S21: Widerstand protestiert, Bahn demoliert, Diebe jubeln

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Die Inkompetenz der Bauleitung, die die Bahn für S21 irgendwo im Hinterland zusammengekratzt zu haben scheint, dürfte mittlerweile ebenso unbestritten sein wie die lückenhafte Fachkomptenz einiger eingekaufter Gutachter, deren letzter vor allem durch eine chronische Sehschwäche bei der Suche nach Juchtenkäfern aufgefallen ist.* Dass die hiesige Bauleitung der Bahn nicht einmal dazu in der Lage ist, den Abriss eines Bahnhofsflügels so zu planen und durchzuführen, dass nicht gleich die ganze Überdachung der Bahnsteige aus den Fugen gerät und ein dort gerade haltender Regionalzug nur knapp an einer Katastrophe vorbei schrammt, lässt Schlimmes ahnen.** Schließlich stehen ja noch jede Menge Gipskeuper und Mineralwasservorkommen zur Bewältigung an.*** Insofern darf man auch das, was gerade das Kleine Haus der Stuttgarter Staatstheater, erlebt als Schrift an der Wand und Vorgeschmack auf Kommendes betrachten:

Die Probleme mit der Sanierung des Stuttgarter Schauspielhauses nehmen kein Ende. Das für rund 25 Millionen Euro behutsam runderneuerte Haus ist zwar Mitte Februar wiedereröffnet worden, hat seitdem aber den Praxistest wohl nicht bestanden. Im täglichen Spielbetrieb, so hat der Intendant Hasko Weber am Donnerstag mitteilen lassen, seien weitere „umfangreiche Probleme mit dem neuen Kommunikations- und Steuerungssystem“ festgestellt worden. Wie aus dem Theaterumfeld weiter zu hören ist, seien diese Probleme zwischen Inspizientenpult und Bühnentechnik so „katastrophal“, dass zu deren Behebung eine Schließzeit von fünf bis sechs Monaten notwendig sei. ….. Der Bauherr ist die im Finanzministerium von Nils Schmid ange­siedelte staatliche Vermögens- und Hochbauverwaltung. ….. [Intern redet man] gar von einem Sanierungs-GAU.....

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.staatstheater-stuttgart-sechs-monate-schliesszeit.52bb837a-2921-494b-b791-d4356a69f602.html

Der eigentliche Super-Gau im Superministerium ist natürlich der sogenannte Minister selbst. Und von dem darf man nach dem bereits vollzogenen Pfusch bei S21 (Gestattungsvertrag u.Ä.) wohl noch Schlimmeres erwarten. Umso nötiger bleibt die „kritische“ Begleitung auch von Grün-Rot durch den Stuttgarter Widerstand – und hoffentlich bald auch ein gerichtlicher Stopp der Katatstrophe21. Die Redner auf der 117. Montagsdemo hatten jedenfalls wenig Mühe, Grubeschen Schwachsinn aufzuzeigen und die Katastrophenliste zu S21 fortzuschreiben.

Matthias Ilg von den Ingenieuren22 betrachtete die Stuttgarter Idiotie vor einem internationalen Hintergrund, wo mehr Vernunft zu herrschen scheint:

Wussten Sie schon, dass man in England zwischen London und Bristol bis 2030 mit 50% mehr Eisenbahnpassagieren rechnet? Dass man in der Schweiz in Ballungsräumen von 100% mehr Passagieren ausgeht?

Wussten Sie schon, dass die zweitgrößte Eisenbahn der USA von Warren Buffett aufgekauft wurde, weil er große Zuwächse im Güterverkehr sieht? Wussten Sie schon, dass unsere Nachbarländer den Güterverkehr auf der Schiene ausbauen?

Ein zukunftsfähiger Wirtschaftsstandort braucht Leistungsreserven auf der Schiene. Schauen wir doch mal nach, ob uns da Stuttgart 21 weiterhilft!

Beispiel 1 – Stuttgart Hauptbahnhof. Ein neuer Bahnhof mit geringerer Leistung macht keinen Sinn. Dokumente von 1997 zeigen, dass Stuttgart 21 von vornherein nur für die bescheidene Leistung von maximal 30 Zügen pro Stunde ausgelegt war [Der derzeitige Kopfbahnhof leistet mindestens anerkannte 50 - SG].****

Beispiel 2 – die S-Bahn Stuttgart. Hier kommt es zu einem teuren Umbau, aber ohne dass Gleise oder Bahnsteigkanten hinzugefügt werden. Das Notfallkonzept wird schlechter und die Fahrzeiten in die Stadt verlängern sich. Im Stresstest ist laut SMA die S-Bahn-Stammstrecke gar in einem kritischen Zustand. Für Optimierungen der Gleise an heutigen S-Bahnhöfen, wie z.B. Plochingen, gibt es keine Planungen. Die Weiterführung der S-Bahn in die Region, z.B. ins Filstal, rückt daher in weite Ferne.

Beispiel 3 – der Güterverkehr. Drei Richtungsgleise führen von Westen auf Stuttgart zu und münden in ein einziges Richtungsgleis der Filstalbahn. Damit besteht ein Flaschenhals auf der Verbindung Ruhrgebiet – München – Südosteuropa. Die Neubaustrecke Wendlingen-Ulm ist aber so steil ausgelegt, dass selbst kurze Güterzüge mit nur 700-800 Tonnen bei Aichelberg nicht wieder anfahren können. Damit ist die Neubaustrecke für Güterzüge unwirtschaftlich und der Flaschenhals bleibt bestehen. An der Altstrecke wird der Lärm durch Güterverkehr zunehmen.

In allen drei Beispielen bietet Stuttgart 21 keine Leistungsreserve. Eine Planung mit Zukunftsfähigkeit, eine Planung für Wettbewerbsfähigkeit sieht anders aus.

Eine gute Verkehrsinfrastruktur mit Reserven ist aber ein Schlüssel für die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft unseres Landes. So formuliert das die EU-Kommission [Die allerdings offenbar selbst nicht kapiert, was sie sagt***** - SG].

Die Bewahrung und Verbesserung dieser Wettbewerbsfähigkeit ist die Aufgabe des Wirtschaftsministers. Daher fordern wir den Wirtschaftminister Nils Schmid auf, daran mitzuwirken, die Wachstumsbremse Stuttgart 21 zu lösen und die Zukunft der Verkehrsinfrastruktur unseres Landes auf die richtigen Gleise zu setzen.

Nicht nur dem Wirtschaftsminister sondern auch dem Finanzminister Schmid droht die Entgleisung. Am Freitag wurde im Lenkungskreis bekannt dass für den Tiefbahnhof aus „Fest“preisen nun doch „Gleit“preise geworden sind. Damit steht fest dass ihm der Landeshaushalt mit noch mehr Schulden entgleiten wird.

In Zeiten knapper Finanzmittel kann das alles nur heißen, Stuttgart 21 zugunsten zukunftsträchtigerer Projekte zu stoppen.

www.radio-utopie.de/2012/03/26/nicht-nur-dem-wirtschaftsminister-sondern-auch-dem-finanzminister-schmid-droht-die-entgleisung/

Zur furchtbaren Murks-Planung auf den Fildern äußerte sich Steffen Siegel, der Vorsitzende der Schutzgemeinschaft Filder:

Ein Herzstück von S 21, ohne das S21 nicht funktioniert, ist der Filderabschnitt 1.3. Dort versucht die Bahn seit über 10 Jahren das PFV einzuleiten, stets ohne Erfolg ( aus einem Brief vom EBA aus dem Jahr 2005: “die Planung ist nicht genehmigungsfähig”). Und seither hat sich an den Plänen nichts geändert. Letztes Jahr sagte Bahnsprecher Fricke, die Bahn habe “diesen Schlenker” der Schnellbahn über den Flughafen nicht gewollt, er sei nur auf Wunsch der damaligen Regierung geplant worden. Und was sagt die neue dazu?

Nach dem Schlichtungsverfahren mit Dr. Geissler waren sich alle – Politik, Medien, selbst die Bahn – einig, dass in Zukunft kein Großprojekt mehr so durchgeführt werden könnte wie zuvor.

Der Filderabschnitt 1.3 bietet sich für einen neuen offenen Stil, wie er vom Land proklamiert wird, geradezu an. …..

Warum liefen dennoch alle Vorarbeiten nicht öffentlich? Der Moderator wurde bestimmt. Die Zeitschiene wurde vorgegeben usw. Was, wenn sich eine Alternative aufdrängt? Dann braucht man neue Planungszeit! Die Bahn favorisiert seit 16 Jahren diese (Murks-) Pläne und jetzt soll es um Wochen gehen? Deshalb fordern wir den sofortigen Einstieg in einen ergebnisoffenen Bürgerdialog.

..

Welche Alternativtrassen werden gehandelt? Viele, aber dabei drängt sich wirklich keine auf.

Was ist unser Alternativkonzept?
1. Erhalt der Gäubahn auf der bestehenden Trasse. Dies ist eine Forderung im Schlichterspruch, der ja von allen akzeptiert wurde. Minister Hermann hat letzte Woche diese Option auch öffentlich gefordert.
2. Zum Flughafen fahren zusätzlich Express S-Bahnen ohne (oder mit einem) Halt vom HBHF aus.
3. Eine Ertüchtigung des Vaihinger Bahnhofs um einen Bahnsteig, vor allem, damit die wenigen Fahrgäste der Gäubahn, die zum Flughafen wollen, dort auf die S-Bahn umsteigen können. Damit erübrigt sich auch die Rohrer Kurve.
4. Ein S-Bahn-Ringschluss über die Filder, von Vaihingen über den Flughafen ins Neckartal nach Wendlingen und Esslingen

Schlussbemerkungen: Wir werden weiter um jeden Quadratmeter besten Filderboden kämpfen. (10 Hektar Park gewinnen? 30 Hektar Filderboden versiegeln?)

Wir können die Antragstrasse schon allein deshalb nicht gutheißen, weil sie laut Flughafenchef Fundel zu 1,5 Mio mehr Fluggästen im Jahr führt, d.h. etwa 50 Flugzeuge mehr am Tag. Und schließlich noch ein Wort zu den Kosten:

Alle sagen, wenigstens für den Filderbereich gibt es kein tragfähiges Betriebskonzept (Stresstest), höchst problematischer Mischverkehr, kein funktionierendes Notfallkonzept, der Tiefbahnhof unter der Messe birgt nur Probleme, die Wendlinger Kurve ist zu klein bemessen, usw. Die Bahn hat es in 16 Jahren Planung nicht geschafft, auch nur annähernd ein fahrbares Konzept zu liefern, und hat jetzt die Stirn zu sagen: Wer was ändern will, muss es auch bezahlen.

Nein, die Bahn selbst hat gefälligst für die Behebung ihres Versagens die Verantwortung zu übernehmen, sie muss für ihren Murks aufkommen, nicht der Steuerzahler.

Unsere bürgerfreundliche Alternative ist rasch umsetzbar, billiger, ökologischer und leistungsfähiger. Auch wenn der Kampf aussichtslos erscheint, in einem sind sich alle Beteiligten (Politik, Gemeinden, Bürger, inzwischen sogar Fricke und Drexler) einig: Die bisherige Filderplanung ist furchtbarer Murks.

Deshalb: Weiterkämpfen und Oben bleiben.“

www.radio-utopie.de/2012/03/26/die-bisherige-filderplanung-ist-furchtbarer-murks/

Grüße vom Frankfurter Protest und manch anderes brachte Peter Grohmann per Bürgerbrief und Rede mit:

www.die-anstifter.de/?p=12511#more-12511

www.youtube.com/watch?v=4mzPowo__xs&;feature=youtube

Und zum Schluss auch noch eine gute Nachricht – zumindest für die Diebstahl-Szene in Göppingen:

Dort vermeldet man die „Tatsache, dass von Oktober bis Dezember 78 Einbrüche stattfanden, von Januar bis März allerdings nur noch 15. Ein Sprecher Göppinger Polizei erklärt das mit den verstärkten Kontrollen. Diese seien aber auch erst dadurch möglich geworden, dass man mehr Kräfte habe bündeln können – Personal, dass noch im Spätherbst vorigen Jahres wegen der aufwendigen Einsätze im Zusammenhang mit den Stuttgart 21 in der Landeshauptstadt gebunden gewesen sei. …..

Insgesamt hat sich die Zahl der Einbrüche, die im Schutze der Dämmerung vornehmlich in Häuser am Ortsrand begangenen wurden, gegenüber dem Vorjahr von rund 50 auf mehr als 90 fast verdoppelt. Der Sachschaden belief sich dabei auf rund 50 000 Euro. Der Wert des Diebesguts – überwiegend Bargeld und Schmuck – betrug rund 300 000 Euro......“

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.polizeistatistik-in-goeppingen-diebe-haben-von-s-21-profitiert.4646a01d-5218-489a-9e12-14b63f2d416c.html

Es ist zu vermuten, dass man zumindest in der Göppinger Diebstahl-Szene auf einen weiteren ereignisreichen Fortgang des Projektes21 hofft. Und die ganz großen Diebe haben zum Schampus wohl auch schon die Thermalnutten in Budapest gebucht....

*baumpaten-schlossgarten.de/files/Das_Versagen_des_Artenschutzes.pdf

** www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.stuttgart-21-demoliertes-dach:-bahnsteige-bleiben-gesperrt.ae4cfe63-17a2-4c6c-85b4-48529be86177.html

*** www.stern.de/politik/deutschland/bahnprojekt-stuttgart-21-verschaerfte-sorge-um-heilquellen-1666519.html

www.bei-abriss-aufstand.de/2012/03/01/s21-verscharfte-sorge-um-die-gefahrdeten-heil-mineralquellen/

**** Siehe dazu auch:

railomotive.com/2012/03/stuttgart-21-db-papier-bestatigt-geplanten-kapazitatsabbau/

railomotive.com/2012/03/db-hangte-110-bahnhofe-vom-fernverkehrsnetz-ab/

***** www.welt.de/politik/deutschland/article10307160/EU-Kommissar-pocht-auf-Umsetzung-von-Stuttgart-21.html

www.stuttgarter-zeitung.de/inhalt.eu-verkehrspolitik-macht-europas-neues-wegenetz-stuttgart-21-billiger.7a3df91a-2d30-4aa9-a810-7534a036e147.html

Die Videos zur 117. Montagsdemo gibt es bei HanSolo und Bonatz21:

bambuser.com/v/2503489

www.youtube.com/user/Bonatz21/videos

16:44 27.03.2012
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Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
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