Hexenjagd auf Gerhard Schröder?

Schröder, Putin Hat sich Wolfgang Michals Empörung über die öffentliche Schröder- Hatz (Freitag 21) inzwischen erledigt?

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Wolfgang Michal, der die „Hexenjagd“ – passend zum Beginn des 102. Katholikentages in Stuttgart - auf der Titelseite des neuen Freitag behauptet, meint es sicher gut. Auch wollte er nicht die Frauen beleidigen, die sich tatsächlichen Hexenprozessen unterziehen mussten, zum Beispiel die Mutter von Johannes Kepler, „…eine Frau von rauhen Sitten … von beißendem Witz, streitsüchtig, von schlimmem Wesen“. Aber sein Einsatz für den MANN von rauen Sitten scheint mir doch weit überzogen.

Seine Jobs in russischen Unternehmen sollten wir gefälligst für so selbstverständlich halten wie Mandate anderer Ex-Politiker in amerikanischen Firmen, zitiert er den Ex-Kanzler und teilt dabei dessen schiefe Optik, denn ein Ex-Kanzler ist noch einmal etwas anderes als irgendein Ex-Politiker. Und deren direkte Wechsel von der Politik in die Wirtschaft haben durchaus auch ein G’schmäckle. Und wer wird denn gleich zur US-Firma gehen, wenn das schlechte liegt so nah!

Aber da zeigt sich auch schon der voreingenommene Blick des Autors. Nicht der allgemeine Hauch von Korruption, der über bestimmten Politikern hängt wird thematisiert, nein, das ganze wird schon wieder in ein West-Ost-Schema gepresst, als ob der RUSSISCHE Kontakt das Anstößige sei und nicht der Ruf des Geldes.

Der machte von Anfang an den toxischen „Geruch“ des Ex-Kanzlers aus, umso mehr, als er genau das Projekt vorangetrieben hatte, an dem er nun verdienen würde. Dass dieser Job (und seine angebliche Freundschaft mit Putin) nach dem Krieg gegen die Ukraine nun als besonders anstößig empfunden wird, stimmt schon. Aber anrüchig war das ganze von Anfang an.

Und anstößig war auch zeitweise sein Verhalten als er noch Kanzler war. Das aber scheint mir auch jetzt der Fall zu sein. Angesichts dessen, was Tag für Tag in der Ukraine geschieht, ist es eine schlichte Frage des Anstands, ob man weiterhin für das Täter-Regime tätig sein möchte.

Kurz: Das hat nichts mit West-Ost zu tun, sondern mit politischem Instinkt und menschlichem Anstand.

Schräg wird es, wenn Michal die Corona-Krise als ideale Vorübung zur Ausgrenzung Andersdenkender beschreibt, seit der es „normal“ ist, Vertreter anderer Meinungen „von hoher moralischer Warte aus mit Beleidigungen zu überziehen und gedanklich an die Wand zustellen“.

Oh mein Gott! Habe ich da etwas verpasst? Ja, bei der Impfpflicht für Pflegeberufe wurde mit schein- und dopppelmoralischer Polemik diffamiert – und das auch noch von einem Verfassungsgericht abgesegnet, bei dem man sich ernsthaft fragen darf, was die denn vorher geraucht haben -, aber ansonsten ging es, so wie ich das erlebt habe, vor allem darum, dass eine Menge Menschen, Politiker inklusive, sich bis heute weigern, sich einzugestehen, dass wir es mit einem Virus zu tun haben, das für viele Menschen verdammt gemein sein kann, und wegen dieser kollektiven Verdrängung unfähig sind, ruhig und mit pragmatischer Vernunft das zu tun, was wissenschaftlich sinnvoll und zielführend scheint.

Aber vielleicht hat Herr Michal ja recht. Vielleicht haben die heutigen „Putin-Vertsteher“ die Corona-Pandemie tatsächlich dazu benutzt, um sich schon mal im Wegsehen zu üben – was sie angesichts dessen, was in der Ukraine geschieht, mittlerweile gut beherrschen.

Aber es kommt noch dicker. Von „öffentlichen Schauprozessen“ ist die Rede von Säuberungswille und von Ausschüssen für unamerikanische Umtriebe, also von all so Sachen, die unter Putin in Russland geschehen. Aber bei uns? Gegen Schröder?

Und dann die Gleichsetzungen mit Persönlichkeiten wie Charlie Chaplin und Thomas Mann? Schröder?!

OK, die Doppelmoral des Herrn Weil von VW – oder Niedersachsen – kann schon hervorgehoben werden. Dass ein von Schröder gestiftetes Kirchenfenster nicht eingebaut werden soll, ist lächerlich. Anderes ist überzogen, manches, was jetzt rückgängig gemacht werden soll, hätte erst gar nicht gemacht werden sollen.

Aber ein Vergleich von Schröder mit Helmut Schmidt ist abwegig, ebenso der von Putin mit Breschnew. Der eine hatte bessere Manieren, der andere hielt sich einigermaßen an internationale Regeln.

Also es stimmt schon, dass mit dem Ex-Kanzler öffentlich ziemlich rüde umgesprungen wurde, dass da möglicherweise ziemlich viele alte Rechnungen aufgemacht wurden (z.B.Hartz IV). Und ein greifbarer Sündenbock für eine angeblich verfehlte Ost- bzw. Friedenspolitik gegenüber Russland kann auch sehr gelegen sein.

Aber Michal sieht das leider gleich wieder in der anti-amerikanischen Whataboutismus-Brille und übertreibt maßlos. Das wichtigste übersieht er dabei: Hätte Schröder mit seinen Posten eventuell eine nützliche Brücke zum Putin-Regime und eine Hilfe bei der Anbahnung von Friedensgesprächen sein können? Das ist für mich die ganze Zeit die entscheidende Frage.

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Anglophiler Pensionär und Flüchtlingsbetreuer aus Stuttgart.
seriousguy47

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