Kopftuchmädchen und Toleranz

Hijab Wenn muslimische Mädchen Zeiten ohne Hijab erfahren können, erleichtert das später die freie Entscheidung für oder gegen das Kopftuch.
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Regelmäßig taucht das muslimische Kopftuch als Debattenthema auf und Landesregierungen wollen prüfen, ob der Hijab für kleine Mädchen in Kindergarten und Grundschule verboten werden soll. Die Antwort darauf hat wesentlich mit der Frage zu tun, wie kleine Mädchen in traditionell-muslimischen Familien erzogen werden; Und es hat damit zu tun, was Freiheit in diesem Kontext bedeutet.

Prägung in die Kultur

Uns allen wurden in der Kindheit die Grundsätze der elterlichen Kultur im Rahmen des Spracherwerbs vermittelt. Das gelingt bekanntlich Kleinkindern besonders leicht. Neben sprachlichen und kognitiven Fähigkeiten werden auch Geschmackspräferenzen, Gewohnheiten und Einstellungen erworben, die uns bis ins Erwachsenenleben begleiten. Die Liebe vieler Österreicher zum Wiener Schnitzel oder von Deutschen zu Klößen ist genauso ein Ergebnis kindlicher Erfahrungen, wie Kleidungspräferenzen und die Gewohnheit, zu grüßen. Man kann sagen, dass Kleinkinder in zur Übernahme der elterlichen Kultur geprägt werden und eine gewisse Ähnlichkeit mit der Dressur von Haustieren nicht zufällig ist.

Religionsgründer kannten die Gesetzmäßigkeiten frühkindlicher Erziehung und machten sie sich für ihre eigenen Zwecke nutzbar. In konservativen Kulturen mit starkem religiösen Einfluss werden weibliche und männliche Kleinkinder gewollt ungleich erzogen. Meist ist der Zweck dieser Ungleichbehandlung ein Geschlecht (meist das männliche) auf seine spätere Rolle als dominierender Mann vorzubereiten. Weibliche Kinder werden spiegelgleich auf eine submissive Rolle vorbereitet, damit sie die untergeordnete Stellung einer Frau in der religiösen Gesellschaft verinnerlichen. In konservativ muslimischen Familien erfolgt diese Prägung auch über den Zwang, ihre weiblichen Attribute zu verstecken. Dazu zählen die Haare und Teile des Gesichts, die durch das religiös konnotierte Kopftuch unsichtbar gemacht werden; dazu zählt unter anderem auch, dass der Blick gesenkt werden soll.

Das steht in Einklang mit der Meinung des saudi-arabischen Predigers Saleh al Moghamsy, der feststellt, "that women are merely an 'ornament' to men," (dass Frauen lediglich ein Schmuckstück für Männer sind). Auch wenn in Europa lebende Muslime dieser Aussage nicht voll folgen mögen, bleibt es doch eine Lehrmeinung.

Auch in weitgehend laizistischen Kulturen kann es sein, dass Eltern Kinder unterschiedlichen Geschlechts gewollt oder ungewollt unterschiedlich erziehen. Solche Eltern verfolgen aber kaum das Ziel, den Mädchen Unterwürfigkeit beizubringen, so wie es in konservativ-muslimischen Familien passiert. Und nein! Die Kopftücher unserer Bäuerinnen am Feld sind kein Symbol der Unterwürfigkeit; und die Kopfbedeckung des Habit von Nonnen wird nicht kleinen Mädchen aufgezwungen.

Freiheit

An dieser Stelle kommt Freiheit ins Spiel. Freiheit ist doch, wenn man tun kann, was man will. Richtig, eines der Argumente der Toleranten ist, dass frau doch bitte anziehen dürfen soll, was sie will. Die Frage ist aber, wer die Frau ist? Und da gibt es drei Möglichkeiten:

Sofern ein Mensch in der Lage ist, selbstbestimmt handeln zu dürfen und zu können passt diese Feststellung. Erwachsene Frauen haben natürlich die Freiheit zu tragen, was sie wollen, sofern es zum institutionellen Umfeld passt.

Meint man mit Freiheit, dass Eltern ihren Kindern anziehen dürfen sollen, was sie oder die Kinder wollen? Ja, sollen sie, soferne ihre Töchter nicht gegenüber Söhnen diskriminiert wird.

Meinen die Toleranten dann vielleicht, dass unterwürfig erzogene Mädchen später als Erwachsene die Freiheit haben sollen, Kopftuch zu tragen oder nicht? Ja, diese Freiheit haben sie, aber wer seit früher Kindheit trainiert wurde, Symbole der Unterwerfung zu zu verinnerlichen, kommt selten auf die Idee, dass es noch eine Freiheit jenseits der kulturellen Prägung gibt. „Mögen hätte ich schon wollen, aber dürfen hab ich mich nicht getraut!“, wie Karl Valentin meinte.

Die einzige Gerechtigkeit, die unsere Gesellschaft kleinen muslimischen Mädchen angedeihen lassen kann, ist zumindest zu verhindern, dass die Kopftuchprägung an öffentlichen Orten weitergeht. Nur wenn die Kinder zum Beispiel im Kindergarten und in der Volksschule erfahren können, dass es sich auch ohne beengenden Hijab am Kopf ganz gut und angenehm leben lässt, können sie später über ihre Kopftuchmode etwas freier entscheiden.

Worum es geht

Es geht um Gerechtigkeit und die Rechte von Kinder. Es geht darum, indoktrinierten religiösen Sexismus zurückzuweisen, der in unserer Gesellschaft keinen Platz haben darf. Es geht darum, Kindern die Perspektive freier Entscheidungen als Erwachsene nicht zu nehmen. Letztlich geht es auch um Integration und die Akzeptanz liberaler Lebensweisen in Europa.

Als Nachwort muss ich anmerken, dass von Seiten der Kopftuch-Toleranten oft das Argument vorgebracht wird, dass auch andere Gruppen in der Gesellschaft religiöse Symbole zur Schau stellen. Da kommt das Gespräch dann auf die jüdische Kippa, die schon von kleinen Jungen getragen werden kann; und wenn man nicht nur den Islam diskriminieren will, müsse man auch die Kippa verbieten; und das ginge aus historischen Gründen nicht. Klar, das geht genauso wenig, wie das Kreuz im Klassenzimmer auf kurze Sicht verschwinden zu lassen. Allerdings übersieht dieses Argument, dass die Prägung muslimischer Mädchen zur Unterwürfigkeit etwas anderes ist, als die religiös überhöhten Rechte von Jungen "vor Gott". Bei Mädchen geht es um negative Diskriminierung, bei Jungen um positive Diskriminierung. Wie man generell mit solchen altertümlichen Anschauungen in einem laizistischen Staat umgehen kann, steht auf einem anderen Blatt.

10:18 09.07.2019
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Geschrieben von

Seltsam

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