Beschneidung, Kind, Recht, Macht (2)

Beschneidungsurteil Religiös motiviert soll die Beschneidung sein. Könnte es auch plausible säkulare Begründungen geben?
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Like the American cultural practice of circumcision, Jewish circumcision (bris or brit milah) is dependent on the acceptance of cultural myths. Of all the myths that Jews believe about circumcision, the one that is paramount is the belief that all Jews circumcise. With this belief, we put ourselves under tremendous pressure to conform.

Bound by this burden to comply with social expectations, most Jewish parents do not recognize that circumcision is a choice.“

http://jewishcircumcision.org/

Ja, wenn „Gott“ selbst die Beschneidung verlangt, wie von ihren religiösen Apologeten behauptet....dann haben wir natürlich auch auf der Ebene der Erziehungsberechtigten und auf den Ebenen ihres jeweiligen sozialen Umfeldes wieder die Milgram-Situation, und das Gewissen, die Spiegel-Neuronen, die elterliche Bindung und der elterliche Schutzinstinkt haben zurückzustehen.

Wenn es aber „Gott“ gar nicht gäbe? Oder, wenn „Gott“ dazu gar nichts „gesagt“ hätte, sich nur mal jemand verhört hätte? Oder wenn da jemand seine eigenen Vorstellungen „Gott“ untergejubelt hätte?......Wenn es sich bei Religion gelegentlich nicht um ein zart-sensibles Wesen handeln sollte, das höchsten staatlichen Schutzes bedarf, sondern um ein für Macht- und Entmündigung anfälliges, totalitäres und ganz und gar menschliches Herrschaftsinstrument? Wenn es bei der Beschneidung gar nicht um irgendeinen Bund mit Gott, sondern um eine ganz und gar profanekörtperliche Manipulation zum Zwecke der Eindämmung von sexueller Lust (und Onanie) handeln sollte oder um die zivilisatorische Korrektur einer moralisch unzulänglichen Natur?

Nicht zuletzt wegen solcher Unsicherheiten richten unsere Gerichte – hoffentlich - nach weltlichem und nicht nach „göttlichem“ Recht, das sich selbst bescheinigt, höherwertig zu sein.

Dennoch die Frage: Muss Beschneidung zwingend auf religioöse Motivationen zurückzuführen sein? Maimonides hat dazu u.a. solches gesagt:

Similarly with regard to circumcision, one of the reasons for it is, in my opinion, the wish to bring about a decrease in sexual intercourse and a weakening of the organ in question, so that this activity be diminished and the organ be in as quiet a state as possible ... In fact this commandment has not been prescribed with a view to perfecting what is defective congenitally, but to perfecting what is defective morally. The bodily pain caused to that member is the real purpose of circumcision. None of the activities necessary for the preservation of the individual is harmed thereby, nor is procreation rendered impossible, but violent concupiscence and lust that goes beyond what is needed are diminished.“(Hervorhebungen von mir) (1)

Das könnte man vielleicht so verstehen, dass durch die möglichst frühe (= möglichst massiv und generalisiert wirkende) Zufügung von Schmerz und durch eine aus der Entfernung der Vorhaut resultierende mögliche Desensibilisierung der Eichel der männliche Trieb reduziert, das Glied „ruhig gestellt“, „sozialisiert“ werden soll. Es soll nicht mehr nach ausschweifender Lust drängen, sondern sich mit der Zeugungspflicht begnügen. Die Natur, die an dieser Stelle moralisch besonders riskant ist, soll durch nachträgliche Korrektur in Einklang mit der Moral gebracht werden.

Eine Kritik am „Schöpfer“ beinhaltet dies nicht. Zur Erinnerung: es gab zwischendurch den „Sündenfall“ und die Vertreibung aus dem Paradies. Und wenn fortan „das Weib“ unter Schmerzen gebären soll, dann mag man den Schnitt am Mann sogar als einen Akt symbolisch ausgleichender Gerechtigkeit empfinden und die Eindämmung männlicher Lust als Entlastung der Frau, die dann ja nicht so oft unter Schmerzen gebären muss. Und vielleicht sollte man sich bei dieser Gelegenheit auch daran erinnern, dass das Gebären für viele Frauen auch einmal eine Sache auf Leben und Tod war. Auch der behauptete Gewinn an „Reinheit“ mag einem gewissen Respekt vor der Frau zugeschrieben werden, in die der Mann ja eindringt, und einem gewissen Schutz des zu zeugenden Kindes . Mal so dazu spekuliert.

Egal jedenfalls, ob man den „Sündenfall“ säkular, z.B.als Erwachen des menschlichen Bewußtseins, deutetet oder religiös, als Auflehnung gegen „Gottes“ Gebot, im Ergebnis läuft es auf dasselbe hinaus: der Status der unbewußten Unschuld ist vorbei. „Survival of the fittest“ gerät in Widerspruch zu dem subjektiven Empfinden des Individuums und den Vorstellungen der Gemeinschaft von gedeihlichem Zusammenleben. Die Natur bedarf, so gesehen, der Korrektur. Die Beschneidung ist dann keineswegs die Korrektur eines Fehlers des „Schöpfers“, sondern eine Notwendigkeit, die sich aus der Störung des Schöpfungsplans durch den Ungehorsam von Adam und Eva ergab. Dass bei der Beschneidung dann auch noch unbedingter Gehorsam eingefordert wird, scheint mir logisch. Wenigstens an diesem zentralen, dem paradiesischen Erleben nahen Punkt soll der paradiesische Fehler wieder gut gemacht werden? Das Ganze scheint mir in sich konsistent.

Von da aus ist es dann nicht mehr wirklich weit zu etwas, was dann später als sehr säkulare, sozusagen handfeste Motivation aus den USA überliefert zu sein scheint:

In the United States, circumcision became popular in the mid- to late-19th century as a medical operation aimed at preventing masturbation, which was thought to spread disease and cause madness.“(1)

Das klingt dann schon eher nach „Schwarzer Pädagogik“ denn nach Religion. Was ja eigentlich Rückbindung an ein höheres Wesen bedeutet, nicht Unterwerfung unter menschliche Willkür.

Während mir solcherlei „religiöse“ Begründungen oder Spekulationen durchaus nachvollziehbar scheinen, scheinen mir weltliche Ableitungsversuche dennoch plausibler. Für Menschen in archaischen Gesellschaften, wo es überdies an Wasser für Hygiene und geschütztem Raum für Intimität mangelt, könnten die Folgen einer Beschneidung durchaus soziale Vorteile mit sich bringen. So mag z.B. die Desensibilisierung des betroffenen Penis-Areals, sofern sie zu einer Verzögerung der Ejakulation führt, es ehelichen „Wilderern“ eher ermöglichen, den Verkehr vorzeitig abzubrechen oder die Chance des rechtmäßigen Gatten erhöhen, die „Wilderer“ rechtzeitig zu ertappen und die Zeugung eines „Kuckuckskindes“ zu verhindern. Kommen ergänzende Verstümmelungen bei den Frauen hinzu, verstärkt sich dieser mögliche soziale Kontrollmechanismus noch.

Ein solch physisch verankerter sozialer Kontrollmechanismus, der die Verhinderung von unerwünschten Schwangerschaften sowie die sexuelle Kontrolle des Gatten über seine Frau(en) erleichtert, könnte besonders in Gesellschaften sinnvoll sein, in denen Polygynie herrscht und Männer all ihre Frauen nur schwer überwachen können. Beschneidung könnte dort auch dem Versuch geschuldet sein, die exklusive Weitergabe der eigenen Gene zu sichern (2). Das könnte auch bei den alten jüdischen und islamischen Gesellschaften ein Motiv gewesen sein. Auch beim biblischen Initiator der Beschneidung, Abraham.

Da sich bei Männern, neben dem Wunsch nach Macht, alles bekanntlich immer nur um „das Eine“ dreht, womit zwar in der Regel die quasi göttliche Schöpfungspotenz, nicht aber „Gott“ gemeint ist, würde ich dazu neigen, den Ursprung der Beschneidung in solch sozialem Regelungsbedarf zu verorten und im intellektuellen Überbau lediglich Rationalisierungen sehen wollen. Und da spielt es dann nicht wirklich eine Rolle, ob man in der Entfernung der Vorhaut , sagen wir, die blutige Geburt des Mannes aus dem Jungen sehen will (oder die Entfernung des „Weiblichen“ vom Penis desselben), womit man die Sache in den Kontext meist wesentlich brutalerer Mannbarkeitsrituale stellen würde, auf die Magda in einem Kommentar hinweist (3). Oder ob man mit Kommentator musica der jüdischen Beschneidung das genaue Gegenteil zuschreibt:

"The physical act of circumcision in the flesh, which prepares the male jew for sexual intercourse, is also that which prepares him for divine intercourse."

"Die rabbinische ‚auflösung’ (des gender paradox) besteht in „feminizing the male, thus making him open to receivethe divine speech and vision of God“ (Sohar: 2:36a „and what is the opening ofthe body? That is the circumcision”) (4).

Bedeutungsvoller scheint mir, was musica wieder von Maimonides zitiert:

Es gibt noch einen sehr wichtigen Gesichtspunkt bei dieser Vorschrift der Beschneidung: Das physische Zeichen ist für alle, die an Einen Gott glauben, ein vereinigender Faktor. Denn ein Aussenstehender wird nicht so grosse Schmerzen auf sich nehmen, um - aus irgendeinem Grund - in eine andere Religion einzudringen. Nur aus dem einen Grund des aufrichtigen Glaubens wird sich jemand der Beschneidung unterziehen oder sie an seinen Söhnen ausführen.“ (5)

Hier kommt das „auserwählte Volk“ ins Spiel. Wenn aber Auserwähltheit inmitten von „Heiden“ (und später in der Diaspora) optimal dokumentiert werden soll, dann erklärt sich auch, weshalb das Merkmal am Penis, dem Zeugungsorgan verortet sein muss und weshalb es irreversibel sein muss:

Und ich will meinen Bund aufrichten zwischen mir und dir und deinem Samen... nach dir von Geschlecht zu Geschlecht als einen ewigen Bund, dein Gott zu sein und der deines Samens nach dir. Und ich will dir und deinem Samen nach dir das Land zum ewigen Besitz geben, in dem du ein Fremdling bist, nämlich das ganze Land Kanaan, und ich will ihr Gott sein.“ (Hervorhebung von mir) (6)

Dass die jüdische Beschneidung sozusagen auch ein „Markenzeichen“ des „auserwählten Volkes“ sein soll, könnte man auch an historisch späteren Entwicklungen festmachen:

Originally only the tip of the foreskin was cut, called milah. This practice lasted about 2000 years. During the Hellenistic period, many young Jews concealed their circumcision by drawing their foreskins forward. The rabbis of the time decided to change the requirements of the procedure so that a circumcised male could not possibly be altered to appear uncircumcised. This was the start of periah, removing the entire foreskin...“ (7)

Bei all dem fällt es mir dann doch etwas schwer, an anderes als profane Motivationen für die Beschneidung zu glauben. Allenfalls die kleine mögliche Erschwernis beim männlichen Onanieren bleibt da als rein moralisch-religiöse Motivation übrig. Dem würde dann auch eine mögliche schwer auflösliche, weil sehr frühe Verbindung von Sexualorgan und früher Schmerzerfahrung beim Verzicht auf Anästhesie bei der Beschneidung dienen. Und auf psychischer Ebene die mögliche Verbindung von Sexualorgan und dem Gefühl vom Verlust des elterlichen Schutzes. Und die Verbindung von Sexualorgan und früher, also sehr generalisierter Angst. Und schließlich die frühe Verknüpfung von Sexualität und Gewalt(erfahrung).

All dies schiene mir vortrefflich geeignet, den männlichen Trieb zu domestizieren - und für gewalttätige Durchbrüche zu prädestinieren. Wobei allerdings, falls ich das so auf die Schnelle richtig verstanden habe, ein empirischer Zusammenhang zwischen Beschneidung und der Neigung zu Krieg nicht eindeutig nachzuweisen sein soll (2) (?).

Wird fortgesetzt.

(1)

http://guggiedaly.blogspot.de/2012/06/even-in-israel-parents-avoid.html

(2)

http://www.anth.uconn.edu/degree_programs/ecolevo/mgmarticle.pdf

(3)

http://www.spiegel.de/spiegel/spiegelspecial/d-8737064.html

(4)

musica 01.07.2012 10:34

die in " " gesetzten zitate stammen aus Daniel Boyarin, Carnal Israel, Reading Sex in Talmudic Culture, University of California Press 1993

(5)

musica 01.07.2012 08:48

http://www.hagalil.com/judentum/torah/leibowitz/tasria.htm

(6)

http://www.way2god.org/de/bibel/1_mose/17/

(7)

http://jewishcircumcision.org/info.htm



17:36 01.07.2012
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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