Todesstoß für die ZEIT?

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Es hätte mich nicht überraschen dürfen. Die Schrift (des Oberst) an der Wand war ja nun wirklich nicht mehr zu übersehen. Vieles andere auch nicht. Seit langem. Und doch fasse ich es nicht. Fasse nicht, wie es nach 65 Jahren ZEIT passieren konnte, dass ein Chefredakteur sich hinsetzt und einen Leitartikel auf Seite 1 so enden lässt:

Karl-Theodor zu Guttenberg ist seinen Doktor jur. los. Das ist angemessen. Sein Amt soll er behalten. Und sich darin künftig allein an seiner Leistung messen lassen.“ (Giovanni Di Lorenzo, DIE ZEIT Nr. 9, 24.02.2011)

Wie bitte? „Künftig allein an seiner Leistung messen lassen“? Woran wurde er denn seither gemessen? Was ist eigentlich mit der „Leistung“ seither? Und was ist bitte mit so Sachen wie Lüge, Betrug, Hochstapelei – Vorwürfe, die zumindest im Raum stehen?

All diese Vorwürfe tauchen bei Di Lorenzo nicht einmal annäherungsweise auf. Können sie vielleicht auch nicht. Um die Dimension des Guttenbergschen Vergehens zu erkennen, sollte man schon ein bisschen Wissenschaftsluft geschnuppert haben. Am besten inhaliert. Gut, ein normal entwickeltes Empfinden für Anstand und Moral tut es natürlich auch – wenn man denn darüber verfügt. Und vielleicht noch etwas Substanz hinter der Fassade.

Stattdessen wird Guttenberg eine offensichtliche „Fehlleistung“ vorgeworfen und, ganz übel, dass er die Hauptstadtpresse „wie uninformierte Dummerjane aussehen“ ließ. Ha, jetzt aber! Wir, als Dummerjane? Sind aber ja eigentlich auch selber schuld. Schließlich sind sie und wir – die wir KT kritisieren – doch gar nicht in der Lage gewesen, zu beurteilen, „was die Affäre um seine Dissertation wirklich bedeutet“. Denn: „Es gibt die vielen, die ihn nahezu bedingungslos verehren, und einige, die ihn umso härter kritisieren.“ Soweit zu „uns“ Und wer hat die richtige Einschätzung gefunden? Genau: Er.

Geht’s noch?

Aber es kommt noch schöner. Denn während Di Lorenzo bei den Schattenseiten des Herrn G. sehr an Druckerschwärze spart, setzt er sie bei der Lichtgestalt umso generöser ein: „Ausstrahlung, Beliebtheit, Wirkung – von all dem hat Karl-Theodor zu Guttenberg im Übermaß.“ Wow! Die Fassade (an)erkennt ihresgleichen. Und wie öde wirkt doch dagegen, was in Hamburg jüngst geboten wurde: „Zu fade erschienen den Bürgern offenbar die Kandidaten....“

Ich halte fest: „Spitzenabitur“, „Juristenausbildung ohne Promotion, die Eröffnung einer Kanzlei“, die Einführung der „zwangsweise[n] Verabreichung von Brechmitteln bei Drogendealern“, der Einsatz für die „Agenda 2010“ und die Abstrafung dafür auf dem SPD-Parteitag in Bochum (53%, statt 92% zuvor), der politische Absturz im Bund und der Wiederaufstieg in Hamburg (StZ vom 21.02.2011). Das alles ist „fade“. Ebenso die Übernahme der Mitverantwortung für die „Agenda“.

In anderen Worten: Olaf Scholz. Bäh!

Kein zweites Staatsexamen. Keine Kanzlei. Stattdessen Täuschung bei einer „Doktorarbeit“ und das wiederholte Abschieben der Verantwortung auf Mitarbeiter, wenn es eng wird. Das ist Glamour. Das ist Persönlichkeit. Das ist Charakter. Das brauchen Politik und politische Kultur zum Überleben. Und nur einer hat es. Genau.

Wäre eigentlich bis dahin bereits genug, um vom Posten des Chefredakteurs der ZEIT erlöst zu werden. Aber es sind erst etwa 60 Prozent des Artikels. Denn für Di Lorenzo hat „auch die Resonanz auf die Vorwürfe gegen zu Guttenberg...etwas Verstörendes“. Denn die „Heftigkeit der Attacken in einigen Medien“ hat „etwas Jakobinisches“. Und dann die „Häme“ bei Koalitionskollegen, „die sich nur aus der Schadenfreude erklären lässt, dass aus einem beneideten Adler endlich ein Suppenhuhn zu werden verspricht.“ Huch, ein Suppenhuhn, was für ein schrecklicher Gedanke!

Und welch eine Empathie, erinnert man sich an den Di Lorenzo, der das rote Frühlingsvögelchen Andrea Ypsilanti nicht nur zum Suppenhuhn zu degradieren gedachte, sondern mit Freund Joffe eifrig an der medialen (Ab)Schlachtung arbeitete. Ganz anders als jetzt bei Guttenberg war da zum Beispiel die Rede von „Stalin am Main“:

„Dass die hessische Partei so unmenschlich mit ihren Widerständlern verfährt, ihnen Ehre und Charakter abschneidet, möge sie dereinst vor der Himmlischen Internationalen verantworten. Warum aber übernimmt die schwatzende Klasse die Sprache der Ypsilantisten? Warum macht Beckmann seine Sendung mit den vier zum Volkstribunal, wo sie im Kreuzverhör als Verräter entlarvt werden sollten? Warum ist es ehrenhafter, die Wähler zu belügen (nie mit der Linken), als mit offenem Visier den falschen Kurs zu bekämpfen?"

......Wie bitte? Beckmann? Kreuzverhör? Geht's noch?.......

"Der Unbeleckte, der seine Seele nicht im Parteibuch abgelegt hat, bewundert diese vier, die für ihre Entscheidung mit Karriere, Einkommen und Einfluss bezahlten....“

George Orwell wird gar bemüht, der 1937 über die doktrinäre Linke gesagt haben soll: Für sie sei der Sozialismus »wie eine berauschende Häretiker-Jagd, der rasende Tanz wild gewordener Hexenmeister, die im Lärm der Tom-Toms singen: ›Ich rieche das Blut eines Rechtsabweichlers‹« (Josef Joffe) (1)

Nein, das war natürlich keine „Treibjagd“. Es stand schließlich in der feinen ZEIT. Und auch „Ein linker Putsch“ wurde dort angezeigt. Ja, auch das ein Leitartikel von Giovanni Di Lorenzo:

„Keine Frau wird in Deutschland gegenwärtig weniger verstanden als Andrea Ypsilanti, nicht einmal Elke Heidenreich. Unbeirrbar hält die hessische SPD-Politikerin an einem Plan fest: Roland Koch muss weg!“

Wie verwerflich aber auch. Ausgerechnet Roland Koch. Und auch noch durch eine Frau. Und was für einer, „haftet ihr inzwischen [doch] der Ruch einer Fanatikerin an: verblendet von einer Mission, bewehrt mit eiskaltem Machtwillen – und verflucht durch den Betrug am Wähler.......

....noch nie in der an Tricksereien und halsbrecherischen Koalitionsmanövern weiß Gott reichen Geschichte der Landtagswahlen in der Bundesrepublik ist so autistisch am Bürger vorbei agiert worden wie jetzt in Hessen. …..

Sollte das Manöver tatsächlich zur Wahl von Andrea Ypsilanti als Ministerpräsidentin von Hessen führen, wäre das nichts weniger als ein Putsch gegen den Wähler. …

Die hessischen Wähler haben Anfang des Jahres ein nachhaltiges Zeichen politischer Reife gesetzt. Sie haben den bis dahin überwiegend erfolgreichen Ministerpräsidenten Roland Koch abgestraft, zum Teil wegen seiner Bildungspolitik, vor allem aber wegen seines populistischen Versuchs, einen Überfall auf einen Rentner durch zwei junge Migranten im fernen München für seine Wahlzwecke zu instrumentalisieren. Diese Wähler haben einen Neuanfang verdient, nicht aber die Winkelzüge der Andrea Ypsilanti.“ (2)

Nein, der Neuanfang musste selbstverständlich Roland Koch heißen. Di Lorenzo sprach. Und es ward so. Und Di Lorenzo sah, dass es gut war.

Welch ein Feuerwerk fehlgeleiteter Hormone!

Nein, dass Di Lorenzo die Vergehen des Herrn G. Nicht wahrzunehmen vermag, hätte mich nach all dem nicht überraschen dürfen.

Goodbye ZEIT. Goodbye bürgerlich-liberaler, werteorientierter Zeitungsversuch.

(1) www.zeit.de/2008/48/PM-Zeitgeist

(2) www.zeit.de/2008/45/01-Hessen

Nachtrag. Und so sieht es der Chefredakteur, zu dem immer mehr ZEIT Onliner überlaufen:

www.spiegel.de/politik/deutschland/0,1518,747254,00.html

23:55 24.02.2011
Dieser Beitrag gibt die Meinung des Autors wieder, nicht notwendigerweise die der Redaktion des Freitag.
Geschrieben von

seriousguy47

Bürger aus Stuttgart. Themen: Gesellschaft, Psyche, Politik. Mit Home, aber ohne Page.
seriousguy47

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