Sieglinde Geisel

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RE: Glück gehabt | 12.03.2010 | 10:12

Lieber Clemens Meyer,
"Man schreibt nicht gegen ein Buch, sondern gegen ein vorherrschendes idiotisches Kritiker-Klima, in dem das Buch erschienen ist. All diese Autoren, die als große Schriftsteller herumgeboten wurden – es ist nicht ihr Fehler, dass sie schlechte Autoren sind wie wir alle, die versuchen, ihr Bestes zu geben und die das verdammte Pech haben, von Dummköpfen gelobt zu werden, weil sie so schlecht schreiben, dass Dummköpfe denken, sie verstünden es." Das ist von William H. Gass – schöner und schärfer kann man es nicht sagen.
Als ich vor zwei Jahren mein Pamphlet anlässlich der Preisverleihung schrieb, warnte mich mein Schriftstellerfreund C. „Du wirst dir Feinde machen.“ Ich fand das Wort Feinde zu dramatisch. Wenn schon, dann Gegner, aber nicht gegenüber Ihnen, sondern gegenüber dem Literaturbetrieb, dessen Meinungsführer sich an einem Exotentum weiden, das sie, wie Ihr Interview ja zeigt, weitgehend selbst heraufbeschworen haben. Auch wenn ich Sie als Schriftsteller nach wie vor für überschätzt halte, bin ich nicht ihre Feindin, sondern ihre Kritikerin, was, mit Verlaub, nicht das Gleiche ist. Da ich mit meinem Urteil offenbar allein bin, lässt sich damit vielleicht leben. Sie können mich gern „konfrontieren“, womit auch immer. Sehen wir uns an der Leipziger Messe?
Mit besten Grüßen,
Sieglinde Geisel