Fischer, Gaddafi, Guttenberg. Drei Typen, ein Text

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Es hat etwas unappetitliches. Während sich in Lybien Gaddafi daran macht, sein Volk zu ermorden, schreiben wir uns hier Köpfe und Finger wund wegen eines belanglosen Freiherrn, der nicht von seiner Eitelkeit lassen will, weil diese möglicherweise das einzige ist, das ihn trägt. Aber, wie Guttenberg-Verteidigerin sylvia 2711 in einem Kommentar korrekt vermerkt: Die „Decke der Zivilisation ist sehr dünn“ (1). Und da könnte man schon auf die Idee kommen, zu fragen, wieviel man zerschlagen darf, um die eigene Eitelkeit, den eigenen Narzismus vor Schaden zu bewahren. Und vielleicht ist das, was wir gerade erst an Gaddafischer Performance im TV bewundern konnten einfach nur der sehr extreme Endpol auf einer Skala, an deren Anfang der Freiherr sich befindet.

Für unsere Verhältnisse jedenfalls ist das „Porzellan“, das Guttenberg und seine wilden Verteidigerboys in politischer Kultur, wissenschaftlicher Ethik und bürgerlicher Moral ohne auch nur die geringste Rücksicht zerschlagen, um sich wenigstens einen Rest von Eitelkeit und edlem Schein bewahren zu können, beträchtlich (2). Und das ist nun schon nicht mehr belanglos.

Wie schockierend tief diese Eitelkeit in der Persönlichkeit des Herrn Guttenberg verwurzelt sein mag, scheint winzig, aber grell an ganz kleinen Details seiner Entschuldigungen und Geständnisse auf zu scheinen. So sagte er in der Fragestunde des Bundestages vom 23.02.2011 in etwa und verschärfend verkürzt:

„Ich war sicher so hochmütig, zu glauben, dass mir die Quadratur des Kreise gelingt.......“(3)

Das klingt unverfänglich und gut, schaut man nicht genau hin. Und ist doch von einer unglaublichen instinktiven Raffinesse. Kaum ist der eigene Hochmut scheinbar selbstkritisch und zerknirscht eingeräumt, wird eine Messlatte dafür nachgereicht, der ohnehin kein Irdischer genügen kann. Nicht genug: die meisten Irdischen versuchen es erst gar nicht. Aber Guttenberg. Und, Schwupps, ist Herr Guttenberg wieder Lichtgestalt, weit über uns gewöhnlichem Volk schwebend. Ein tragischer Ikarus, der nicht an Betrug scheiterte, sondern am Streben nach dem Unerreichbaren. Kein Textdieb, ein Held.

Etwas dreister ist das, was er seinem „Volk“ im hessischen Kelkheim sagte:

„Und (…) ich habe auch festgestellt, wie richtig es war, dass ich am Freitag gesagt habe, dass ich den Doktortitel nicht führen werde.“ [Hervorhebung von SG] (3)/ (4)

Mal abgesehen davon, dass er auch „vorübergehend“ gesagt hatte, er selbst hat festgestellt, dass er selbst ja längst das richtige getan hat. Die jetzige Entschuldigung ist also letztlich in Wahrheit nur eine Mitteilung an die, die dies von selbst noch nicht gemerkt haben.

Da zeigt sich eine penetrante Selbstverliebtheit, die im Zweifel lieber über „Leichen“ geht als sich selbst durch kritische Gewissenserforschung weh zu tun. Da spricht ein Prinzchen, das nichts zu kennen scheint als die Selbstverständlichkeit des Von-Allen-„Geliebt“- Werdens, und das selbst den punktuellen Entzug solcher „Liebe“ panisch als Weltuntergang zu fürchten scheint. So baut er auf der einen Seite, wie viele andere auch, am schönen Schein. Und bringt auf der anderen Seite, wie viele andere auch, schon mal ein Menschenopfer dar, wenn es sein muss, um den schönen Schein zu wahren (5).

Das ist reine subjektive Spekulation, aber sie könnte die Ministergeschichte des Herrn Guttenberg erklären, dessen kurzer Weg ja bereits buchstäblich mit „Leichen“ gepflastert ist. Die Linie von den geschassten Mitarbeitern bis zum entsorgten Doktortitel hat Berthold Kohler treffend in der FAZ gezogen:

„Um seine politische Karriere zu retten, hat Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg diesmal seinen eigenen Doktor entlassen“ (6). Und durch sein Kleben am Amt hat er eine Empörung geschürt, die er kaum mehr unter Kontrolle hat.

Ist das prinzipiell so vollkommen unterschiedlich zu Gaddafi? Ist das ein prinzipiell anderer Charaktertyp als der, der uns bei den gewissenlosen Zockern in der Finanzbranche begegnet? Ist Herr zu Guttenberg vielleicht bei vielen deshalb so beliebt, weil er verkörpert, was in unserer Gesellschaft immer mehr zur angestrebten Norm wird? Schon immer da war, aber eben unter der Tünche bürgerlicher Moral, von dieser abgedämpft - und sanktioniert, wenn diese aufbrach?

Ist die angeblich ungebrochene Popularität des Herrn Guttenberg dem Wiedererkennungswert des Guttenbergschen Charaktertyps zu verdanken? Ist uns in diesem Punkt der bürgerliche Sündenbockreflex verloren gegangen, durch den wir unsere „Moral“ mehr schlecht als recht am Leben erhielten, weil wir am ausgewählten Sündenbock das bestraften, was wir an uns selbst nicht sehen wollten. Dadurch aber auch unser eigenes Gewissen wieder für einige Zeit ein bisschen stärkten? Das Husch-Husch-Weg, mit dem seine Universität den Doktortitel in einem oberflächlichen Eilverfahren mal eben beiseite gewischt hat wie verschütteten Wein, spricht dafür.

Auffällig ist, dass bisher von Guttenergs Verteidigern kein Vergleich mit Joschka Fischers „Affären“ gezogen wurde. Auch er wurde ja von einem Teil der Medien ins Visier genommen – dem, der gerade Herrn Guttenberg verteidigt – während die Mehrheit der Bürger hinter ihm stand, was ihm wohl am Ende das Verbleiben im Amt möglich machte (7).

Ist die Panik der Pharisäer so groß, dass ihnen strategisches und taktisches Vermögen abhanden gekommen sind und sie sich nurmehr mit evolutionär älteren Haudrauf-Methoden verteidigen können - wie z.B. der ZEIT Online-Oberst a.D.?*) Oder ahnen sie die Unterschiede zwischen den beiden Fällen?

Fischers gewalttätige „Jugendsünden“ waren immer öffentlich gewesen, wenngleich nicht von allen beachtet. Öffentlich fand auch seine Verwandlung vom „Revoluzzer“ zum Politiker statt. Er hatte sich – zumindest äußerlich – erkennbar verändert, bevor er ins Amt kam. Die Kampagne gegen ihn kam danach. Sie war erkennbar auf seine „Erledigung“ gerichtet. Und sie entsprach dem klassischen Muster der Wut der „Anständigen“ gegen den zurückgekehrten verlorenen Sohn. Sie übersah, dass die Rückkehr des verloren Geglaubten nicht nur Glück hervorruft, sondern auch den Willen, es nicht noch einmal zu verlieren.

Karl-Theodor war nie verloren. Er hat sich nicht verloren gehen lassen, um dann wieder zurückzukehren. Er hat stattdessen getäuscht. Vorgegeben, mehr zu sein als er war. Und er hat jetzt die Chance verspielt, endlich doch verloren zu gehen. Sich zurückzuziehen, seine Doktor-Arbeit, die, laut SPIEGEL (8/2011), gar nicht soo schlecht ist, in wissenschaftlich korrekte Form zu bringen. Sich in einem anderen Beruf zu bewähren.......

Er mag in der Politik weiter hängen bleiben. Er mag noch eine Zeit lang passable Umfrage-Ergebnisse bekommen. Mit der „Liebe“ der Bürger dürfte es vorbei sein. Mir persönlich tut er leid, wie er so immer weiter sich selbst verspielt. Und sich immer mehr abhängig macht von diesem traurig schaurigen Begleittrupp an Parteifreunden und einschlägigen Medien.

Am 23.02.2011 hat Freiherr zu Guttenberg seine Seele an den Teufel verkauft.

(1) community.zeit.de/user/drachenrose/beitrag/2011/02/23/guttenberg-im-bundestag

(2) www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,747016,00.html

www.faz.net/-01ozka

www.tagesspiegel.de/meinung/popularitaet-und-taeuschung/3872454.html

(3) www.tagesschau.de/inland/guttenberg706.html

(4) www.tagesspiegel.de/politik/guttenberg-ueber-seine-dissertation/3872414.html

(5) www.faz.net/-01ovok

www.faz.net/-01ovxb

(6) www.faz.net/-01ozem

(7) de.wikipedia.org/wiki/Karl-Theodor_zu_Guttenberg

de.wikipedia.org/wiki/Joschka_Fischer

de.wikipedia.org/wiki/Muammar_al-Gaddafi

*) community.zeit.de/user/weidemaier

Nachtrag 3.3.2011:

Am 27.02.2011 fand sich im britischen "Independent" ein interessanter Bericht. Tenor: Gaddafis Sohn Saif al-Islam könnte seinen Deoktortitel vom LSE aberkannt bekommen. Genau: wegen Verdacht auf Ghostwriter bzw. Plagiat. Und/ oder, weil er ihn auch noch ein bisschen bezahlt haben könnte. Mit schlappen 1.5 Mio Pfund (= 1.76111432 Mio Euro).*)

Wenn du glaubst, jetzt passiert nichts mehr......

*) "Amid claims that his LSE thesis may have been ghost -written, the LSE is investigating allegations of plagiarism and in a statement yesterday, confirmed a degree can be "revoked if there are substantiated concerns about the manner in which it was attained – for example if there is a later discovery of plagiarism."

.....

"After getting his PhD in 2008, Saif al-Islam made a controversial £1.5m gift to the LSE from his organisation – the Gaddafi International Charity and Development Foundation (GICDF) – in 2009."

www.independent.co.uk/news/education/education-news/lse-embroiled-in-row-over-authorship-of-gaddafis-sons-phd-thesis-and-a-15m-gift-to-universitys-coffers-2226894.html

Dank an Kommentator merdeister für den Hinweis.

21:11 23.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

Kommentare 31

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rahab | Community
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