Hugo Chavez und das "Lügenpack"

Venezuela21 Ein Kommentar bei „Hintergrund“ deutet an, dass die deutschen Medien über die Wahlen in Venezuela ziemlich irreführend und manipulativ berichtet haben.
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Dass der alte und neue Präsident von Venezuela ein ganz Böser ist, scheint hierzulande Konsens im Mainstream zu sein. Und dass er die Wahlen nur gewonnen haben kann, weil er in dem Land ein Klima von Angst, Gewalt, staatlicher Meinungssteuerung und Korruption aufrecht erhält, klingt – nach meinem subjektiven Eindruck - zumindest zwischen den Zeilen an. Über Chavez' Gegenkandidaten, Henrique Capriles Radonski , war und ist dagegen kaum negatives bei mir angekommen – selber beschäftigt habe ich mich mit all dem nicht.

Die deutschen Medien lästern unisono, wenn es um Hugo Chávez Frías geht. Von FAZ über Bild bis Cicero. Und sie übertreffen sich nun an Lob für den hierzulande bis vor kurzem völlig unbekannten Gegenspieler. Von differenzierter Abwägung keine Spur; die Bürger sind ihres Informationsanspruchs ja so zuverlässig entwöhnt wie ihrer Muttermilch.“

http://www.hintergrund.de/201210132278/politik/politik-eu/wer-ist-capriles-radonski.html

Wolf Gauer erzählt in einem aktuellen Kommentar bei „Hintergrund“ eine Geschichte dagegen, die so anders klingt, dass man es fast nicht glauben mag. Zuerst aber eine kleine, willkürliche Zitatesammlung, die man über Google nachvollziehen kann.

So war am 10.02.2012 auf Zeit Online zu lesen:

Neben der Gewalt ist die wirtschaftliche Stagnation Venezuelas das zweite große Problem der Chávez-Regierung. Ob Rio de Janeiro, Buenos Aires oder Bogota: Fast alle lateinamerikanischen Metropolen – egal ob links oder rechts regiert – boomen derzeit um die Wette. Caracas aber stagniert wie ganz Venezuela. Ein großer Teil Ölmilliarden versickert im venezolanischen Korruptionssumpf, den es auch schon vor Chávez gab. Venezuelas Staatshaushalt hängt fast unmittelbar vom Ölpreis ab. Ein Großteil der Wirtschaft ist verstaatlicht. Private Investitionen bleiben aus Angst vor weiteren Verstaatlichungen fern.

Die Armut ist dagegen geblieben, Profiteure des Systems sind linientreue Funktionäre.

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"Chávez plant den Weg zum Sozialismus. Ich biete einen Weg zum Aufschwung und Fortschritt", lautet das Leitmotiv des studierten Wirtschaftsjuristen. "Ich favorisiere das brasilianische Wirtschaftsmodell, denn es hat bewiesen, dass man Menschen damit aus der Armut holen kann", sagt er und zielt damit auf die enttäuschten Wählergruppen aus dem moderaten Flügel des Chávez-Lagers. Er weiß: Ein bisschen links muss das Programm schon sein, um Erfolg zu haben."

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-02/venezuela-capriles/komplettansicht

Wie der, der ursprünglich genannt wurde, bevor seine namentliche Nennung durch das brasilianische Wirtschaftsmodell ersetzt wurde, sich dagegen wehrte, kann sogar in deutschen Medien nachgelesen werden:

Auch Capriles hatte anfänglich Lula immer wieder als leuchtendes Beispiel genannt, weil er ihn für einen Politiker der Mitte hält, dem es gelungen sei, die Interessen des Staates und der Privatwirtschaft miteinander zu verbinden und zugleich eine erfolgreiche Sozialpolitik zu betreiben.

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Lula selbst hat sich ganz auf die Seite von Chávez geschlagen und nicht nur mit dem Berater Santana über die Wahlkampagne persönlich gesprochen, sondern auch den Chefstrategen seiner „Arbeiterpartei“, José Dirceu, nach Caracas geschickt. Darüber, dass sich Capriles mit ihm verglich, habe sich Lula maßlos aufgeregt, verlautete aus der Umgebung des früheren brasilianischen Präsidenten. Den Gouverneur von Rio, seinen früheren Verbündeten Sérgio Cabral von der Partei PMDB, rügte Lula dafür, Capriles zu unterstützen.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/ausland/venezuela-ein-lula-gegen-den-anderen-11821238.html

Armut und Gewalt seien also unter Chavez geblieben, Profiteure des Systems seien lediglich linientreue Funktionäre, möchte uns ZO glauben machen.

Nachdem Chavez dann leider doch die Wahl gewonnen hatte, las es sich dann schon etwas anders. Wozu auch noch so penetrant lügen, wenn die Sache ohnehin gelaufen ist. Im Focus hieß es z.B.:

Chávez kämpft in Venezuela um sein Lebenswerk, die Bolivarische Revolution, mit der er sein eigenwilliges Sozialismus-Modell unumkehrbar machen will. Der für seine stundenlangen Reden bekannte und gefürchtete Chávez regierte in seiner Amtszeit mit Dekreten, enteignete große Multis, schloss Radio- und TV-Stationen und sympathisierte mit den marxistischen Farc-Rebellen in Kolumbien. Die Opposition wirft ihm Versagen vor, doch allen Unkenrufen zum Trotz genießt er vor allem in der armen Bevölkerung hohe Popularität.“

http://www.focus.de/politik/ausland/die-bolivarische-revolution-geht-weiter-hugo-chavez-gewinnt-erneut-praesidentenwahl-in-venezuela_aid_834011.html

Alles übel, aber da ist halt der verfluchte Ruf, den der Chavez genießt. Ruf, wohlgemerkt, keine Tatsachen....

Und auf ZO schreibt Camilo Jiménez am 08.10.2012:

Yesman Utrera hat schon immer im Armenviertel Antímano in Caracas gelebt. Seine Mutter ist eine Chávez-Anhängerin, die die Krankenhäuser und Schulen in den Slums zu ehren weiß. Sein Vater hasst den Präsidenten, weil er, wie er sagt, dessen Willkür nicht mehr ertragen kann. Und doch: Obwohl die Familie der Unterschicht angehört, kann der 24-jährige Yesman studieren, Fremdsprachen lernen und sich eine Zukunft ohne Armut vorstellen. In vielerlei Hinsicht steht seine Geschichte für das Venezuela des Hugo Chávez, der am Sonntag zum vierten Mal zum Präsidenten gewählt wurde: Ein Staat, der sich den Armen gewidmet, die Staatsmacht aber monopolisiert und die Gesellschaft gespalten hat.

….............

Er [Capriles Radonski -SG] führte einen Wahlkampf der Mitte, der auf Demokratie und Versöhnung zielte. Doch er machte auch grobe Fehler: Er lobte Chávez’ soziale Programme – mit der Folge, dass viele für Chavez selbst stimmten und nicht für ihn. Außerdem konnte Capriles sich nicht vom Vorwurf befreien, er vertrete diejenigen, die vor zehn Jahren mit Hilfe aus Washington gegen Chávez putschten.

Und dann ist da noch der Faktor Angst: Als Yesman Utrera, der junge Mann aus dem Armenviertel, kurz vor den Wahlen zu erklären versuchte, warum er für Chávez stimmen wolle, sagte er, er habe Angst und wolle seine Zukunft nicht aufs Spiel setzen. Er mag mit diesem diffusen Gefühl nicht der einzige gewesen sein. Von der Regierung angespornt, haben radikale chavistas oft Hetzjagden organisiert – nicht nur verbale Angriffe, sondern auch körperliche, die in einigen Fällen mit Verletzten oder sogar Toten endeten. Viele hätte eine Stimme gegen Chávez Job, Rente, Versicherung oder Ruf kosten können.“

http://www.zeit.de/politik/ausland/2012-10/Venezuela-Chavez-Gruende/komplettansicht

Na, das ist doch schon sehr viel subtiler. Ja, Chavez hat den Ölreichtum nach unten verteilt. Aber nicht dagegen kämpfte natürlich sein Gegenkandidat, sondern Für Demokratie und Mitte – was, wie wir seit Reagan, Thatcher und Schröder wissen, die neue Chiffre für Umverteilung nach Oben ist. Aber wer denkt schon dauernd daran, wenn er beim Frühstück Zeitung liest.....Vor allem hat Chavez auch gar nicht wegen seiner Sozialpolitik die Wahl gewonnen, sondern weil die dadurch Begünstigten Angst hatten, erschossen zu werden, wenn sie Chavez nicht wählen. Mann, Mann, Mann, so was nennt sich heute bürgerlicher Journalismus.

Immerhin: im Vergleich zu vergangenen bürgerlichen Kommentaren zum Putsch in Chile , wo diese Art Mensch tatsächlich erschossen wurde – allerdings genau von der hier gepriesenen „Mitte“ - ist der Zynismus vergleichsweise gering:

Franz Josef Strauß:Angesichts des Chaos, das in Chile [vor dem Putsch – SG] geherrscht hat, erhält das Wort Ordnung für die Chilenen plötzlich wieder einen süßen Klang.“[

de.wikipedia.org/wiki/Putsch_in_Chile_1973

Chile und Pinochet aber sollte man immer im Kopf haben, wenn von Mitte, Demokratie, Freiheit, Deregulierung und Aufschwung in Lateinamerika die Rede ist, denn der Geburtsort des Neo-Liberalismus liegt genau dort:

Chile galt als Testfall für die Erprobung des wirtschaftsliberalen Programms der Chicagoer Schule.[38] Arnold Harberger lud Milton Friedman im Namen der Banco Hipotecario de Chile zu einem Besuch in Chile im März 1975 ein.[39] Bei dieser Gelegenheit erklärte Friedman, dass die grundlegenden Probleme des Landes, d.h. die Inflation und die ökonomische Zerrüttung, eine „Schockbehandlung“ erforderten.[40] Eine Politik der kleinen Schritte berge die Gefahr, dass der Patient sterbe, bevor die Behandlung wirke. Auf die persönliche Bitte Pinochets schrieb Friedman ihm danach aus Chicago einen ausführlichen Brief mit Empfehlungen.[41] Im April 1975 übergab Pinochet einem Team von vier „Hardlinern“ unter den Chicago Boys das wirtschaftspolitische Kommando: Er ernannte Sergio de Castro zum Wirtschaftsminister, Jorge Cauas zum Finanzminister, Pablo Baraona zum Präsidenten der Zentralbank und Roberto Kelly zum Chef des Planungsamtes..[42]

http://de.wikipedia.org/wiki/Chicago_Boys

Soviel als Einleitung. Jetzt aber sollten alle, die sich für die speziellen Hintergründe in Venezuela interessieren, unbedingt die Lektüre des Kommentars von Wolf Gauer anschließen, wo der vergangene Wahlkampf sich liest wie eine versuchte Wiederaufnahme der großen Chile-Show der Chicago Boys....z.B.:

Der Jurist (Kath.Universität Caracas und Columbia University New York) gründete im Jahr 2000 die Partei Primero Justicia (Gerechtigkeit zuerst) mittels Finanzierung und strategischer Orientierung vonseiten des US-amerikanischen National Endowment for Democracy (NED) und des International Republican Institute (IRI). Mitbegründer war Leopoldo Lopez, politisches Spiegelbild von Capriles, wie dieser Vertrauensmann der US-Botschaft und wegen eklatanter Korruption bis 2014 für alle politischen Ämter gesperrt. Mark Feierstein, Chef der Südamerikaabteilung der berüchtigten Nicht(aber dennoch)-Regierungsorganisation USAID griff Capriles im Wahljahr mit 5 Millionen Dollar unter die Arme. In den Vorjahren investierten die USA offiziell 20 Mio. Dollar in anti-chavistische Aktivitäten; Summen in mehrfacher Höhe werden ebenfalls genannt.

..

Deutsche Parteistiftungen helfen dabei, wie Eva Gollinger schon 2010 registrierte, US-venezolanische Anwältin und wohl die beste Venezuelaexpertin überhaupt: Die Konrad-Adenauer-Stiftung (CDU) investiere jährlich 500.000 Euro in rechte Parteien hinter Capriles Radonski. Im Wahlkampf seien auch die in Lateinamerika schon berüchtigten Privatisierer Friedrich-Naumann-Stiftung (FDP) und Hans-Seidel-Stiftung (CSU) nicht untätig gewesen. ...“

http://www.hintergrund.de/201210132278/politik/politik-eu/wer-ist-capriles-radonski.html

Und wer dann noch gerne vernetzt denkt, und nicht nur global, sondern auch lokal, kann den Rest des Tages/ der Nacht dann noch mit dem Stuttgarter OB-Kandidaten Sebastian Turner zubringen, der genau in diesen Kontext gehört ;) Nomen est omen.

http://www.kontextwochenzeitung.de/newsartikel/2012/10/der-meister-des-grossen-geldes/

Warnhinweis: Es geht mir hier um die Gegenüberstellung Berichterstattung, nicht um Venezuela. Zu letzterem fehlen mit jegliche Kenntnisse, die für ein eigenes Urteil nötig wären.

17:11 16.10.2012
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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