S21 nach der Schlacht: Der Widerstand ratlos

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Keine Frage: die S21-Mafia hat ihre große, offene Feldschlacht gewonnen. Aber der Stuttgarter Widerstand hat nicht verloren. Konnte gar nicht verlieren. Denn erstens hatte sich für das Gros der Beteiligten längst der Weg als das wichtigste Ziel herausgestellt. Zweitens ist keines der Gegenargumente und keiner der Alternativvorschläge widerlegt worden. Und drittens hat der eigentliche Kampf noch gar nicht begonnen. Der Kampf der herrschenden Kaste gegen die Wirklichkeit nämlich. Und dessen Ergebnis wird erst in dem Moment feststehen, wo S21 so oder so am Ende angekommen ist. Denn in diesem Punkt irrt Grube – wie immer: nicht der Widerstand ist nach der Volksabstimmung sein Gegner, sondern die Realität. Der Widerstand war nur Vertreter und Anwalt dieser Realität.

Geschädigte gibt es gleichwohl. An allererster Stelle die Stadt Stuttgart, deren Herz seit Herbst 2010 durch Grubes erste, teilweise kriminelle, Überfälle die ersten menschlichen Kriegsopfer und die ersten materiellen Kriegsschäden seit dem Ende des zweiten Weltkrieges zu beklagen hat. Der Januar 2012 dürfte zu dem Datum werden, an dem das Herz der Stadt endgültig und unwiderruflich durch eine Soldateska aus Bauwirtschaft und „Polizei“ - die in Wahrheit längst keine Polizei mehr ist, sondern ein Söldnerhaufen des Kapitals – gestürmt und vernichtet wird. Dann wird es die ersten wirklichen Verlierer geben: die Bürger der Stadt und des Landes.

Der „Große Ratschlag“ des Stuttgarter Widerstandes am 04.12.2011, der unter Ausschluss der Mitstreiter, Sympathisanten und der weiteren Öffentlichkeit stattfand, scheint – glaubt man der Presse – außer Ratlosigkeit und Fehleinschätzungen nichts gebracht zu haben. Dass diese Ratlosigkeit unter der Überschrift „Konzentration auf die Kostenfrage“ daher kommt, braucht weiter nicht beachtet zu werden. Es ist ein – von außen betrachtet: lächerlicher - Strohhalm, an den man sich gemeinsam klammert, um nach der Feldschlacht „Volksabstimmung“ nicht völlig auseinanderzudriften.

www.bei-abriss-aufstand.de/2011/12/05/presseerklarung-groser-ratschlag-beschliest-neuanfang-fur-montagsdemos/

In Wahrheit ist es wohl so, dass man sich – wider besseres Wissen – auf das Spiel der Gegner eingelassen hat, das von Geißlers Anfang an nur ein Ziel hatte: Ruhe. Am Ende fand man sie in einem Ressentiment-geladenen Votum der Masse. Ich weiß auch nicht, ob und was man hätte anders machen sollen oder können. Und es ist auch müßig, es hinterher klugscheißerisch besser wissen zu wollen. Man ist einfach in dieselbe Falle getappt, in die schon viele Widerstandsbewegungen getappt sind: man hat sich eine offene Feldschlacht aufzwingen lassen, in der man einem technisch, finanziell und personell weit überlegenen Gegner hoffnungslos unterlegen war.

Eine Frage, die also nun zu klären sein könnte ist die nach einer intellektuellen Guerilla-Taktik. Die wird längst praktiziert, aber viel zu wenig und vor allem viel zu wenig beachtet. Und in der Schaumschlägerei im Vorfeld der Volksabstimmung ist sie völlig in den Hintergrund geraten. Dabei sind die Guerilla-Kämpfer - die Juristen, Ingenieure, Architekten, Geologen, Umweltexperten, Bahnexperten usw. - die eigentliche Stärke des bürgerlichen Widerstandes und sein ganz zentrales Potential. Die Fakten, das rationale Argument, die (virtuose?) Beherrschung der Mechanismen des Systems sind ihre Waffen. Der Protest auf der Straße gehört ebenfalls dazu. Aber seine Aufgabe im friedlichen Widerstand ist nicht der Straßenkampf, sondern die gegenseitige Vergewisserung der Gemeinsamkeit im Kampf und die Herstellung öffentlicher und medialer Aufmerksamkeit für die Argumente, die man hat.

Die aber stellt man her durch Masse und Provokation. Insofern geht die „Selbstkritik“ an der zu starken „Belästigung“ der Bürger durch Demonstrationen völlig fehl – wenngleich auch ich selbst sie sehr verführerisch finde. Aber glaubt denn irgendjemand im Ernst, ein militanter CDU-Anhänger, der voller Hass über den Machtverlust in so eine Abstimmung geht, würde anders votieren, wäre man ihm im Vorfeld, statt mit Demonstrationen, mit roten Röslein und Schokoriegeln gekommen? Glaubt denn irgendjemand, ein überzeugter Gegner von S21 würde zum Befürworter, nur weil er montags im Demo-Stau hängt? Und wenn, dann ist er ein Opportunist, der auch andere Gründe gefunden haben könnte, um seine Farbe zu ändern.

Nein, wir haben unser Glück unterschätzt, das wir bis dato hatten. Die zwei Katastrophen nämlich, die uns im richtigen Augenblick genügend Unterstützung für einen Machtwechsel zugetrieben haben. Mappus hieß die eine, Fukushima die andere. Und wir haben unser Pech unterschätzt, die dritte Katastrophe nämlich. Und die heißt SPD. Wie, zum Teufel, soll man denn eine Regierung wählen, die S21 stoppt, wenn es dafür nicht genügend Kandidaten gibt? Selbst die Grünen waren für viele doch nur das kleinste Übel. Kretschmann sowieso. Und ein kleinstes Übel ist nun halt mal nicht zwangsläufig auch klein. Man muss halt schauen, was man daraus machen kann. Und das haben wir bislang getan. Punkt.

Völlig unterschätzt haben wir, dass auf dem Feld der Lüge, Verführung und Propaganda unsere Gegner von der herrschenden Kaste uns hoffnungslos überlegen sind. Das ist doch deren täglich Brot. Und wir sind doch ihre tägliche Zielscheibe. Die kennen doch unsere geheimsten Sehnsüchte, Antriebe und Schwachpunkte. Und wissen, wie man die zu seinen Gunsten ausnutzt und ausbeutet. Und wir setzen dem doch täglich so gut wie nichts entgegen, sondern fallen laufend darauf herein. Und selbst wenn wir uns bemühen, uns dem zu entziehen, setzen wir uns noch zusätzlich dem sozialen Druck unserer Mitmenschen aus. Wir sind doch noch nicht einmal Amateure auf diesem Gebiet, sondern Behinderte. Weil wir – hoffe ich mal – ehrlich sind, anständig, sozial und um Rationalität bemüht. Kurz: naiv.

Deshalb war die Volksabstimmung nicht zu gewinnen. Sie war eine Erfahrung, eine Lehre, eine Diagnose. Und nun haben wir den Befund, können ihn anschauen, analysieren und ein Therapiekonzept entwickeln. Nur wird das die Zerstörung des Stuttgarter Herzens nicht mehr stoppen können - allenfalls den weiteren Fortgang des Projektes.

Und Volksabstimmung und Bahnhof waren und sind doch auch nur EIN Thema in einem ganz breiten Themenspektrum, das von der Stadt über die Bahn und die Politik bis hin zu den globalen Verwerfungen reicht, die uns zunehmend näher an den nächsten Abgrund drücken. Und sind und waren auch nur ein Aspekt im Widerstand. Auch dass wir jetzt nur auf dieses Abstimmungsergebnis starren und dabei vergessen, was wir alles erreicht und verändert haben, könnte, wenn schon nicht eine Taktik der Gegner, so doch ein Kollateralschaden der Abstimmung sein.

Was sich da an unterschiedlichsten Menschen zusammengefunden hat, was da kulturell in Bewegung geraten ist, wie diese tote Stadt der Spießer, Ingenieure und Bürokraten plötzlich ins Schwingen geraten ist, das ist doch nicht nichts. Wie diese Stadt, die viele bislang eher als notwendiges Übel betrachtet haben, an dem man, der Arbeit wegen, zu leben gezwungen ist, plötzlich in ganz neuem Licht erschien. Wie man, angesichts des drohenden Verlustes, die Schätze plötzlich nicht mehr als selbstverständlich, sondern als Kostbarkeit wahr genommen hat. Wie sich plötzlich neue mediale Strukturen aufgebaut haben, aus denen man nun etwas machen müsste, das Bestand und Funktion auch für die Zukunft hat. Allein diese spontane, zufällige Aufzählung mag andeuten, was da alles an Neuem entstanden ist und bewahrt werden könnte. Es ist an uns – na ja, ich selbst war und bin eigentlich nicht dabei – die pulsierende Metropole, zu der wir, das „Volk“, Stuttgart gemacht haben vor dem erneuten Einbetonnieren durch das dumpf-konservative Stimmvieh zu bewahren.

Und das wird jetzt die größte Herausforderung sein: wie können die Menschen, die sich im Widerstand zusammengefunden haben ihren Weg gemeinsam weiter gehen, wenn jenes eine Ziel, der Baustopp, verloren ist? Die zweite Herausforderung wird sein, dieses eine Ziel, solange es denn noch Sinn machen mag, mit der o.a. Guerilla-Taktik weiter zu verfolgen. Sind die fachkundigen Kämpfer noch bereit und willens dazu? Gibt es noch Achilles-Fersen des Projektes, die systemimmanente Chancen eröffnen, es zu stoppen? Wie kann die Bewegung zusammengehalten werden, wenn die Montagsdemos schwächeln und eingehen sollten?

Mir scheint, das sind gewaltige Aufgaben, denen gegenüber der Bahnhofsscheiß irgendwann einmal irrelevant erscheinen wird. Es stellt sich für mich nämlich langsam auch die Frage, wie lange es dieser feuchte Traum einiger dämlicher Provinzspießer noch wert ist, Lebenszeit, Kreativität, Gesundheit, Intelligenz und Engagement so vieler Menschen zu binden. Spätestens wenn der Schlossgarten vernichtet ist, dürfte die Waagschale kippen. Dann dürfte endgültig der Zeitpunkt gekommen sein, an dem man die S21-Mafia in ihrer eigenen Scheiße absaufen lassen sollte, bis sie daran erstickt.

Für den Widerstand stellt sich spätestens dann die Frage, ob man sich in diese Scheiße mit hinein ziehen lassen will. Oder ob man das, was man bereits neu zu leben begonnen hat wachsen und gedeihen lassen will. Und sich selbst mit dazu. Denn: s21 ist ein Symptom. Der Widerstand aber arbeitet längst an den Ursachen. Wenn die Abstimmungsgewinner nun darüber jubeln, dass ihr Krebsgeschwür endlich weiter wachsen darf, weil die Wähler meinen, der nötige Schnitt tue viel zu sehr weh, bedarf das keines weiteren Kommentars. Man muss nur aufpassen, dass man selbst sich jetzzt keine Metastasen einfängt.

Und jetzt ist es allerhöchste Zeit für die 102. Montagsdemo. Oben bleiben!

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Geschrieben von

seriousguy47

Anglophiler Pensionär und Flüchtlingsbetreuer aus Stuttgart.
seriousguy47

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