Faschismusforscher Reinhard Kühnl gestorben

Faschismusforschung Der Gründervater linker Faschismus- und Demokratieforschung in der Bundesrepublik und Abendrothschüler Reinhard Kühnl ist tot.
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Wie mehrere linke und alternative Medien berichten, ist der maßgebliche linke Faschismusforscher der alten Bundesrepublik, Reinhard Kühnl, gestern im Alter von 77 Jahren verstorben.

http://ifg.rosalux.de/2014/02/10/trauer-um-reinhard-kuehnl-1936-2014/

http://www.nachdenkseiten.de/?p=20656#h16

http://www.neues-deutschland.de/artikel/923678.marxist-und-radikaler-demokrat.html

https://www.freitag.de/autoren/wwalkie/zum-tod-reinhard-kuehnls

Offenbar hat ihn eine Alzheimererkrankung am Ende daran gehindert, sich mit seinem großen Sachverstand und kritischen Geist z.B. in die NSU-Debatte u.a. einzumischen, was ein großer Mangel war.

http://hpd.de/node/17814

Ohnehin war er bereits vollkommen aus dem Blickfeld der Öffentlichkeit verschwunden, was sich bis heute in den weißen Flecken der Berichterstattung spiegelt.

Dabei hat in der alten Bundesrepublik keiner wie er den linken analytischen Blick auf den Faschismus geprägt. Auch den meinen - obwohl ich Kühnl nur aus seinen Büchern kannte.

Kühnl hatte seine akademische Sozialisation in Marburg durchlaufen, das damals u.a. mit Wolfgang Abendroth und Werner Hofmann eine Gralsburg linken Denkens und der Kritik an der restaurativen Nachkriegsentwicklung unter den alten "Eliten" war:

"In den 1970er und 80er Jahren galt die Marburger Universität und insbesondere der Fachbereich 03 „Gesellschaftswissenschaften und Philosophie“ als linke Hochburg. Bereits seit den 1950er Jahren wirkte hier der marxistische Politikwissenschaftler Wolfgang Abendroth. Nach 1968 wurden viele seiner Schüler der „zweiten Generation“ wie Frank Deppe, Georg Fülberth, Reinhard Kühnl und Dieter Boris auf Professorenstellen in der Politikwissenschaft und der Soziologie berufen. Auch die Vertretung der Studierenden war in den 1970er Jahren vom DKP-nahen Marxistischen Studentenbund Spartakus (MSB) und in den 80er Jahren von der Grün Bunt Alternativen Liste (GBAL) geprägt."

Aber es gab auch andere, wie die öffentliche Kampagne von Kühnls scharf rechtem Antipoden Ernst Nolte gegen Kühnls Habilitation zeigte, die die damals noch niveauvolle ZEIT unter der irgendwie richtig zielenden Titelseite Bürgerliche oder marxistische Wissenschaft? auf den Punkt brachte.

Auch hier also war Kühnl ein Eis- bzw. Mauerbrecher.

Lang ists her. Und während Kühnl nun tot ist, feiert Ernst Nolte seinen 91 Hessen ist tief eingebräunt und droht das politisch grüne Pflänzlein endgültig zu erledigen. Als Andrea Ypsilanti versuchte, wieder etwas Röte hineinzubringen, zeigte sich, welch hetzerischer rechter Geist bis tief in die ZEIT hinein heute im Lande immer noch oder schon wieder herrscht.

Und Verfassungsschutz (NSU) und Justiz schützen Nazi-Mörder vor Gesetz und Recht.

Marburg selbst erlangt mittlerweile traurigen Ruhm durch die menschenverachtende Privatisierung seiner Uniklinik, wofür der aktuelle SPIEGEL (7/ 10.02.2014) eindrückliche Beispiele zu berichten weiß.

Das ist nun weit abgeschweift, zeigt aber, das da, wo Kühnl stand, "richtig" zu sein scheint. Und wie sehr seine Stimme gerade jetzt fehlt.

Es wäre anmaßend von mir, nun nach all den Jahren den Kühnl-Experten geben zu wollen. Auch möchte ich nicht aufwärmen, was kompeterere Autoren zu ihm und seiner Arbeit sagen. Deshalb zum Schluß nur noch ein paar Links, die der Würdigung des Menschen und des Gesellschaftswissenschaftlers dienen können.

Zu Kühnls 75. Geburtstag erschien eine ausführliche Würdigung im Forum Wissenschaft (3/2011):

http://www.bdwi.de/forum/archiv/archiv/5278415.html

In der ZEIT wurde dereinst einmal Kühnls Buch „Formen bürgerlicher Herrschaft I. Liberalismus–Faschismus“ von 1973 besprochen. Klaus-Jürgen Müller referiert dort kurz Kühnls Faschismustheorie und vielleicht gestattet die ZEIT in diesem Fall ein etwas ausführlicheres Zitat, das in der heutigen „Postdemokratie“ fast noch gültiger ist als damals:

Er ordnet den Faschismus in die Entwicklungsgeschichte der bürgerlichen Gesellschaft ein und sieht sowohl liberale Demokratie wie faschistische Diktatur als Formen bürgerlicher Herrschaft an, die jeweils bestimmten Entwicklungsphasen und Krisenlagen dieser Gesellschaftsform entsprechen.

Das liberale System, einst ein progressives Geschichtsmoment, enthüllte bei fortschreitender Entwicklung der industriellen Gesellschaft immer offener seine inneren Widersprüche. Von Anbeginn gab es eine Diskrepanz zwischen politischrechtlicher Gleichheit und sozialer und ökonomischer Ungleichheit. So wurde der Liberalismus mehr und mehr ein System zur Erhaltung der Ungleichheit.

In dem Jahrzehnt nach dem Ersten Weltkrieg geriet die bürgerliche Gesellschaft in eine andauernde, tiefe soziale und ökonomische Krise. Die bestehende Herrschaftsform, die parlamentarische Demokratie, ließ sich ohne Gefährdung der sozialen und ökonomischen Interessen der bisher führenden Schichten nicht mehr aufrechterhalten. Ihre Massenbasis und damit ihre Herrschaftslegitimation drohte zu zerbrechen.

Hier ist nun – nach Kühnl – der historische Ort des Faschismus: Seine politische Funktion bestand darin, die demokratische und sozialistische „Bedrohung“ der etablierten bürgerlichen Gesellschaft auszuschalten und die überkommene Gesellschaftsordnung durch eine neuzuschaffende Massenbasis zu stabilisieren. Neuartige Methoden der Massenpropaganda, die der spezifischen Mentalität bestimmter Sozialschichten und der veränderten sozio-ökonomischen Lage angemessen waren, halfen die Massen zu gewinnen.

Seine soziale Basis fand der Faschismus im alten und neuen Mittelstand. Die Eigenart dieser kleinbürgerlichen Protestbewegung gegen Sozialismus und Demokratie und die Ursachen ihres Aufstieges …. waren just der Grund dafür, daß der Faschismus ein bedeutsames Eigengewicht erhielt und keineswegs nur, wie es die orthodoxmarxistische „Agenten“-These will, ein willenloses Werkzeug des Finanzkapitals gewesen ist......“*)

Von Kühnl selbst habe ich auf die Schnelle diesen Text gefunden:

Zur geschichtlichen Entwicklung der Menschenrechte

http://www.trend.infopartisan.net/trd0699/t030699.html

Gut, dass es ihn gab.

*) Siehe dazu auch u.a. diese Google-Treffer:

https://de.wikipedia.org/wiki/Faschismustheorie

AKADEMISCHER ANTIMARXISMUS

Dissertation FU Berlin von Oliver Schmolke, Kap 1

http://www.diss.fu-berlin.de/diss/servlets/MCRFileNodeServlet/FUDISS_derivate_000000003482/3_AkademischerAntimarxismus.pdf?hosts=

Austrofaschismus contra Ständestaat – Wie faschistisch war das autoritäre Regime im Österreich der 1930er Jahre verglichen mit Mussolinis Italien“

DIPLOMARBEIT, von Andreas Mittelmeier, Universität Wien

http://othes.univie.ac.at/4040/1/2009-03-17_0308774.pdf

Sven Reichardt: Neue Wege der vergleichenden Faschismusforschung

http://www.zeithistorische-forschungen.de/Portals/_zf/documents/pdf/2008-3/Reichardt_Faschismusforschung.pdf

Ergänzt & überarbeitet am 11.02.2014, 21:50 h

18:05 11.02.2014
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
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