seriousguy47
24.09.2010 | 22:05 13

Stuttgart 21: Das Imperium schlägt zurück (1)

Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied seriousguy47

Es war ja schon angekündigt. Jetzt schießt das Imperium zurück. Mit einer Flut von Ködern, Lügen, Halbwahrheiten, Manipulationen, Irreführungen, Weglassungen. realen Informationen, hohlen Phrasen, geschönten Zahlen, vergifteten Angeboten usw. haben nicht nur die zwei Seiten der monopolisierten Stuttgarter Hofberichterstattung die Bevölkerung unter Dauerbeschuss genommen. Dabei dominiert beim Embedded Journalism weniger der gezielte Beschuss als vielmehr die Streubombe.

Dass man das alles gar nicht mehr aufnehmen, geschweige denn überprüfen oder verarbeiten kann, dürfte gewollt sein. Darum geht es ja schon längst nicht mehr. Denn einer Überprüfung hält Stuttgart 21 schon lange nicht mehr stand. Man soll es nicht mehr verarbeiten können. Es soll nur das Erwünschte hängen bleiben.

Wie das konkret funktioniert, mögen ein paar Zahlen illustrieren. Allein heute und gestern habe ich eine Textdatei mit 40 Seiten Umfang kopiert. Es ist eine von 70, die allein zum Thema S21 in den vergangenen Wochen bei mir aufgelaufen sind. Das ist jenseits des Machbaren. Im Hase -und -Igel-Spiel der Herrschenden wird der Widerstand langsam zum Hasen - der übrigens auch in seiner realen Erscheinungsform betroffen ist.*

Er hat zwar die besseren Argumente. Die Befürworter aber haben den technischen und medialen Overkill auf ihrer Seite, mit dem sie den Protest zu Tode zu hetzen versuchen. Denn kaum ist eine „Lüge“ widerlegt, werden schon x weitere nachgeschossen.

Hauptziel dürften die Grünen sein. Am „Runden Tisch“ haben sie sich heute erwartungsgemäß schon mal weich klopfen lassen. Gelingt es, sie nach Hamburger oder Saarbrückener Art vollends in die politische Prostitution zu drängen, dann hat der Protest seine politische Spitze verloren. Geträumt wird hierzulande von Schwarz-Grün ohnehin schon lange. Diejenigen, denen es zu lange dauerte, sind auch schon längst als Vorhut (?) zu Schwarz gewechselt. Ein Winne Hermann macht noch keine Partei. Schon gar nicht von Berlin aus. Und dass die SPD 1996 einen grünen OB und die Grünen 2004 eine SPD-OBin verhindert haben, macht die Sache sicher nicht schwerer (1)/ (2).

Dass der heute „Linke“ Ulrich Maurer damals eine besonders unrühmliche Rolle spielte, passt irgendwie, denn es macht die Misere erst so richtig perfekt. Und OB Schusters gebrochenes Wort und sein daraus resultierender Wahlbetrug wird schnell vergessen sein, wenn die CDU einen hinreichend verlockenden Köder auslegt, den sie später dann – wie in Hamburg – wieder einkassiert.

Die SPD, die sich im politischen Überlebenskampf zu früh und zu rigide hat einbetonieren lassen und der schlicht und einfach die intellektuelle Kompetenz abhanden gekommen ist, massakriert sichderweil von selbst. Den „Dolch“ führt gerade die Stuttgarter Ratsfraktion, die sich gegen Bundes- und Landes-SPD positioniert (3). Über die Gründe kann ich wohl relativ informiert mutmaßen. Einer der führenden „Köpfe“ war ein Schüler von mir. Womit ich allerdings nicht sagen will, dass ich auch schuld daran sei......

Da verwundert es nicht, dass die Stuttgarter Zeitung sich schon mal in der Eheberatung versucht und einen grünen und einen schwarzen „Andersdenker“ zusammenführt (4).

So also der aktuelle Stand according to seriousguy. Und der polit-mediale Beschuss geht weiter. Aus allen Richtungen. Zum Beispiel in der Sparte „Mein Freund der Baum“. Da lanciert die Bahn doch tatsächlich schon mal die Idee, man könne ja vielleicht eventuell möglicherweise ungefähr so mal prüfen, ob man vielleicht eventuell möglicherweise den einen oder anderen ehrwürdigen Baum versetzen....Gut, könnte bis zu 100 000 Euro pro Baum kosten. Aber was tut man nicht alles, um des lieben Friedens willen. Der hiesigen Politik zuliebe hat man ja schließlich auch seine Vernunft abgeschaltet (5) / (6).

Und mal im Ernst: wer nimmt sowas denn ernst. Der Adressat ist wohl die regenbogenfarbige Esoterik-Oma, die allenfalls im Hirn von professionellen Rattenfängern des Kapitals existiert. Mal abgesehen davon, dass es nicht um versetzte Bäume, sondern um den Erhalt eines Parks geht. Und zwar exakt da, wo er bereits ist.

Aber weil es so schön war, folgt auf den Baum sofort der Juchtenkäfer, der ja bekanntlich im Baum sitzt und dort seinem Tagwerk nachgeht. Die Bahn vergisst zwar schon mal ein paar Fahrgäste, die unter den Super-Klima-Anlagen ächzen. Aber für den Juchtenkäfer, da hat man ein Herz im neuen Herz Europas. Jawoll . Der Herr Grube hat nämlich in Wahrheit ein ganz weiches Herz. Für Käfer, versteht sich. Ist nämlich ein Öko. Heimlich. Nachts unter der Bettdecke. Und da schlägt dann nicht nur das Käferherz höher (7).

Und weil es so schön ist. Und damit der Käfer nicht gleich wieder vergessen wird, schreibt ihm der schönste Mann in der StZ-Redaktion doch gleich noch einen Liebesbrief (8). Was hat man sich bei Käfers da gefreut! Ab jetzt liest man im Baum nur noch die Stuttgarter Zeitung. Wenn sie schon sonst keiner mehr liest....

Und wo bleibt der Mensch? Keine Sorge: er joggt. Für...äh...das lässt sich nicht so genau feststellen. Also, das ist nämlich so:

Ich war bei der Eröffnung des Weindorfs, als überall gepfiffen und Lügenpack skandiert wurde. Eine Frau neben mir hat das auch wütend gebrüllt, an der Hand hatte sie ein Leihfahrrad der Bahn. Dieses blinde Hochschlagen der Emotionen hat mich erschreckt und ich habe beschlossen, etwas zu tun, um die Diskussion auf die Sachebene zurückzubringen. Dieses Anliegen, die Gemüter zu beruhigen, steht bei dem Lauf an erster Stelle.“ (9)

Oder vielleicht doch eher so:

"Ich saß an dem Tag wegen der Proteste gegen die Abrissarbeiten 45 Minuten lang im Parkhaus fest und wollte nicht länger schweigen", erzählt List, Geschäftsführer einer Stuttgarter Kommunikationsagentur. So entstand die Idee, ein gemeinsames Hobby – das Laufen – mit dem politischen Engagement zu verbinden. (10)

Jedenfalls „das ist blanker Unsinn.“:

Ich weiß, dass seitens der Gegner von Stuttgart 21 verbreitet wird, die Bahn sei heimlicher Auftraggeber des Laufs für Stuttgart 21, weil sie auf unserer Referenzliste steht. Wie die Stadt Stuttgart übrigens auch.“ (9)

Womit dies geklärt wäre. Blieben noch die Mehrheitsverhältnisse. Also gestern waren ganz ganz sicher Pro S21 „nach Polizeiangaben rund 2500 bis 3000 Menschen auf dem Marktplatz“ (11). Oder vielleicht doch eher „nach Polizeiangaben über 2000 Menschen“ (12)? Na ja, ist eigentlich egal. Hauptsache die Mehrheit:

CDU-Landtagsfraktionschef Peter Hauk erklärte vor den Demonstranten, Baden-Württemberg sei seit Jahren der Zahlmeister beim Länderfinanzausgleich: "Jetzt erhalten wir einmal Geld von Bund und Bahn zurück. Auf dieses Geld verzichten wir nicht." Man dürfe sich nicht länger der Repression durch die Projektgegner unterwerfen. "Seit heute wissen wir: wir sind keine Minderheit", rief Hauk.“(11)

Wie bitte? Bis zu 70 000 Menschen gegen S21 auf der Straße? Nein, Entschuldigung, da haben Sie etwas falsch verstanden. Hier gilt die CDU-Zählweise: dort 147 objektiv festgestellte, weil angezeigte S21-Gegner, hier ca. 2 000 objektiv selbst geschätzte Befürworter. Da gibt es doch nichts zu deuteln, oder?(13)

Und die Umfrage-Mehrheiten? Also bitte, das ist doch die STRASSE:

CDU-Pfarrer Johannes Bräuchle geht es um mehr als den Bahnhof. Es geht um Grundsätzliches. »Man darf der Straße nicht die Meinungsbildung überlassen«.....Bräuchle will der »schweigenden Mehrheit«, wie er sagt, eine Stimme geben und ein Gesicht. Jüngste Umfragen, wonach 54 Prozent der Baden-Württemberger die Untertunnelung des Bahnhofs ablehnen, nimmt er nicht sonderlich ernst. Lieber erzählt er von den 20.000 Unterstützern, die sich im Internet gefunden haben. (14)

Bräuchle ist übrigens ein ganz kompetenter. Als Stadtrat schrieb er am 19.01.2004 unter anderem:

...Die Stuttgarter Wasserversorgung ist nicht verkauft. Sie gehört schon immer und wird auch in Zukunft der Stadt Stuttgart und ihren Bürgern gehören....“ .

So zitiert ihn ein Leserbrief in der StZ vom 12.08.2010. Und damit wäre auch gleich bewiesen, dass die Stuttgarter ziemliche Vollidioten sind. Sammelten sie doch 28 500 Unterschriften für einen „Rückkauf der Wasserversorgung“(15). Was sagt man dazu? Ist doch gut, dass die Journalisten einen so guten Riecher dafür haben, wen man fragen muss, wenn man Wahrheit und Kompetenz sucht. Den Herrn Pfarrer natürlich – sofern CDU.

Bloß wenn seine Zahlen etwas niedrig liegen (20 000 Pro), dann fragt man auch mal woanders:

Der Streit um Stuttgart 21 tobt auch im Internet. Nachdem sich dort lange nur die Gegner zu Wort gemeldet haben, werden nun die Befürworter aktiv. Die Facebook-Seite "Für Stuttgart 21" wächst rasant und hat mehr als 33.000 Anhänger. Stefan Wöhler hat die Seite gegründet. (16)

Leider hat es nach dem Interview etwas pressiert und so hat man bei den Stuttgarter Nachrichten vergessen, rechtzeitig die Kommentar-Türe zu schließen. So muss ich nun leider diesen Teil mit ein paar Ausschnitten aus ziemlich verblödeten Leser-Kommentaren abschließen:

Z.B.: Wie oft werde ich noch zu den Befürwortern hinzugerechnet....erst war ich für S21, weil ich nicht demonstriert habe, jetzt bin ich anscheinend für S21, weil ich bei Facebook sehen wollte, was dort so abgeht und Morgen bin ich wahrscheinlich für S21, weil ich mit der Bahn ins Geschäft fahre.

Oder z.B.: Gestern habe ich erfahren, wie die 33.000 Fans für S 21 bei facebook zustandekommen: Unsere Tochter findet zwischen ihren Favoriten plötzlich, dass sie Fan von S 21 ist, obwohl sie es definitiv nicht ist!!! Sie löscht es jedesmal und bei jedem Aufruf ist es wieder da. Vielen ihrer Freunde geht es ebenso. So werden wahre Fans heute kreiert, keine Spur von freiwillig!!! Erbärmlich, wenn man nur so "Zustimmung" erhält".

..

So zählen übrigens die S21-Gegner:

www.bei-abriss-aufstand.de/2010/09/21/offener-brief-an-die-polizei-zum-thema-zaehlungen-von-demonstrationen-bei-stuttgart-21/

Eine Fortsetzung ist beabsichtigt.

* www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2593343_0_9188_-protest-gegen-stuttgart-21-naturschutzbund-schaltet-sich-ein.html

(1) www.focus.de/politik/deutschland/ob-wahl-stuttgart-was-ich-tue-ist-einmalig_aid_159487.html

(2) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2624092_0_9223_-palmer-reagiert-auf-schuster-palmer-haelt-vorwuerfe-aufrecht.html

(2) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2622808_0_6873_-buergerentscheid-ob-schuster-kritisiert-palmer.html

(3) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2640473_0_1691_-stuttgart-21-rats-spd-stellt-sich-gegen-parteilinie.html

(4) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2640427_0_9223_-schwarz-und-gruen-im-interview-die-andersdenker.html

(5) www.scribd.com/doc/37261708/Spiegel-Rennbahn-in-der-Randlage

(6) www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.schlossgarten-deutsche-bahn-prueft-baumverpflanzung.b664227a-ab6a-43ce-826a-e1b1f194ee52.html

(7) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2637319_0_2823_-bedrohte-tierart-im-schlossgarten-bahn-schuetzt-kaefer.html

(8) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2640277_0_2544_-raidt-schreibt-lieber-juchtenkaefer-.html

(9) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2638511_0_9223_-befuerworter-von-stuttgart-21-lassen-uns-nicht-provozieren-.html

(10) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2633260_0_6870_-bahnprojekt-s21-die-befuerworter-machen-mobil.html

(11) www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2640473_0_1691_-stuttgart-21-rats-spd-stellt-sich-gegen-parteilinie.html

(12) www.welt.de/politik/deutschland/article9840286/Bahnchef-will-Stuttgart-21-auf-keinen-Fall-stoppen.html

(13) www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.laut-innenministerium-147-verfahren-gegen-stuttgart-21-gegner.15e601ad-e498-4b47-aa98-47d87e46b87d.html

(14) www.zeit.de/2010/39/Bahnprojekt-Stuttgart-21

(15) www.lw-online.de/fileadmin/downloads/presse_meldungen/2010_03_26_Stgt_Z.pdf

(16) www.stuttgarter-nachrichten.de/inhalt.fuer-stuttgart-21-hoppla-uns-gibt-s-aber-auch.302a8d4d-956b-48cf-8ea4-87d4d7bcea21.html

Fortsetzung hier:

www.freitag.de/community/blogs/seriousguy47/stuttgart-21-die-kunst-der-desinformation

Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.

Kommentare (13)

seriousguy47 25.09.2010 | 04:03

Hallo gill bost,

die Fragezeichen sind mehr als berechtigt. Sowas Irreführendes - um nicht das L-Wort zu benützen - habe ich bislang noch nicht einmal in der hiesigen Presse gelesen:

"Stuttgart-21-Gegner lenken ein"

-->Dagegen StZ: "Stuttgart 21.Kein Gespräch ohne klares Zeichen. Wirklich näher gekommen sind sich Gegner und Befürworter beim Sondierungsgespräch nicht. "

"Mehrere tausend Menschen hatten am Abend zuvor erstmals sichtbar auf dem Rathausplatz für das Vorhaben demonstriert."

"Am Donnerstag sollen es nach Polizeiangaben rund 3000 gewesen sein"

"Die lautstarken Rufe „Lügenpack“ von der Zuschauertribüne ins Plenum..."

-->Eigenartig, das bei diesen Demonstranten (Gegen S21) keine Zahlen angegeben werden. Laut StZ waren es "rund 1500 bis 3000 Demonstranten ".

www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2640473_0_1691_-stuttgart-21-rats-spd-stellt-sich-gegen-parteilinie.html

"Weil die S-21-Gegner mit justiziablen Beleidigungen störten, wurde die Sitzung abgebrochen."

--> Dazu die StZ: "Während Demonstranten draußen die Rathaustür mit Aufklebern versahen und die Rathaustreppe mit Sägespänen und Ästen dekorierten, ließen die Gegner drinnen ihrem Unmut freien Lauf: "Schuster raus" und "Lügner" schallte es dem OB von der Tribüne entgegen." (Link wie oben)

-->Siehe dazu die Zahlenangaben oben im Beitrag!

„Wir sind Stuttgart“

-->Also auf dem Photo meiner heutigen StZ steht auf dem große Banner eindeutig: "Wir sind Stuttgart 21".

Bemerkenswert übrigens diese Meldung, denn die Firma wollte dringend(?) mitmischen:

"Stuttgarter Bauunternehmer
Rudi Häussler meldet Insolvenz an
Der Stuttgarter Bauunternehmer Rudi Häussler ist offenbar an dem Möhringer Wohnbauprojekt Seepark gescheitert...."

www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2641878_0_2060_-stuttgarter-bauunternehmer-rudi-haeussler-meldet-insolvenz-an.html

!!!!

Hermanitou 25.09.2010 | 12:45

Hier handelt es sich keineswegs um das zurückschlagende Imperium, sorry. Es ist ganz einfach so, daß über den Tag hinaus denkende Menschen, darunter jede Menge ganz normale, für eine Zukunftsperspektive eintreten, die es Stuttgart und Oberschwaben ermöglicht, auch in den nächsten hundert Jahren am wirtschaftlichen Fortschritt teilzunehmen.

Das Argument der hohen Kosten ist angesichts der Summen, die -ohne Aufschrei- der Autoindustrie in den Rachen geschmissen werden oder der Hypo-Real-Estate geschenkt werden, lächerlich. Die dortige Bürgerbewegung sollte ihre Aufmerksamkeit besser auf die Klientelpolitik der Bundesregierung, sprich: Atomkraftwerke, Pharmaindustrie etc. richten.

Werden bei S21 also den künftigen Generationen Schulden aufgehalst, wie ständig lamentiert wird? Nein, die Zukunft dieser Generationen wird gesichert.
In Ulm zum Beispiel herrscht breiteste Zustimmung, nur wenige meinen, man könne die Schnellfahrstrecke in vernünftiger Zeit ohne den neuen Bahnhof bekommen.

Und der zum Baudenkmal so hoch stilisierte Bahnhof? Der wird von den Stuttgartern statt als Denkmal verehrt durch den häßlichsten Parkplatz der Stadt verschandelt.

Würde man nur Zukunftsvisionen verhindern, dann hätten wir weder Suez-noch Panamakanal. Und Stuttgart 21 ist - bei allen Kosten, ein Projekt, durch das zukünftige Generationen profitieren werden.

mcmac 25.09.2010 | 14:10

Sehr geehrter Herr Hermanitou,

unter der Oberfläche Ihrer dünnen Argumentation scheint deutlich die Polemik durch – z.B. vermeintlich kleinere Übel gegen größere auszuspielen.

Wir beide wissen ja hinlänglich, dass Sie bezüglich dem Größenwahn-Projekt S21 relativ beratungsresistent sind, sich lieber Illusionen hingeben. Das sei Ihnen auch unbenommen.

Anbei trotzdem noch mal ein Versuch, sie mit Informationen zu versorgen, um Ihrer Argumentation zu mehr Substanz zu verhelfen; nein, diesmal keine Projekt-Gegner-Site, sondern ein -vielleicht weniger suspekt erscheinender, umfangreicher Spiegel-Artikel vom letzten Montag zu diesem Thema.

Angenehme Lektüre wünscht Ihnen
mcmac

seriousguy47 25.09.2010 | 18:00

Hallo Hermanitou,

Sollten Sie sich gelegentlich der Tortur unterziehen wollen, alles zu lesen, was ich hier und auf ZEIT Online zu S21 geschrieben habe, dann werden Sie vermutlich nirgendwo ein Statement gegen schnelle und bequeme Bahnverbindungen finden. Was aber dieses ständige "Zukunfts"-Gerede der Befürworter betrifft, so ist mir seit Monaten und ca. 1000 Seiten Lektüre bislang noch kein KONKRETES und STICHHALTIGES ARGUMENT begegnet, das die ausschließliche Zukunftsfähigkeit von S21 untermauern würde.

Im Gegenteil, selbst die erklärtermaßen Pro-Zeitung, die Stuttgarter nämlich, kommt heute in einer Sonderbeilage zu S21 (25.09.2010) u.A. zu folgenden Schlüssen:

1. Die Bahn sei nicht in der Lage, "die Kosten exakt zu bestimmen".

2. "Unklar ist, wie anfällig er [der Maulwurfsbahnhof] bei Störungen ist - was Zugausfälle und Störungen bedeuten könnte[n]".

3. "Ob die durchlaufenden Zuglinien wirklich Vorteile gegenüber heute bringen bleibt dagegen strittig."

4. "..die Frage ist, ob die Kosten im Verhältnis zum Nutzen stehen." Das aber ist die einzig ökonomisch richtige Frage, nicht das Totschlag-Argument mit HRE. Wenn dort noch mehr Geld versenkt wird, ist das doch wohl kein Grund, jetzt auch im Schloßpark Milliarden zu versenken. Das ist schlicht ein populistischer Erregungsversuch eines imaginierten "Volkszorns".

5." Wie viele Jobs das Projekt auf Dauer erzeugt, kann dagegen heute niemand vorhersagen."

6. Und schließlich - angesichts des teilweisen S-Bahn-Chaos bereits heute-: "...dies spricht nicht für eine detaillierte Planung und Bauausführung der Bahn."

Soweit die StZ. Und dem gegenüber steht die dauerhafte Zerstörung des Schlossgartens und des Bonatzbaus, der wegen seiner weltweit einzigartigen Architektur auf die Liste der Bauten im Weltkulturerbe gesetzt werden sollte.

Mir scheint den ständigen Versuchen, die Gegner als rückständig zu diffamieren, die Anhänger der "schöpferischen Zerstörung" von Lebensqualität und Kultur zugunsten von "zahlungskräftigen Investoren wie Banken und Versicherungen" (StZ zur S21-City) aber als Promotoren der "Zukunft" heilig zu sprechen, die Strategie zugrunde zu liegen, die ein Herr Professor Rota neulich öffentlich gemacht hat: "Die Botschaft müsste lauten: wir verkörpern den Fortschritt, die anderen sind irgendwie ,retro-trullala‘." Und dabei merkt der Professor aus Stuttgart noch nicht einmal, dass er im Satz zuvor herausgeplappert hat, dass er selbst am allermeisten "retro-trullala" ist: "Ich muss immer an das Lied von der Schwäbischen Eisenbahn denken..." (www.stuttgarter-zeitung.de/stz/page/2633260_0_6870_-bahnprojekt-s21-die-befuerworter-machen-mobil.html .

Wer auf so etwas setzt hat entweder keine Argumente oder er ist zu dumm, sie zusammen zu bringen. Und da hilft auch kein Professorentitel.

Ansonsten haben Politik und Bahn bereits vor langer Zeit gezeigt, dass in Wahrheit SIE retro-trullala sind. Denn während die Franzosen konsequent ihren TGV ausbauten, setzten die deutschen Anhänger der schwäbischen Eisenbahn unbeirrt auf Autobahnen, Transrapid und Flughäfen. Und jetzt, wo sie - nicht zuletzt durch grünen Druck - endlich aufgewacht sind, kommen sie mit "Visionen" von 8ojährigen aus den 8oer-Jahren daher, als ob Welt und Denken sich seither nicht fortentwickelt hätten.

Die S21-Zukunft war dies vielleicht einmal 1984. Jetzt schreiben wir 2010. Und die Medienkampagne gegen die heutigen grünen Zukunftsvisionen erinnern ebenfalls stark an "1984". An das Buch in diesem Fall.

Und das beginnt bereits bei der Sprachregelung für Barbarei und Zerstörung, die nunmehr "Zukunft" genannt werden. Aber offenbar will die Mehrheit der Bürger hierzulande keine "Brave New World", sondern eine New World.

Hermanitou 25.09.2010 | 20:49

Lieber Mcmac,

ich kenne den Artikel. Polemisch wie so viele andere auch.

Mittlerweile müssten sie recht viele ganz normale Menschen für beratungsresistent erklären, die Unterschriften sammeln und massenweise Leserbriefe schreiben, weil ihnen die Bahnhofsromantiker auf den Geist gehen.

Wie wäre es mal mit Ehrlichkeit in der Debatte?
Etwa so: Uns geht es nicht um den Bahnhof und nicht um die Schnellbahntrasse Ulm-Stuttgart, sondern wir benutzen das Ganze, um die schwarz-gelbe Landesregierung abwählen zu können.

Das wäre ehrlich, durchaus im Ziel sympathisch aber angesichts der damit versiebten Zukunftsinvestition leider aus Sich von uns Oberschwaben ein untaugliches und unredliches Mittel.

Beste Grüße
Hermanitou

mcmac 25.09.2010 | 21:05

Heute Abend, etwa ab 20.00 Uhr streamt Flügel-TV wieder. Zu Gast sind Aktivisten der Parkschützer, u.a. deren Sprecher Matthias von Hermann.

Hier geht es zu Flügel-TV

Flügel-TV ist der Versuch, der medialen Übermacht des S21-Projekts ein kleines, selbstgemachtes Online-TV-Projekt der Bürger Stuttgarts, die S21 nicht wollen, entgegen zu setzen. Auf der Seite sind auch einige weitere, ältere Beiträge abrufbar. In einem wird sogar vor laufender Kamera für den "Freitag" geworben!

mcmac 25.09.2010 | 21:20

Lieber Hermanitou,

ach, hätten Sie doch mal in die Links geschaut, die ich Ihnen seinerzeit sandte: Dort steht u.a. zu lesen, dass es um die Verhinderung des Tiefbahnhofes geht und dass, unabhängig davon, die Neubaustrecke sehr wohl kommen könne, wenn man sie denn unbedingt will.

Dass der "Spiegel" nicht anders kann, als mit mehr oder weniger polemischen Unterton zu berichten, stellt nicht die minutiös recherchierten Tatsachen in Frage, die er aufzeigt.

Die mögliche Abwahl von CDU/FDP hängt inzwischen damit zusammen, ja. Aber das war nicht die ursprüngliche Agenda. Und da Merkel selbst es noch einmal explizit auf die Tagesordnung gesetzt hat, kann man den Gegnern von S21 das nun wirklich nicht ankreiden.

MfG
mcmac

seriousguy47 25.09.2010 | 22:00

@ Hermanitou

Sie wollen Ehrlichkeit in der Debatte?

Dann schauen Sie doch mal hier:

www.badische-zeitung.de/suedwest-1/die-gueterzuege-muessen-draussen-bleiben--35729703.html

Oder hier:

www.magazin-world-architects.com/de_08_25_onlinemagazin_s21_de.html

Und dann zum Vergleich hier:

www.siegfried-busch.de/page2/files/b442663d90993ca3ece5de6da4b7d1b7-372.html

Oder wie wäre es damit:

s21.siegfried-busch.de/

Stuttgart 21 anno 1997..... Werbeschrift aus dem Jahre 1997. Dort steht auf Seite 4 des Hochglanz - Prospekts im Artikel „Im Zug der Zeit“ wörtlich:
„… Stuttgart braucht in jedem Fall eine grundlegende Verbesserung seiner Bahnverkehrs-Anbindung. Der jetzige Hauptbahnhof kann das Fahrgastaufkommen des Jahres 2010 in keiner Weise mehr bewältigen. „Stuttgart 21“ ist daher kein Prestigeprojekt, sondern die logische Konsequenz sachlicher Überlegungen und klarer Fakten. …“
Diese für das Projekt nicht unbedeutende Prognose kann bereits heute auf seine Gültigkeit hin überprüft werden, denn das Jahr 2010 ist bereits erreicht. Soweit ich das als Laie beurteilen kann, ist der Kopfbahnhof noch nicht an seiner Leistungsfähigkeit angelangt.....

Und zur Kontinuität solcher Dinge:

In seiner Regierungserklärung vom 27. Februar 1975 behauptete Filbinger:....
„Ohne das Kernkraftwerk Wyhl werden zum Ende des Jahrzehnts in Baden-Württemberg die ersten Lichter ausgehen.“

de.wikipedia.org/wiki/Hans_Filbinger