seriousguy47

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seriousguy47
RE: Big Daddy Amerika | 31.01.2021 | 13:21

"Die USA wie Europa werden Zuflucht bei einer moral- und wertegestützten Außenpolitik suchen, um Gegner wie China, Russland, Iran, Venezuela, Kuba, Syrien, Nordkorea und andere durch permanente Delegitimation und Infiltration unter Druck zu setzen. Ergänzen ließe sich eine solche Agenda durch ein extensives Sanktionsregime wie die Option zum interventionistischen Zugriff auf Weltgegenden, in denen Militärpräsenz politischen Einfluss verspricht und zum Nachweis von Aktionsvermögen taugt."

"Was bleibt von Donald Trump? Seine Nordkorea-Diplomatie, die ihn 2019 bis zum Treffen mit Kim Jong-un am 38. Breitengrad führte, der Demarkationslinie zwischen Nord- und Südkorea, ist als Staatstheater der spektakulären Bilder und spärlichen Erträge belächelt worden. Doch muss man dem Ex-Präsidenten zugutehalten, ein in aggressiver Feindschaft erstarrtes Verhältnis entkrampft zu haben. Trump ließ einfach ideologische Vorbehalte und Dogmen fallen."

Gegner China, Russland, Iran? Der Faschist Trump ließ einfach ideologische Vorbehalte und Dogmen fallen? Er betrieb kein extensives Sanktionsregime? Was für eine Wahrnehmung ist denn das?

Also in meiner Lebensspanne habe ich in zentralen Fragen eher eine zunehmende Auflösung westlicher Blockmentalität erlebt. Bereits in den frühen Phasen unserer Republik gab es Debatten um europäische oder atlantische Orientierung (de Gaulle). Die deutsche Entspannungspolitik war den USA durchaus suspekt. Weiteres Stichwort: Irak Krieg. Als Besitzer eines Huawei-Handys habe ich überdies eher Donald Trump als Gegner von China in Erinnerung. Und in Sachen Nord Stream 2 bzw. Iran geht es mir genauso.

Wenn man sich von Schwarz-Weiß-Denken verabschiedet und sich auf eine Realität der Zwischentöne einlässt und überdies deutsche und europäische machtpolitische Minderwertigkeitskomplexe hinter sich lässt, dann kann man die Abwahl Trumps durchaus als Segen und neue Chancce für die internationale Politik insgesamt sehen, und eine "westliche Wertegemeinschaft" als eine auf Freiwilligkeit beruhende Staatengemeinschaft, in der nicht kommandiert und erpresst, sondern diskutiert wird, und wo rote Linien durchaus flexibel sein können.

Sogenannte westliche Werte führen zwangsläufig zu einer Ideologisierung von Poltik. Die Frage ist, wieweit diese rationales, zweckorientiertes Denken ausschaltet. Und da erwarte ich von einem Team Trump unendlich viel Besseres als von einem Kommando Trump.

RE: Ende der Vorstellung | 12.01.2021 | 23:30

Es stimmt schon, dass das Kapital in einem funktionierenden amerikanischen System nichts zu befürchten hat. Da fühlt man sich vielleicht eher bei einem Führer Trump unwohl, dem man im Zweifel unterstellt, bewaffnete Horden aus dem Hinterland zu mobilisieren, wenn es gilt, die eigenen Interessen zu wahren.

RE: Ende der Vorstellung | 12.01.2021 | 20:01

Es liegt mir fern, Powell zu verteidigen. Aber in Sachen Trump hat er Richtiges gesagt, auch wenn ich beim Stichwort Wahrhaftigkeit fast vom Sofa gefallen bin.

Ansonsten schätze ich Ihre Kommentare immer noch.

RE: Ende der Vorstellung | 12.01.2021 | 17:29

Guck mal:

" Den stärksten Moment der Diskussion am Donnerstagabend (Ortszeit) in Miami konnte die Senatorin Kamala Harris (54) für sich verbuchen, als sie den ehemaligen Vizepräsidenten und Spitzenreiter Joe Biden scharf für Positionen bei der Integration von Schwarzen angriff."

Hat sie schon hinter sich.

RE: Ende der Vorstellung | 12.01.2021 | 16:21

Mindestens 5 Tote und zwei Infizierte sind kein lächerlicher Vorfall. Und ausgerechnet Donald Trump zum Opfer zu stilisieren verbietet sich spätestens seit seiner öffentlichen Lächerlichmachung eines Behinderten.

Was Colin Powell betrifft, so wäre interessant zu hören, wie er jetzt zu seiner damaligen Lüge steht. Jetzt, wo er zu einer Rückkehr u.a. zu Wahrhaftigkeit aufruft. Die christliche Antwort könnte sein: Im Himmel herrscht größere Freude über einen Sünder, der Buße tut, als über 99 Gerechte, die das nicht nötig haben (nach Lukas 15:7).

Im Übrigen ist praktische Politik nicht ganz so einfach, wie man das gern hätte. Die (manipulierte) öffentliche Meinung zur US-Invasium im Irak war durchaus nicht einheitlich, und wie man am Fall Syrien sehen kann, gibt es auch ohne eine von einigen erwartete US-Invasion Tote (500 000?).

Und um zu Trump zurückzukehren: Er hat kürzlich ein paar der damaligen (Irak) Mörder an Zivilisten begnadigt.

RE: Ende der Vorstellung | 12.01.2021 | 15:54

Die Vorstellung dürfte frühestens am 20.01.2021 zu Ende sein. Aber selbst das könnte sich noch ändern. Was wir jetzt sehen, ist allenfalls eine Ausweitung der "Entscheidungsschlacht" um Demokratie, Rechtsstaat und Verfassung - wenn man so will.

Bemerkenswert dabei ist, dass das Kapital in Form mächtiger Konzerne sich gegen den Trumpschen Faschismusversuch stellt. Mit der Deutschen Bank verliert Trump gerade auch einen entscheidenden Geldgeber.

Auch bemerkenswert, dass das Kapital nicht nur Trump, sondern auch seinen parlamentarischen Zulieferern in der Republikanishen Partei die ideelle und MATERIELLE Unterstützung entzieht.

Nicht zu unterschätzen der einsstweilige Verlust seiner medialen Plattformen und Verstärker.

Man kann also sehen, dass eine einigermaßen intakte bürgerliche Demokratie durchaus faschistischen Putschversuchen widerstehen kann.

Gleichzeitig fantasiert man aber im baunen Sumpfgebiet von bewaffneten Aktionen in allen 50 Bundesstaaten und in Washington D.C. und es ist nicht abzusehen, dass die Republikaner im Senat einem Impeachment zustimmen.

Das bedeutet, dass Trump eine lebenslange Pension bezieht, lebenslang krankenversichert ist, in Miltärkrankenhäusern behandelt wird, Büroräume nebst Personal und ein Reisebudget zur Verfügung hat. Vor allem kann er 2024 erneut kandidieren ( ntv).

Und angesichts der Tatsache, dass fast die Hälfte der Wähler Trump TROTZ der Corona-Katastrophe, in die er sie sehenden Auges laufen ließ, wiedergewählt hat, kann einen gruseln.

Der braune Schoß ist also fruchtbar noch. Persönlich attackiert und bedroht werden Politiker, die Trump distanziert bis kritisch gegenüber stehen. Selbst "Hang Mike Pence" war zu hören. Und das Agieren zumindest einiger Sicherheitskräfte während des Sturms aufs Kapitol lässt da einige willige Hebammen vermuten, selbst wenn nun einige aus dem Verkahr gezogen und womöglich vor Gericht gestellt werden.

Dieser Sturm aufs Kapitol hat wirkungsvolle Bilder, starke Emotionen und reale Tote hinterlassen. Der Putsch aber begann bei der Auszählung der Wählerstimmen. Wurden seit Newt Gingrich systematisch die Regeln eines gedeihlichen Parlamentarismus außer Kraft gesetzt und eine faschistoide Bewegung ("Tea Party") in die Republikanische Partei eingeschleust, in den 4 Jahren Trump die Regeln menschlichen Anstands und Zusammenlebens untergraben und demokratische Werte zerstört, so ging es seit dem Wahltag 2020 unverblümt an die systematische Aushöhlung des demokratischen Rechtsstaates.

Man mag Regierungen in kapitalistischen Systemen für geschäftsführende Ausschüsse des Kapitals halten und Politik als Synonym für systematisches Lügen. Spätestens seit Trump sollte aber WIEDER klar sein, dass bürgerliche Demokratie sich eben doch wesentlich vom Faschismus unterscheidet.

Ein Fieberschub ist vorläufig abgeebt. Wie die amerikanische Krankheit weiter verläuft, bleibt noch offen.

Und dieses Bild verweist noch auf eine andere Krise: die Pandemie ist in den USA weiter außer Kontrolle. Zwei Parlamentarierinnen haben sich womöglich während des Sturms aufs Kapitol infiziert, wo einige Republikaner sich weigerten, Schutzmasken aufzusetzen. Neben allem anderen könnte es da also auch ein Super-Spreading-Event gegeben haben......

Wir sind noch mitten drin. In vielerlei Hinsicht.

RE: Die Bürgerbräuputsch-Experience | 08.01.2021 | 20:48

Ein Beitrag, der mir aus dem Herzen spricht. Und endlich spricht auch mal einer das F-Wort aus.

Zwei Aspekte fehlen mir : Der Verweis darauf, dass Trumps Faschismus-Projekt vor Jahren in der republikanischen Partei angestoßen und vorbereitet wurde, vorneweg Newt Gingrich ( "Political scientists have credited Gingrich with playing a key role in undermining democratic norms in the United States and hastening political polarization and partisanship.[7][8][9][10][11],........Gingrich supported Trump more quickly than many other establishment Republicans.[200] After having consulted for Donald Trump's 2016 campaign, Gingrich encouraged his fellow Republicans to unify behind Trump, who had by then become the presumptive Republican presidential nominee. Wikipedia).

Und mir fehlt vor allem ein gebührender Verweis auf die amerikanischen Wähler, die in der Lage waren, dieses Projekt einstweilen eindrucksvoll zu stoppen, gekrönt durch die prima Performance u.a. der afroamerikanischen Wähler in Georgia.

Ich liege wohl nicht falsch, wenn ich sage, dass wenige hierzulande im Vorfeld zu glauben wagten, dass Trump in Wahlen zu besiegen sei. Dass ein anlaufendes Faschismus-Projekt so eindrucksvoll in freien Wahlen gestoppt wurde, scheint mir eine Premiere zu sein. Und dass das System insgesamt den Attacken gegen dieses Wahlergebnis standhielt, lässt aufatmen. In Deutschland war das damals beschämend und katastrophal anders.

Zur Unterstützung durch das Kapital hat Richard Zietz schon etwas korrigiert. Von mir ergänzend: Donald Trump IST eine Verkörperung der hässlichsten Seiten des Kapitals.

Und ein letzter Verweis: Rupert Murdoch ist der neue Hugenberg, leider mächtiger und internationaler aufgestellt. Und die sogenannten sozialen Netzwerke sind das neue Medium, das dem Faschismus - solange ungebändigt - in die Hände spielt wie es der Rundfunk vormals in Deutschland tat.