaunlich. Parallelen zwischen den Bewegungen der Flüchtlinge und Touristen sind vorhanden. Die Touristen fliehen vor dem Alltag in den Wellnessurlaub oder zum Shopping-Trip. Die Kriegsflüchtlinge oder Migranten suchen nach einer Lebensperspektive und müssen für tausende von Euro Schleuser bezahlen. Ankunft und Überleben ungewiss. Warum ändern die Regierungen die Flugtransferregelungen nicht für die Flüchtlinge? Einreise-Check am Abflugsort und Aufnahme am Zielort. Wenn sich die Europäischen Länder einigen könnten (!) - bitte gleich für ganz Europa. Dann wäre den Schleusern ganz schnell die Geschäftsgrundlage entzogen. Die Geschichte der Migrations- und Asylpolitik in Deutschland ist kein gutes Beispiel. Machen wir uns nichts vor. Eher ein Beispiel von Abwehr und Abschottung.

Die Verhältnisse der Möglichkeiten sind überhaupt interessant in diesen Tagen. Die logistischen Meisterleistungen in München: 6 Millionen Besucher in der 1,5 Millionen Stadt innerhalb von 16 Tagen. Die massenhafte Versorgung an der Theresienwiese. Eine Ambivalenz in Zeiten der Schieflage. Flüchtlingskrise? Eher eine Bewusstseinskrise, ganz sicher eine Regierungskrise. Wie an den Stränden Siziliens oder den Griechischen Inseln stehen sich in München die Vergnügungsbürger den Flüchtlingen gegenüber. Die Ausnahmesituation hat wieder für Grenzen gesorgt, fragt sich nur: Welche Ausnahmesituation? Trinkfest und Kriegsflucht? Oder beides? Extrem zugespitzt beschrieben steht hier neoliberaler Überfluss der Perspektivlosigkeit von Fliehenden gegenüber. Anders gesagt: Bürger und Bürgerinnen (mit politischen Rechten der jeweiligen Nationen) im Spiegelbild der Angst: Homo Sacer (Fliehende ohne Rechte in anderen Ländergrenzen). „Tatsächlich könnten die Urlauber in den Flüchtlingen nicht bloß Opfer oder Eindringlinge sehen, sondern ihr Alter Ego - die Doppelgänger ihres neoliberalen, zur Mobilität verdammten Selbst. (aus FLIEHKRAFT, 2006, Gesellschaft in Bewegung - von Migranten und Touristen).

„Vieles wünscht sich der Mensch, doch bedarf es doch so wenig.“

schreibt Josef Wolfgang Goethe in „Hermann und Dorothea“. Den maßlosen Wachstumswillen und den größenwahnsinnigen Überfluss in unseren Zeiten hat er nicht erlebt, aber die Gier im Menschen gekannt. Den Hunger nach Großartigem oder Sensationellem. Die Endlichkeit gerät in Vergessenheit. Die verschlungenen, internationalen Konflikte verstellen vielen den Blick und die Erkenntnis, dass die „Flüchtlingskrise“ eine selbst verschuldete Regierungskrise ist.


Übergriffige Gewalt?

„Die Wiesn ist ein Event der der Superlative“, mehr Zahlen dazu gibt es bei muenchen.de. Die Delikte der angezeigten Sexualstraftaten auf dem Gelände des Oktoberfestes werden hier nicht genannt. Im Jahr 2013 waren es dreiundzwanzig angezeigte Vergewaltigungen, im Jahr 2014 siebzehn. Die Polizei musste auf der Wiesn insgesamt 2.205 mal anrücken (Statista: von 1999 bis 2014 im Verlauf): Neben den Vergewaltigungen gibt es etliche Prügeleien, Maßkrugattacken und Diebstähle. 7.900 verletzte „Gäste“ (2014) hatte das Bayrische Rote Kreuz zu verarzten, 600 Besucher mussten wegen Alkoholvergiftung behandelt werden. Die Wiesn ist eben nicht nur ein Ort des Frohsinns. Die Menschen, die um die Wiesn herum wohnen oder arbeiten, wissen das. „Breckerl hupfen“ ist morgens angesagt vor der Bürotüre. Übersetzt: Das Ausweichen um ausgespuckte Essensreste. Oder: das Herumtanzen um Kotzepfützen. Ich bin dort aufgewachsen. Also nicht auf dem Oktoberfest, aber in München.

Neben den Rekordumsätzen von Bier und anderen Genussverzehr gibt es Schattenseiten. So ist das Leben, nicht? Besonders, wenn so viele Menschen an einem Platz sind und noch dazu wirklich viel Alkohol im Spiel ist. Die Gewaltbereitschaft steigt, das Aggressionslevel weitet sich mit jeder Maß aus. Manche drehen nach drei Maß durch, andere schlafen ein. Es sind weder nur aggressive Deutsche, noch nur aggressive Menschen aus anderen Ländern. Straffällige gibt es leider vielerorts. Sie werden in Deutschland geboren oder anderswo. Das Böse ist nicht auf Nationen beschränkt, das schlummert staatenlos im Menschen. Auch in den Flüchtlingslagern geht es nicht nur friedlich zu. Es ist komisch das betonen zu müssen, aber immer noch wird „das Böse“ gerne „den Anderen“ in die Schuhe geschoben. Kein Mensch ist weder nur böse oder nur gut. Die Folgen der Handlung, die sind eindeutig. Eine Prügelei ist eine Prügelei. Verletzte bleiben Verletzte, auf der Wiesn oder andernorts.

Die Ausgangs- oder Zwangslagen der Umstände sind vielschichtig. Die Ambivalenz der Menschen jedoch wird niemals enden. Das Glaubensrichtungen zu unterwerfen ist ebenfalls seltsam. Mit der Unordnung umzugehen ist eine Lebensaufgabe. Für jede Gesellschaft. Fundamentalistische Christen sind ebenso unangenehm, wie andere fundamentalistische Glaubensrichtungen. Es wird ein längerer Weg werden, wie aus Toleranz Solidarität wird. Die Doppel-Pass-Regelung seit Ende 2014 ist dabei ein wichtiger Schritt. Wer Integration mit Gleichmachung verwechselt macht es sich selber schwer und den Neuankömmlingen. „Der Rassist in uns“ (Doku, zdf_neo) ist ein aussergewöhnliches Projekt. Jeder kann sich und sein Schubladen-Denken hier auf den Prüfstein legen. Erschreckend, wie subtil die Schwingungen wahrzunehmen sind und wie sich das Gruppenverhalten bildet.


„Die Benennungs-/Klassifizierungsfunktion der Sprache hat vorgeblich den Zweck, Ambivalenz zu verhindern. Ihre Leistung bemißt sich an der Sauberkeit der Trennung zwischen Klassen, der Präzision ihrer definitorischen Grenzen und der Unzweideutigkeiten, mit der Objekte Klassen zugewiesen werden können“.
(Zyhmunt Baumann, 1992, Moderne und Ambivalenz)

Eindimensionale Abstraktion wird gerne willentlich ausgerufen, um Ausgrenzungen zu rechtfertigen. Wie wir unserer Sprache einsetzen ist eine verantwortungsvolle Aufgabe. Ambivalenz ist der alter ego der Sprache. Auch wenn die Notlage und Rahmenbedingungen der Heimatlosen in den massenhaften Ansammlung eine andere ist, als auf dem massenhaften Besäufnis in den Bierzelten. Es ist der enge Raum, der tötet. Auch am Oktoberfest zu beobachten, wie sich am Eingang um den Einlass geprügelt wird, Fenster der Zelte eingeschlagen werden - wie sich Gesellschaftsklassen gegenseitig positionieren. Das Beziehungsgefüge verlagert sich sozusagen, je nachdem, mit wem man gerade schunkelt, abhängig davon, in welches Zelt man es geschafft hat. Ein dynamischer Prozess, sozusagen, ähnlich, wie Klassenanalyse von Pierre Bourieu. Die Entscheidung, welches Bierzelt ausgewählt wird, kann schon Statussymbol sein, muss aber nicht. Allerdings ist es eher selten Zufall.

Wer eine reservierte Box hat, der ist entweder ein Insider, hat gute Connections oder einfach viel Geld. Planungssicherheit wird zum Statussymbol. Je privilegierter die Lage, desto größer die Planbarkeit der Zukunft (Koppetisch, S. 45, Die Wiederkehr der Konformität), bzw. des Abends auf der Wiesn. Die Emporen und Boxen sind die Abgrenzungen zwischen dem ausgelassenem Volk (und den Gefährdungen und Risiken) und den Großkopferten (Elite). Die Bändchenmentalität ist sehr gut beobachtet im aktuellen Tatort - Die letzte Wiesn. Wer von Firmen eingeladen wird ist irgendwie wichtig oder fährt im Fahrwasser der „Wichtigen“ mit. Mittlerweile sind sehr viele Tische oder Boxen reservieren, schon sehr lange im Voraus. Im Schottenhammel tritt gerne das junge, Münchner „Establishment“ auf die Bänke, in Berlin würde man Hipsterzelt sagen. In „Mileusprache“ sind im Weinzelt die Champagner-Duscher, die Käfer Schänke garantiert Apfelstrudelliebhaber, Fußballer, Spielerfrauen und eine hohe Kasperldichte. Zutritt ab 20 Uhr? Das ist für einen normal Sterblichen ohne Bändchen selten möglich. Mittlerweile ist es so voll auf der Wiesn, dass selbst ein Hineinkommen in die anderen Zelte ab 19 Uhr kaum mehr möglich ist, schon gar nicht am Wochenende. Das Oktoberfest, ein Garant für volle Häuser und Statussymbolik des exessiven Wohlstandskapitalismus.

Der Rausch als Spaßkultur im Übermaß ist dort quasi Programm. Die Flüchtlinge bieten dafür wohl erstmal kein Potenzial? Geh- hier genießt der Freistaat den Konsum! In diesem Jahr ist die Mega-Affenschaukel die Attraktion. „Sog a moi, braucht ma des denn ois?“ hätte wohl Manni Kopfeck (Monaco Franze, TV-Serie) dazu gesagt.


Solidarische Gesellschaft?

Warum eigentlich dieses Fernhalten? Wer ist wem hier nicht zuzumuten? Anders gefragt: Wer entscheidet über die Souveränität der Zumutung? Als Neuankömmling ist ein Dach über den Kopf vielleicht eher wichtiger als die Mega-Affenschaukel. Dennoch bleibt die Hoffnung auf eine stabile Solidarität der Gesellschaft. Gerade deshalb ist ein gemeinsames Feiern selbstverständlich, muss ja nicht gleich Komasaufen sein. Eine Arbeitserlaubnis zu bekommen steht ebenfalls oben auf der Liste. Arbeit bedeutet Autonomie. Ohne Arbeitserlaubnis wird dem Menschen das Menschsein geraubt in unserer Gesellschaft. Ein Kleinmachen durch Wartezeiten macht die Abhängigkeiten deutlich und die Machtverhältnisse klar im Bürokratiedschungel. Menschlichkeit ist das eine, mit einer ökonomischen Argumentation ist eine Zielerreichung in Deutschland schneller möglich: Jede langfristige Investitionen in Zuwanderung zahlt sich aus, anstatt kurzweiliger Befriedung. Das gilt nicht nur für Bayern oder Deutschland, sondern für ganz Europa zu berücksichtigen.

Wer mit Tränengas auf Fliehende reagiert, neue Grenzen hochzieht und ethnische Selektionen vornimmt für die Zuwanderung in Europa, der irrt sich. Was hier wirklich bekämpft werden muss ist die eigene Angst. Die Angst vor dem Statusverlust. Das ist die stille Glut. Lodert diese heimlich in uns allen? Deswegen ist Vertrauen so wichtig. Wie schafft man Vertrauen? Viele Staaten, nicht nur Deutschland, haben sich an die marktkonforme Demokratie verkauft für den neoliberalen Kapitalismus einer globalisierten Wirtschaftspolitik. Bloss bei der Achterbahn der Spekulationsmaschine kommt kaum einer mehr mit. Selbst Banker kaufen Finanzprodukte, die sie nicht verstehen. Das ist wie am Schnapsstandl auf der Wies'n. Das Erwachen kommt erst nach dem Kater und mit der Feststellung, dass der Geldbeutel weg ist. Irgendwo im Nirgendwo? Trotzdem bleibt man abgehoben und macht einfach immer weiter. Wie ein Süchtiger lässt man das Kapital in Millisekunden um die Welt rennen. Gier heißt die Droge.

Sich nur für 30 km seines Umfelds zu interessieren ist deswegen fatal. Wenn in China die Börse wackelt, fällt nicht nur ein Sack Reis um, sondern die private Altersvorsorge schrumpft mit jedem Börsencrash, weil Versicherungsunternehmen für die Rendite an den internationalen Börsen spekulieren. Die Unsicherheit hängt schwebend in der Luft. Was macht der Markt? Keiner weiß es genau. Die Machtverhältnisse des Marktes bleiben diffus. Warum liefert man sich so aus? Ist das WARUM eine verschlungen Unbekannte? Eine ewig verschachtelte Verkettungen von versteckten Eigenschaften? Oder ist es möglich den Finanzmarkt umzubauen, mit anderen Regeln? Wo Verluste nicht auf alle Menschen abgewälzt werden, sondern auf die Verursacher?

Tolerierte Ungerechtigkeit?

Der ehemalige Sozialstaat Deutschland hat schon lange seine Bürger als Pfand vergeben und den Wettbewerb der Lebenschancen eröffnet, der sich streng nach ökonomischen Maßstäben richtet, und nicht nach solidarischem Miteinander. Die gewohnte Stabilität der Mitte wurde damit pulverisiert. Städteplaner konkurrieren weltweit um Stadtattraktionen und Touristen, die Wohnviertel mit den Quadratmeterpreisen stellen den Sozialstatus aus, das Bildungs- und Unisystem ist ebenfalls auf die Abgrenzung der Gesellschaft eingeschwenkt: immer mehr Privatschulen erziehen unsere Kinder und Elite Universitäten führen die Ausgrenzung fort. Die Politik macht mit, ohne auf das Gemeinwohl der Gesellschaft und deren Lebensverhältnisse zu achten. Das Bewusstsein, dass die gesellschaftlichen Verwerfungen die Ursachen von kapitalgetriebener Wirtschaftspolitik sein könnten, wird eher weniger besprochen. Die Verunsicherung und die Ängste der einheimischen Gesellschaft dürfen nicht einfach auf Aussenseiter wegen ihrer Andersheit umgelenkt werden(vgl. Zygmunt Bauman, s. 132 Zuflucht zum Rassismus, Moderne und Ambivalenz). Wachsamkeit bei der Flüchtlingsbewegung ist angesagt und wie argumentiert wird. Denn wieder brennen geplante Flüchtlingsunterkünfte. Der Verteilungskampf wird zwischen den gleichschlecht Behandelten ausgefochten, anstatt gegenüber den Eliten der Wirtschaft und der Politik, die keine ausgleichenden Rahmenbedingungen schaffen, sondern nur an maximalen Profit denken. Dass die Finanzmärkte nicht reguliert werden und die Verantwortlichen der Finanzkrise nicht zur Rechenschaft gezogen werden, das ist ein Verrat gegenüber allen anderen Menschen, die dafür die Zeche zahlen.


„Wo der Balken verfault und das Haus vergeblich die neue Unterstützung erwartet; der Ort ist übel regiert.“ (Goethe, Hermann und Dorothea).

Angstbilder gegenüber den Flüchtlingen aufzubauen, die Zuflucht suchen, setzt (leider) auf bewährte Mechanismen. Dem nicht auf den Leim zu gehen ist eine Frage des gesunden Menschenverstandes. Der Einsatz für mehr Gerechtigkeit und eine bessere Verteilung des Wachstum auf alle Gesellschaftsebenen ist eine Forderung, die wir alle an unsere Politiker stellen müssen. Aktuell ist das eine einseitige Interessenvertretung der globalen Wirtschaftskreisläufe und dem schnellen Kapital. Die Produktivität der global agierenden Unternehmen wurde schon längst in „Billiglohnländer“ verlegt. Unternehmen haben kein Interesse mehr am Wohlergehen der Mittelschicht, sie haben sich den weltweiten Wirtschaftskreisläufen unterworfen. Deutschland feiert sich als Exportweltmeister, aber geschwitzt, geschraubt und gefertigt werden die Produkte schon lange nicht mehr in Deutschland, sondern „außer Haus“ sozusagen. Das Bruttosozialprodukt ist ein Zahl mit wenig Aussage, denn das Wachstum des Bruttosozialproduktes zeigt nicht, wo Wachstum stattfindet und bei wem die Zuwächse landen. Das Wegbrechen der Fertigungsindustrie in Deutschland hat die Sozialstruktur verändert. Die deutschen Niedrigpreise der Exportgüter werden durch Ausbeutung auf dem Rücken anderer abgefrühstückt. Der Wohlstand der Unternehmen steigt exponentiell stärker auf Kosten aller. Das geht zu lasten der eigene Unterschicht, die Mittelschicht schrumpft zusehends und fürchtet sich vor den Abstieg in Deutschland. Die Unternehmen gewinnen. Nicht selten auf Kosten der Produktionsbedingungen oder den Niedriglöhnen der Arbeiter in den Länder, in denen tatsächliche die Produktion stattfindet. Die ungerechte Verteilung gilt nicht nur für Deutschland, sondern für alle Länder, die ihre Produktivität ausbeuterisch auslagern für den globalen Wettbewerb. Den Preis für die Globalisierung zahlen alle Menschen in den unterschiedlichsten Ländern. Steigende Ungleichheit hat Auswirkung auf die Gesellschaft. Die Ellenbogenmentalität ist spürbar. Eine Balance der Verteilung ist bisher noch nicht gefunden. Im Gegenteil. Die Extreme zwischen Reich und Arm wachsen.

“Wir haben einen Wendepunkt erreicht. Noch nie in der Geschichte der OECD war die Ungleichheit in unseren Ländern so hoch wie heute” OECD-Generalsekretär Angel Gurría am 21. Mai 2015

Der ungebremste Kapitalismus und die Profitmaximierung der globale Unternehmen macht das möglich. Die OECD hat einen Aktionsplan gegen die trickreich Steuergestaltung aufgestellt. 15 Maßnahmen, durch die Regierungen in Zukunft verhindern können, dass internationale Firmen wenig oder gar keine Steuern zahlen.


Die Zivilgesellschaft prägt die Kultur und braucht Durchhaltevermögen

Die Ursachen der vielen Flüchtlinge tritt nicht so plötzlich auf, wie das aktuell diskutiert wird. Durch die politische Umbruchstimmung einiger arabischer Länder hat sich die Lage für viele Menschen eher verschlechtert. Fluchtursache Krieg und Terror in den Ländern wie Syrien, Irak, Afghanistan, Ägypten oder Libyen sind nicht selten mit bewusster wie unbewusster Unterstützung durch das Handwerk westlicher Politik entstanden. Das Video >> hier visualisiert Fliehbewegungen, die Ursachen und macht Verhältnisse deutlich.


Die „Bedenkenträger“ für Einwanderung schieben sich in den letzten Tagen wieder in Position. Die Sorgenbahre wird wieder hervor gezerrt, auf der Missmut und Angst transportiert wird. Besonders Bayern lässt eine politische Tonlage erklingen, dass einem die Ohren ausfransen. Dabei war man doch so verwöhnt von den hilfsbereiten Motiven der Medienberichterstattungen aus München. Ein Teil der Zivilgesellschaft hat Maßnahmen ergriffen. Sie helfen. Die Stimmung für Mitmachen, anstatt Zuschauen ist wichtig. Das ist die Basis für eine Kultur der Menschlichkeit. Mit der Kanzlerin haben diese Menschen in Deutschland eine überraschende Komplizin gefunden. Was entscheidend ist: Was wird tatsächlich politisch entschieden? Daran wird die Messlatte angelegt. Welche Veränderungen der Asylpolitik wird entschieden? In Deutschland und Europa. Welches Einwanderungsgesetz wird verabschiedet? Die Stimmung im Land dürfen wir nicht der Politik alleine überlassen. Es braucht jeden Mann, jede Frau der Zivilbevölkerung für eine solidarische Gesellschaft. Denn das Handeln und der Umgang miteinander prägt die Kultur unseres Landes und Europas. Die Zivilgesellschaft ist jetzt gefordert, damit die Politik Rahmenbedingungen für eine Chancengleichheit schafft, von der wir noch meilenweit entfernt sind. Wie wir uns jetzt verhalten und entscheiden wird die Richtung vorgeben für Europa, für die Gesellschaft. Es wird entschieden, in welcher Zukunft wir leben wollen: Abschottung mit Ausgrenzung oder lassen wir eine andere, offene und vermischte Gesellschaft zu?

Brennenden Flüchtlingsunterkünfte und Rechtspopulisten sind unverzeihlich und unbedingt zu vermeiden. Die „Selbstmitleidsschwelger“ und „Bedenkenträger“ bewegen sich nicht nur in Bayern gerne verdeckt unter dem Teppich. Doch die lautesten Stimmen kommen aus Bayern. Und aus Dresden oder Ungarn. Von dort werden Stolpersteine nach Berlin und Brüssel geworfen und Abgrenzung propagiert. Selbstverständlich braucht es Maßnahmen und Strukturaufbau für eine Bewältigung von vielen Menschen. Auf geht’s. Geht’s raus, packt’s es an. Zeit für die Veränderung.

Die Stimmungslage in den bei Online-Zeitungsartikelkommentaren oder Facebook zeigen wenig subtil ein ungleiches Spiegelbild von Deutschland. Deshalb ist die Zivilgesellschaft und die Hilfsorganisationen umso mehr gefragt eine Kultur zu erschaffen, die „Wir schafften das“ trägt und lebt. Abschottung und Grenzen dicht machen als Reaktion auf eine Ausnahmesituation? Sehr kurzfristig gedacht. Verschärfung des Asylrechts und Entmündigung der Hilfesuchenden? Eher kontraproduktiv für ein gemeinsames und gleichberechtigtes Miteinander. Ungleichbehandlung und Autonomiebeschränkungen aufgrund von Gesetzen (Sachzuwendungen anstatt Geld) schaffen Konflikte durch Ungerechtigkeit und Herabstufung per Gesetz, was vermieden werden kann. Chancengleichheit muss man wollen. Demütigung, Herabstufung und Ausgrenzung sind keine Basis für eine solidarische Gemeinschaft.

Wird sich der Wille für eine Politik der Chancengleichheit für eine menschenwürdiges Miteinander durchgesetzt? Das gilt übrigens auch für Kinder, Obdachlose und Arbeitslose in Deutschland. Aktuell wird das neue Asylrecht gerade in der großen Koalition verhandelt. Einige der geplanten Kürzungen von Thomas de Maizière sind nicht abgenickt worden von der SPD in der großen Koalition. Die finale Version wird zeigen, wie ernst es die Politik in Deutschland meint mit „Willkommen“ und „Wir schaffen das“. Das Handeln, was auf Worte folgt, dass ist entscheidend - wie Menschenrechte in den juristischen Entscheidungen der Rechtssprechung in Deutschland und am Europäischen Gerichtshof ausgelegt werden.


„Und zu verbessern auch, wie die Zeit uns lehrt und das Ausland! Sei doch nicht als ein Pilz der Mensch dem Boden entwachsen. Und verfaulen geschwind an dem Platze, der ihn erzeugt hat“ Goethe aus „Hermann und Dorothea“

Magic City

Vielleicht bleiben die Zelte stehen an der Theresienwiese und es gibt Betten, statt Sitzplätze. Toiletten sind schon da. Die Schnapsstandl werden zu Sprach-Cafés umfunktioniert. Zum Deutsch und Englisch lernen. Im Hackerzelt sitzen die Lerngruppen. Das Weinzelt vermittelt Münchner als Mentoren für die Neuankömmlinge. Insider als Städteführer schaffen Zugang zur neuen Heimat. In den Küchen wird gemeinsam gekocht. Das Menü selbstbestimmt. Vielleicht gibt’s mehr Steckerlfisch als Schweinebraten. Die Fahrgeschäfte gehen mit der Mega-Affenschaukel auf Reisen. Nur eine Geisterbahn ist dageblieben. Dort spucken die modischen Dirndlvergehen der diesjährigen Saison. Alles ist möglich, aber nicht alles Mögliche.

Zuwanderung als Chance:

Ausbildung, Arbeitsvermittlung für Suchende

https://kiron.university/

http://www.mygrade.net/

http://www.workeer.de/

00:39 23.09.2015
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