Kurzer Bericht aus dem Dunkeln

Armut Das Sozialforum Kaiserslautern lud Gerhardt Trabert und Hans Sander zu einer Lesung ein.

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Das ist eine Dose Linsen. Das sind zwei Päckchen Quark. Das ist eine Flasche Sprudel. Das alles kostet zusammen so um die drei Euro. Das ist die bombastische, inflationsanheizende Erhöhung zum 1. Januar für Menschen im Grundsicherungsbezug.

Kein Haustier streicheln, nicht wissen wie das Meer rauscht und immer sitzen die anderen in der Eisdiele. Wer bei der Jobvergabe verlor, wer das Pech hatte, keine Eltern aus dem Bionademilieu zu haben, lernt recht schnell, wie es in unserer zivilen Wertegesellschaft zu geht.

Die Lebensmittel, die der Gewerkschafter Hans Sander bei einer Veranstaltung des Kaiserslauterer Sozialforums im Theodor-Zink-Museum auf den Tisch stellte, waren die Wirklichkeit, die in die Köpfe derer, die sonst mit „Zwischentönen“ wie es bei Franz-Josef Degenhardt einst hieß, bombardiert werden.

Das Sozialforum hatte Gerhard Trabert, den Arzt und Bundespräsidentkandidaten der Linken, zu einer Lesung eingeladen. Vor über einem Jahr hatte Trabert zusammen mit Uwe. E. Kemmesies das Buch „Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus“ herausgebracht. Darin schrieben Leute unterschiedlicher sozialer Herkunft. So auch Sander.

Trabert las einen Bericht eines Gefangenen vor, der während des „Lockdowns“ früher und urplötzlich entlassen wurde. Und zwar auf die Straße. Die Pandemie wählte sich die Schwächsten aus. Betteln in den verwaisten Innenstädten war sinnlos. Kein Abfallkorb barg Hoffnung auf Pfandflaschen. Die öffentlichen Toiletten waren geschlossen. Trabert beschreibt nun die kurzen Momente des Verschnaufens, in denen ein Obdachloser nicht mehr von den Myriaden des Alltags gequält wurde.

Ein Hotel stellte Zimmer zur Verfügung. Jetzt, wenigstens für kurze Zeit gesichert, konnte darüber nachgedacht werden, wie man sich vor der Krankheit schützen könne.

Sander begleitet seit Jahren Menschen zum Jobcenter. Diese lernen kennen, was ihnen weder in der Schule, während der Arbeit oder gar im Fitnessclub begegnete: Solidarität.

Sander hält den Gegensatz zwischen oben und unten für bedeutend. Nicht den zwischen den Völkern. Er war beim Urteil des Verfassungsgerichts über die Sanktionen bei Hartz-IV dabei. 30 % unter dem Existenzminimum sind zulässig. Damit wird aus seiner Sicht gegen die Menschenwürde und dem Sozialstaatsgebot verstoßen.

Die Armut kriecht aus den Smartphones, sammelt Flaschen und heißt jetzt prekäre Situation. Trabert erinnerte an die französischen Präsidentschaftswahlen. Die Rechte habe verbal um Menschen geworben, die unter dem Verlust der Kaufkraft litten.

Die Musiker Walter Naujock und Michael Halberstadt brachten Songs u.a.von Kurt Cobain. Mit Gleichgültigkeit der Natur greift der Regen die zerrissene Plane eines Obdachlosen an.

Uwe E. Kemmnesies (Hg.) , Gerhard Trabert: Solidarität in Zeiten von Corona und darüber hinaus

Oekonom-Verlag, Softcover, 320 Seiten, München 2020. 24 Euro.

ISBN: 978-3-96238-264-3

Das Buch wurde auf dieser Seite schon einmal vorgestellt

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