Lewitscharoffs Dresdner Rede 2.1

Lewitscharoff Rede In der Lewitscharoff-Debatte der letzten Tage vermengten sich Verkürzung & Verdrängung mit berechtigter Kritik. Mit Teil 2 versuche ich einen Blick auf die Inhalte.
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Bestimmendes Thema in den Feuilletons“war in der letzten Woche laut deutschlandradio.kultur die literarische Brandstifterin Sibylle Lewitscharoff und ihre umstrittene Dresdner Rede, in der sie nicht auf "natürliche" Weise gezeugte Kinder als "Halbwesen" verunglimpft. Sie ist aber nicht die einzige "intellektuell unterkomplexe" Person......“ . Eine Debatte, die ihre Berechtigung vorwiegend aus einem eigenwilligen Umgang mit Zitaten zog und weiterhin zieht.

Unerwartete Unterstützung bekam Frau Lewitscharoff derweil am Sonntag (09.03.2014) im Fernsehen. Til Schweiger soll vier Mal seinen nackten Arsch in die Kamera gehalten haben. Kann es eine schönere Werbung für die gute alte Kopulation geben, die Lewitscharoff für den einzig wahre Zeugungsweg hält? Obwohl die Werbung in diesem Fall eher als partiell prägungsübergreifend einzustufen wäre.....

Für wie lesenswert man Lewitscharoffs Dresdner Rede auch immer halten mag, mir bietet sie hinreichend Anlass und Stoff für die Exploration christlich gestimmter Einschätzungsmöglichkleiten menschlicher Fortpflanzung, verdrängter Kollateralschäden von „Modernität“ in diesem Bereich und Lewitscharoffscher Fehleinschätzungen.

Mit welcher Kurzsichtigkeit und Verkürzung in diesem Bereich operiert wird, zeigt beispielhaft ein früher Kritiker der Rede, Lewitscharoffs Autorenkollege John von Düffel in der WELT:

Das alles könnte man als schlimme rhetorische Entgleisung abtun, wäre es nicht so symptomatisch für eine der zentralen Debatten heute, die weit mehr ist als nur ein Rauschen im Blätterwald: die Ablösung des biologistischen Familienmodells durch ein soziales Verständnis von Familie, bei dem Vaterschaft und Mutterschaft nicht genetisch, sondern im Sinne einer gelebten, praktischen Verantwortung füreinander bestimmt werden – unabhängig von Herkunft, Geschlecht und sexueller Veranlagung. Über diese soziale Bestimmung von Leben und Lebensgemeinschaften wird noch viel zu reden und zu schreiben sein. Zu einer biologistischen aber solltest Du Dich bei aller Empörung über die Möglichkeiten der modernen Medizin nicht hinreißen lassen.“

Genau um solch eine Ablösung geht es nämlich nicht. Beides ist sinnvoll und möglich. Erst ideologische Verblödung macht daraus einen ebenso überflüssigen wie schädlichen Kampf der Kulturen. Und ähnlich sieht es nach meiner Einschätzung bei anderem aus, das an Lewitscharoffs Dresdner Rede kritisiert wird.

Über Tod & Geburt in Zeiten der fast grenzenlosen medizinischen Machbarkeit wollte sie reden und machte gleich zu Beginn warnend klar, dass glatt polierte Behaglichkeit nicht zu erwarten war:

Klingt jedoch das Thema der Geburt nicht im Sinne einer literarischen Phantasterei, sondern als höchst reales Vorkommnis an, da rät mir die Vernunft, besser den Mund zu halten. ...bei mir ist das Thema mit etlichen Schrecknissen behaftet, die meine Familie über ihre Kinder verhängt hat. … in meinem Erwachsenenleben habe ich einen großen Bogen um Kinder gemacht, ich kann jedenfalls nicht behaupten, dass ich sie von Herzen liebe und mir selbst je Vorwürfe gemacht hätte, kinderlos geblieben zu sein.“

Da kann eigentlich niemand sagen, man sei nicht gebührend vorgewarnt worden. Umso weniger, als dies in der Folge dann auch noch etwas detaillierter ausgeführt wird.

Ausgangspunkt ist der Tod oder das „Todestheater“ von vier prägenden Personen ihres frühen Lebens. Da ist der depressive Vater, ein Gynäkologe, der sich erhängt und die Familie mittellos zurücklässt. Da ist die Mutter, die daran seelisch kaputtgeht, offenbar nie mehr so richtig heil wird und schließlich an Krebs stirbt, „als rebellische Wutperson. Steckelesdünn, kraftlos, auf Minuten schon dem Tode nahe gerückt, bäumte sich in ihrem Bett auf, packte alles, was auf ihrem Nachttisch stand und warf es gegen ein Kruzifix an der Wand, röchelte tief und verschied....Die große Wutaktion unserer Mutter richtete sich nicht gegen Jesus Christus, sondern gegen ihren verfluchten Mann, der den Christusnamen im Vornamen trug, denn er hatte Kristo geheißen.“

Neben dieser Düsternis dann noch zwei Menschen, die die Kindheit erhellten:

Die Großmutter war die Retterin meiner Kindertage gewesen, Eva war das Licht in meiner Pubertätsfinsternis. Eine kinderlose Frau, die sich aber sehr gut auf die Nöte kindlicher Herzen verstand.“

Während der Großmutter ein „guter“ Tod zugeschrieben wird, wird dieser der älteren Freundin von der medizinischen Machbarkeit verweigert:

In ihrem Haus am Killesberg in Stuttgart stürzte sie zu Boden, gelangte nach einigen qualvollen Stunden ins Krankenhaus, wo sie sofort ins Koma fiel und ganz gewiss gestorben wäre, hätte man sie denn auch sterben lassen. Stattdessen wurde ein aufwendiges Reanimationstheater aufgeführt – bei einer Achtundachtzigjährigen wohlgemerkt –, welches wir, ihre Freunde, leider nicht unterbinden konnten, weil wir keine nahen Angehörigen waren und deshalb gar nicht erst gehört wurden. Der Effekt? Sie kam wieder zu sich, verfluchte wortreich, dass man sie nicht hatte sterben lassen und hatte ein weiteres, absolut grauenhaftes Jahr in einem scheußlichen Heim zu bestehen, bis ihr der Krebs endlich den Garaus machte.“

Aus diesen Erfahrungen scheinen sich bei L. Ängste zu speisen, die mit Sicherheit nicht nur sie befallen und vor denen sie sich einerseits in die Religion retten, und die sie andererseits durch die Eindämmung medizinischer Machbarkeit eingedämmt sehen möchte:

Ich fürchte mich sehr davor, auf eine verzweiflungsvolle Art sterben zu müssen, ohne himmlischen Trost, ohne auf vertrauensvolle Weise die Hände falten zu dürfen. Die Garantin dafür, dass es mir auf dem Totenbett vielleicht anders ergehen möge als denen, die ungetröstet ins Grab sinken, und dass es mir hoffentlich vergönnt sein wird, vorbereitet zu sterben, ist natürlich meine geliebte Großmutter“

Damit ist nun endgültig deutlich gemacht, welche persönlichen Emotionen Lewitscharoffs Kritik der „Machbarkeit“ unterfeuern, und wie hoch der subjektive Anteil an dem ist, was sie dazu sagt. Wer jedenfalls danach noch höhere Ansprüche an Objektivität und ein hohes Maß an Allgemeingültigkeit erwartet, hat entweder nicht zugehört/ gelesen oder verstanden. Und wer solches in einer „Dresdner Rede“ nicht hören mag, der sollte sich seine Redner besser auswählen.

Überspringen möchte ich die kurvenreichen Gedankenketten zu medizinischem Fortschritt, Patientenverfügung oder Organspende, zu Gott, zum biblischen Hiob, zur Selbsttötung, zum „guten“ Tod, zur „Erbsünde“ usw., die in der Essenz münden:

Mir kommt eher die Vorstellung, dass ich Herrin über mein Schicksal wäre, reichlich absurd vor. Ganz einfach, mein Schicksal liegt in Gottes Hand und nicht in meinen Händen....über das eigene Leben weitreichend verfügen zu wollen, kommt mir wie ein Frevel vor. Mir ist, sowohl was das Leben anlangt als auch den eigenen Tod, die um sich greifende Blähvorstellung der Egomanen, sie seien die Schmiede ihres Schicksals, sie hätten das Schicksal in der Hand, seien gar die Herren über es, zutiefst zuwider. Das ist ein lächerlicher moderner Köhlerglaube, der einfach nicht wahrhaben will, dass wir alle eine fragile Mixtur aus unterschiedlichen Einflüssen sind, in der Familie, Biologie, Gesellschaft und Generationserfahrung eine gewaltige Rolle spielen, und es sehr schwer sein dürfte, das, was unserem ureigenen Inneren entspringt, trennscharf davon zu unterscheiden. Die Egomanen rechnen alles Glück, das ihnen winkt, dem eigenen Verdienste zu; wo hingegen alles Pech, das ihnen widerfährt, dann einzig und allein aufs Konto böser Widersacher geht.“

Über den Tod eines Kindes und den erneuten Rekurs auf die eigene Person kriegt sie dann über diesen Assoziationsstrang irgendwie die Kurve zur Reproduktionsmedizin, wo sie dann mit ihren etwas platten Äußerungen den Aufschrei des Feuilletons provozierte:

Gottfroh bin ich allerdings.... zu einem Zeitpunkt auf die Welt gekommen zu sein, in der die pränatale Diagnostik in den Kinderschuhen steckte und es die modernen Methoden der künstlich induzierten Fortpflanzung noch nicht gab. Kurzum, ich kann relativ sicher sein, wer meine biologische Mutter und wer mein biologischer Vater war, wiewohl man in puncto Vater in Zeiten, bevor es den entsprechenden dna-Test gab, niemals ganz sicher sein konnte. Ich bin im Übrigen auch froh, nicht der Onanie und darauf folgenden komplexen medizinischen Machinationen meine Existenz zu verdanken, sondern auf herkömmlichen Vereinigungswegen gezeugt worden zu sein, mögen diese nun glückhaft oder unglücklich gewesen sein.“

Danach spricht sie zur Pränataldiagnostik und deren möglichen Risiken (z.B. Abtreibung wegen Falschdiagnose). Sie sei zwar keine Gegnerin der Abtreibung und des Paragraphen 218, vehement aber wendet sie sich gegen die „unsägliche“ feministische Parole der 70er Jahre „Mein Bauch gehört mir!“ - und damit gegen eines der heiligsten Tabus des Kampffeminismus:

Eine Parole, die die eigensüchtige, humor und kompromisslose Dynamik dieser Bewegung treffend wiederspiegelt....An der fu Berlin wurde die Frauenbewegung alsbald sehr mächtig, und sie zeichnete sich vor allem durch eines aus: ihre eingewurzelte Abneigung gegen jede Form differenzierter Geistigkeit, sprich: Intellektualität, gepaart mit Selbstironie und Humor....Hätte sich in meinem Bauch je ein heranwachsendes Kind befunden, hätte dieser Bauch ganz gewiss nicht allein mir gehört, sondern mir, dem Kind und dem dazugehörenden Vater, ganz zu schweigen von der langen Reihe vorausgegangener Generationen, die ihren verschwiegenen Anteil ebenfalls daran gehabt hätten.“

Mit diesem erneuten Rekurs auf die eigene Biographie (Studium in Berlin) legt Lewitscharoff nicht nur sich selbst das Sprungbrett für die Reproduktionsmedizin bereit, sondern bereitet auch ihren späteren Kritikern eine emotionale Basis für ihren „fortschrittlichen“ Furor. Und nun folgt – extensiv zitiert – was im Nachhinein zum Kern der Debatte gemacht und durch Verkürzung und Manipulation kampfparolentauglich gemacht wurde.

Zunächst einmal wird geklärt, dass „Dr. Frankenstein“ zwar lebt, aber nicht so, wie gruselige Vorahnungen aus alter Zeit ihn imaginierten. Für Lewitscharoff mag es „der eigentliche Horror“ sein und „der Vorgang selbst ….abscheulich“. Aber was soll's. Das ist ihr Problem.

Für bibelkundige interessanter mag ihr totales Missverständnis des biblischen Begriffes der Onanie sein:

Früher habe ich mich über das drastische biblische Onanieverbot gern lustig gemacht, inzwischen erscheint es mir geradezu als weise. Die Vorstellung, dass ein Mann in eine Kabine geschickt wird, wo er, je nach Belieben, mit oder ohne Hilfe von pornographischen Abbildungen, stimuliert wird, seine Spermien medizingerecht abzuliefern, die später in den Körper einer Frau praktiziert werden, ist mir nicht nur suspekt, ich finde sie absolut widerwärtig.“

Frau L. Mag dazu gerne empfinden, was sie will. Gott ist jedenfalls weiter. Was da etwas übertreibend (?) beschrieben wird, bewegt sich nämlich exakt in die Richtung, die Gott laut Bibel in der Geschichte mit Onan vertritt: entscheidend ist, ob es zu einer Zeugung kommt. Und nur weil Onan sich weigert, seinen Samen in die Frau seines verstorbenen Bruders zu platzieren, wird er bestraft. Genau das aber tut die Reproduktionsmedizin: sie platziert den Samen – notfalls eben auch den eines (Noch-)Nicht-Ehemanns – da, wo er ursprünglich hingehört. Wie Gott selbst es offenbar auch von Onan erwartete:

Da sprach Juda zu Onan: Gehe zu deines Bruders Weib und nimm sie zur Ehe, daß du deinem Bruder Samen erweckest.....Aber da Onan wußte, daß der Same nicht sein eigen sein sollte, wenn er einging zu seines Bruders Weib, ließ er's auf die Erde fallen und verderbte es, auf daß er seinem Bruder nicht Samen gäbe. Da gefiel dem HERRN übel, was er tat, und er tötete ihn auch.“

Es kommt aber noch dicker. Juda will nicht auch noch seinen letzten Sohn (vorzeitig?) riskieren und bittet seine Schwiegertochter, nun doch bitte erst einmal Witwe zu bleiben, bis der dritte Sohn „groß“ sei. Als es so weit ist, sie ihn aber nicht bekommt, „ermächtigt“ sie sich selbst, verkleidet sich als Straßenhure und lässt sich so von ihrem Schwiegervater schwängern, was prompt zu Zwillingen führt.... Eine lohnende Lektüre. Insbesondere für besonders heftige Christenmenschen. Aber vermutlich nicht zu deren Wohlgefallen. Frau Lewitscharoff kann man allerdings darin recht geben, dass der biblische Vorgang für die Frau mehr Spaßpotential birgt als die Laborzeugung.

Ernster wird es, wenn die kapitalistische Verwertungslogik ins Spiel kommt, die Frau L. Allerdings nicht so benennt:

Grotesk wird es aber spätestens in anderen, inzwischen durchaus zahlreichen Fällen, in denen sich Frauen Spermien aus einem Katalog verschaffen, worin die Rasse und gewisse körperliche Merkmale und soziale Eigenschaften des anonymen Samenspenders verzeichnet sind, oder in denen sich lesbische Paare ein Kind besorgen, indem entweder ebenfalls ein anonymer Spender oder ein naher Verwandter der Freundin der künftigen Mutter herangezogen wird, um sein Sperma abzuliefern.

Dabei ist eine Selbstermächtigung der Frauen im Spiel, die mir zutiefst suspekt ist. Im Grunde liegt solchen Machinationen die Vorstellung zugrunde, Männer seien verzichtbar, oder ihr Einfluss sei auf das Notwendigste zu reduzieren, eben auf ihren Samen. Als Väter kommen sie jedenfalls nicht in Frage. Am Schönsten wäre es für diese Frauen gewiss, man könnte den Samen selbst auch noch künstlich erzeugen und mit einem im Voraus definierbaren Bündel an erwünschten Merkmalen ausstatten, was bisher noch nicht möglich ist.“

Und nun möchte ich meinerseits den Ablauf der Rede manipulieren und ein Zitat vorziehen, weil ich es zwingend in diesem Zusammenhang sehe und nicht da, wo Lewitscharoff es platziert hat:

Mit Verlaub, angesichts dieser Entwicklungen kommen mir die Kopulationsheime, welche die Nationalsozialisten einst eingerichtet haben, um blonde Frauen mit dem Samen von blonden blauäugigen ss-Männern zu versorgen, fast wie harmlose Übungsspiele vor.“[Hervorhebungen sg]

Sind das nun alles Ausgeburten einer verklemmten „klerikalfaschistischen“ Phantasie, wie Kritiker meinen, diagnostizoieren zu müssen? Nun, wie wär's damit:

"Sperm bank turns down redheads (Samenbank weist Rothaarige ab - sg)

"There are too many redheads in relation to demand.... I do not think you chose a redhead, unless the partner - for example, the sterile male - has red hair, or because the lone woman has a preference for redheads. And that's perhaps not so many, especially in the latter case."

Mr Schou said the only reliable demand for sperm from redheaded donors from Ireland, where he said it sold “like hot cakes”.

Könnte es sein, dass Lewitscharoffs Kritiker da ein bisschen die Realität verleugnen, weil sie vor lauter „Klerikalfaschismus die Verwertungsmaschinerie und -ideologie des real herrschenden Kapitalismus nicht mehr sehen?

Teil 2.2: https://www.freitag.de/autoren/seriousguy47/lewitscharoffs-dresdner-rede-2.2

13:56 10.03.2014
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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