Der " Aufstand" der Untertanen. Ein Kommentar

Pädophilie-Debatte Die rechte „Pädo“-Kampagne gegen die Grünen kritisiert die Falschen, zielt auf Denkverbot und missbraucht die Missbrauchten.
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Zentrales Kennzeichen einer Wohlstandszivilisation ist es, dass man abweichendes Verhalten, das keinem Anderen schadet, toleriert, und solches, das anderen schadet auf seine Ursachen, Hintergründe und Entlastungsmomente hinterfragt, bevor man (differenziert) straft (und gegebenenfalls „verwahrt“). Letzteres ist ein Luxus, den arme, weniger verwöhnte Gesellschaften sich nicht leisten können/ wollen und deshalb zu rabiateren oder finalen Lösungen greifen.

Solche Zivilität aber scheint auch hierzulande manchen Menschen schwer erträglich, ist es doch gelegentlich hoch willkommen und subjektiv entlastend, wenn man so richtig die Sau rauslassen kann, wenn auch der brave Kirchgänger mal so richtig zuschlagen und (indirekt) morden darf. Das fehlt in unserer Gesellschaft weitgehend. Umso stärker kämpft man für die letzten verbliebenen Sündenböcke und Prügelknaben, die uns noch geblieben sind. Der sogenannte „Kinderschänder“ ist einer, den sogar der gewöhnliche Massenmörder noch verachten darf.

Der gehobenere Spießer & Untertan darf wenigstens ungestraft Daniel Cohn-Bendit „Kinderficker“ nennen*), ohne dass es eines Beweises oder eines Zeugen bedarf. Es genügt, dass er ein paar verquere Äußerungen zu kindlicher Sexualität und sexueller Neugier von Kindern getätigt hat, die so, wie sie überliefert sind, eher von einem völligen Mangel an Verständnis kindlicher Sexualität und einem Mangel an erwachsener Grenzziehung zeugen, die man durchaus biographisch erklären mag. Und das Allerschönste an DCB ist, dass er auch noch ein Kind aus einer von den Nazis verfolgten jüdischen Familie ist **), mal links-radikal war und über ein übergroßes Maul verfügt. Da hat man den „ewigen Juden“ gleich mit im Pack – und keiner merkt's.

So fiel es denn auch niemandem auf, dass die rechte (CDU-) Schmähkampagne ausgerechnet an „Führers Geburtstag“ ihren vorläufigen Höhepunkt fand, als DCB im Stuttgarter Neuen Schloss den Theodor-Heuss-Preis für seine Verdienste u.a. um Europa verliehen bekam. Man mag darüber streiten, ob die Person dieses Preises würdig war. Der Termin war jedenfalls gut gewählt. Datum und Art des Protestes waren es nicht.

Um „Führers Geburtstag“ herum also startete die CDU eine Dreckskampagne gegen die Grünen, die DCB prügelte und Kretschmann meinte ***), dessen Popularität im konservativen Baden-Württemberg offenbar die schärfste Verleumdungs-Waffe erforderte, mit der man die Mordlust des untertänigsten Spießers anheizen kann: „Kinderficken“.

Und seitdem kocht vorwiegend bei Springer ****), CDU/ CSU und begleitenden Dumm-Medien eine sogenannte „Pädophilie“- Debatte, die in Wahrheit nur einen Zweck verfolgt(e): die zunehmende Attraktivität der Grünen auch für das konservative Bürgertum auf absehbare Zeit per „Kinderficker“ zu beschädigen. Die Menschenopfer, die man ohne Wimpernzucken dafür bringt, sind die Missbrauchsopfer, die Pädophilen und am Ende die Kinder, deren Schutz am wenigsten gedient ist, wenn man gezielt den Unterschied zwischen pädophilen Tätern und Nicht-Tätern verwischt und die Pädophilen in Ecken drängt, wo ihnen Hilfe, Unterstützung und Austausch mit der Gesellschaft fehlen.

Genau das aber ist der verdrängte Aspekt jener verqueren Geschichte pädophilen Outings und lautstarken pädophilen Lobbyismus', deren Unterstützung nun den Grünen vorgeworfen, die aber in großen Teilen linker und fortschrittlicher Kreise der 60er und 70er Jahre ein kontroverses Echo fand. Die damals geforderten entsprechenden Änderungen des Sexualstrafrechts wurden nie umgesetzt, pädagogische Experimente unter Einbeziehung Pädophiler haben sich nicht dauerhaft etabliert (?). Aber es gab zumindest bei einigen Menschen Korrekturen und Differenzierungen in der Wahrnehmung von Pädophilie, die nun nicht mehr bloß als Antrieb kindermordender Monster gesehen werden muss, sondern mehr Optionen sichtbar werden lässt. Es gibt mehr Aufmerksamkeit und Hilfsangebote für Pädophile. Und Pädophile müssen ihr Leben nicht mehr in völligem Außenseitertum verbringen – obwohl sie sich ihre sexuelle Orientierung vermutlich gar nicht aussuchen können.

Wenn diese Offenheit, dieser Versuch eines neuen, toleranten und diffenerzierenden Blickes, den Teile der Gesellschaft sich damals erlaubten, nun selbst kriminalisiert wird, dann versucht der Untertan eine Wiederkehr von Inquisition und Denkverbot. Dann schlägt die Angst vor Freiheit und Risiko zu. Dann steht mehr auf dem Spiel als eine Partei oder deren Führungspersonal. Dann geht es an die Meinungsfreiheit, die Freiheit von Wissenschaft und Forschung, das Gleichheitsprinzip, den Respekt vor der Andersartigkeit, die Eckpfeiler unserer demokratischen Zivilisation.

Unter Merkels und Springers Kampfhunden strebt die Kohlsche „Wende“ so nach ihrer Vollendung.

Zum Hintergrund:

*) „Und dieser grüne Mißgriff ist so evident, dass man ihn weder totschweigen darf noch unter den Teppich kehren kann, was zum Beispiel ein grüner Ministerpräsident bei seiner Lobrede auf einen, zumindest gedanklichen "Kinderficker" (alles andere kann man ihm ja nicht nachweisen) wie Cohn-Bendit versucht hat.“

http://www.freitag.de/autoren/der-freitag/frage-des-tages-zur-paedophilie-debatte#1379432224897379

Tatsächlich hat Cohn-Bendit so wenig mit einem Kinderschänder gemein wie Angela Merkel mit einer Nachtklubtänzerin. Nämlich rein gar nichts. Was mir immer auffiel, war sein umwerfendes Talent im Umgang mit Kindern. Ich sage das, weil ich in den frühen achtziger Jahren zusammen mit Dany Cohn-Bendit in einer Krabbelstube der alternativen Szene in Frankfurt gearbeitet habe. Es war eine Zeit, in der wir zudem in einer großen Wohngemeinschaft lebten, zu der ebenfalls Kinder gehörten. ….Nie gab es dabei irgendwelche Anzeichen für Übergriffe, ob sexueller oder sonstiger Art. ….Nie äußerten Eltern auch nur den geringsten Verdacht, dass Cohn-Bendit ihre Sprösslinge missbrauche. Auch einige ältere Geschwister, die Dany noch als Bezugsperson aus der Uni-Kita kannten, kamen ab und an mit und freuten sich riesig, ihn wieder zu sehen. Die Kids mochten Dany. …..Pädophilie gehörte real besehen nicht dazu. Sich an Kindern sexuell zu vergreifen war selbst unter ungezügelt auftretenden Frankfurter Spontis tabu. ...“

http://www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.debatte-ueber-daniel-cohn-bendit-der-kinderfreund-daniel-cohn-bendit.3f95e5ae-2325-4b67-8bd9-75f8e8bc8bd2.html

**) Cohn-Bendits Eltern waren Juden. Sein Vater Erich Cohn-Bendit (1902–1959) war ein Berliner Rechtsanwalt und engagierter Trotzkist. 1933 floh das Ehepaar vor den Nationalsozialisten aus Deutschland nach Paris. Einige ihrer Verwandten wurden als Berliner Juden 1942/43 nach Riga deportiert und kamen dort um oder wurden ermordet.[1] Ab 1936 gehörte Erich Cohn-Bendit zum engen Freundeskreis der jüdischen Philosophin Hannah Arendt, deren Werke seinen Sohn Daniel später stark beeinflussten.

Seine frühe Kindheit verbrachte Cohn-Bendit in ärmlichen Verhältnissen in der Normandie und in Paris. Da die Eltern ursprünglich mit ihren Kindern in die USA auswandern wollten, beantragten sie nicht die französische Staatsbürgerschaft für ihn.[3] Der Auswanderungsplan scheiterte an Mittellosigkeit. Der Vater wurde alkoholabhängig, was eine Ehekrise auslöste. Die Mutter arbeitete für das Familieneinkommen, so dass sie wenig zuhause war für die Kinder

In Deutschland besuchte Cohn-Bendit die reformpädagogische Odenwaldschule im hessischen Ober-Hambach bei Heppenheim.

1963 starb seine Mutter in London; damit war er Waise geworden. Das Abitur legte er 1965 mit der Gesamtnote „Gut“ ab.

https://de.wikipedia.org/wiki/Daniel_Cohn-Bendit

***) „Heuss-Preis für Kindersex“ steht auf einem Transparent. Die Junge Union hat ein Plakat im Stil der Grünen vorbereitet: „Daniel Cohn-Bendit schwärmt von Sex mit Kindern - Winfried Kretschmann schwärmt von Cohn-Bendit.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/inland/daniel-cohn-bendit-in-der-defensive-eine-ehrung-voller-entschuldigungen-12157282.html

http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2013/04/tea-party-fuer-dany/

Ein „schöner“ Volltreffer gelang auch dem hiesigen FDP-Fraktionschef (siehe hierzu Anm. **) :

Rülke hatte am Donnerstag wörtlich getwittert: „Cohn-Bendit hat Zeugen, deren Kinder er nicht missbraucht hat. Es gibt auch Millionen von Soldaten, die Filbinger nicht verurteilt hat!“ Hans Filbinger war von 1966 bis 1978 Ministerpräsident von Baden-Württemberg. Er trat zurück, als bekannt wurde, dass er in der NS-Zeit als Marinerichter an Todesurteilen mitgewirkt hatte.“

http://www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.zu-daniel-cohn-bendit-gruene-twitter-aeusserung-von-hans-ulrich-ruelke-ist-unertraeglich.015d5090-f9df-4b3d-9f00-8e535aa851a0.html

****) http://suchen.welt.de/woa/index.php?search=P%C3%A4dophilie+Debatte&wtmc=suche_head

Siehe auch:

http://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/wie-medien-den-wahlkampf-manipulieren

http://www.swr.de/swr2/service/audio-on-demand/audio-on-demand-podcasts/-/id=661264/nid=661264/did=1698672/mpdid=2222376/1j8j9qf/index.html

http://www.srf.ch/player/tv/sternstunde-philosophie/video/paedophilie--eine-neigung-ueber-die-man-schweigt?id=89472139-3b67-4c06-ada3-b4beb7ce5e34

https://de.wikipedia.org/wiki/P%C3%A4dophilie-Debatte_%2870-er_und_80-er-Jahre%29

http://www.spiegel.de/spiegel/print/d-14316199.html

http://www.dijg.de/bulletin/19-2010-kinsey-money-und-mehr/

http://www.werkblatt.at./archiv/38becker.html

16:39 18.09.2013
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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