S21-Chef Stefan Penn: Stadtzerstörung als Selbstverwirklichung

Bei diesem Beitrag handelt es sich um ein Blog aus der Freitag-Community

Stefan Penn heißt er und „der neue Macher“ von Stuttgart21 ist er - nach Meinung der Stuttgarter Nachrichten jedenfalls. „Macher“, das klingt nach Action. Nach einem, der zupackt. Der Schluss macht mit dem endlosen Gelabere. Einer, der endlich „Fakten“ schafft. Der draufhaut, nicht nachdenkt. Das zugehörige Photo zeigt dann eher einen, der weder das eine noch das andere ist. Wabbelfleisch von Kopf bis Fuß. Ungesunde Gesichtsfarbe. Ein Mensch, der aussieht wie einer meiner früheren Chefs.[1]

Der wusste weder, was ihm selbst, noch was anderen gut tat. Und als es ihn dann erwischt hatte und er gerade nochmal davon gekommen war, schien er andere umso mehr zu bedrängen, gegen ihre eigenen Interessen zu handeln. Als ob er wollte, dass es denen genauso ergehen möge wie ihm. Unerträglich schienen ihm jene, die erfolgreich auf sich selbst achteten.

Er war ein zu groß geratenes Riesenbaby, das von Maßlosigkeit in seinen Ansprüchen und in seinen Machtgelüsten beherrscht war. Ein barocker Fürst, der von seinem Thron aus exekutierte, wovon er meinte, dass er es exetutieren müsse. Kein Krieger und kein Weiser, sondern einer, der vom Sessel aus antrieb, intrigierte und gegebenfalls rücksichtslos schikanierte.

Soweit die Phantasien, die dieses Bild in mir auslöste, das ich erst nach der Lektüre eines parallelen Artikels in der Stuttgarter Zeitung gesehen habe, dem ein deutlich vorteilhafteres Strahlemann-Photo beigesellt gewesen war. Den Phantasien widerspricht, dass der neue Projektleiter für S21 unter Kollegen „als bodenständiger Typ“ beschrieben wird, der viel Wert auf Teamarbeit lege. [1] Aber so ähnlich wurde mein ehemaliger Chef auch hin und wieder eingeschätzt. Er hatte draußen einen exzellenten Ruf und war auch recht erfolgreich. Der Rest wurde nur sehr intern sichtbar, wenn es Widerstand oder Kritik gab. Wenn man sich seinen überzogegenen Vorstellungen widersetzte. Wenn man anderes für richtig hielt als er.

Wie vorsichtig man im Übrigen mit soclhen Urteilen sein muss, zeigt sich auch an einem aktuellen Bericht bei SPIEGEL Online. Danach schickte der Linzer Superintendent Wilhelm Mensing-Braun 1960

ein Schreiben... an das kirchliche Außenamt in Frankfurt am Main. Der Superintendent bescheinigte dem im österreichischen Linz aufgewachsenen Massenmörder Eichmann eine "grundanständige Gesinnung" , ein "gütiges Herz" und "große Hilfsbereitschaft".

Mensing-Braun schreibt, er könne sich "nicht vorstellen", dass der ehemalige SS-Obersturmbannführer Eichmann "je zu Grausamkeit oder verbrecherischen Handlungen fähig gewesen wäre".[2]

Das war 1960, wohlgemerkt. Das Motto "dass ein Projektmanager baut, was ihm vor die Flinte kommt", und darüber hinaus "keine Probleme kennt, sondern nur Herausforderungen", ist von 2011, steht nicht im SPIEGEL, sondern in der Stuttgarter Zeutung und stammt auch wieder vom patenten Herrn Penn. Klingt aber trotzdem „deutsch“. Nach dem Deutschen, der nichts kennt als seine Pflicht. Und die erfüllt er ohne Rücksicht auf sonstwas. Im Stuttgarter Fall umso mehr, wenn er "ein Faible für Großprojekte" hat. Und „seit knapp zehn Jahren lebt Stefan Penn seine Leidenschaft in Diensten der Deutschen Bahn aus.“ [3]

Mit „Großprojekt“ ist die Leidenschaft, die er nun in Stuttgart auszuleben gedenkt, allerdings nur unzureichend beschrieben. Denn, was er hier zu tun gedenkt, ist die Zerstörung eines ganzen Stadtkerns. Eines Parks, der ohnehin bereits jetzt zu klein ist, um mit der innerstädtischen Hitze und Luftverschmutzung gerade an der Stelle, wo er sich befindet, fertig zu werden. Dazu kommt noch dieZerstörung eines unersetzlichen Kulturdenkmals und potentiellem Weltkulturerbes, dessen Wert sich zwar der New York Times erschließt, aber offenbar nicht jeder schwäbischen Krämerseele oder jeder Pfälzer Abrissbirne.[4] Die meint nur, „dass der Südflügel und die als hinderlich identifizierten Bäume im Schlossgarten bald fallen müssten: "Bis zum Jahresende muss ein großer Stapel dieser Arbeiten erledigt sein."[3]

Ein „großer Stapel dieser Arbeiten“, so sieht der Herr Penn sein Zerstörungswerk an, für das er eigentlich lebenslänglich wegen Vergehen am Gemeinwohl weggesperrt gehört. Aber in flächendeckender Zerstörung für übergeordnete Ziele ist der Deutsche ja geübt. Da steht der Herr Penn in „guter“ Tradition. Der deutsche Ingenieur erledigt alles ohne Fragen, ohne Gewissen und mit Gründlichkeit und Präzision.Und „ im Blick auf den Südflügel "wäre es mir am liebsten, wenn wir ihn abreißen und hinterher sagen könnten: Keinen hat's interessiert".[3]

Wegschauen und hinterher von nichts gewusst haben. Auch das „gute“ deutsche Tradition, wie Herrn Penn sie offenbar sehr schätzt. Und sehr deutsch klingt auch „diese.. Art von Bescheidenheit“:

Schließlich sei der Bau [des Katzenbergtunnels] derart erfolgreich gewesen, dass die Kollegen vom Gotthardtunnel in der Schweiz vorbeigekommen seien, um das deutsche Werk zu bestaunen. "Die sehen uns als Benchmark und nicht andersherum", sagt Penn.“ [3]

Am Pennschen Wesen soll die Welt genesen. Der Park ist diesem Herrn dagegen nicht einmal eine Erwähnung wert, obwohl er doch prahlt: "Ich bin ein fieser Frühaufsteher"..... Sonntagmorgens sei es das Schönste für ihn, "um halb sechs im Strandkorb in meinem Garten zu sitzen und den Sonnenaufgang zu beobachten". [3] Die Stuttgarter sollen, geht es nach ihm, die Sonne in Zukunft ohne den Schatten alter Bäume hinter dem begrünten Betonwall des teil-unterirdischen Unterweltbahnhofs aufgehen sehen und dabei genussvoll Feinstaub inhalieren. Schließlich hat man bereits heute dort in der Gegend die höchsten gemessenen Werte davon in ganz Deutschland.[5] Herrn Penn stört dies nicht weiter, schließlich wohnt er selbst ja 47 Zugminuten entfernt von seinem Zerstörungswerk. [3]

Vor den kritischen Augen irgendeiner Presse oder irgendwelcher Umweltbehörden braucht sich diese fleischgewordene Banalität des Zerstörers nicht zu fürchten. Die Stuttgarter Zeitung schafft es tatsächlich, Ulrich Reuter, den Leiter der Abteilung für Stadtklimatologie in Stuttgart zu interviewen, ohne dass Stuttgart21 und seine Auswirkungen auch nur mit einer Silbe erwähnt werden. [6] Wie bei den Themen Denkmalschutz, Grundwasser- und Mineralwasserschutz und die möglichen Gefahren durch die Verseuchung des Stuttgarter Grundwassers durch chlorierte Kohlenwasserstoffe [7] hält das mafiöse Kartell des Schweigens dicht, um den perversen Spießertraum einer Metropolwerdung durch Suboptimalbahnhof um jeden, aber auch wirklich jeden Preis durchzuziehen.

So bekommt die Bemerkung der StZ zum Stadtklimatologen Ulrich Reuter, „seine Chance ergreift er bei Neubauprojekten“, [6] eine wahrhaft zynische Note. Und bei solchen Aussagen des Herrn Reuter ist die Verlogenheit und Schizophrenie nicht mehr zu toppen:

Wir haben ein Klima-Anpassungskonzept in Arbeit, mit Maßnahmen gegen die Hitze in der Stadt, aber auch gegen vermehrte Starkregen und Überschwemmungen. Eine sehr gute Möglichkeit ist, Stadtklima-Effekte bei der Stadtplanung zu berücksichtigen. Dazu gehört die Unterstützung jeder Art von Begrünung, etwa von Innenhöfen oder Dächern, und dazu gehört das Freihalten von Frischluftschneisen.......Die dicht bebauten Gebiete sind natürlich die problematischsten. Aber wir können ja nicht sagen: Wir haben da ein Problem, wir reißen die Stadt ab. Übrigens hat man in Stuttgart nicht erst darüber nachzudenken begonnen, seit über den Klimawandel gesprochen wird. Die Überwärmung war hier immer schon ein Problem. Die Abteilung für Stadtklimatologie ist mehr als siebzig Jahre alt. Durch den Klimawandel wächst die Bedeutung noch. Wir merken das daran, dass Fachleute, auch aus dem Ausland, zu uns kommen, um von unserer Arbeit zu lernen.“[6]

Nur mal so nebenbei: die wegen ihres Alters zentralsten Bäume für den kllimatischen Ausgleich im Schossgarten und die wegen ihres Abkühlungseffektes zentrale Frischluftschneise des Schienengeländes werden wegen S21 zerstört und durch weiter erhitzende Bauten in einer ohnehin bereits jetzt überhitzten Stadt ersetzt.

Der eigentliche Hammer aber, der die ganze Verlogenheit und Borniertheit der StZ-Redaktion in der Frage S21 vollends offen legt, ist, dass man auch noch einen Artikel unter dem TitelKlimawandel. Jede Art von Grün hilft der überhitzten Stadt“ dazu packt. [8] „Vor allem in großen Städten wird es ungemütlich heiß werden, denn dort heizt die Sommersonne an heißen Tagen den Beton kräftig auf“, heißt es dort. Und:

Nachts aber strahlen die Wände die am Tag gespeicherte Energie wieder ab und verhindern so das Abkühlen nach Sonnenuntergang. "In extremen Situationen sind die Nächte im Stadtzentrum acht Grad wärmer als im Umland".....Großstädte bilden daher Wärmeinseln in der sonst kühleren Nacht. Parks und Grünflächen einer Stadt speichern hingegen erheblich weniger Wärme als Beton und Asphalt. Obendrein verdunstet dort viel Wasser, was kühlend wirkt......Auch Bäume und Parks bringen einiges, weil sie nicht nur Schatten spenden, in dem die Bewohner angenehm sitzen oder spazieren können, sondern auch noch Wasser verdunsten lassen. Und dabei kühlen sie sich und die unmittelbare Umgebung kräftig ab.“[8]

Für Stuttgarter durchaus keine Erkenntnis, die ihnen nicht schon längst bekannt wäre. Und auch, dass sich dies mit dem Klimawandel erheblich verschlimmnern wird, ist ihnen bekannt. Die eigentliche Frage ist doch, wann die Stuttgarter Zeitungen dies nicht blos herunter plappern, sondern es abenfalls begreifen, endlich ihre korrupte und verschleiernde Berichterstattung aufgeben und sich offen dem Widerstand gegen S21 und zur Rettung der Stadt vor den gemeinwohlschädigenden Machenschaften anschließen. Und Leute wie den sauberen Herrn Penn nicht hochjubeln, sondern seine Tätigkeit öffentlich das nennen, was sie ist: ein kapitales Verbrechen an den Menschen dieser Stadt. Denn solche Biedermänner, die nichts im Kopf haben, als ihre vermeintliche Pflicht, und die fein säuberlich zu trennen wissen zwischen dem, was sie anderen antun und dem, was sie selbst um ihren Strandkorb herum hinzunehmen bereit sind, sind die schlimmsten von allen. Vor allem diese Sorte:

Man könnte meinen, der Streit, der das öffentliche und politische Leben in der Landeshauptstadt seit dem Baustart vor eineinhalb Jahren polarisiert, geht den Neuen nichts an. "Ich habe Genehmigungen", sagt er trocken. "Ich baue."[1]

Die Genehmigung oder der Befehl an Stelle eines Gewissens, das klingt dann doch zu vertraut, um noch als harmlos durchzugehen. Vor allem nicht, wenn dazu noch solche verräterischen Formulierungen kommen wie “baut, was ihm vor die Flinte kommt". [3] [Hervorhebung von mir.]

[1] www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-der-neue-macher-steht-unter-zeitdruck.1af668e9-9920-483e-b303-c71ea764c54c.html

[2] www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,781429,00.html

[3] www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.neuer-projektleiter-fuer-stuttgart-21-ein-faible-fuer-grossprojekte.2564ddd7-88ba-436c-832f-d79ed6b71c6f.html

[4] www.nytimes.com/2009/10/03/arts/design/03railway.html?scp=1&;;sq=Paul+Bonatz&st=nyt

[5] www.touristikpresse.net/news/33251/Stuttgart-21-und-der-Feinstaub-Bahn-missachtet-gerichtliche-Auflagen-Landesregierung-schaut-tatenlos-zu.html

[6] www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.interview-mit-stadtklimatologe-ulrich-reuter-die-kessellage-ist-ein-problem.e17ff3c4-1c34-4a0f-94d6-10d806df105d.html

[7] newsroom.stuttgart.de/aktuelles/detail/4d8882007321442610000002/sauberes-wasser-kommt-allen-zugute

[8] www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.klimawandel-jede-art-von-gruen-hilft-der-ueberhitzten-stadt.390304b0-f052-49ab-aa21-f4bda623e25b.html

Siehe auch hier:

www.freitag.de/community/blogs/kopfmachen21/war-da-was---

01:40 22.08.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47
Film der Woche
Der letzte Mieter

Beklemmender Berlin-Thriller zum Thema Gentrifizierung: Das letzte unsanierte Haus in einer schicken Wohngegend wird geräumt. Die meisten verbliebenen Mieter fügen sich ihrem Schicksal, doch Dietmar (W. Packhäuser) weigert sich. Das Spielfilm-Debüt des deutschen Regisseurs Gregor Erler überzeugt seit seiner Weltpremiere auf zahlreichen Festivals

Kommentare 2