seriousguy47

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seriousguy47
RE: Es ist ja gleich vorbei | 03.11.2018 | 01:21

Abgesehen von ein paar Punkten sehe ich vieles ähnlich.

RE: Es ist ja gleich vorbei | 02.11.2018 | 00:05

Liebe Magda,

eine große persönliche Lebensleistung würde ich Frau Merkel attestieren. Ebenso einen Regierungsstil, der sich angenehm von dem üblichen Gegockele abhebt, dessen Vize-Weltmeister (nach Trump) sich gerade als Nachfolger androht. Dass sie als Politikerin Großes geleistet habe, sehe ich nicht. Und denke ich an "Make America great again", dann muss es nicht zwangsläufig schlecht sein, wenn Politiker nichts Großes leisten wollen, sondern einfach ihren Job machen. Das hat sie zumindest versucht. Dummerweise hat sie zwischendurch doch versucht, etwas "Großes" durchzudrücken. Zum Beispiel Stuttgart 21. Und ohne ihre einmalige humanitäre Flüchtlingsaktion 2015 hätte sie es damit ziemlich bei mir versch..... gehabt.

RE: Es ist ja gleich vorbei | 01.11.2018 | 23:49

Dass Sie die Politik von Merkel aus der Innen- und der Europa-Perspektive heraus betrachten und dabei zu unterschiedlichen Einschätzungen kommen, hebt sich wohltuend von anderem ab, was der Rückzugsankündigung so alles hinterher geschickt wrd.

Mir scheint, Merkel hat den anfänglich harten Neoliberalismus im Innern entlang der Umfragwerte abgeschliffen. Vielleicht hat sie auch aus massiven Fehlern wie z.B. in Atom-Politik gelernt. Ob sie ihre Fehler aus Überzeugung gemacht hat oder ihr sub-demokratisches Moderieren als Regierungsstil sie einseitig empfänglich für Lobbyisten gemacht hat, weiß ich naturgemäß nicht. Es scheint mir aber plausibel. Möglicherweise war ihre Politik ein Balancieren zwischen z.B. Deutscher Bank und Meinungsumfragen bzw. Medienecho, wobei letztere als Stimmen des "Volkes" betrachtet wurden.

Das würde erklären, weshalb sie im Innern zunehmend moderater, in Europa - Schäuble- und Wirtschaftsflügel-gesteuert - radikaler agierte. In Europa fehlte das tägliche Umfrage- und das periodische Wähler-Korrektiv .

Außerdem fand die ihr zugeschriebene "Sozialdemokratisierung" eher im soziokulturellen Bereich statt, wozu ich auch ihre Flüchtlingsaktion 2015 zählen würde. Im Bereich der Sozialstaatlichkeit war sie eher weniger moderat, und die verheerenden Folgen der Sparpolitik werden im Inneren erst allmählich sichtbar, während sie sich noch am Strohfeuer wärmen konnte, das Rot-Grün durch seine neoliberale Agenda entfacht hat. Da dürften die Folgen langfristig dem nicht unähnlich sein, was die BRD in Europa angerichtet hat.

Der Merkel zugeschriebene moderierende Regierungsstil kann für den Moment als sehr angenehm empfunden werden. Ich bezweifle aber, dass Merkel die langfristigen Folgen ihrer Politik je bedacht hat. Oder dass sie sich überlegt hat, zwischen welchen Interessen sie da jeweils moderiert. Vielleicht ist das ja auch zu viel verlangt. In jedem Fall nützt alles Moderieren nichts, wenn nur zwischen Poitionen moderiert wird, die alle Schaden anrichten. Sollte Merkel tatsächlich als Naturwissenschaftlerin Politik betrieben haben, wie ihr medial unterstellt wurde, dann wäre genau das Bemühen, sich "wertfrei" dem Interessenausgleich zu widmen, das zentrale Problem solcher Politik. Wenn ich Politik zwischen Kapital und Prekariat machen muss, geht das nicht "wertfrei" und ohne moralischen Kompass. Sonst kommt genau die soziale Spaltung heraus, der wir uns jetzt konfrontiert sehen.

Der Unterschied zwischen Schröder und Merkel mag sein, dass Schröder keinen moralischen Kompass hat und Merkel den ihren zu wenig befragte.

Als Folge von beidem könnte noch allerhand auf uns zukommen. Und das womöglich unter einer politischen Führung, die als Brandbeschleuniger wirkt.

RE: Das große Klammern | 01.11.2018 | 11:34

Was soll dieses ständige Merkel-Bashing? Sie hat die Trümmer des Sozialstaates verwaltet, die Schröder hinterlassen hat und sie hat sich durch eine Welt im Umbruch gewurstelt, wobei ihr die jeweiligen Wasserstände der Umfrageinstitute als Orientierung dienten.

Da sie es vielen recht machen wollte, hat sie es niemanden - außer dem Kapital - wirklich recht gemacht. Das hat über die Jahre zu einer Unzufriedenheit geführt, die sich jetzt entlädt. Nicht zuletzt bei denen, die sich mehr Hinterwäldlertum in der Politik wünschen, und denen bei Merkel Dirndl und Kochtopf fehlen.

CDU/CSU sind aber immer noch die stärkste politische Truppe im Land und sie haben nicht die letzten Wahlen, sondern Stimmen verloren.

Da wir keine Amtszeitbegrenzung für Bundeskanzler haben, werden konservative Regierungszeiten häufig zur "Ära", und dass das Ende einer solchen"Ära"Unsicherheit auslöst, ist normal. Da muss man sich nicht arrogant daran abarbeiten. Das gibt sich von alleine.

Für ziemlich irrational halte ich die unterschwellige Hoffnung im Beitrag durch Merkels Abgang könne alles nur besser werden. Nein, auch nach Merkel werden die Babys nicht vom Klapperstorch gebracht werden. Höchstens mal von Amazon. Und das muss man nicht zwingend für besser halten.

RE: Das große Klammern | 01.11.2018 | 11:32

Was soll dieses ständige Merkel-Bashing? Sie hat die Trümmer des Sozialstaates verwaltet, die Schröder hinterlassen hat und sie hat sich durch eine Welt im Umbruch gewurstelt, wobei ihr die jeweiligen Wasserstände der Umfrageinstitute als Orientierung dienten.

Da sie es vielen recht machen wollte, hat sie es niemanden - außer dem Kapital - wirklich recht gemacht. Das hat über die Jahre zu einer Unzufriedenheit geführt, die sich jetzt entlädt. Nicht zuletzt bei denen, die sich mehr Hinterwäldlertum in der Politik wünschen, und denen bei Merkel Dirndl und Kochtopf fehlen.

CDU/CSU sind aber immer noch die stärkste politische Truppe im Land und sie haben nicht die letzten Wahlen, sondern Stimmen verloren.

Da wir keine Amtszeitbegrenzung für Bundeskanzler haben, werden konservative Regierungszeiten häufig zur "Ära", und dass das Ende einer solchen"Ära"Unsicherheit auslöst, ist normal. Da muss man sich nicht arrogant daran abarbeiten. Das gibt sich von alleine.

Für ziemlich irrational halte ich die unterschwellige Hoffnung im Beitrag durch Merkels Abgang könne alles nur besser werden. Nein, auch nach Merkel werden die Babys nicht vom Klapperstorch gebracht werden. Höchstens mal von Amazon. Und das muss man nicht zwingend für besser halten.

RE: Abgang und Andrang | 31.10.2018 | 23:53

Vielen Dank für die Nachhilfe in Grundsatzdebatte. Sie ist immer nützlich. Nur nicht für mich. Ich kenne sie seit ca. 50 Jahren. Aber bereits damals habe ich nach der Devise gehandelt, dass es neben dem Grundsätzlichen auch die Alltagsrealität der klitzekleinen Schritte gibt. Also führe ich, je nach Umfeld, auch mal eine Debatte oberhalb des Grundsätzlichen.

In diesem Fall scheint es mir zulässig, im Rahmen bürgerlich medialen Denkens zu bleiben, da man dort bei grundsätzlich Linkem grundsätzlich abschaltet, und weil das Grundsätzliche weit über Merkel hinaus geht. Merkel unterscheidet sich von 99,9 Prozent der Machteliten nicht darin, dass sie die Interessen des Kapitals vertritt, sondern darin, wie sie dies tut.

Ich stimme Ihnen also grundsätzlich zu, möchte aber die Grenze nicht überschreiten, jenseits derer ich für die Mehrheit im Lande nicht mehr als satisfaktionsfähig gelte. Und ich möchte in der Lage bleiben, zu beschreiben, was das Merkel.Spezifische sein könnte.

Außerdem wollte ich Stellung zu dem beziehen, worüber im Bezugstext gesprochen wird.

RE: Notschlag | 31.10.2018 | 14:42

Für mich ist dieser Beitrag dadurch problematisch, dass er pauschal über "Gewalt" spricht, ohne zwischen Stufen der Gewalt klar zu differenzieren. Auch fehlt mir der Verweis auf einen durchaus vorhandenen Terror der "Gewaltosigkeit"

Was ich damit meine, lässt sich vielleicht mit einer Aussage eines 13jährigen deutsch-irakischen Schülers illustrieren: Mir wäre lieber, mein Vater würde mir mal einen Ohrfeige geben. Diese ständigen "Predigten" machen mich total fertig.

Zunächst einmal sehe ich das so, dass die Entscheidung zur totalen Gewaltlosigkeit immer eine ganz persönliche sein muss, da sie in letzter Konsequenz das eigene Leben kosten kann. Beispielhaft dafür steht die Kreuzigung des vom Christentum beanspruchten Religionsgründers, an der sich auch schön zeigen lässt, wie sehr die offiziellen Lehren versuchen, diese letzte Konsequenz zu beschönigen, zu verschleiern und zu verdrängen.

Zum andern wäre zu beachten, inwieweit ein Gegenüber gewaltfreie Kommunikation überhaupt verstehen kann.

Drittens wären neben der körperlichen auch andere Formen von Geewalt zu berücksichtigen. Gerade in diesen beiden Punkten kann vermeintliche "Gewaltlosigkeit" in Auseinandersetzungen zwischen unterschiedlichen Schichten, Altersstufen und Geschlechtern zu einseitig falschen Urteilen führen, weil z.B. verbale und/oder psychishe Gewalt per se als "gewaltfrei" definiert wird.

Schließlich fällt mir bei einigen im Text angeführten Beispielen auf, dass biographisch erfahrene Gewalt in strukturell möglichwerweise ähnlichen Situationen an vermeintlichen Stellvertretern gerächt wird. Das aber ist keine Lösung, sondern ein Festschreibung eines Lösungsversuchs, der Gefahr läuft, sich zu einem Verhaltensmuster zu verfestigen, das immer neue Gewalt einsetzen muss, um alten Schmerz vorübergehend zu betäuben.

Dieses Thema bedürfte einer entideologisierten und ent-missionierten Debatte. Darin bin ich mit der Absicht des Verfassers einig.

RE: Abgang und Andrang | 31.10.2018 | 14:06

Nur mal so zur Erinnerung: Merkel hat angekündigt, stufenweise nicht mehr für diverse Ämter antreten zu wollen. Es erschließt sich mir daher nicht so ganz, weshalb nun bereits Nachrufe und Bilanzen verfasst werden.

Auch erschließt sich mir nicht, weshalb auch ein seinem Selbstverständnis nach "linkes" Organ sich auf die allseitige Geschichtsfälschung einläßt, die Frau Merkel zum Sündenbock für die "Psycho"-Manöver der Herren Lindner und Seehofer machen will, die ja wohl zur derzeitigen Situation in Berlin und der Republik geführt haben.

Nach der Bundestagswahl war Frau Merkel bereit, ein bürgerliches Parteienbündnis mit Erneuerungspotential zu riskieren. Herr Lindner, der möglicherweise ödipale Probleme mit der Dame hat, machte sich erst in die Hose und dann davon.

Und dieses Jahr entblödeten sich Herr Söder und insbesondere Herr Seehofer nicht, den sich wieder outenden Rechtsradikalismus durch nahtlose Übernahme von dessen Behauptungen und Forderungen salonfähig zu machen und so aufgeklärt bürgerliche und faschstoid gefährdete Wähler aus dem christkonservativen Sammel-Lager zu treiben.

Frau Merkel ist also weder für den großkoalitionären "Stillstand", noch für die jüngsten Wahlergenbnisse der abgedankten " Volksparteien" verantwortlich zu machen. Und ihr sub-demokratischer, manipulativ-modereriender Regierungsstil funktioniert nicht mehr, wenn politisches Rowdytum ins Spiel kommt. Dass gilt scheinbar für Seehofer-Söder ebenso wie für Putin-Erdogan-Trump.

Es wurde bereits korrekt angemerkt, dass Merkel vielleicht nie die Absicht hat(te), "in die Geschichtsbücher" einzugehen, und wir sollten froh sein, dass das so ist. Denn um eine markante Spur in den Geschichtsbüchern zu hinterlassen, muss man schlimmstenfalls Dinge (nicht) gemeistert haben, die für die Bürger nicht unbedingt angenehm waren.

Merkels "Fahrt auf Sicht" hat der Mehrheit in der BRD offenbar gut getan, nachdem sie ihre usrprünglich neoliberale Mission zumindest teilweise aufgegeben hatte, und für eine Minderheit die Agenda-Katastrophe des Herrn Schröder zumindest abgemildert hat. Möglicherweise wäre viel mehr drin gewesen, aber dazu hätte es nicht nur einer anderen SPD bedurft.

Die Politik gegenüber Griechenland halte ich für eine Katastrophe, aber war das nun Merkels zweifelhaftes Verdienst oder das des Herrn Schäuble als Inkasso-Beauftragtem der CDU-Hardliner, die nun konsequenterweise auf den Herrn Merz setzen?

Durch die fälschlicherweise als "Flüchtlingspolitik" kritisierte humanitäre Einzelaktion im Herbst 2015 hat Merkel zumindest den Image-Schaden der Griechenlandpolitik wieder gutgemacht. Viel wichtiger aber: sie hat für Teile des Bürgertums den Weg frei gemacht für ein neues solidarisches Denken und Handeln, und einen seit Gründung de Republik im Untergrund schwelenden gesellschaftlichen Grundkonflikt um das Verständnis des Verfassungsauftrags an die Oberfläche gebracht.

Die humanitäre Aktion 2015 hat die Republik nun endlich vor die Frage gestellt, welchen Staat sie eigentlich haben will. Und das steckt in Wahrheit hinter dem Schrumpfen der "Volksparteien". Deren Funktion war es auch, den weiterlebenden Faschismus unterm Teppich zu halten. Er hat aber genau dadurch immer wieder das politische Denken und Handeln vergiftet, Brandts Ostpolitik genauso wie Merkels Flüchtlings-"Politik".

Vielleicht war Merkel die letzte Verdrängungskanzlerin unserer Republik und wir sind nun stark genug, um grundlegende Konflikte nicht mehr in Hinterzimmern, sondern öffentlich auszutragen. Und vielleicht werden wir uns darauf einstellen müssen, dass diese Auseinandersetzung in Zukunft federführend zwischen Grünen und AfD ausgetragen wird. Das aber würde bedeuten, dass Basis der politischen Auseinandersetzung nicht mehr das Ende des Faschismus, sondern ein Neubeginn (?) auf der Basis von "1968" und sozialliberaler Wende wäre. Kohl und Merkel wären demnach diejenigen gewesen, die am Alten festgehalten haben, solange die Gesellschaft noch nicht reif für das neue bürgerliche Bewußtsein war.

Merkel hätte hier die Weichen stellen können, wäre Herr Lindner nicht zu feige / kleinkariert gewesen.

RE: Sie kehren mal wieder zur Sacharbeit zurück | 16.10.2018 | 00:47

Der hier mehrfach geäußerte Eindruck, es habe sich in Bayern durch diese Wahl nichts verändert, trifft zu, solange man den Blick auf die Stärke der ideologischen Lager richtet.

Allerdings ist es mittlerweile eine Binse, dass das rechte Lager normalerweise die Mehrheit in Gesellschaften bildet. Und nachdem die etablierten Parteien sich engagiert daran beteiligten, zusammen mit der AfD die seit dem Ende des zweiten Weltkrieges bestehenden Tabus aufzuweichen, verschiebt das ganze sich auch in Deutschland nach rechtsradikal/ faschistisch.

In Bayern macht es aber einen Unterschied, ob das rechte Lager sich in einer Partei sammelt oder sich auf mehrere Parteien aufteilt, von denen zumindest die Freien Wähler und die CSU immer noch stark in der bürgerlichen "Mitte" verwurzelt sind. Das bedeutet, dass in diesen Parteien in der konkreten Politik nach Innen ein breiteres Meinungs-Spektrum berücksichtigt werden muss. Nach Außen bietet es die Chance auf ein bunteres Puzzle bei Regierungsbildungen. Hierbei könnte sich das Auslagern des Rechtsradikalismus an die AfD als Vorteil erweisen, wenn es gelingt, in dort strikt in Quarantäne zu halten.

Es macht es vor allem aber schwieriger, Macht zu monopolisieren und Korruption zu praktizieren.

Im Ergebnis bedeutet dies vorläufig zumindest die Chance auf mehr Demokratie in Bayern. Das ist banal für den Rest der Republick, für Bayern aber schon ein großer Schritt in bundesrepublikanische Normalität.

Was die SPD betriffft, so habe ich deren Insolvenz bereits in meinem ersten Beitrag hier vor 9 Jahren behauptet: https://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/insolvenz-die-spd-rechte-hat-es-endlich-geschafft. Heute könnte man von Insolvenz-Verschleppung sprechen.

Insolvenz-Verwalterin Andrea Ypsilanti hatte in Hessen das einzig sinnvolle Sanierungskonzept vorgeschlagen, das natürlich riskant war. Mit der Verhinderung seiner Umsetzung war das Schicksal der SPD zumindest im Süden besiegelt. Ihre bürgerlichen Wähler wechselten scharenweise zu den Grünen, die linken zur Linken. Der Rest dürfte sich am wohlsten bei Merkel fühlen und würde wohl vollständig zur CDU/CSU überlaufen, wäre die im Süden nicht deutlich anti-Merkel. Und dann sind da noch diejenigen, die die SPD erst nach rechts drängten und dann zur AfD überliefen, weil das Sein vielleicht das Bewusstsein bestimmt, letzteres aber nicht automatisch links tickt.

Ein Ende der Merkel-CDU könnte also unter Umständen der Rest-SPD wieder Wähler zutreiben, bevor sie endgültig verschwindet, und so vielleicht eine neue Chance für Rot-Rot-Grün bringen. Derzeit ist das nicht in Sicht. In Bayern oder Baden-Württemberg schon gar nicht.

Die SPD müsste dann vor dem Punkt ansetzen, wo Helmut Schmidt sie zu vergiften begann: bei dem links-bürgerlichen Bündnis, das Willy Brandt zusammengeführt hatte. So könnte sie zu einer mittigen Partei werden, an der Linke, Grüne und ggf. Liberale andocken könnten. Allerdings müsste sie dafür auch wieder Personal rekrutieren, das den Grünen und Linken intellektuell gewachsen ist.

RE: Schwanger und nicht schwanger im Kapitalismus | 23.09.2018 | 17:01

1. Recht auf Abtreibung? Ähäm:

§ 218 Schwangerschaftsabbruch

(1) 1Wer eine Schwangerschaft abbricht, wird mit Freiheitsstrafe bis zu drei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft. 2Handlungen, deren Wirkung vor Abschluß der Einnistung des befruchteten Eies in der Gebärmutter eintritt, gelten nicht als Schwangerschaftsabbruch im Sinne dieses Gesetzes.

(2) 1In besonders schweren Fällen ist die Strafe Freiheitsstrafe von sechs Monaten bis zu fünf Jahren. 2Ein besonders schwerer Fall liegt in der Regel vor, wenn der Täter

1. gegen den Willen der Schwangeren handelt oder 2. leichtfertig die Gefahr des Todes oder einer schweren Gesundheitsschädigung der Schwangeren verursacht.

(3) Begeht die Schwangere die Tat, so ist die Strafe Freiheitsstrafe bis zu einem Jahr oder Geldstrafe.

(4) 1Der Versuch ist strafbar. 2Die Schwangere wird nicht wegen Versuchs bestraft.

https://dejure.org/gesetze/StGB/218.html

3. Rechtlicher Schutz gebührt dem Ungeborenen auch gegenüber seiner Mutter. Ein solcher Schutz ist nur möglich, wenn der Gesetzgeber ihr einen Schwangerschaftsabbruch grundsätzlich verbietet und ihr damit die grundsätzliche Rechtspflicht auferlegt, das Kind auszutragen. Das grundsätzliche Verbot des Schwangerschaftsabbruchs und die grundsätzliche Pflicht zum Austragen des Kindes sind zwei untrennbar verbundene Elemente des verfassungsrechtlich gebotenen Schutzes.

4. Der Schwangerschaftsabbruch muß für die ganze Dauer der Schwangerschaft grundsätzlich als Unrecht angesehen und demgemäß rechtlich verboten sein. Das Lebensrecht des Ungeborenen darf nicht, wenn auch nur für eine begrenzte Zeit, der freien, rechtlich nicht gebundenen Entscheidung eines Dritten, und sei es selbst der Mutter, überantwortet werden.

............

7. Grundrechte der Frau tragen nicht so weit, daß die Rechtspflicht zum Austragen des Kindes - auch nur für eine bestimmte Zeit - generell aufgehoben wäre. Die Grundrechtspositionen der Frau führen allerdings dazu, daß es in Ausnahmelagen zulässig, in manchen dieser Fälle womöglich geboten ist, eine solche Rechtspflicht nicht aufzuerlegen. Es ist Sache des Gesetzgebers, solche Ausnahmetatbestände im einzelnen nach dem Kriterium der Unzumutbarkeit zu bestimmen. Dafür müssen Belastungen gegeben sein, die ein solches Maß an Aufopferung eigener Lebenswerte verlangen, daß dies von der Frau nicht erwartet werden kann.

8. Das Untermaßverbot läßt es nicht zu, auf den Einsatz auch des Strafrechts und die davon ausgehende Schutzwirkung für das menschliche Leben frei zu verzichten.

https://www.jurion.de/urteile/bverfg/1993-05-28/2-bvf-2_90/

Vielleicht ist es auch auf der öko- linken Seite des politischen Spektrums hin und wieder nötig, Fake-Narrative auf ihren Realitätsgehalt zu überprüfen. Dann kann man auf dieser Basis sauber diskutieren.

Auf dem Hintergrund der Debatten um den § 218 ist bei mir jedenfalls als Botschaft hängen geblieben, dass der Abbruch einer Schwangerschaft bis zu einem relativ willkürlich, aber nicht gänzlich unbegründbaren Zeitpunkt vom Staat aus menschlich nachvollziehbaren Gründen nicht als Straftat betrachtet und verfolgt wird.

Das war und ist ein Kompromiss, der von unterschiedlichen Seiten als faul betrachtet und deshalb bis heute nicht wirklich abgehakt ist.

Für mich persönlich galt und gilt, dass ich von mir gezeugtes Leben nicht abgetrieben und in der Mülltonne gelandet wissen möchte. Es gilt aber auch, dass es nicht in meiner Macht steht, dies zu verhindern. Wenn ich meinen Teil aus freiem Willen an eine Frau abgetreten habe, habe ich auch meine Macht in dieser Sache geteilt - oder eben abgegeben. Weil am Ende eben die Frau Herrin über das Leben ist, sofern patriarchale Gewalt sie nicht zu entmachten versucht. Das ist mein persönlicher Standpunkt, und den kann ich mit dem derzeitigen § 218 vereinbaren.

2. Was die "Fotze" betrifft, so wird deren Enteignung weder vom Staat noch von Abtreibungsgegnern gefordert. Offenbar ist nur die im Beitrag zitierte Brüllerin zu blöd, um zu kapieren, dass es nicht um ihre "Fotze" geht, sondern um das, was sie - hoffentlich - aus freier Entscheidung über diese in ihren Bauch hat einbringen lassen.

Gleiches gilt für die Plattheit "Mein Bauch gehört mir". Auch hier wird Sprache gezielt eingesetzt, um Fake-Narrative zu produzieren. Die treffen sich dann oft genug mit den Interessen der Abspritzer, weshalb sich in der Regel kein Betroffener daran stört, und Einwände eher aus ideologischen Gründen vorgebracht werden.

Es geht also nach dem Einspritzen früher oder später um zwei Eigentumsrechte und ein Lebensrecht, zwischen denen abzuwägen ist. Das haben Gesetzgeber und BVerfG in dem oben Zitierten versucht. Im Endeffekt hat der Staat damit die Verantwortung an das Gewissen der betroffenen Frauen zurückverwiesen, die dann auch damit leben müssen. So ist das nun mal mit der Selbstbestimmung.

Soweit, so kompliziert. Unappetitlich polemisch wird es, wenn man in diesem Zusammenhang dann mit der Sterbehilfe kommt, denn Merheitskonsens scheint es ja zu sein, dass es darum geht, die Entstehung neuen Lebens zu verhindern. Und das ist etwas fundamental anderes.

Aber einen Zusammenhang gibt es schon: in einer Gesellschaft, die mehrheitlich zum Zwecke der Profitmaximierung einer Minderheit darauf verzichtet, für laufend neues Leben zu sorgen, kann am Ende unbetreute Einsamkeit in Kombination mit der "Notwendigkeit" weiterer Profitmaximierung durchaus zur Förderung von Sterbehilfe als kapital-logischem Ausweg führen.

3. Wer mit dem "freien Willen" oder der "freien Entscheidung" wedelt, hat sich offenbar nie mit Marx (s.o.) oder der Neurowissenschaft beschäftigt. Muss man beim Sex auch nicht dran denken. Wenn man sich allerdings grundsätzlich nicht damit auseinandersetzen will, dann sollte man in der Tat die Klappe halten, wenn es um solche Begriffe geht.

Wenn man sich allerdings beispielsweise gegen Kind und für Karriere entscheidet, dann kann man schon fragen, weshalb sich das eigentlich ausschließen muss. Hat das vielleicht doch etwas mit Kapitalismus zu tun (s.u.)?

Und kann man so eine Entscheidung eigentlich überhaupt sachlich treffen, wenn man die eine Seite nur als nicht hinterfragte Realität kennt (Karriere), die andere aber überhaupt nicht bzw. nur als Angst vor etwas Unbekanntem (das Leben mit Kindern)?

Und wer proftiert eigentlich, wenn ich mich für Karriere entscheide: Autoindustrie, Bauwirtschaft, Möbelindustrie, Modeindustrie, Kosmetikindustrie, Touristikbranche........ oder ich?

Wer profitiert von einem Kind, mit dem man sein Leben teilt? Da muss man natürlich wissen, was auf der Haben-Seite stehen könnte. Weiß das noch jemand? Und wer sorgt eigentlich dafür, dass man von einer Seite viel positiv Konnotiertes im Kopf hat, von der anderen eher negativ Konnotiertes?

Es gäbe viel zu bereden. Der Beitrag verzichtet darauf. Wäre auch schwierig und riskant in unserer gründlich gehirngewaschenen Gesellschaft. Da das Thema aber nun mal angesprochen wurde, habe ich mir erlaubt, mich einzumischen.